Blog
Blog

Das Kompositum – eine bedrohte Art

Eine Besonderheit der deutschen Sprache ist das Kompositum, das zusammengesetzte Wort. Obgleich sehr ökonomisch und effizient hat es einen gravierenden Nachteil: seine Länge. Im Sinne Leichter Sprache wird es deshalb häufig mit Bindestrichen zerlegt, um seine Lesbarkeit zu verbessern. Aber darf man für eine bessere Lesbarkeit die korrekte Orthographie unter den Tisch fallen lassen?

Lesedauer circa 4 Minuten - Lesen, liken und kommentieren!


Bindestrich oder Mediopunkt – wie werden komplexe Wörter leichter lesbar?

Eine Besonderheit der deutschen Sprache ist das Kompositum, das zusammengesetzte Wort.

Beispiel: Donaudampfschifffahrtskapitänswitwe.

Manchmal mit Fugen-s, manchmal ohne, immer aber praktisch. Sachverhalte, für die es in anderen Sprachen eines Konstruktes aus Nebensätzen oder präpositionaler Objekte bedürfte, lassen sich im Deutschen in einem Wort darstellen. Es ist also sehr ökonomisch und effizient, gilt als häufigste Form der Sprachneubildung im Deutschen.

Doch es gibt auch eine dunkle Seite des Kompositums: seine Länge. Es kann schnell unübersichtlich werden, daher taucht es in Leichte-Sprache-Texten kaum unbearbeitet auf.

Kompositum, Duden.
Man kann sogar den Eindruck bekommen, dass die Besonderheit der Leichten Sprache das Fehlen des Kompositums ist. Wird eines ausgemacht, schon geht es ihm an den Kragen, es wird erlegt. Und zwar, indem es zerlegt wird. Aus Klimanotstand wird Klima-Notstand, aus Bundeswehr wird Bundes-Wehr (mehr dazu weiter unten). Es wird also nicht in Nebensätze oder Präpositionalobjekte aufgelöst, sondern durch einen Bindestrich geteilt. Zack.

Ziel ist die verbesserte Lesbarkeit. Das Ziel ist sinnvoll, doch muss der Weg dahin über den Bindestrich gehen?

Probleme mit dem Bindestrich

Seine generalisierte Nutzung führt zu weiteren Fragen:

  • Gibt es Regeln, wie / wann dieser Bindestrich anzuwenden ist?
  • Hängt dies von der Zahl der Buchstaben, Silben oder Wörtern/Wortstämmen ab?
  • Gibt es eine Bindestrich-Obergrenze pro Wort? Was passiert dann mit dem Fugen-s?
  • Wird aus der Donaudampfschifffahrtskapitänswitwe nun die Donau-Dampf-Schiff-Fahrts-Kapitäns-Witwe oder die Donau-Dampfschifffahrtskapitäns-Witwe?

Ist der generalisierte Bindestrich also wirklich die beste Möglichkeit?

Sein großer Nachteil liegt auf der Hand: Der Text entfernt sich vom regulären Deutsch.

Prof. Dr. Christiane Maaß hat hierauf bereits hingewiesen. Sie betont, Leichte Sprache sei Teil der deutschen Sprache und bewege sich im Rahmen der standardsprachlichen Grammatik und Orthographie. Den generalisierten Einsatz von Bindestrichen zur Trennung von Komposita empfiehlt sie nicht. Dem schließe ich mich an.

„Es wäre auch in der Tat unakzeptabel, das Projekt „Leichte Sprache“ dauerhaft mit falscher Orthographie oder Grammatik zu belasten. Das Argument „Die Adressatenschaft braucht keine korrekte Orthographie / Grammatik“ ist eine Zumutung und dem Projekt Inklusion nicht dienlich“, so bringt es Maaß auf den Punkt. Weiteres Argument der Linguistin: „Für einen Teil der Adressatenschaft ist Leichte Sprache eine Durchgangsstufe auf dem Weg zum Standard. Diese Adressaten müssten, wenn sie Leichte Sprache hinter sich lassen, erst lernen, welche der zuvor erlernten Strukturen korrekt waren und welche nicht.“

Wald-Brand

Warum ich diesen Blogeintrag verfasst habe? Ein Artikel aus dem Online-Angebot des Deutschlandfunks hat mich nachdenklich gemacht. Am 5.7.2019 erschien ein Text zum Thema „Waldbrand in Mecklenburg-Vorpommern“. Das DLF-Angebot heißt „nachrichtenleicht“ (Achtung: Kompositum), der Artikel ist auf folgender Webseite zu finden.

Was mir u.a. aufgefallen ist:

Passiv-Konstruktion („Der alte Truppen-Übungs-Platz ist viele Jahre von dem Militär genutzt worden“)

Ersatz eines passenden Verbs durch das unpassendere „sein“ („ist unter Natur-Schutz“).

Und nun zu den Komposita:

„Waldbrand“ wird zu „Wald-Brand“. „Bundeswehr“ wird manchmal zu „Bundes-Wehr“, manchmal bleibt sie auch altbekannt. „Feuerwehr“ und „Bundestag“ bleiben unverändert. „Naturschutz“ hingegen wird zu „Natur-Schutz“. Eine Systematik scheint hier nicht erkennbar.

Lesehilfe mit System

Prof. Dr. Christiane Maaß definiert Leichte Sprache wie folgt: „ Leichte Sprache ist eine Varietät des Deutschen, die im Bereich Satzbau und Wortschatz systematisch reduziert ist.“ (Christiane Maaß: Leichte Sprache. Das Regelbuch, Münster: Lit, 2015, S. 7)

Maaß schlägt statt Bindestrich den Mediopunkt (Mittelpunkt) vor. Vorteile: Die Wörter wären grammatikalisch und orthographisch korrekt, die angehängten Wortbestandteile müssten nicht groß geschrieben werden. Es wird also keine falsche Schreibung eingeübt. Bei dem Mediopunkt handelt es sich um ein zusätzliches Zeichen, um eine Lernhilfe. Beispiele: Medio·punkt, Binde·strich, Wald·brand oder eben Donau·dampf·schiff·fahrts·kapitäns·witwe

Ich bin auch der Meinung, dass sich das Ziel einer besseren Lesbarkeit durch den Mediopunkt besser erreichen lässt als durch den generalisierten Einsatz des Bindestrichs. Dieser kann an Stellen, an denen er korrekt ist, ruhig stehen bleiben – aber nur dort. Ein Hoch auf den Mediopunkt!

Mac-Nutzer finden den Mediopunkt übrigens unter ALT+Shift+9.



Wortbrücke e.V. Maren Lohrer.
Über die Autorin:

Maren Lohrer erstellt Verbrauchernews in Leichter Sprache für „Wortbrücke e.V.“. Sie hat einen M.A. in Germanistik und Politikwissenschaften der Universität zu Köln und ist zertifizierte Mediatorin (INA at FU Berlin).


Das hier könnte Sie auch interessieren:

Einmal die ganzen Emotionen am eigenen Leib erfahren: Neue Impulse aus Island für die Arbeit mit Geflüchteten

Fit für den Alltag

Login (2)

Users have already commented on this article

Loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich, um zu kommentieren.

Want to write a blog post ?

Don't hesitate to do so! Click the link below and start posting a new article!

Neueste Diskussionen

EPALE 2021 Schwerpunktthemen. Fangen wir an!

Das vor uns liegende Jahr wird wahrscheinlich wieder sehr intensiv, und daher laden wir Sie ein, es mit Ihren Beiträgen und Ihrer Expertise zu bereichern. Beginnen Sie doch einfach, indem Sie an unserer Online-Diskussion teilnehmen. The Online-Diskussion findet am Dienstag, dem 09. März 2021 zwischen 10.00 und 16.00 Uhr statt. The schriftliche Diskussion wird mit einem vorgeschalteten Livestream eröffnet, der die Themenschwerpunkte für 2021 vorstellt. Die Hosts sind Gina Ebner und Aleksandra Kozyra von EAEA im Namen der EPALE Redaktion. 

Zusätzlich

EPALE Diskussion: Vermittlung von Grundkompetenzen

Grundkompetenzen sind transversal. Sie sind nicht nur relevant für die Bildungspolitik,  sondern auch für Beschäftigungs-, Gesundheits-, Sozial- und Umweltpolitiken. Der Aufbau schlüssiger Politikmaßnahmen, die Menschen mit Grundbildungsbedürfnissen unterstützen, ist notwenig, um die Gesellschaft resilienter und inklusiver zu gestalten. Nehmen Sie an der Online-Diskussion teil, die am 16. und 17. September jeweils zwischen 10.00 und 16.00 Uhr auf dieser Seite stattfindet. Die Diskussion wird von den EPALE Thematischen Koordinatoren für Grundkompetenzen, EBSN, moderiert. 

Zusätzlich

EPALE Diskussion: Die Zukunft der Erwachsenenbildung

Am Mittwoch, dem 8. Juli 2020, lädt EPALE von 10.00 - 16.00 Uhr zu einer Online Diskussion zur Zukunft der Erwachsenenbildung ein. Wir wollen über die Zukunft des Bildungssektors Erwachsenenbildung sowie die neuen Chancen und Herausforderungen diskutieren. Gina Ebner, EPALE-Expertin und Generalsekretärin der EAEA, moderiert die Diskussion.

Zusätzlich

Nächste Veranstaltungen

24 Oct
2021
Upcoming

Speak Up!

Belgien
Eupen