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art of inclusion: Partizipatives Handeln und Kommunikation auf Augenhöhe in der Arbeit mit Geflüchteten und Migrant*innen

In der Arbeit mit Geflüchteten und Migrant*innen stoßen professionelle und freiwillige Helfer häufig auf Barrieren im Hinblick auf verbalen Austausch und Sprache und müssen Wege des Austauschs sowie gemeinsame Projekte und Begegnungen so gestalten, dass partizipatives Handeln aller Beteiligten ermöglicht wird. Kommunikation und Sprache spielen dabei eine zentrale Rolle. Im Rahmen des Erasmus+ Projektes „art of inclusion“ setzten sich drei Studierende eines Masterstudiengangs zur Sozialen Arbeit der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (btu) mit genau diesen Fragen auseinander, dokumentierten und evaluierten die jeweiligen Prozesse und traten mit allen Beteiligten in einen Austausch, um konkrete Antworten und Vorschläge resultierend aus den gesammelten Erfahrungen zu erhalten.

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Der folgende Beitrag wurde von Anita Liszewska, Anna-Kristin Albrecht und Elisabeth Bichler im Rahmen ihres Masterstudiengangs Soziale Arbeit an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (btu) im Frühjahr 2020 verfasst. Die Kooperation zwischen dem Bildungslabor e.V. als Koordinator des Erasmus+ Projektes art of inclusion sowie der btu machte es möglich, die Aktivitäten des Projektes prozessbegleitend zu evaluieren. Eine solche für beide Seiten gewinnbringende Zusammenarbeit sei allen Erasmus+ Projektträgern empfohlen. Finanziert wurde die externe Begleitung aus eigenen Mitteln des Bildungslabors und der btu.

Die Projektpartner sind dem Evaluationsteam der btu für ihren Einsatz und ihre Expertise zu großem Dank verpflichtet, ebenso wie Frau Prof. Dr. Birgit Behrensen (btu) für die fachliche Begleitung.


art of inclusion workshop mit Geflüchteten und Studierenden in Graz

In der Arbeit mit Geflüchteten und Migrant*innen stoßen professionelle und freiwillige Helfer häufig auf Barrieren im Hinblick auf verbalen Austausch und Sprache und müssen Wege des Austauschs sowie gemeinsame Projekte und Begegnungen so gestalten, dass partizipatives Handeln aller Beteiligten ermöglicht wird. Kommunikation und Sprache spielen dabei eine zentrale Rolle. Wie kann gesprochene Sprache ersetzt werden? Wie gestalten sich Beziehungen hinsichtlich des Gebens und Nehmens von Erfahrungen und Verständnis? Was trägt zum Gelingen von Begegnungen und Kommunikation bei, was kann hemmen? Welche „Fehler“ können auftreten und was kann man aus ihnen lernen?

Im Rahmen des Projektes „art of inclusion“ setzten wir uns mit genau diesen Fragen auseinander, dokumentierten und evaluierten die jeweiligen Prozesse und traten mit allen Beteiligten in einen Austausch, um konkrete Antworten und Vorschläge resultierend aus den gesammelten Erfahrungen zu erhalten. Für die Evaluation wurden als Datenbasis qualitative Daten durch  standardisierte Befragungen der Projektpartner gesammelt und ausgewertet, sowie Inhaltsanalysen der Projektberichte zur Erstellung einfacher Kategorien verwendet.

Kunst als Ansatz für Kommunikation und Partizipation

Im Folgenden werden Ansätze für gelingende Kommunikation und Partizipation benannt, die wir aus den Erfahrungen im Projekt identifizieren konnten.

“art of inclusion“ ist ein von der Europäischen Union im Rahmen des Programms Erasmus+ (Strategische Partnerschaften in der Erwachsenenbildung zum Austausch guter Praxis) gefördertes Projekt, das mittels der Entwicklung und Umsetzung von lokalen Workshops mit Einsatz von künstlerischen Methoden wie Spiel, Theater, Musik und anderen kreativen Formen vor allem Geflüchtete und Migrant*innen  ansprechen und ihre Integration in die lokalen Communities sowie den Austausch über positive und negative Erfahrungen fördern soll. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den angesprochenen Gruppen selbst, sowie auf partizipativ gestalteten Settings, wertschätzender Kommunikation auf Augenhöhe und damit einhergehend dem Abbau von hierarchischen Gegebenheiten. Kunst als Ebene der Verständigung und der Begegnung dient dabei zur Senkung sprachlicher Hürden und als niedrigschwelliges Angebot, um einen wertfreien Ausdruck von Erlebnissen und Emotionen zu bieten. Sowohl Initiatior*innen und Projektteilnehmer*innen sollen Begegnung erleben und verbal oder non-verbal in Austausch treten.

Das Projekt wurde in mehreren Ländern innerhalb Europas implementiert. Koordiniert vom Verein Bildungslabor e.V. in Deutschland beteiligen sich Organisationen in Österreich (uniT, Graz), Nordmazedonien (Eco-Logic, Skopje), Bulgarien (Vox Populi, Sofia), Frankreich (L‘åge de la tortue, Rennes) und noch ausstehend in Deutschland (Oldenburg). Aufgrund der unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkte (Kunst, Kultur, Bildung) existiert ein breit gefächertes Spektrum unterschiedlichster Erfahrungen der beteiligten Organisationen und Akteure hinsichtlich Flucht und Migration. Im Rahmen des Studiums der sozialen Arbeit beteiligten sich Studentinnen sowohl an den Workshops innerhalb der einzelnen Projekttreffen als auch an der Evaluation der jeweiligen Veranstaltungen. Mittels eines Fragebogens beschäftigten sie sich mit Aspekten der Kommunikation auf Augenhöhe, dem Stellenwert gesprochener Sprache, Gelingen und Misslingen, Motivation sowie der Frage, wie aus Fehlern gelernt und das laufende Projekt dahingehend gestärkt werden kann. Die folgende Zusammenfassung resultiert aus den Auswertungen während des Projektes.

Ein vielversprechender Ansatz, um einen respektvollen, offenen und wertschätzenden Umgang miteinander zu ermöglichen, ist die Gestaltung von Kommunikation auf Augenhöhe. Dazu muss entstehende Kommunikation einvernehmlich, respektvoll und frei von Gewalt und Hierarchien sein. Dies kann im Projekt vor allem durch einen bewussten Umgang mit eigenen Privilegien seitens der Gastgeber*innen und Teilnehmer*innen der jeweiligen Länder erreicht werden. Zusätzlich ist es wichtig, gegensätzliche Meinungen zu akzeptieren, gemeinsame Entscheidungen zu treffen und einen sicheren Raum für Gespräche zu bieten. Diese benötigen zudem Zeit und Vertrauen. Sollte eine Person das Setting verlassen wollen, so sollte dies ermöglicht werden. Gesprochene Sprache vollständig zu ersetzen kann sich dabei als schwierig erweisen. Es ist möglich, dass Verständnisprobleme hinsichtlich des  künstlerischen Ausdrucks oder gewissen Grundregeln auftreten, die sich auch aufgrund der sprachlichen Barrieren nicht ohne weiteres beseitigen lassen. Hier kann Übersetzung notwendig und hilfreich sein, erschwert gegebenenfalls aber auch die Face-to-face-Kommunikation. Kunst wirkt immer individuell und kann durch Interpretationen und Bewertungen nicht gefasst werden. Hier kann das Ersetzen verbaler Sprache durch künstlerische Handlung gelingen, dennoch lässt sie sich aus unserer Sicht nicht vollends ersetzen.

Der Erfolg hängt vom Wohlbefinden ab

Für den Erfolg des „art of inclusion“ Projektes ist es von großer Wichtigkeit, dass sich die Teilnehmenden im Setting des Projektes wohlfühlen. Die Umgebung und die Atmosphäre, in der die Workshops des Projektes stattfinden, haben einen großen Einfluss auf die Gefühlswelt. Hierzu zählen vor allem die Räumlichkeiten und die Größe der Projektgruppe. Es muss immer die Möglichkeit für die Teilnehmenden bestehen, genügend Raum und Privatsphäre zu finden, um sich auch außerhalb des Gruppengeschehens unterhalten zu können. Zudem haben das Thema und der Inhalt der Aktivitäten einen hohen Einfluss auf das Wohlbefinden. Dies sollte immer bei der Planung von Projekten berücksichtigt werden, denn die Organisation spielt eine große Rolle bei der Gestaltung der Atmosphäre. Die Teilnehmenden müssen genügend Zeit bekommen, sich zunächst kennenzulernen und ein gewisses Grundvertrauen - auch gegenüber den Gastgebenden - zu entwickeln. Während der Aktivitäten ist es wichtig, dass genügend Zeit und Materialien vorhanden sind, um die künstlerischen Aufgaben bewältigen zu können. Auch benötigt es genügend Pausen zwischen den Aktivitäten, um auszuruhen, das Erlebte zu reflektieren und miteinander Gespräche zu führen. Weiterhin muss beachtet werden, dass die Situation und der psychische Zustand, in dem sich einige der Teilnehmenden aktuell befinden (z.B. aufgrund von Fluchterfahrungen), einen Einfluss auf das Wohlbefinden haben können. Es muss sichergestellt sein, dass die Teilnehmenden freiwillig an den Workshops teilnehmen. Während der Workshops ist zudem immer darauf zu achten, dass alle gleich behandelt werden, um das Vertrauen der Teilnehmenden aufrecht zu erhalten und ihnen nicht nur ein Gefühl der Zugehörigkeit zu geben, sondern sie als selbstverständlichen Teil des Workshops wahrzunehmen.

art of inclusion: Workshop in Rennes kombiniert Elemente des Storytelling und Gamelan

Ein weiterer zu beachtender Aspekt für den Erfolg ist die Motivation der Teilnehmenden. Ist diese nicht gegeben, ist eine erfolgreiche Durchführung nicht möglich. Auch hierzu trägt die Atmosphäre einen wichtigen Teil bei. Es muss sichergestellt werden, dass diese möglichst entspannt und vertrauensvoll ist. Die Gastgebenden und die Teilnehmenden müssen sich mit Sensibilität und Respekt behandeln. Sie müssen sich gegenseitig genügend Freiräume geben, um ihre Bedürfnisse auszuleben, aber auch die Möglichkeit haben, gegenseitig in Gespräche zu kommen. Zudem wird, die Motivation ebenso wie das Wohlbefinden von der Situation und dem psychischen Zustand der Teilnehmenden beeinflusst. Hier muss ebenfalls darauf geachtet werden, dass die Teilnahme freiwillig ist und die Teilnehmenden bereit sind, neue Erfahrungen zu machen. Sie müssen eine Bedeutung in dem Projekt sehen und das Gefühl haben, einen eigenen Nutzen aus den Workshops ziehen  zu können, ohne in ihrem eigenen Handeln kritisiert zu werden.

Hilfreich für die Planung und Durchführung ist es, wenn die Gastgebenden bereits Erfahrungen aus vorherigen Workshops sammeln konnten, um die Bedürfnisse der Teilnehmenden und die notwendigen Ressourcen berücksichtigen zu können. Zudem sollten vor Durchführung der Workshops alle wichtigen Informationen an die Teilnehmenden weitergeleitet werden, um die notwendige Transparenz zu schaffen.

Erkenntnisgewinne durch offene Reflexion

Das Projekt basiert auf dem Prinzip des „Gebens und Nehmens“ zwischen allen Teilnehmenden. Es ist wichtig ein Gleichgewicht zu schaffen, um die Beteiligten in die Lage zu versetzen, im gleichen Maße etwas zu erlangen. Jede*r soll mindestens einen Erkenntnis- oder Verständnisgewinn aus den Workshops mitnehmen dürfen. Durch die Gestaltung möglichst natürlicher, zwangloser Prozesse wird die Bereitschaft der Teilnehmenden, etwas zum Thema beizusteuern, Fragen zu stellen und Gespräche zu initiieren, gefördert. Die Situation der Geflüchteten und Migrant*innen sowie ihre körperliche und psychische Verfassung muss zu jeder Zeit sensibel behandelt und während des Programms gegebenenfalls Unterbrechungen eingeräumt werden, um Emotionen und Gedanken Raum zu geben. Eine bewusste Rücksichtnahme auf gruppendynamische Prozesse muss dabei immer gewährleistet sein.

Im Verlauf der Projekttreffen gewinnen alle Teilnehmenden die Erkenntnis, dass Lernen in  Projekten am besten gelingt, wenn ein Austausch mit allen Sinnen geschieht. Zudem ist Feedback zu den jeweiligen Workshops und Angeboten ein relevantes Werkzeug, anhand dessen sich sowohl das Projekt als auch die Teilnehmenden weiterentwickeln. Durch offene Reflexion von Erlebtem und kritisches Hinterfragen der entstandenen Situationen können die Teilnehmenden einerseits rückblickend Komplikationen erfassen und gleichzeitig Verbesserungsvorschläge formulieren.

art of inclusion Projektlogo

Ein Beispiel aus der Projektpraxis macht deutlich, wie durch offene Reflexion ein Erkenntnisgewinn für alle erzielt werden kann: Einer der Workshops wurde zunächst als misslungen erachtet, da viele der oben genannten Parameter (Motivation, Atmosphäre, Transparenz) nicht in ausreichendem Maße gewährleistet werden konnten. Im Rahmen der gemeinsamen Aufarbeitung werteten die Projektbeteiligten diesen jedoch nicht mehr als einen Fehlversuch im Sinne eines Misslingens, sondern als ein Stolpern, welches Lernpotenzial hat. Ein unerwartetes Stolpern kann helfen, die Perspektive zu wechseln und die Routine im Projekt zu unterbrechen. Das forderte die Projektpartner*innen heraus, aufmerksamer und einfühlsamer zu sein.

Rückblickend betont vor allem die Betrachtung und Bewertung des „Misslingens“ im Projekt die Bedeutung der Vorbereitung auf Projekte mit vulnerablen und marginalisierten Gruppen. Wichtige Fertigkeiten sind an dieser Stelle Flexibilität und die eigene Bereitschaft zur Anpassung. Diese bieten den beteiligten Organisationen und Akteuren die Möglichkeit, die eigenen Komfortzonen zu verlassen und sich dadurch weiterentwickeln zu können.

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Das Projekt art of inclusion begann im November 2018 und wird planmäßig im Oktober 2020 (oder zu einem späteren Zeitpunkt aufgrund der aktuellen Situation) mit einem Abschlussworkshop in Deutschland enden.

Das Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.

Erasmusplus Förderlogo

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