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Leichte Sprache – bald auch als Deutsche Industrienorm

Rund 70 Experten erarbeiten eine DIN SPEC zur Leichten Sprache. Julian Pinnig vom DIN e.V. erläutert im Interview den aktuellen Stand.

Lesedauer ca. 5 Minuten - Lesen, Liken, Kommentieren!


Leichte Sprache ist ein weites Feld. Darauf tummeln sich etliche Anbieter mit unterschiedlichsten Standards. Dies zeigt sich auch in den Produkten: Viele Texte in „Leichter Sprache“ sind nicht wirklich leicht verständlich: wenig erklärend, umständlich, sprachlich grenzwertig, lang.

Unter Federführung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales erarbeiten aktuell Wissenschaftler, Politiker und Praktiker die DIN SPEC „Empfehlungen für Deutsche Leichte Sprache“, eine DIN-Vornorm. Es ist geplant, den Entwurf gegen Ende des Jahres für drei Monate zur öffentlichen Kommentierung zur Verfügung zu stellen.

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Zu diesen Experten gehört Professorin Christiane Maaß, Leiterin der Forschungsstelle Leichte Sprache an der Universität Hildesheim. Lesen Sie hier das Interview „Von Nomen und Normen“.

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Standards und Qualitätssicherung sind sicherlich zu begrüßen. Doch wird die Standardiserung dazu führen, dass Texte jetzt nur noch von außen vermessen werden – ohne zu bedenken, wie sie von innen aussehen?„Die Anwendung von DIN-Normen und -Standards ist grundsätzlich freiwillig“, sagt Julian Pinnig, Pressesprecher DIN e. V., aus Berlin. Pinnig erläutert den aktuellen Stand der DIN SPEC im Interview.

-Frage: In welchem größeren politischen und gesellschaftlichen Rahmen sind die Bemühungen für eine DIN-Vornorm für Leichte Sprache zu sehen?  

Julian Pinnig: Die DIN SPEC PAS "Empfehlungen für Deutsche Leichte Sprache" (PAS; en: Publicly Available Specification) soll insbesondere dazu dienen, die gesetzlichen Anforderungen, formuliert in der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung zum Deutschen Behindertengleichstellungsgesetz (BITV 2.0, 2019) zum Thema Leichte Sprache zu erfüllen und zu präzisieren.

Damit unterstützt sie z. B. öffentliche Stellen in Bund, Ländern und Kommunen den gesetzlichen Vorgaben Rechnung zu tragen. Im Idealfall könnte die DIN SPEC 33429 den elf Jahre alten Teil 2 der BITV ersetzen.

-Was genau soll die DIN SPEC regeln? Wird sie den Charakter einer Empfehlung oder eher einer Vorschrift haben?

Mit der DIN SPEC PAS werden den am Erstellungsprozess beteiligten Personen einheitliche Empfehlungen an die Hand gegeben, um Texte in Leichter Sprache zu verfassen oder vorhandene Texte in Leichte Sprache zu übersetzen und Inhalte in Leichter Sprache zu gestalten.

Diese Empfehlungen können der Qualitätssicherung und als Kriterien bei Ausschreibungen dienen. Bei der DIN SPEC 33429 handelt es sich um eine sogenannte Vornorm. Dieser Dokumententyp enthält Empfehlungen.

DIN-Vornorm für Leichte Sprache; Foto: © DIN.
(c) DIN 

-Für welche Zielgruppen soll die Leichte Sprache konzipiert sein? 

Ziel der Leichten Sprache ist es, kommunikative Barrieren für Menschen mit Lese- und Verstehenseinschränkungen abzubauen, um ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu erleichtern.

Ziel dieses Projektes ist es zunächst im Sinne der Vereinheitlichung und Qualitätssicherung, die konsensfähigen Teile der existierenden Regelwerke und Empfehlungen zur deutschen leichten Sprache in einem Dokument zusammenzuführen.

Experten aus allen interessierten Kreise sind am Prozess beteiligt: z. B. Behindertenverbände, Politik, Sprachwissenschaftler, öffentliche Hand, Prüfer für leichte Sprache, Gestalter und Grafikdesigner. Diese Experten repräsentieren auch die Zielgruppen, die sich bei der Erstellung von Texten in leichter Sprache an den Empfehlungen der DIN SPEC orientieren können.

-Was sind die Vor- und Nachteile einer solchen DIN-Normierung? Ist jeder Text, der zukünftig die DIN SPEC erfüllt, automatisch „gut"?

Diese DIN SPEC wird ein öffentlich zugängliches Dokument, das in einem Konsensprozess von den unterschiedlichen interessierten Kreisen entwickelt wurde und ein gemeinsames Verständnis bietet. Jedem Marktteilnehmer bleibt es unbenommen, höhere Anforderungen zu erfüllen als in der DIN SPEC empfohlen.

Eine DIN SPEC unterliegt einem bestimmten Review Prozess, der die Anpassung an die technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen fordert.

-Können Sie die Arbeit an der DIN SPEC schildern?

Das Interesse am Thema ist sehr groß, 70 Experten aus verschiedenen interessierten Kreisen beteiligen sich an den Arbeiten. Daher wurden die konkreten Arbeiten in fünf Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen aufgeteilt.

Das Konsortium plant, einen Entwurf gegen Ende des Jahres für drei Monate zur öffentlichen Kommentierung zur Verfügung zu stellen. Wenn es mit der Corona-Situation vereinbar ist, ist mindestens eine Veranstaltung geplant, um die Zielgruppen in geeigneter Form zu informieren und in die Diskussionen einzubeziehen.

-Wann wird der Arbeitskreis ein vorläufiges Ergebnis präsentieren können? Ab wann wird die DIN SPEC für wen verbindlich?

Nach Abschluss der Kommentierungsphase rechnen wir derzeit mit weiteren drei Monaten zur Einarbeitung der eingebrachten Kommentare und Fertigstellung des finalen Dokuments.

Die Anwendung von DIN-Normen und -Standards ist grundsätzlich freiwillig. Erst wenn Normen und Standards zum Inhalt von Verträgen werden oder wenn der Gesetzgeber ihre Einhaltung zwingend vorschreibt, werden Normen und Standards bindend.

-Welche Kosten kommen auf Nutzer der DIN-Vornorm zu?

Es handelt sich um eine DIN SPEC PAS die nach der Veröffentlichung jedem kostenlos zur Verfügung steht.

-Welche Wege schlagen andere EU-Mitgliedstaaten ein?

Leichte Sprache ist sehr stark abhängig von der Ausgangsprache und den jeweiligen kulturellen Faktoren. Theoretisch ist die Situation in den meisten EU Staaten sehr ähnlich. Momentan scheint es aber kaum möglich, eine sprachenunabhängige Europäische Norm zur leichten Sprache zu entwickeln, die der europäischen Diversität Rechnung trägt und dann noch verständlich ist. Daher wird mit der DIN SPEC zunächst auf nationaler Ebene ein erstes Basisdokument geschaffen.

-Was bedeutet die DIN- Vornorm für die Erwachsenenbildung?

Die DIN SPEC soll allen Menschen dienen, die auf leichte Sprache angewiesen sind.

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Das Interview führte Maren Lohrer


Wortbrücke e.V. Maren LohrerÜber die Autorin:

Maren Lohrer erstellt Verbrauchernews in Leichter Sprache für „Wortbrücke e.V.“. Sie hat einen M.A. in Germanistik und Politikwissenschaften der Universität zu Köln und ist zertifizierte Mediatorin (INA at FU Berlin). Sie ist zudem Botschafterin für EPALE Deutschland.

 


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