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Multiperspektivität in der politischen Erwachsenenbildung

Narmada Saraswati stellt das AdB-Modellprojekt „Polyphon! Diversität in der politischen Bildung stärken“ vor.

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Der Beitrag erschien in veränderter Form im Journal Politische Bildung 03/2020.


Das AdB-Modellprojekt „Polyphon! Diversität in der politischen Bildung stärken“

Seit eineinhalb Jahren führt der Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V. (AdB), ein Fach- und Mitgliederverband der politischen Bildung, das Projekt Polyphon! Diversität in der politischen Bildung stärken durch. Das Projekt wird von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert (September 2019 - Juni 2022) und setzt sich mit Diversifizierungsstrategien und Rassismuskritik im Verband und in der politischen Erwachsenenbildung  auseinander.

Antidiskriminierung_Themenwoche

Bildnachweis: Pixabay / Gert Altmann

Hintergrund zum Projektnamen und den Zielen

Der Projektname Polyphon! bedeutet nicht nur Vielstimmigkeit, sondern in Anlehnung an den Literaturwissenschaftler Michail Bachtin auch, dass die (Roman-)Geschichte nicht von einem dominanten Erzähler geprägt ist, sondern gerade durch einen Dialog verschiedener Stimmen und Perspektiven entsteht. Polyphon! steht damit auch symbolhaft für die Projektausrichtung und das Ziel des AdB: Der Verband möchte in Bezug auf migrantische und nicht-weiße Akteur*innen vielfältiger werden und zur Stärkung einer heterogeneren Bildungslandschaft beitragen. Wie in vielen gesellschaftlichen Bereichen gibt es in der politischen Bildung ein Repräsentationsdefizit was sowohl politische Bildner*innen und Leitungskräfte of Color als auch die Förderung von migrantischen und nicht-weißen Bildungsorganisationen betrifft. Daher spielen rassismuskritische Diversifizierungsstrategien eine bedeutende Rolle im Projekt. Ein besonderes Augenmerk verdient die politischen Erwachsenbildung, um hier noch stärker zur Auseinandersetzung mit den Themen wie Diversität und Rassismuskritik anzuregen und den Fachdiskurs weiterzuentwickeln.

Die Beschäftigung mit diversitätsorientierten Öffnungsprozessen – und das gerade nicht nur in Bezug auf Zielgruppen, sondern auch auf Akteursebene – ist letztendlich auch eine Antwort auf eine ernstgemeinte Teilhabegerechtigkeit und eine Demokratisierung der Strukturen politischer Bildung.

 

Der Blick auf Strukturen

Der Fokus des Projekts wird auf zwei Schwerpunkte gesetzt. Zum einen wird der Blick auf die eigenen Verbandsstrukturen gerichtet: Welcher Schritte bedarf es, um vielfältiger zu werden und z.B. verstärkt (post-)migrantische Bildungsakteur*innen als Mitglieder zu gewinnen? Welche Bedarfe, Herausforderungen und Potenziale gibt es im Verband in Bezug auf Diversität und Rassismuskritik? Wie ist die Erwachsenenbildung im AdB in diesen Themenbereichen aufgestellt?

Zum anderen geht es um die Vernetzung und Zusammenarbeit mit (post-)migrantischen und nicht-weißen Akteur*innen aus dem Bereich der politischen Bildung. Damit soll nicht nur eine Perspektivenvielfalt innerhalb des Verbandes gestärkt, sondern insgesamt die Weiterentwicklung eines Fachdiskurses politischer Bildung in einer vielfältigen Migrationsgesellschaft gefördert werden.

Während der Projektlaufzeit finden bedarfsorientierte Fachveranstaltungen und Weiterbildungen statt, die sich bewusst und bisher sehr erfolgreich an eine plurale Teilnehmendenschaft mit und ohne eigene Diskriminierungserfahrung richtet. Dieser Aspekt ist gerade vor dem Hintergrund eines diversitätsorientierten Öffnungsprozesses ein wichtiger Baustein. So finden z.B. Veranstaltungen statt, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Thema Diversifizierung und Rassismuskritik beschäftigen. Es werden Fortbildungen zum Thema diversitätsorientierter Organisationsentwicklung und zu Anti-Schwarzem Rassismus und deutscher Kolonialgeschichte angeboten. Zudem finden aber auch Weiterbildungen statt, in denen es um Kenntnisse einer erfolgreichen Antragsstellung in der politischen Bildungsarbeit geht und sich insbesondere an neue (post-)migrantische Organisationen der politischen (Erwachsenen-)Bildung richtet, um eine heterogene Bildungslandschaft auf Trägerebene zu stärken.


Themenwoche Antidiskriminierung


Rassismuskritik in der Erwachsenenbildung

Das Projekt findet in Zusammenarbeit mit der AdB-Fachkommission Erwachsenenbildung statt. Dieses Gremium setzt sich aus politischen Erwachsenenbildner*innen aus den bundesweiten Mitgliedseinrichtungen des Verbandes zusammen und tagt mindestens zwei Mal im Jahr zu aktuellen Themen der politischen Erwachsenenbildung. Hier kam man schnell zu der Feststellung, dass Themen wie Diversität und Diskriminierungskritik, anders als in der Jugendbildung, eher wenig in Projekten der politischen Erwachsenenbildung präsent sind. So wurde in der Kommission selbst ein hoher Bedarf in der Auseinandersetzung mit Themen wie der deutschen Kolonialgeschichte, Antiromaismus, Rassismuskritik und postmigrantische Gesellschaft gesehen. Im Rahmen der Projektlaufzeit finden daher Veranstaltungen und Workshops mit entsprechenden Themensetzungen statt, um die fachliche Weiterentwicklung der politischen Erwachsenenbildung voranzutreiben. So nahmen die Kommissionsmitglieder z.B. an einem Workshop zu Rassismuskritik teil oder setzten sich im Rahmen eines Vortrags „Die demokratische Erziehung Deutschlands. Von der reeduacation zur politischen Erwachsenenbildung“ von Prof. Dr. María do Mar Castro Varela (Alice Salomon Hochschule Berlin) aus einer historischen Perspektive mit der Relevanz und dem Wert von gesellschaftlicher Diversität in Lernräumen der Erwachsenenbildung auseinander.

 

Veränderungsprozesse brauchen Expertise und einen Willen

Die intensive Auseinandersetzung mit verschiedenen strukturellen Diskriminierungsformen ist für eine Diversifizierung grundlegend. So strebt der Verband auch insgesamt eine verstärkte Kompetenzerweiterung in Bezug auf Rassismuskritik auf verbandsinternen Ebenen an. Nur durch fundiertes Wissen um oft unbewusste Ausgrenzungsmechanismen, die sich z.B. durch Sprache, fehlende Multiperspektivität in Bildungsinhalten und homogene Teamzusammensetzungen äußern, kann auch Chancengerechtigkeit und eine vielfältige Repräsentation in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung stattfinden.

Das Projekt wird durch einen Fachbeirat begleitet und beraten, der sowohl Expertise aus der Wissenschaft als auch der Praxis einbringt. So sind bspw. neben Vertreter*innen aus AdB-Mitgliedseinrichtungen und den neuen deutschen organisationen e.V., auch wissenschaftliche Expert*innen aus den Bereichen politische Erwachsenenbildung, Rassismuskritik, Intersektionalität und Postkolonialität beteiligt.

Auf Grundlage der Empfehlungen des Beirats wurde deutlich, dass die gewünschte Einbindung von bisher marginalisierten Perspektiven bei der Veränderung der etablierten Strukturen beginnt und möglichst alle beteiligt.

Ähnlich wie beim Gender-Mainstreaming braucht es, neben Expertise und einem Willen zur Veränderung, einen langen Atem, der weit über die Laufzeit des Projektes hinausgeht.

 


 

Über die Autorin:

Narmada Saraswati ist Referentin für Diversität in der Erwachsenenbildung im Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e. V. und leitet dort das Projekt „Polyphon! Diversität in der politischen Bildung stärken“. Sie beschäftigt sich u. a. mit rassismuskritischen Veränderungsprozessen in Bildungsinstitutionen und wie politische Bildung und eine plurale Erinnerungskultur in einer vielfältigen Migrationsgesellschaft aussehen kann.

 

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