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Der funktionale Analphabetismus bei Erwachsenen in den Ländern des reichen Westens

25/09/2017
von Beata Jurkowicz
Sprache: DE
Document available also in: PL FR

Der Text ist eine Übersetzung von der polnischen Fassung.

Bis Ende der 60er Jahre des XX. Jahrhunderts war der Analphabetismus in den hochentwickelten Ländern als ein Phänomen des armen und rückständigen Südens betrachtet. Die Überzeugung, dass das Problem ein für allemal gelöst wurde, war allgemein und im Bewusstsein der europäischen Gesellschaften stark verwurzelt. Die Thesen, dass der Analphabetismus auch erhebliche soziale Kreise in Wohlfahrtsstaaten betrifft, haben unter den Regierungen und unter den Gesellschaften ein großes Unverständnis hervorgerufen. Man spekulierte, dass der Analphabetismus einen Teil von Einwanderern betrifft, die mit ihrem neuen Leben in reichen Ländern begannen, in welchen Wissen und Bildung wichtig sind.

„Die Entdeckung” des Ausmaßes der Lese- und Schreibunfähigkeit in den hochentwickelten Ländern des Westens schockierte, überraschte und sogar unglaublich war. Die internationale, von der OECD in den 90-er Jahren des XX. Jahrhunderts initiierte  Vergleichsstudie hat gezeigt, dass ein beachtlicher Teil der Europäer in die Gruppe der „Analphabeten” eingestuft wurde, obwohl diese Menschen mindestens eine Grundschule absolviert haben, der Sozialisation in der gebildeten Gesellschaft und der Schriftkultur unterzogen wurden. Sie hatten doch einen Kontakt mit der Schrift  (in der Familie, in der Schule, im Alltag) und wissen sehr gut, dass die Schriftsprache eine große Bedeutung hat. Der zeitgenössische Analphabet kennt zwar einzelne Buchstaben aber er ist nicht im Stande sie zu verbinden. Er kann einen Satz lesen, aber er versteht seinen Inhalt nicht. Grundsätzlich wird eine erwachsene Person für einen Analphabeten gehalten, wenn ihre Kompetenzen im Bereich der Schriftsprache geringer sind als diese, welche man braucht, um bestimmte soziale Anforderungen zu erfüllen, am sozialen Leben teilzunehmen und individuelle Chancen der Selbstverwirklichung in die Tat zu setzen.

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Im Jahr 2010 hat der Ausschuss der Regionen der Europäischen Union das Dokument unter dem Titel „Abbau des funktionalen Analphabetismus – Eine ehrgeizige europäische Strategie gegen die Ausgrenzung und für die persönliche Entfaltung” ausgegeben, in welchem u.a. folgendes vorgeschlagen wurde: „die Bekämpfung des Analphabetismus wird in die Querschnittsziele der überarbeiteten Lissabon-Strategie nach dem Jahr 2010 einbezogen und in die strategischen Leitlinien der Gemeinschaft aufgenommen“. Im Dokument wurde festgestellt, dass der Analphabetismus alle Altersgruppen betrifft und vor allem die Menschen nach dem 45. Lebensjahr. Er tritt sowohl in Städten als auch in ländlichen Gebieten auf. Er betrifft nicht nur die aus dem Arbeitsmarkt ausgegrenzten Personen (die Hälfte der vom Analphabetismus betroffenen Personen ist berufstätig) und er ist kein Phänomen, welches mit der Einwanderung verbunden ist (drei Viertel der Analphabeten spricht nach fünf Jahren des Aufenthaltes in einem neuen Land ausschließlich die Sprache des Aufenthaltslandes).

Manche europäische Länder, die wegen der Ergebnisse der OECD-Vergleichsstudie beunruhigt sind, haben eigene Studien durchgeführt. Die Studie in Frankreich (2004-2005) hat unter den Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter (etwa 40 Mio.) etwa eine Gruppe von 3,1 Mio. Personen nachgewiesen, die – nach der angenommenen Skala der Fähigkeiten – als funktionale Analphabeten (9% der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter) eingestuft wurden. Die Studie umfasste ausschließlich Personen, welche die Schulen in Frankreich besuchten. 59% der funktionalen Analphabeten sind die Männer. 11% der Männer in Frankreich können somit nicht lesen und nicht schreiben, während unter den Frauen – 8%. Die überwiegende Mehrheit von französischen funktionalen Analphabeten (74%) beherrschte Französisch in der Kindheit in häuslicher Umgebung als eine einzige Sprache. Die in England im Jahr 2011 durchgeführte Studie ergab, dass 14,9% (über 5 Mio.) der Engländer funktionale Analphabeten sind. Die Studie in Deutschland zeigte, dass 4,5% der Gesellschaft Deutschlands in der Altersgruppe vom 18. bis zum 64. Lebensjahr vollständige Analphabeten (keine Lese- und Schreibfähigkeiten) sind. Der funktionale Analphabetismus betrifft 10% der Personen in dieser Altersgruppe. Zur Population der vollständigen und funktionalen Analphabeten zählen insgesamt 7,5 Mio. Bürger. Darüber hinaus hat 25% der erwachsenen Gesellschaft (13,3 Mio.) Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben. Insgesamt wurden fast 40% erwachsener Einwohner Deutschlands in die Gruppe der Analphabeten, der funktionalen Analphabeten sowie der Personen mit nicht ausreichenden Lese- und Schreibfähigkeiten eingestuft.

In Polen wurde bisher keine ausreichende Studie zum funktionalen Analphabetismus durchgeführt, obwohl viel dafür spricht, dass das Problem auftaucht. Schon in den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts haben die Pädagogen aus Toruń nachgewiesen, dass unter den Absolventen der Grundschule fast 10% funktionale Analphabeten waren – junge Leute, die nicht mehr als 5% der Kenntnisse der Lehrprogramme von einzelnen Unterrichtsfächern beherrschten und trotzdem ein Schulzeugnis erhielten.

Das Problem der Lese- und Schreibunfähigkeit berühren Vertreter von verschiedenen Wissenschaften, indem sie Bedrohungen für Einzelpersonen und Gesellschaften zeigen, die sich aus einer Reihe von negativen Erscheinungen ergeben, solcher wie: Schulsiebung, Wiederholung einer Klasse, Verzicht auf weitere Lehre, Fernbleiben vom Schulunterricht, Verzicht auf Abschlussprüfungen, Prüfungsmisserfolge und viele andere. Internationale Studien über Lese- und Schreibfähigkeiten der Erwachsenen, an denen Polen teilgenommen hat, wie z.B. International Adult Literacy Survey – IALS, können Besorgnis erregen. Polen befand sich in dieser Studie unter den am schlechtesten bewerteten Staaten. Fast 42,6% der Befragten, wenn es um Verständnis der einheitlichen Texte geht und 45,4% der Befragten, wenn es um Verständnis der Dokumente und Formulare geht, haben den Test auf dem untersten Niveau gelöst, was im Vergleich zu Schweden (7,5%), Norwegen (8,5%) oder Dänemark (9,6%) große Unterschiede in Fähigkeiten der Befragten zeigt. Beunruhigende Daten liefern darüber hinaus Studien über die Leselust der Polen, geführt durch die Nationalbibliothek. In immer mehr Haushalten gibt es kein einziges Buch (22%). Sogar 63% der Befragten haben im Jahr 2016 kein einziges Buch gelesen. Nur jeder zehnte Pole griff nach mehr als sieben Büchern. Kaum 46% der Befragten haben einen einheitlichen Text von mindestens drei Seiten Maschinenschrift gelesen.

Angesichts der Tatsache, dass internationale Studien eine statistisch bedeutende Verbindung des Lesens zum Vergnügen mit einem höherem Ergebnis der Tests und der Schulleistungen aufweisen, sollen erwähnte Daten als ein ominöses Signal betrachtet werden. Der polnische Soziologe Mikołaj Kozakiewicz behauptete vor Jahren: „Der Analphabetismus ist ein offenkundiger Anachronismus, in der Epoche von Satelliten und Rechenmaschinen ist er kein Phänomen, das es nicht gibt sowie auch kein Phänomen, das für allemal aufgehoben wird“.

In Polen nimmt die Zahl der Grundschulen für Erwachsene stetig ab; deutlich sind auch kleinere Zahlen der erwachsenen Schüler in den Grundschulen. Jedoch, wie die Erfahrungen anderer Staaten zeigen, kann man sich nicht auf die Zahlen verlassen. Das Abgangszeugnis einer Grundschule, eines Gymnasiums oder einer höheren Schule beweist nicht, dass sein Inhaber oder seine Inhaberin die Schrift so beherrscht haben, dass sie Anforderungen der Arbeitswelt, des Alltages erfüllen und eine weitere persönliche, berufliche und soziale Entfaltung in Anlehnung an Lese- und Schreibfähigkeiten aufbauen. Ein kleiner Besucherzahl der Grundschulen für Erwachsene kann höchstens davon zeugen, dass die Schulpflicht realisiert wurde. Es ist keine Rede über die Qualität der Schulbildung und wie ihre Absolventen die Schriftkultur beherrscht haben.

Wir besitzen keine soliden Kenntnisse zum Thema des Phänomens der Lese- und Schreib(un)fähigkeit in Polen. Eines ist sicher: Defizite im Lesen und Schreiben sind nicht unbedingt eine unheilbare Krankheit. Man kann deren Entstehen entgegenwirken und das Ausmaß des Problems reduzieren, wenn Einzelpersonen und Sozialgruppen eine weitere Bildungschance bekommen.

 

 

Prof. Ewa Przybylska – Leiter des Lehrstuhls für Bildung der Erwachsenen an der Fakultät für Lernwissenschaften der Nikolaus Kopernikus Universität in Toruń

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  • Bild des Benutzers Anna Sarnacka-Smith

    Te dane szczerze mnie przeraziły. Pierwsza refleksja, która mi się nasunęła to taka, że całe dobrodziejstwo tego, co przynosi technologia, internet, social media, jednocześnie zabiera nam to, co cenne – umiejętność skupienia się na danym zagadnieniu dłużej niż kilka minut. Mamy wokół tak dużo bodźców, które zabiegają nam motywacją do tego, aby włożyć wysiłek w analizę informacji, refleksję… Sama po sobie widzę, że choćby nauka języka obcego, która kiedyś przychodziła mi z łatwością, dziś jest wyzwaniem, bo wymaga uważnego skupienia się danym zagadnieniu, aby je naprawdę zrozumieć. A pokusa, która automatycznie przychodzi, to szukanie szybkich rozwiązań właśnie w wirtualnym świecie.