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Digitalisierung der Arbeitswelt – Neue Chancen für das Lernen Erwachsener?

Lernen im Betrieb und am Arbeitsplatz spielt in der Erwachsenenbildung traditionell keine große Rolle. Was aber geschieht nun angesichts der Digitalisierung der Arbeitswelt? Stehen wir an der Schwelle zu einer schönen neuen Lern- und Arbeitswelt?

Lesedauer circa 5 Minuten - Lesen, Liken und Kommentieren!


Lernen im Betrieb und am Arbeitsplatz spielt in der Erwachsenenbildung traditionell keine große Rolle. Ein wesentlicher Grund hierfür sind sicherlich mangelnde Lernpotenziale und Lernmöglichkeiten in der traditionellen industriellen Arbeitswelt. Diese zeichnete sich durch taylorisierte und wiederholende Arbeitstätigkeiten unter Ausschluss von Lernsituationen aus. Das Lernen Erwachsener fand in der Lebens- und kaum in der Arbeitswelt statt.

Was aber geschieht nun angesichts der Digitalisierung der Arbeitswelt? Symptomatisch für die digitale Arbeit ist ein digitales, arbeitsintegriertes Lernen, welches mit entgrenzten Lernorten und neuen Lernformen in der Arbeit einhergeht. Der Lernzuwachs ist erheblich und prägt das Lernen Erwachsener. Stehen wir damit an der Schwelle zu einer schönen neuen Lern- und Arbeitswelt?

Digitalisierung der Arbeit und digitales Lernen

Digitale Erwachsenenbildung_Dehnbostel
Mit der Ablösung der herkömmlichen Industriegesellschaft – auch als 2. industrielle Revolution bezeichnet – erfolgt eine Restrukturierung der Arbeits- und Organisationskonzepte seit den 1970er-/1980er-Jahren. Die zugleich mit dem Einsatz von Mikroelektronik, digitalen Technologien und digitalen Medien einsetzende Digitalisierung der Arbeit nimmt seitdem stetig zu.

Die Digitalisierung der Arbeit markiert zugleich eine neue epochale industrielle Entwicklungsstufe: die sogenannte 3. und 4. industrielle Revolution. Diese auch als „Smart Factory“ und als „Internet der Dinge und Dienste“ bezeichnete neue Entwicklungsstufe findet im intelligenten Zusammenspiel von Mensch, Künstlicher Intelligenz, Cyber-Physischen Systemen (CPS) und Robotik in allen Branchen statt. Von daher trifft die Bezeichnung „digitale Arbeitswelt“.

Das Lernen in der Arbeit nimmt durch die Digitalisierung der Arbeitswelt zu. Dies führt zu dem typischen Prozess-, Reflexions- und Lerncharakter betrieblicher Arbeit, der bereits für die in den 1980er-/1990er-Jahren etablierten Unternehmens- und Arbeitskonzepte der „Lean Production“, der „Fraktalen Fabrik“ und des „Lernendens Unternehmens“ symptomatisch ist. Das in der Arbeit und auch außerhalb stattfindende digitale Lernen zeichnet sich dadurch aus, dass es zeitlich, örtlich und räumlich entgrenzt ist. Zudem ist dieses Lernen nicht auf einzelne Lebensphasen und schon gar nicht auf formale, institutionalisierte Lernprozesse beschränkt. Digitales Lernen in der Arbeit ist größtenteils informelles Lernen und es ist grundlegender Bestandteil der digitalen Arbeit.

Pluralisierte und entgrenzte Lernorte

Mit der Digitalisierung tritt ein grundlegender Wandel betrieblicher Lernorte ein: Sie pluralisieren, differenzieren und entgrenzen sich. Die digitale Arbeitswelt schafft neue virtuelle Lernorte und verändert die bestehenden physischen. Lernorte werden um Lernräume und Selbstlernarchitekturen erweitert, und zwar geschieht das auf der Basis arbeitsintegrierten Lernens und über die Anreicherungen des informellen Lernens mit nichtformalem und formalem Lernen.

Diese Erweiterungen zeichnen sich gegenüber dem herkömmlichen Lernortverständnis besonders durch die Aufnahme oder Veränderung sozialer, lerntheoretischer und lernkultureller Dimensionen aus. Dies wird vor allem in den personalen und sozialen Dimensionen der Kompetenzentwicklung und einer werteorientierten Personalentwicklung deutlich. Den wesentlich auf selbstgesteuertes Lernen ausgerichteten Lernräumen und Selbstlernarchitekturen kommt eine entscheidende Bedeutung für die sich herausbildende Stellung des Menschen in der digitalen Arbeitswelt zu.

Arbeiten und Lernen verbindende Lernorganisationsformen

Lernorganisationsformen in der Arbeit sind in nennenswertem Maße erst mit neuen Arbeits- und Organisationskonzepten und der aufkommenden Digitalisierung in den 1980er- und 1990er-Jahren eingeführt worden. Sie werden seitdem unter vorrangiger Einbeziehung virtueller Lernräume ausgebaut. Zu nennen sind Lernorganisationsformen wie Communities of Practice, Online-Communities, E-Learningformen, Barcamps, Lerninseln, Arbeits- und Lernaufgaben und Coachingformen. Lernorganisationsformen zeichnen sich durch die gezielte Verbindung von Arbeiten und Lernen inmitten der Arbeit aus. Örtlich und räumlich entsteht ein organisatorisch-struktureller Rahmen, der das Lernen in der Arbeit – zumeist unter didaktisch-methodischen Gesichtspunkten – unterstützt, fordert und fördert und zugleich die Arbeit mitgestaltet.

Lernbegleitungsformen in der Arbeit

Die Lernbegleitung erweitert die Arbeit um gezielt eingesetzte Begleitungsformen, die das Lernen im Prozess der Arbeit und die Kompetenzentwicklung unterstützen und verbessern sollen. Es sind personale, zumeist längerfristig angelegte Interventionen, die mit der Restrukturierung von Organisationen und der Digitalisierung der Arbeit eingeführt wurden. Sie zeigen sich vorrangig in vier Formen: der unmittelbaren Lernprozessbegleitung, dem Coaching, dem Mentoring und der kollegialen Beratung. Diese vier Formen erfahren eine zunehmende Differenzierung und Verbreitung, so zum Beispiel das Coaching-Konzept, das u. a. in Kollegiales Coaching, Team-Coaching, Projekt-Coaching und Online- bzw. E-Coaching unterteilt wird.

Schöne neue Lern- und Arbeitswelt?

© athree23, Pixabay
Die Digitalisierung der Arbeitswelt determiniert keine Lern- und Qualifizierungskonzepte an sich. Einerseits kann Lernen als grundlegender Bestandteil digitaler Arbeit durch seine Verknüpfung von Arbeiten und Lernen das Lernen Erwachsener in reflexiven, identitätserweiternden und berufsbezogenen Lernumgebungen sowie eine menschengerechtere Arbeitswelt fördern, andererseits ist arbeitsintegriertes Lernen aber nicht per se lern- und persönlichkeitsfördernd. Es kann sich auch um ein erfahrungsverengtes und zufälliges Lernen handeln, das zu technologischen und funktionalen Verkürzungen führt.

 

So stellt sich die Frage nach der Zukunft der Arbeit und des Lernens in der digitalen Transformation. In Anlehnung an das Buch „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley entsteht immer wieder das Bild einer dystopisch angelegten „Schönen neuen Arbeitswelt“, demgegenüber aber auch das Bild einer menschengerechteren, humanen und lernhaltigen Arbeitswelt. In welche Richtung die Entwicklung geht, ist beim heutigen Stand der Erkenntnis kaum zu beurteilen. Die Pole möglicher Entwicklungen sind aber deutlich: Auf der einen Seite bestehen erhöhte Selbststeuerungs- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten, die Lern- und Bildungsoptionen in einem in der klassischen industriellen Arbeitswelt nicht annähernd möglichen Maße zulassen. Auf der anderen Seite ist die ökonomische Verwertung der Arbeitskraft in einem ebenso vorher nicht gekannten Maße durch den ganzheitlich digital- und kompetenzbasierten Zugriff auf die Beschäftigten möglich geworden. Diese alternativen Entwicklungsmöglichkeiten müssen wir uns vor Augen führen, um die Risiken der Digitalisierung zu begrenzen und das Lernen, die Lernorte und die Lernformen gezielt zu gestalten.


Lesen Sie auch die anderen Beiträge der Themenwoche"Work-based Learning - treibende Kraft für das Lebenslange Lernen?"


© Prof. Dr. Dehnbostel_TU Dortmund
Mehr über den Autor: Prof. Dr. Peter Dehnbostel lehrt und forscht an der TU Dortmund mit den Schwerpunkten „Betriebliche Bildungsarbeit“ und „Berufliche Weiterbildung“ und ist zudem in berufsbegleitenden MA-Studiengängen an den Universitäten in Oldenburg (seit 2006) und Erlangen-Nürnberg (seit 2007) lehrend tätig. Vor der TU Dortmund hatte er langjährig Professuren in Hamburg und Berlin nach Berufstätigkeiten in der Industrie und im Berufsbildungsbereich inne.

 


 

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