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Die berufliche Integration von Migrantinnen in Frankreich

Um über die berufliche Integration von Migrantinnen in Frankreich sprechen zu können, müssen wir verschiedene Aspekte der französischen Geschichte, Po

 

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[Dieser Artikel wurde auf Französisch von Natalia Lerin veröffentlicht. Übersetzung : EPALE Frankreich.]

 

 

Um über die berufliche Integration von Migrantinnen in Frankreich sprechen zu können, müssen wir verschiedene Aspekte der französischen Geschichte, Politik und Wirtschaft sowie die verschiedenen Darstellungen und Herausforderungen verstehen, die ein so komplexes Phänomen wie die Migration in diesem Land geschaffen haben.

In diesem Artikel betrachten wir das Konzept der Eingliederung (insertion) und wie diese in Frankreich wahrgenommen wird. Wir fahren fort mit der Art und Weise, wie sich dieses Konzept auf die Frauenmigration und die Schwierigkeiten, mit denen Migrantinnen auf ihrem Weg zur beruflichen Eingliederung konfrontiert sind, bezieht und beleuchten die Folgen dieser Schwierigkeiten, um mit Empfehlungen zur Beseitigung dieser Schwierigkeiten und zur Stärkung der Handlungsfähigkeit von Migrantinnen abzuschließen.

 

Das Konzept der Eingliederung

Nach Tap (1991) ist das Konzept der Eingliederung mit einer der beiden Dimensionen der Sozialisation assoziiert: soziale Integration und psychische Integration. Unter sozialer Integration versteht man den Prozess, durch den ein Individuum beginnt, Teil einer neuen Gruppe oder Gemeinschaft zu werden. Zu diesem Zweck muss die Person lernen, sich in das System zu integrieren, ihren Platz innerhalb des Systems finden und schließlich Ähnlichkeiten und Unterschiede mit anderen Mitgliedern des Systems artikulieren können. Die psychische Integration besteht darin, die sozialen und kulturellen Merkmale eines Systems in sich zu integrieren und zu assimilieren. Für Tap ermöglicht Eingliederung die soziale Integration und findet statt, wenn das Individuum versucht, seinen Platz im System zu finden. Abschließend kann man noch hinzufügen, dass dieses Konzept auch mit der Idee der sozialen Mobilität verbunden ist.

 

Etwas Geschichte

Einige Autoren wie Nicole-Drancourt und Roulleau-Berger behaupten, dass der Begriff „berufliche Eingliederung“ Anfang der 1970er Jahre in Gesetzestexten verwendet wurde (Dubar, 2001). Sicher ist jedoch, dass der Begriff 1980 mit der Veröffentlichung des „Schwartz-Berichts“, der sich mit der beruflichen Eingliederung junger Menschen befasst, bekannt wurde. Von da an verwendete man diesen Begriff, um die Beziehung zwischen bestimmten Bevölkerungsgruppen und Beschäftigung zu beschreiben. Später wurde auch auf den Kontext des Wettbewerbs um den Zugang zur Arbeit verwiesen, der einen Bruch mit den „glorreichen dreißig Jahren“ (1945-1975) markierte, einer europäischen Periode großen Wohlstands und wirtschaftlichen Aufschwungs, während der Übergang von Schule/Ausbildung in die Arbeitswelt für die meisten jungen Menschen fast automatisch verlief (Dubar, 2001).

So begann man, die „berufliche Eingliederung“ der Jugendlichen als ein soziales Problem zu begreifen, was zur Schaffung verschiedener Hilfsmittel führte, d.h. zur Schaffung eines Instrumentariums, das Jugendlichen helfen soll, ein strategisches und proaktives Verhalten zu entwickeln, das es ihnen ermöglicht, sich in die Arbeitswelt zu integrieren. Diese Tatsache förderte die Forschung über die berufliche Eingliederung junger Menschen und führte dazu, dass in der Folge ein Forschungsgebiet zum gleichen Thema eröffnet wurde, mit einem anderen Publikum, das ebenfalls Schwierigkeiten beim Zugang zur Beschäftigung hatte, wie z.B. Frauen und Migrant*innen. In den 2000er Jahren begann man, vom „Tätigkeitsfeld der beruflichen Eingliederung“ zu sprechen.

 

Berufliche Eingliederung und Frauenmigration

In den 1970er Jahren begannen die Migrationsströme zum europäischen Kontinent weiblicher zu werden (Roulleau-Berger, 2010). Lange Zeit, und auch heute noch, wurde die Migration von Frauen als Ergänzung zur Migration von Männern betrachtet. In den 1990er Jahren wurde jedoch beobachtet, dass sich Frauen autonom und unabhängig mit einem eigenen Migrationsprojekt bewegen (Roca, 2013).

In den 1990er Jahren begann auch in Frankreich die berufliche Eingliederung von Migranten zu einem Anliegen zu werden, aber „die Eingliederung von Migrantinnen“ war noch keine Priorität, da wie bereits erläutert Männer die Protagonisten der Migration waren. Laut dem Portal der Migrationsdaten für das Jahr 2017 leben in Frankreich 7,9 Millionen internationale Migrant*innen, 51,8 % davon, also etwas über die Hälfte, sind Frauen. Diese Zahlen sind seit 2008 praktisch unverändert geblieben. Seit etwas mehr als einem Jahrzehnt sind Frauen im Migrationsprozess in der Mehrheit.

Erst 2014 schuf das französische Ministerium für Frauenrechte ein Dokument mit dem Titel „Gleichstellung von Migrantinnen“, das die Bedingungen von Migrantinnen in Bezug auf die berufliche Eingliederung zusammenfasst. Die Bedeutung dieses Berichts liegt in der Tatsache, dass er die Schwierigkeiten beleuchtet, die damit verbunden sind, in Frankreich eine Frau und Migrantin zu sein. Er enthält auch eine Reihe von Empfehlungen zur Förderung der Integration und Eingliederung dieser Gruppe in den Arbeitsmarkt.

 

Die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, in Frankreich „Frau“, „Migrantin“ und „Arbeitssuchende“ zu sein

Es wurden drei Hauptfaktoren ermittelt, die Migrantinnen den Zugang zum Arbeitsmarkt in Frankreich erschweren: Sprache, Zugang zur Beschäftigung und die Konfrontation mit verschiedenen Formen von Gewalt. Im Fall der lateinamerikanischen Migrantinnen können wir einen weiteren Faktor hinzufügen: die Tatsache, dass die Migration dieser Gruppe relativ neu ist. Wir betrachten anschließend jeden dieser Faktoren einzeln.

 

Sprache

Migrantinnen in Frankreich kommen aus allen Richtungen und haben bei ihrer Ankunft unterschiedliche Sprachkenntnisse: einige beherrschen noch nicht einmal die Grundbegriffe, andere haben schon Grundkenntnisse; wieder andere haben sogar ein Diplom, das ihre Sprachkenntnisse bescheinigt, und viele kommen aus Ländern, in denen Französisch offizielle oder ko-offizielle Sprache ist, was aber nicht unbedingt bedeutet, dass sie die Sprache beherrschen. Daher ist es schwierig, als Teil der Maßnahmen zur Förderung der Integration von Migrantinnen die passenden Kurse anzubieten, die genau auf die sprachlichen Bedürfnissen der Einzelnen abgestimmt sind. Darüber hinaus müssen diese Kurse an die unterschiedlichen Umstände und Lebenssituationen der einzelnen Frauen angepasst werden. Einige sind z.B. Studierende, andere sind Mütter, und ihre Aufgaben hindern sie daran, die ihnen angebotenen Kurse zu besuchen.

Mangelnde Sprachkenntnisse werden dann zu einem Hindernis für den Zugang zu den sozialen Grundrechten und das Verständnis ihrer Pflichten gegenüber dem französischen Verwaltungssystem und damit zu einem Hindernis für den Zugang zur Arbeit; ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Frauen weniger Unabhängigkeit und Autonomie haben, um sich zu integrieren und die Gepflogenheiten und Regeln der Aufnahmegesellschaft zu verstehen.

Die Sprache wird dann zu einem Instrument der Diskriminierung, nicht nur, weil sie aus einem etablierten Sozialsystem ausschließt, sondern auch, weil wir heute in Frankreich von einer Diskriminierung sprechen, die mit der Sprache zusammenhängt, die wenig bekannt ist, aber im täglichen Leben weit verbreitet ist: der Linguizismus (frz. glottophobie).

Linguizismus / Glottophobie ist ein von dem Soziologen Philippe Blanchet eingeführter Begriff, der sich auf die Stigmatisierung, Verachtung oder Ablehnung einer Person oder einer Gruppe von Menschen aufgrund ihrer sprachlichen Praktiken bezieht, zum Beispiel aufgrund des Gebrauchs ihrer Muttersprache oder der individuellen Merkmale ihrer Sprache (Akzent, Vokabular, Syntax), ohne das Ausmaß der Auswirkungen zu berücksichtigen, die dies auf sie haben kann (Blanchet, 2016).

In der Tat können Migrantinnen in Frankreich ausgeschlossen werden, weil sie ihre eigene Sprache sprechen oder weil sie einen „Akzent“ haben, wenn sie Französisch sprechen. Dies ist keine ausschließliche Diskriminierung dieser Gruppe, denn es gibt Regionen in Frankreich, die seit Jahren wegen ihres Akzents oder ihrer Ausdrucksweise diskriminiert werden (z.B. Okzitanien, Neu-Aquitanien, Haute-France) und denen sogar der Zugang zu bestimmten Berufen wie Journalismus oder Lehre / Erziehung verwehrt wird. Das Phänomen ist auch nicht generell auf Frankreich beschränkt, da es Beispiele für diese Art von Situation in anderen französischsprachigen europäischen Ländern wie der Schweiz gibt. Gómez (2010) berichtet über den Fall einer Frau, die von der Sekretärin nach ihrem Vorstellungsgespräch gesagt bekam: „Mit diesem Akzent werden Sie nicht in der Lage sein, für uns zu arbeiten.“ (S.54)

Auf diese Weise wird Mehrsprachigkeit entwertet und eine Kompetenz, die im beruflichen Bereich, in einer globalisierten Welt, mobilisiert werden könnte, in den Privatbereich einer Person verbannt, da es nur eine einzige legitime Sprache gibt: Französisch.

 

Zugang zum Arbeitsmarkt

            So wie die Migrantinnen in Frankreich aus allen Lebensbereichen kommen und unterschiedliche Französischkenntnisse haben, so haben sie auch unterschiedliche Bildungsniveaus und Berufserfahrungen, und das erste Hindernis, mit dem sie, vor allem außereuropäische Migrantinnen, konfrontiert sind, ist die Anerkennung von Schul-/Ausbildungsabschlüssen.

            Das Hauptproblem von Frauen, insbesondere von Frauen mit einem hohen Bildungsniveau, ist die mangelnde oder schlechte Anerkennung ihrer Diplome. Dadurch sind sie einer beruflichen Dequalifizierung ausgesetzt: Sie sind gezwungen, Stellen unterhalb ihrer beruflichen Fähigkeiten und Kompetenzen anzunehmen. Über die psychologischen Auswirkungen auf diese Frauen wird wenig gesprochen, aber das Gefühl der Disqualifizierung, das sie erleben, dürfte sehr stark sein. Viele von ihnen werden darum trauern, ihren eigentlichen Beruf verlassen zu müssen, um sich neu zu erfinden und ein neues berufliches Projekt zu beginnen. Andere werden mit der Trauer fertig werden müssen, eine Führungsposition oder sogar ihr eigenes Geschäft zu verlieren, um Hausfrauen und wirtschaftlich abhängig zu sein. Die Situationen können sehr unterschiedlich sein, ebenso wie die Prozesse, welche die Frauen durchlaufen, um mit ihrer neuen Arbeitssituation umzugehen und den Prozess der beruflichen Eingliederung zu beginnen.

            Auf der anderen Seite fehlt es Migrantinnen an Techniken der Arbeitssuche, die an ihren neuen Kontext angepasst sind. Darüber hinaus fehlt ihnen manchmal ein berufliches und soziales Netzwerk (betrifft hauptsächlich Neuankömmlinge), das sie potenziellen Arbeitgebern empfiehlt, oder zum Beispiel ihre Kinder während der Arbeitszeit oder in Notfällen betreut. 

            Schließlich gibt es einen Unterschied zwischen der Darstellung einer „normalen“, „idealen“ und „erfolgreichen“ beruflichen Laufbahn in Frankreich und in anderen Ländern. In Frankreich wurde lange Zeit eine erfolgreiche Karriere erreicht, wenn die betreffende Person studiert und einen unbefristeten Vertrag in ihrem Fachgebiet gefunden hat und dann bis zum Tag der Pensionierung im gleichen Unternehmen geblieben ist. Um dieses Ziel zu erreichen, das für viele immer noch relevant ist, war es notwendig, ein paar Jahre zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln, vielleicht in einer anderen Stadt, aber immer im gleichen Beruf. In jüngster Zeit wird über das Recht auf mehrere Arbeitsleben gesprochen, d.h. über die Möglichkeit, den Beruf zu wechseln, sich „umzuorientieren“. Wir sprechen auch über die Möglichkeit, für verschiedene Arbeitgeber zu arbeiten, und gleichzeitig haben wir sogar den Neologismus „Slashing“ benutzt, um über diese ganz besondere Praxis zu sprechen.

            In anderen Ländern ist es oft die „Norm“, während seines Arbeitslebens verschiedene Berufe auszuüben, Arbeitgeber zu wechseln oder im Ausland zu arbeiten, ohne Vertrag zu arbeiten und keinen Anspruch auf Rente oder andere Sozialleistungen zu haben. Wenn also eine Frau mit Migrationshintergrund ihren Lebenslauf schreibt und verschiedene Titel in verschiedenen Bereichen, verschiedenen Positionen, in verschiedenen Unternehmen und zur gleichen Zeit auftauchen, hätte die Bewerberin in den Augen eines französischen Personalvermittlers keine klaren beruflichen Ziele oder dem Lebenslauf würde es an Kohärenz mangeln oder er könnte sogar einen Effekt des Misstrauens erzeugen: die Bewerberin lügt!

Dies gilt nicht nur für Migrantinnen. Franzosen, die ins Ausland gehen, um dort zu arbeiten, können ebenfalls Schwierigkeiten bei der beruflichen Eingliederung haben, weil sie sich dafür entschieden haben, eine „Anomalie“ in ihre berufliche Laufbahn aufzunehmen, und sie können Opfer des so genannten „syndrome du CV cocotier“ (Urlaubspostkarten-Lebenslauf) werden, denn die Validierung und Legitimierung von im Ausland erworbenen Berufserfahrung und Kompetenzen in Frankreich ist auch für Franzosen oft eine Herausforderung.

 

Exposition gegenüber verschiedenen Formen von Gewalt

Wie bereits erwähnt, verlieren Migrantinnen ihre Autonomie und Unabhängigkeit, weil sie die französische Sprache nicht beherrschen. Diese Situation macht sie dann von ihren Ehemännern abhängig, der alle administrativen Formalitäten erledigt: Beantragung einer Aufenthaltsgenehmigung, Beantragung der Sozialversicherung usw. Diese eheliche Abhängigkeit wird eine Asymmetrie zwischen den Geschlechtern schaffen: Der Mann hat Macht über die Frau und ihre rechtliche, wirtschaftliche und sogar soziale Situation im Land. Die Migrantinnen sind von ihrem Mann abhängig und leicht in den häuslichen Bereich zu verbannen. Diese Situation kann dazu führen, dass Frauen alle Arten physischer und psychischer Gewalt erdulden müssen, um ihre Situation im Land nicht zu gefährden, insbesondere wenn Kinder betroffen sind.

Laut Noblecourt (2014) sind nichteuropäische Frauen häufiger Opfer von Gewalt und sexuellen Übergriffen, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Ehe/Partnerschaft, und Personen mit geringerer Bildung sind dreimal häufiger Opfer von Gewalt und Ausbeutung am Arbeitsplatz. Es scheint, dass die Tatsache, nicht-europäisch zu sein, eine wichtige Rolle spielt, wenn über Migration gesprochen wird, und deshalb halten wir es für wichtig, über eine bestimmte Gruppe zu sprechen, deren Migration erst vor kurzem stattgefunden hat und deren berufliche Eingliederung daher in europäischen Kontexten bisher wenig untersucht wurde: die weibliche Migration aus Lateinamerika.

 

Besonderheiten der lateinamerikanischen Migrantinnen

Die lateinamerikanische Migration in Europa, und insbesondere in Frankreich, ist im Vergleich zu anderen Migrationsströmen „neu“. Es stimmt zwar, dass die Lateinamerikaner seit dem 16. Jahrhundert offiziell präsent sind (Ramírez Bautista, 2000), aber erst in den 1980er und 1990er Jahren begannen sie sichtbar zu werden. Trotz der sehr engen kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen, die Frankreich zu bestimmten lateinamerikanischen Ländern wie Mexiko, Chile, Ecuador und Kolumbien unterhält, wird wenig über die berufliche Eingliederung lateinamerikanischer Migrant*innen in das Land gesprochen.

Dies hindert Lateinamerikaner*innen und Europäer*innen nicht daran, Darstellungen des Lebens und der Arbeit auf den beiden Kontinenten zu konstruieren, die von den Medien, hauptsächlich dem Internet, gespeist werden. Für Gómez (2010) ist das idealisierte Bild, das uns das Internet vom europäischen Kontinent verkauft, neben den prekären Bedingungen, unter denen einige Frauen in ihren Herkunftsländern leben, einer der Gründe, der die Migrationsbereitschaft der Frauen verstärkt.

Europäerinnen, so Gómez (2010), verbinden das Bild der „erwerbstätigen Migrantin“ mit einer Person ohne Berufsausbildung, die die Sprache kaum spricht oder schreibt und aus einem armen wirtschaftlichen und sozialen Umfeld stammt. Diese Darstellung ist oft weit von der Realität entfernt.

Roca (2013), Piccoli (2006) und Ramírez Bautista (2000) weisen in ihren verschiedenen Studien darauf hin, dass lateinamerikanische Frauen von den Europäern als traditionelle, häusliche, liebevolle, kuschelige, ruhige, aufmerksame, geduldige, hilfsbereite, unterwürfige und körperlich und sexuell attraktive Frauen angesehen werden. Dies wird ihre berufliche Disqualifizierung verstärken und sie zu Pflegetätigkeiten (Pflege oder andere haushaltsnahe Dienstleistungen) degradieren; ohne dabei die Tatsache aus den Augen zu verlieren, dass diese Stereotypen auch ihre Exposition gegenüber sexueller und beruflicher Gewalt verstärken.

 

Intersektionalität

In der wissenschaftlichen Literatur zur Frauenmigration wird oft auf die „doppelte Diskriminierung“ verwiesen, der Migrantinnen ausgesetzt sind, weil sie Frauen und Ausländerinnen sind. Bisher haben wir jedoch viele der Probleme angesprochen, mit denen Frauen als „Frauen“, „Migrantinnen“ und „Arbeitnehmerinnen oder Arbeitssuchende“ konfrontiert sind. Aus diesem Grund scheint es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Frauen Opfer vielfältiger Formen von Diskriminierung, Dominanz oder Schichtung in einer Gesellschaft sein können, was genau der von Kimberly Crenshaw 1989 vorgeschlagenen Definition von Intersektionalität entspricht.

Wenn verschiedene Arten von Diskriminierung aufeinander treffen, können wir in der Tat von Intersektionalität sprechen. Die Integration dieses Konzepts gestattet es, die verschiedenen Arten von Diskriminierung zu identifizieren, denen eine Frau bei der Arbeitssuche ausgesetzt sein wird, und folglich ihre Intersektionalität zu beurteilen. Folgende Faktoren gehören dazu:

  • Ethnische Herkunft: Ausländer sein / Lateinamerikaner sein
  • Hautfarbe: Nationalität und gemischte Paare werden mit der Hautfarbe assoziiert.
  • Geschlecht: Weil sie Frauen sind.
  • Linguizismus: Aufgrund der verwendeten Sprache, Akzent, Grammatikfehler...
  • Bildungsniveau: Nichtanerkennung oder mangelhafte Anerkennung ausländischer Diplome, Verlust des erlernten Berufs.
  • Sozioökonomischer Status: Das Stereotyp der arbeitenden Migrantinnen wird mit Armut assoziiert.
  • Andere Arten von Diskriminierung: Es gibt viele andere Faktoren, die zu verschiedenen Arten von Diskriminierung führen können. In Frankreich ist es zum Beispiel in Mode, von Grossophobie, d.h. der Stigmatisierung von übergewichtigen oder fettleibigen Menschen, zu sprechen. Andere Faktoren im Zusammenhang mit dem physischen Erscheinungsbild können ebenfalls diskriminierend sein. Behinderungen, sexuelle Vorlieben, Alter können dieser Liste hinzugefügt werden.
  • Zu dieser Liste kann man hinzufügen, dass es innerhalb von Migrantengruppen (gleicher oder unterschiedlicher Nationalität) manchmal verschiedene Formen von Diskriminierung und Gewalt gibt, die sehr wenig untersucht und wenig beachtet werden. Die Situationen von Gewalt und Diskriminierung, denen ein Migrant im Allgemeinen, ob männlich oder weiblich, ausgesetzt sein kann, sind zahlreich.

Wie man sieht, ist die Diskriminierung einer erwerbstätigen oder arbeitssuchenden Migrantin nicht nur „doppelt“, und jede hat je nach ihrer Migrationssituation eine andere Intersektionalität, die analysiert werden muss, um einen Aktionsplan zu erstellen, der ihr den Eintritt in den Arbeitsmarkt ermöglicht.

 

Die Folgen der Schwierigkeiten bei der beruflichen Eingliederung und die verschiedenen Arten der Diskriminierung von Frauen.

In einem derart demoralisierenden Kontext in den Arbeitsmarkt einzutreten, ist für Migrantinnen nicht einfach und kann sowohl intrinsische als auch extrinsische Folgen für jede Frau und ihr Umfeld haben.

Gómez (2010) stellt fest, dass Migrantinnen manchmal unter psychischen Problemen leiden, die von einem Gefühl der Demotivation oder des Selbstvertrauens bis hin zu heikleren Gesundheitsproblemen wie Depressionen reichen können.

Im familiären Kontext können Frauen von ihrer Herkunftsfamilie und/oder ihrer Gastfamilie unter Druck gesetzt werden. Die Herkunftsfamilie kann der Ansicht sein, dass die Frau sich nicht genug um eine Arbeitsstelle bemüht. Auf der anderen Seite kann die Gastfamilie, bei der es sich in der Regel um die Schwiegereltern handelt (da viele Frauen im Rahmen der Familienzusammenführung migrieren), dem Klischee Glauben schenken, dass „ausländische Frauen" aus wirtschaftlichen Interessen und/oder „Papiere" heiraten, um sich im Gastland niederzulassen oder sogar die Staatsbürgerschaft zu erlangen.

Im Kontext der Berufswelt führt Gómez (2010) aus, dass Frauen dazu neigen, in ihren Fachgebieten technische Fertigkeiten zu verlieren (z.B. kann eine Chirurgin die Geschicklichkeit ihrer Hände verlieren), und dass es für sie aufgrund all der Veränderungen, die sie durchmachen, sehr schwierig sein kann, das umzusetzen, was sie an Anpassungsfähigkeit und interkulturellen Fähigkeiten gewonnen haben.

Im finanziellen Kontext schließlich kann die Situation bei längerer Nichterwerbstätigkeit schnell sehr prekär werden, und Frauen können sich in einer sehr schwierigen Lage befinden, insbesondere wenn Kinder betroffen sind (Gómez, 2010).

 

Empfehlungen des Ministeriums für die Rechte der Frau zur Stärkung von Migrantinnen

Das Ministerium für Frauenrechte in Frankreich hat 2014 drei Empfehlungen auf nationaler Ebene vorgeschlagen, um Migrantinnen in allen Aspekten ihrer Integration in die französische Gesellschaft zu stärken. Diese Aktionen sind willkommen, begleiten und umfassen.

Die Aufgabe der Aufnahme und Begleitung stützt sich im Wesentlichen auf das Französische Büro für Einwanderung und Integration (OFII) unter der Aufsicht des Innenministeriums durch die Durchführung von staatsbürgerlichen Schulungen und Sprachkursen, die zur Unterzeichnung des Republikanischen Integrationsvertrags (CIR) führen werden. Diese Aufgabe wird aber auch von den verschiedenen Regionalprogrammen für die Integration von Zuwanderern wahrgenommen.  Dann wird das Relais von den assoziativen Netzen übernommen, die in jedem Ort vorhanden sind.

Was die Eingliederung anbelangt, so stehen Maßnahmen zur Ausbildung und beruflichen Eingliederung im Mittelpunkt der öffentlichen Politik, denn es wurde festgestellt, dass Frauen zwar mehr Diplome haben als Männer, dies sie aber nicht vor Arbeitslosigkeit schützt.

Zugewanderte Frauen orientieren sich an Berufszweigen, die durch Teilzeitarbeit oder nicht angemeldete Erwerbstätigkeit gekennzeichnet sind, und die Familie steht im Gegensatz zu den Männern sehr oft im Mittelpunkt ihres Migrationsprojekts. Ihr Eintritt in den Arbeitsmarkt wird auch durch ihr sprachliches Handicap, das Fehlen eines beruflichen Netzwerks, den Mangel an Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl sowie die mangelnde Kenntnis der französischen Berufswelt verlangsamt. Es scheint auch, dass die in Frankreich verbrachte Zeit ein wichtiger Faktor für ihre Integration ist: Je länger eine Frau in Frankreich ist, desto größer sind ihre Chancen, einen festen Arbeitsplatz zu finden.

Jede Maßnahme, die dazu beiträgt, die mit der Migration verbundenen Verfahren und Rechte zu verstehen, die französische Sprache zu erlernen und zu praktizieren sowie das persönliche Wohlbefinden und das Verständnis für das Funktionieren des französischen Systems in all seinen Aspekten zu fördern, trägt zur Stärkung der Handlungsfähigkeit von Migrantinnen bei.

Schließlich wurde festgestellt, dass eine mangelnde Teilnahme am öffentlichen Leben zu einer schlechten Integration führen kann, weshalb Aktivitäten zur Entwicklung und Förderung der Teilnahme am öffentlichen Leben oder am gesellschaftlichen Leben dringend empfohlen werden.

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