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Von Diversität zu Pluralität - Gleichheit und Differenz in der politischen Erwachsenenbildung

Welche Kategorien von Differenz meinen wir, wenn wir von Diversität, wörtlich: Verschiedenheit, reden?

Der Befund ist eindeutig: Bildung hinkt der demografischen Realität hinterher. Bildungseinrichtungen, Didaktik, Lehrpläne, schließlich auch Lehrpersonal weisen mitnichten jene Diversität auf, die unsere Gesellschaften seit den 1960er Jahren zunehmend charakterisiert. Ich will damit keineswegs guten Willen, Errungenschaften und positive Entwicklungen kleinreden. Aber die Diskrepanz zwischen der Bevölkerungskonstellation und dem Bildungsalltag ist augenscheinlich.

Es muss präzisiert werden: Welche Kategorien von Differenz meinen wir, wenn wir von Diversität, wörtlich: Verschiedenheit, reden? Nehmen wir etwa die „verbotenen Diskriminierungsgründe“ des EU-Regelwerks: Alter, ethnische Herkunft und Nationalität (Übersetzung von „race“), Gender, körperliche und geistige Fähigkeiten, Religion, Glaube und Weltanschauung, sexuelle Identität und Orientierung, Klasse ... 

Dimensionen der Vielfalt © charta der vielfalt (www.charta-der-vielfalt.de)

Dimensionen der Vielfalt © charta der vielfalt (www.charta-der-vielfalt.de)

Es handelt sich hierbei um höchst unterschiedliche Differenzkategorien, die nicht ineinander übersetzt oder aufeinander reduziert werden können. Auch in diesen einzelnen Kategorien ist die Gemengelage oft von Region zu Region unterschiedlich – „ethnische Herkunft“ in Österreich und das US-amerikanische (oder britische) „black“ bezeichnen nicht ein und dieselbe Differenz. Trotzdem wird die Diskussion über Diversity zum Teil sehr heftig und erbittert geführt, als gäbe es dabei jeweils nur zwei Parteien.

Die niederländische Schriftstellerin Carry van Bruggen schrieb in den 1920er Jahren einen Satz, der seit langem ein Denkmotto für mich bildet: „Es gibt kein anderes Sein als Anderssein.“[1]

Wenn wir, mit der Autorin, voraussetzen, dass das Sein, das wir um uns wahrnehmen, also das Andere, trotz seiner Ähnlichkeit mit einer Gruppe von weiteren Anderen immer ein eigenes, besonderes Sein ist, so hätten wir drei Erkenntnisse gewonnen:

  1. Das Andere ist nicht von mir aus betrachtet anders, sondern allein durch seine Existenz. Das Andere ist weder der Gegensatz noch der Anstifter des Eigenen. Es ist einfach das Andere, unabhängig von mir, so wie alle anderen auch die Anderen sind. Man kann also nur anders sein.

  2. Differenzen zwischen den Individuen (Personen, Dingen) sind grundsätzlich unendlich. Wenn wir dennoch von politisch relevanten Differenzen sprechen, die soziale Gruppen zur Folge haben, so ist da ein Akt der Reduktion im Spiel.

  3. Diese Reduktion hat (neben historisch gewachsenen politisch-sozialen Kämpfen und Konflikten) u. a. mit einer konzeptuellen Unzulänglichkeit zu tun, die unsere Logik und unsere Sprachen durchdringt: Wir sind nicht imstande, Differenz als solche, als Differenz an sich auszudrücken. Das Denken in Gegensätzen hat zur Folge, dass Differenz in ihrer positiven Artikulation stets als Identität daherkommt. Kollektive Identitäten basieren auf reduzierten und begriffslosen Differenzen.

Differenz ist der eine Aspekt des Problems. Der weitere Aspekt betrifft Gleichheit. Diese geht ebenfalls auf die antike Philosophie zurück und wird von einem benachbarten Begriff abgegrenzt: Identität. Heidegger schrieb:

„Wenn einer immerfort dasselbe sagt, z. B.: die Pflanze ist Pflanze, spricht er in einer Tautologie. Damit etwas das Selbe sein kann, genügt jeweils eines. Es bedarf nicht ihrer zwei wie bei der Gleichheit.“[2]

Identität bezeichnet die Übereinstimmung zweier oder mehrerer Wesen oder Objekte in jeder Hinsicht, also eine absolute Ununterscheidbarkeit: A ist A. Gleichheit hingegen bedeutet Übereinstimmung in einer relevanten, nicht aber in jeder Hinsicht: A = B.  Wie auch Heidegger betont, liegt hier der Unterschied zu Identität darin, dass für die Identität ein Element genügen würde. Für Aussagen über Gleichheit brauchen wir hingegen mindestens zwei Elemente.

Das bedeutet zunächst: Gleichheit ist kein absoluter Begriff, sondern bezeichnet immer ein Verhältnis. Und damit wir überhaupt von einer Gleichheit zwischen zwei Wesen oder Objekten sprechen können, muss eine (oder: müssen mehrere) relevante Differenz(en) zwischen ihnen vorausgesetzt werden. Gleichheit ist also nur als Gleichheit von Verschiedenen möglich.

Demnach wäre Vielfalt der „Normalzustand“ einer Gesellschaft. Wenn aber gesagt wird, unsere Gesellschaft sei heute divers geworden, haben wir es mit einem „Nebenprodukt“ der hegemonialen Politiken zu tun – weil diese nämlich vorhandene Differenzen als Kohärenz, das Diverse als Einheit, das Heterogene als homogen darstellen. Gegenpolitiken brachten / bringen die Differenz gegen dieses Homogene in Stellung. Politik der Differenz verfolgt in diesem Sinne eine Doppelstrategie: (Re-)Heterogenisierung des Homogenisierten und Hineinreklamieren des (während der Homogenisierung) Ausgeschlossenen.

Diversität wird im politischen Zusammenhang mit dem Ziel ins Treffen geführt, einer Differenz zur Gleichheit bzw. zur Anerkennung zu verhelfen. Das ist eine Forderung, mit der auch Bildung konfrontiert ist. Faktische Vielfalt braucht ihren politischen Ausdruck, der wirkliche Gleichheit (auch im Bildungsbereich) anstiften kann.[3] Der politische Ausdruck der Vielfalt ist Pluralität. Hannah Arendt schreibt:

„Politik beruht auf der Tatsache der Pluralität der Menschen. [...] Politik handelt von dem Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen.“[4]

Pluralität ist ein politischer Begriff. Wenn die vielen Stimmen der faktischen Vielfalt eine politische Sprache bekommen und ihre Rede vernommen wird, wenn die zu Anderen Gemachten politische Rechte und politische Mitentscheidungsmöglichkeit bekommen, kann Diversität in Pluralität übergehen. Eine solche Pluralität läuft über bloße Meinungsfreiheit hinaus. Je mehr ausgeschlossene oder unsichtbar gemachte soziale Positionen, Forderungen und Interessen in die Politik hineingetragen werden, desto pluraler wird das Politische.

Bildung, die politische Pluralität in sich abzubilden vermag, hängt eng mit differenzbewussten Gesellschafts- und Bildungspolitiken zusammen. Auch ihre Didaktik, ihre Institutionen, ihr Kanon und ihre personale Zusammensetzung werden sich dann der Pluralität stellen müssen. Besonders schwierig ist dieses Unterfangen im Bereich der Erwachsenenbildung – vor allem aufgrund ihrer dezentralen Struktur.

Ein Beispiel aus dem Bereich der politischen Erwachsenenbildung mag dies verdeutlichen: Versuche, der wachsenden politischen Vielfalt ab den 1970er Jahren Rechnung zu tragen, die in wichtige Leitbilder wie Beutelsbacher Konsens und jüngst auch Frankfurter Erklärung mündeten[5], können m. E. die weitergehende gesellschaftliche Vielfalt seit den 1990er Jahren, deren politischer Ausdruck noch fragmentarisch ist, nicht gänzlich umfassen. Es bedarf eines neuen Leitbildes, das dieser entstehenden Pluralität entspricht und sie auch vorantreibt. Und vieler Experimente, die helfen, guten Willen in differenzbewusste Bildung umzuwandeln.

 

Über den Autor:

Dr. Hakan Gürses, geb. 1961 in Istanbul, lebt seit 1981 in Wien. Studium der Philosophie an der Uni Wien. Wissenschaftlicher Leiter der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung. 

Fußnoten:

[1] Ich kenne den Ausspruch als Zitat in: Heinz Kimmerle: Philosophien der Differenz. Eine Einführung, Würzburg 2000: 11.

[2] Martin Heidegger: Identität und Differenz, Stuttgart 1957: 10.

[3] Vgl. Sabine Aydt / Hakan Gürses: Politische Sprache der kulturellen Pluralität. Herausforderungen an eine interkulturell orientierte politische Bildung. In: Cornelia Klepp, Daniela Rippitsch (Hg.): 25 Jahre Universitätslehrgang Politische Bildung in Österreich. Wien 2008: 257-266.

[4] Hannah Arendt: Was ist Politik? München 1993: 9 f.

[5] Vgl. https://www.bpb.de/die-bpb/51310/beutelsbacher-konsens sowie https://akg-online.org/sites/default/files/frankfurter_erklaerung.pd

 

Über diesen Blog

Dieser Blog basiert auf einem Workshop bei der österreichischen EPALE und Erasmus+ Konferenz "Ich bin anders. Du bist anders. Gemeinsam sind wir Vielfalt! Diversität in der inklusiven Erwachsenenbildung", die am 20. Mai 2021 stattfand.

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