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EPALE - E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa

Blog

Library of Things- Nachhaltigen Konsum gemeinschaftlich (er)lernen

04/08/2020
von EPALE Österreich
Sprache: DE
Document available also in: EN LV

Sharing & Caring in Zeiten des Klimawandels

In Zeiten von Klimawandel und sozioökonomischen Herausforderungen hat sich, teilweise auch bedingt durch die fortschreitende Digitalisierung, ein Angebot von alternativen Tausch- und Handelsformen entwickelt, die an der Schnittstelle von Wirtschaft, Gesellschaft und Nachhaltigkeit wirken (vgl. Ameli, 2017, S. 3294). Viele dieser Angebote werden unter dem Oberbegriff „Sharing Economy” zusammengefasst, der häufig mit kommerziellen Anbieter*innen wie Airbnb, Uber oder Car2Go verbunden wird. Neben diesen auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichteten Ausformungen liegt für viele Initiativen der Fokus jedoch auf Gemeinwohl und die gemeinschaftliche Nutzung von Ressourcen.

Innerhalb dieses Teilbereichs der „Sharing Economy“ verortet sich die sogenannte Library of Things, die seit den 2010er Jahren an vielen Orten frei nach dem Motto „Leihen statt Kaufen“ agiert. In diesen Bibliotheken der Dinge können Personen gemeinsam auf einen Pool unterschiedlichster Gegenstände von Werkzeugen, Elektronikgeräten bis hin zu Reisezubehör zugreifen. Neben diesem sehr physischen Aspekt als Tauschort, wirken Libraries of Things (im Folgenden kurz LoT genannt) auch als Orte der Vernetzung und Kommunikation. Je nach Umsetzung werden sie so in vielen Städten und Regionen zu einem Ort des Zusammenkommens von Nachbar*innen und Angehörigen diverser Communities. Als Räume mit inklusivem Anspruch bieten viele dieser LoTs auch Workshops und andere Angebote wie beispielsweise Reparatur-Cafés an, die einen Beitrag zur Erwachsenenbildung leisten und Bewusstsein für Nachhaltigkeitsthemen schärfen.

Innerhalb von einem Jahrzehnt verbreitet sich die Idee Leihladen in ganz Europa

Begonnen hat die Geschichte der Leihläden in Europa in Berlin, wo 2010 der Leila Berlin in der Kastanienallee seine Pforten öffnete (vgl. Leila Berlin). Die Initiative steht einerseits in der Tradition der sogenannten Tool Libraries, die im englischsprachigen Raum weit verbreitet sind und sich ausschließlich auf den Verleih von (hochprofessionellen) Werkzeugen beschränken, andererseits ging die jüngere Bewegung der Leihläden in eine ganz neue Richtung. Und zwar sollten nicht nur Werkzeuge im Fokus der Verleihtätigkeit stehen, sondern die Gesamtheit aller, verschiedenartiger Gebrauchsgegenstände in einer Art von Bibliothek der Dinge zugänglich gemacht werden. Zudem wurde im Vergleich zu den Tool Libraries beim Aufbau neuer Leihläden in der Regel ein nicht-kommerzieller, dem Gemeinwohl zukommender Ansatz gewählt.

Seit der Gründung des Leihladens in Berlin folgten europaweit zahlreiche, selbstorganisierte Gruppierungen mit dem Aufbau eigener Leihläden (vgl. Jaik, 2018, S. 119f) die sich mittlerweile von Reykjavík bis Bologna, von Malmö bis Prag über den gesamten europäischen Kontinent erstrecken. Dabei gab es immer schon einen regen Austausch zwischen den einzelnen Leihangeboten – so kam das Gründungsteam des leila.wien 2013 erst durch den Kontakt mit dem Gründer des Leila Berlins, Nikolai Wolfert, auf die Idee, einen Leihladen in Wien zu gründen. Seither werden zwischen den einzelnen Leihläden Erfahrungen ausgetauscht oder technische Beratung gestellt (z.B: Welche Leih-Software eignet sich für den Betrieb eines LoT?). All das unter dem Motto „Open Source”, also unter Berücksichtigung der Ideen von Commons, Gemeingütern und Gütergemeinschaft. LoTs sind keine patentierbaren Erfolgsrezepte, die sich skalierbar an jedem Ort Europas (oder der Welt) mit den gleichen Mitteln aufbauen lassen. Gerade die lokalen Unterschiede und Communities sorgen dafür, dass LoTs meist organisch in einen bestimmten gesellschaftlichen Kontext eingebettet sind. Um den Aufbau eines LoTs zu erleichtern, hat der leila.wien im Rahmen einer Projektförderung 2016 die Leihläden in Frome, London, Berlin und Ljubljana besucht, um aus den gewonnenen Erkenntnissen ein Starter-Kit zu verfassen, welches Interessierten ermöglicht eine eigene LoT aufzubauen (vgl. Starter Kit, 2016).

Library of Things an der Schnittstelle von Bildung und Nachhaltigkeit

Die Idee von LoTs arbeitet Nachhaltigkeitsbestrebungen zu und die Menschen, die dort leihen und sich austauschen, agieren nachhaltig. Genau an dieser Schnittstelle von (Erwachsenen-)Bildung und Nachhaltigkeit setzen LoTs an. Die LoTs ermöglichen einer größeren Personengruppe, als dies kommerzielle Angebote und Unternehmen zu tun vermögen, den Zugang zu Gebrauchsgegenständen. Je nach LoT gibt es unterschiedliche Systeme, wie das organisiert wird. Die damit verbundene Arbeit wird meist ehrenamtlich getragen, die Geräte und Leihen werden über geringe Leihgebühren oder Mitgliedschafts-Modelle finanziert. Die Systeme dienen dem Gemeinwohl.

Das hat für die Nutzer*innen folgende unmittelbare Vorteile:

  • Geld zu sparen, da Gegenstände nicht neu gekauft werden müssen („Ausborgen statt anschaffen“)
  • Raum zu sparen, da der limitierte Zugang zu leistbarem Wohnraum die Wohnungsverhältnisse ohnehin erschwert („Leihen statt Lagern“)
  • Ressourcen zu schonen, da weniger Gebrauchsgegenstände produziert werden müssen, um die Bedürfnisse aller Menschen zu versorgen („Teilen statt Überproduktion“)
  • Kontakte zu pflegen, zu ähnlich oder auch andersdenkenden und lebenden Menschen, über das gemeinsame Interesse an Sharing Economy

Im Erasmus+ Projekt „Library of Things” entsteht unter insgesamt vier bestehenden LoTs (Bratislava, Brüssel, Ljubljana, Wien – Kontakte siehe unten) und einem in Entstehung befindlichen LoT in Trnava (www.malyberlin.sk) jedenfalls die Möglichkeit, die internationale Vernetzung und den Erfahrungsaustausch zwischen LoTs in Europa voranzutreiben. Das erste europäische Projekt, in dem Leihläden zusammenarbeiten, hat im Herbst 2019 begonnen und dauert nun, Adaptierungen wegen der Pandemie geschuldet, bis Sommer 2021 an. Für die geeignete Interpretation und Aufbereitung der Projektinteressen im Zusammenhang mit Bildung sorgen zudem die Fakultät für Erziehungswissenschaften an der Universität Ljubljana (www.uni-lj.si) und die Wiener Volkshochschulen (www.vhs.at), die außerdem die Projektkoordination innehaben. Denn im Laufe des Projekts soll ein Rahmencurriculum erarbeitet werden, welche den bisher nicht erreichten und/oder nicht-privilegierten Personengruppen Thematiken wie „Nachhaltiger Konsum“, „Sharing Economy“ und das Konzept der jeweiligen lokalen LoTs näherbringt.

Produkte Leila Wien © Paul Krehan

 

Wie über das Erasmus+ Projekt Library of Things mehr Menschen zu nachhaltigem Handeln bewegt werden sollen

Das Rahmencurriculum des Erasmus+ Projektes Library of Things orientiert sich an grundlegenden Prinzipien der Erwachsenenbildung und dem Lernen in der Gruppe. Es ist aus diesem Grund für zwei Tage konzipiert, über die sich ein Spannungsbogen entwickeln kann. Die inhaltliche Auseinandersetzung zum Thema findet darin ebenso Platz wie die konkrete Nutzung von Objekten aus den Libraries. Die Teilnehmer*innen arbeiten gemeinsam an einem kleinen, vor Ort gemeinsam festgelegten Projekt – das kann eine Reparatur sein, die Fertigung von einem alltagspraktischen Objekt für alle Workshop-Teilnehmer*innen oder der Bau eines Möbelstücks für eine Organisation in der Nachbarschaft oder eine Person aus der Workshop-Gruppe. Sie werden dabei in ihrer Selbstorganisation unterstützt. So haben selbstgewählte ansprechende Aktivitäten einen unmittelbaren Nutzen. Gemeinschaftlich beschäftigen sich die Teilnehmer*innen weiters mit Nachhaltigkeitsthemen, wie beispielsweise „Nachhaltigem Konsum“, und wenden neue Erkenntnisse auch sofort an. Im Rahmen des Projekts finden ab Oktober 2020 insgesamt vier Workshops statt. Das Curriculum gibt dabei den Rahmen vor und den Durchführenden Erfahrungswissen und Tipps aus den ersten Anwendungen, ebenso wie konkrete Vorschläge zur methodischen Umsetzung: all das ist aber nur als Anregung zu verstehen. Das Curriculum liefert konkrete Hinweise und ermöglicht, es eben an die örtlichen Voraussetzungen anzupassen, um für die regional organisierten Workshops zu entsprechenden Umsetzungen zu kommen. Durch die gemeinsamen gruppenbezogenen Erlebnisse, Informationen zu „Sharing Economy“ und dem Kennenlernen der LoTs soll ein attraktives Angebot geschaffen werden, dass etwaige Kontaktschwierigkeiten und Berührungsängste abbauen hilft und dabei neue Nutzer*innen anspricht – besonders unter weniger Privilegierten bzw. Studierenden, die bisher in den Libraries der Projektpartner*innen selten als regelmäßige Nutzer*innen vorkommen.

 

Erasmus+ Projektgruppe „Library of Things“ in Diskussion beim Projekttreffen in der Nachbarschaft des Leihladens Ljubljana/Knjižnica REČI © Maë Schwinghammer

 

Zukunftsperspektiven

Gleichzeitig wird im Rahmen der Projektarbeit unter den bestehenden Projektpartner*innen (wir sind aber auch für neue Personen/gruppen offen!) das Potenzial von Anschlussprojekten ausgelotet. So können im besten Falle Teilnehmer*innen der Workshops dazu animiert werden, eigene Leih-Initiativen zu gründen bzw. sich in bestehenden LoTs zu engagieren sowie mit neuen regionalen Partner*innen konsequent neue Projekte im Sinne einer „Sharing Economy“ weiterzuentwickeln. Im Rahmen des Projektes findet für die bestehenden LoTs darüber hinaus eine systematische Vernetzung im eigenen regionalen Tätigkeitsfeld statt, um lokale Synergien besser zu nutzen.


Wir freuen uns über Kontaktaufnahme – gleichermaßen von interessierten Teilnehmer*innen an den Workshops in Wien, Ljubljana, Brüssel und Bratislava wie von Organisationen und Einzelpersonen, die an weiteren, künftigen Projektentwicklungen im Rahmen von „Sharing Economy“ und „Nachhaltigem Konsum“ interessiert sind.

Kontakte zu den projektbeteiligten, schon bestehenden LoTs:

Tournevie | olivier@tournevie.be | www.tournevie.be

Goethe Institut Bratislava | info-bratislava@goethe.de | www.goethe.de/ins/sk/de/kul/sup/ajn.html

Knjižnica REČI | info@knjiznicareci.si | www.knjiznicareci.si

leila.wien | info@leila.wien | www.leila.wien

 

Autor*innen:

© Michèle Yves Pauty

Maë Schwinghammer ist Teil des Teams des ersten Wiener Leihladens, dem leila.wien und der Erasmus+ Projektgruppe Library of Things.

 

© Gert Hufnagl

Mag.a Claudia Lo Hufnagl arbeitet für die Wiener Volkshochschulen GmbH in der Beauftragung Gender & Diversity und im Bereich Innovation & Internationales und koordiniert die Erasmus+ Projektgruppe Library of Things

 

Bibliografie:

Ameli, Najine (2017): Libraries of Things as a new form of sharing. Pushing the Sharing Economy, The Design Journal, 20:sup1, S. 3294 - S. 3304.

Jaik, Alexandra (2018): Nutzen statt Besitzen in Leihläden lokal gestalten. In: Franz, Hans-Werner und, Kaletka Christoph (Hrsg.). Soziale Innovationen lokal gestalten. Sozialwissenschaften und Berufspraxis. Springer VS, Wiesbaden.

Online-Quellen:

Leila Wien – Verein zur Förderung von Gemeinschaftlichkeit (2016): Library of Things Starter-Kit, verfügbar unter: https://www.leila.wien/wp-content/uploads/2019/02/LoT-Starter-Kit.pdf [22.07.2020]

Leila Berlin, Geschichte(n) und Vision, verfügbar unter: http://leila-berlin.de/der-laden/geschichten-und-vision/ [22.07.2020]

Zur Schreibweise:

In diesem Text verwenden wir den Asterisk * (z.B. Nachbar*innen). Im Unterschied zum Binnen-I (NachbarInnen) und der Schreibweise „Nachbarinnen und Nachbarn“ soll mit dem * das System der Zweigeschlechtlichkeit hinterfragt werden. Wir anerkennen und berücksichtigen die  Geschlechtervielfalt innerhalb der Gesellschaft im Sinne eines diskriminierungsarmen Sprachhandelns.

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