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Das Kompositum – eine bedrohte Art

16/07/2019
by Maren Lohrer
Sprache: DE

Lesedauer circa 4 Minuten - Lesen, liken und kommentieren!


Bindestrich oder Mediopunkt – wie werden komplexe Wörter leichter lesbar?

Eine Besonderheit der deutschen Sprache ist das Kompositum, das zusammengesetzte Wort.

Beispiel: Donaudampfschifffahrtskapitänswitwe.

Manchmal mit Fugen-s, manchmal ohne, immer aber praktisch. Sachverhalte, für die es in anderen Sprachen eines Konstruktes aus Nebensätzen oder präpositionaler Objekte bedürfte, lassen sich im Deutschen in einem Wort darstellen. Es ist also sehr ökonomisch und effizient, gilt als häufigste Form der Sprachneubildung im Deutschen.

Doch es gibt auch eine dunkle Seite des Kompositums: seine Länge. Es kann schnell unübersichtlich werden, daher taucht es in Leichte-Sprache-Texten kaum unbearbeitet auf.

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Kompositum, Duden
Man kann sogar den Eindruck bekommen, dass die Besonderheit der Leichten Sprache das Fehlen des Kompositums ist. Wird eines ausgemacht, schon geht es ihm an den Kragen, es wird erlegt. Und zwar, indem es zerlegt wird. Aus Klimanotstand wird Klima-Notstand, aus Bundeswehr wird Bundes-Wehr (mehr dazu weiter unten). Es wird also nicht in Nebensätze oder Präpositionalobjekte aufgelöst, sondern durch einen Bindestrich geteilt. Zack.

Ziel ist die verbesserte Lesbarkeit. Das Ziel ist sinnvoll, doch muss der Weg dahin über den Bindestrich gehen?

Probleme mit dem Bindestrich

Seine generalisierte Nutzung führt zu weiteren Fragen:

  • Gibt es Regeln, wie / wann dieser Bindestrich anzuwenden ist?
  • Hängt dies von der Zahl der Buchstaben, Silben oder Wörtern/Wortstämmen ab?
  • Gibt es eine Bindestrich-Obergrenze pro Wort? Was passiert dann mit dem Fugen-s?
  • Wird aus der Donaudampfschifffahrtskapitänswitwe nun die Donau-Dampf-Schiff-Fahrts-Kapitäns-Witwe oder die Donau-Dampfschifffahrtskapitäns-Witwe?

Ist der generalisierte Bindestrich also wirklich die beste Möglichkeit?

Sein großer Nachteil liegt auf der Hand: Der Text entfernt sich vom regulären Deutsch.

Prof. Dr. Christiane Maaß hat hierauf bereits hingewiesen. Sie betont, Leichte Sprache sei Teil der deutschen Sprache und bewege sich im Rahmen der standardsprachlichen Grammatik und Orthographie. Den generalisierten Einsatz von Bindestrichen zur Trennung von Komposita empfiehlt sie nicht. Dem schließe ich mich an.

„Es wäre auch in der Tat unakzeptabel, das Projekt „Leichte Sprache“ dauerhaft mit falscher Orthographie oder Grammatik zu belasten. Das Argument „Die Adressatenschaft braucht keine korrekte Orthographie / Grammatik“ ist eine Zumutung und dem Projekt Inklusion nicht dienlich“, so bringt es Maaß auf den Punkt. Weiteres Argument der Linguistin: „Für einen Teil der Adressatenschaft ist Leichte Sprache eine Durchgangsstufe auf dem Weg zum Standard. Diese Adressaten müssten, wenn sie Leichte Sprache hinter sich lassen, erst lernen, welche der zuvor erlernten Strukturen korrekt waren und welche nicht.“

Wald-Brand

Warum ich diesen Blogeintrag verfasst habe? Ein Artikel aus dem Online-Angebot des Deutschlandfunks hat mich nachdenklich gemacht. Am 5.7.2019 erschien ein Text zum Thema „Waldbrand in Mecklenburg-Vorpommern“. Das DLF-Angebot heißt „nachrichtenleicht“ (Achtung: Kompositum), der Artikel ist auf folgender Webseite zu finden.

Was mir u.a. aufgefallen ist:

Passiv-Konstruktion („Der alte Truppen-Übungs-Platz ist viele Jahre von dem Militär genutzt worden“)

Ersatz eines passenden Verbs durch das unpassendere „sein“ („ist unter Natur-Schutz“).

Und nun zu den Komposita:

„Waldbrand“ wird zu „Wald-Brand“. „Bundeswehr“ wird manchmal zu „Bundes-Wehr“, manchmal bleibt sie auch altbekannt. „Feuerwehr“ und „Bundestag“ bleiben unverändert. „Naturschutz“ hingegen wird zu „Natur-Schutz“. Eine Systematik scheint hier nicht erkennbar.

Lesehilfe mit System

Prof. Dr. Christiane Maaß definiert Leichte Sprache wie folgt: „ Leichte Sprache ist eine Varietät des Deutschen, die im Bereich Satzbau und Wortschatz systematisch reduziert ist.“ (Christiane Maaß: Leichte Sprache. Das Regelbuch, Münster: Lit, 2015, S. 7)

Maaß schlägt statt Bindestrich den Mediopunkt (Mittelpunkt) vor. Vorteile: Die Wörter wären grammatikalisch und orthographisch korrekt, die angehängten Wortbestandteile müssten nicht groß geschrieben werden. Es wird also keine falsche Schreibung eingeübt. Bei dem Mediopunkt handelt es sich um ein zusätzliches Zeichen, um eine Lernhilfe. Beispiele: Medio·punkt, Binde·strich, Wald·brand oder eben Donau·dampf·schiff·fahrts·kapitäns·witwe

Ich bin auch der Meinung, dass sich das Ziel einer besseren Lesbarkeit durch den Mediopunkt besser erreichen lässt als durch den generalisierten Einsatz des Bindestrichs. Dieser kann an Stellen, an denen er korrekt ist, ruhig stehen bleiben – aber nur dort. Ein Hoch auf den Mediopunkt!

Mac-Nutzer finden den Mediopunkt übrigens unter ALT+Shift+9.



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Wortbrücke e.V. Maren Lohrer
Über die Autorin: Maren Lohrer erstellt Verbrauchernews in Leichter Sprache für „Wortbrücke e.V.“. Sie hat einen M.A. in Germanistik und Politikwissenschaften der Universität zu Köln und ist zertifizierte Mediatorin (INA at FU Berlin).


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