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Interview: Wie lassen sich die Kosten für die Anerkennung von Kompetenzen (VPL) kalkulieren?

17/06/2019
od EPALE Deutschland
Jazyk: DE
Document available also in: EN

Lesedauer 6 Minuten - Lesen, liken und kommentieren! 

Bei der 3. VPL-Biennale, die vom 7. bis 8. Mai 2019 in Berlin stattfand, führte EPALE Deutschland ein Interview mit An De Coen von IDEA Consult. Das Beratungsunternehmen war mit der Kostenkalkulation für die Einrichtung und Anwendung eines Anerkennungssystems für Kompetenzen in Flandern beauftragt worden. In diesem Interview spricht Frau De Coen darüber, warum die Kostenkalkulation so wichtig ist und wie sich das Kalkulationsmodell auf andere Länder übertragen ließe.

EPALE: Warum ist die Kalkulation der Kosten für die Anerkennung von Kompetenzen so wichtig?

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An De Coen, IDEA Consult, on the cost of VPL
An De Coen:

Hier geht es um Transparenz und die notwendigen Daten für die Entwicklung und Bereitstellung entsprechender Anerkennungsverfahren: Wer die Anerkennung von Kompetenzen anbietet, muss wissen, welche zeitlichen/personellen und finanziellen Ressourcen er benötigt.

In Erwachsenenbildungszentren stellt das Anbieten von Anerkennungsverfahren eine Dienstleistung dar, die zusätzlich zum regulären Tätigkeitsbereich der Mitarbeiter*innen anfällt. Für die Organisation entsprechender Verfahren erhalten diese Zentren keinerlei finanzielle Mittel – im Gegenteil, ihnen gehen eher noch Mittel verloren, wenn die Teilnehmer*innen von Gebühren befreit werden. Zum Zeitpunkt der Studiendurchführung gab es allerdings keinen finanziellen Anreiz für die Entwicklung von Anerkennungsverfahren. Dadurch, dass wir die Kosten sichtbar gemacht haben, wurde der flämischen Regierung signalisiert, sich mit ihnen zu befassen, als sie das neue Dekret zur Anerkennung von Kompetenzen in Flandern erarbeitet hat (vgl. Poster und Präsentation von Nathalie Druine).

Bei einigen Projekten, die durch EU-Fördermittel (ESF-Mittel) finanziert werden, war das Budget pro Pfad bereits kalkuliert worden. Doch selbst da war es interessant, festzustellen, wie viel Zeit notwendig war, um ein Anerkennungsverfahren von Anfang bis Ende zu durchlaufen.

„Es reicht nicht, sich mit den Kosten zu befassen – man muss auch den Nutzen berücksichtigen.“

Die politischen Entscheidungsträger*innen müssen wissen, welche Investitionen erforderlich sind, um Anerkennungsverfahren nachhaltig zu entwickeln und das System zu finanzieren. Zum Zeitpunkt der Studiendurchführung hatten wir es hier mit einer Blackbox zu tun und wurden diese Informationen gebraucht, um Rechtsvorschriften auszuarbeiten.
Natürlich reicht es nicht, sich mit den Kosten zu befassen – man muss auch den Nutzen berücksichtigen und wissen, dass man nicht alles messen kann (man braucht auch Informationen zur Qualität). Dennoch haben wir auch festgestellt, dass die Ergebnisse unserer Studie eine Diskussion zwischen Praktiker*innen und politischen Entscheidungsträger*innen ausgelöst haben. Somit war sie definitiv von Nutzen für eine evidenzbasierte Entscheidungsfindung.

EPALE: Wie wurden die Informationen in Flandern implementiert – werden sie als Informationen für die Öffentlichkeit genutzt oder nur vom Ministerium?

An De Coen:

Soweit ich weiß, werden sie aktuell nur von politischen Entscheidungsträger*innen zur Ausarbeitung des Dekrets zur Anerkennung von Kompetenzen in Flandern genutzt, über das vor kurzem abgestimmt wurde. Die Studie haben wir für das Ministerium für Bildung und Ausbildung (der flämischen Regierung) durchgeführt. Nathalie Druine hat die Koordination der Studie übernommen. Sie kann Ihnen sagen, wofür die Ergebnisse verwendet wurden.

EPALE: Inwiefern hat das flämische Anerkennungssystem von den Informationen profitiert?

An De Coen:

Das Dekret wurde zur Abstimmung gestellt und angenommen. Nun müssen wir abwarten, wie es umgesetzt wird. Die Regelungen zur Umsetzung und Ausführung des Dekrets werden zurzeit erarbeitet und müssen noch angenommen werden. Da unsere Studie Informationen über die Investitionen und die Finanzierung des Systems geliefert hat, gehe ich davon aus, dass sie einen Beitrag zum politischen Entscheidungsprozess geleistet hat.

EPALE: Welche Teile des Anerkennungsverfahrens sind die teuersten und warum?

An De Coen:

Beim Lenkungsprozess

Für die Anbieter ist es die Information und die Lenkung der Teilnehmer*innen in Richtung Anerkennung von Kompetenzen. Für die Teilnehmer*innen ist es das Lernen, in Kompetenzen zu denken, und die Vorbereitung des Portfolios sowie die Vorbereitung der Bewertung.

Bei der Bewertung

Die Mischung der Bewertungsverfahren bestimmt die Kosten. Vor allem die sehr hohen Kosten einer umfangreichen praktischen Prüfung, die oft fünf Tage dauert, führen zu einer enormen Kostensteigerung, aber praktische Prüfungen sind generell ein sehr zeitintensives Bewertungsinstrument. Beispiele für Anerkennungsverfahren, die bis zu fünf Tage dauern können, sind zum Beispiel die Anerkennungsverfahren für Angehörige eines Gesundheitsberufes, Kfz-Mechaniker*innen (wo die Autos erst für die Prüfung vorbereitet und dann wieder in den Originalzustand zurückversetzt werden müssen), die Lehrkraftausbildung usw. Bei manchen Berufen ist es allerdings am besten, in der Praxis zu prüfen, ob die Betreffenden tatsächlich über die erforderlichen Kompetenzen verfügen. Dies gilt zum Beispiel für Reinigungskräfte, Gabelstaplerfahrer*innen, Bäcker*innen usw.

Bei der Entwicklung neuer Verfahren:

Die Entscheidung, welche Kompetenzen geprüft werden müssen und wie das geschehen soll, braucht sehr viel Zeit. Die vielen Stunden, die zur Festlegung des Standards und zur Entwicklung des Szenarios („draaiboek“) vonnöten sind, fallen hauptsächlich durch die vielen Treffen mit den diversen Interessenvertreter*innen an, sodass die für die Entwicklung benötigte Zeit rapide ansteigt. Außerdem müssen Leitlinien entwickelt und alle Prüfer*innen und Aufsichtspersonen geschult werden.

EPALE: Haben Sie „Hochrisikoelemente“, die das Anerkennungsverfahren sehr kostspielig machen könnten, in Ihre Ergebnisse einbezogen?

An De Coen:

Wir haben sie auf zwei verschiedene Arten einbezogen: In der Bewertungsphase haben wir zwei verschiedene Szenarien berücksichtigt, da oft eine Kombination verschiedener Bewertungsverfahren angewandt wird (Interview, Portfolio, praktische Prüfung unter echten oder simulierten Bedingungen, schriftliche Prüfung), je nachdem, welche Kompetenzen geprüft werden. Um einen Eindruck von den Kosten für eine Mischung der Bewertungsverfahren zu vermitteln, haben wir die Kosten von acht häufigen Szenarien kalkuliert, jeweils mit einer Mischung der Bewertungsverfahren.

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Flanders: The cost of VPL. © IDEA Consult

Dabei haben wir (qualitative) Beispiele für kostspielige Verfahren einbezogen, um zu zeigen, welche Verfahren wirklich teuer sind: So haben wir Beispiele für Situationen aufgeführt, in denen hohe Kosten entstehen: So kann sich bei darstellenden Künstler*innen z. B. die Miete eines Theaters auf 700-1 500 Euro belaufen, die zusätzlich zu den Kosten für das Ausleihen von speziellem Audio- und Videomaterial anfällt. Wenn man eine Bäckerei prüfen möchte, muss der Ofen zwei Tage lang vorgeheizt werden. Auch die Kosten für Ausgangsstoffe können hoch sein. Bei Kranführer*innen muss zum Beispiel ein Kran auf die Baustelle geliefert werden. Und selbst bei Rohrleger*innen können sich die Kosten ganz schnell auf 600 Euro belaufen.

EPALE: Glauben Sie, dass Ihr Kostenkalkulationsmodell auf andere Länder übertragen werden kann?

„Das Modell und die Methodik lassen sich definitiv auf andere Länder übertragen.“

„Das Modell und die Methodik lassen sich definitiv auf andere Länder übertragen.“ Man braucht viele Daten – es hilft also, wenn es ein gutes Überwachungssystem gibt. Allerdings waren nicht alle von uns benötigten Daten in Flandern verfügbar. Uns ist es aber gelungen, die fehlenden Daten zusammenzutragen, indem wir verschiedene Anbieter von Anerkennungsverfahren aus diversen Bereichen und Branchen konsultiert haben. Sie haben den benötigten Zeitaufwand und die erforderlichen Finanzmittel geschätzt und letzten Endes stimmen unsere Ergebnisse mit anderen Studien überein. Die Überlegung, die hinter dem Standard-Kostenmodell steckt, ergibt in den verschiedensten Situationen Sinn.

EPALE: Vielen herzlichen Dank!

Über An De Coen: An De Coen ist Expertin für den Bereich Arbeitsmarkt- und Wirtschafts- und Sozialpolitik bei IDEA CONSULT. Nach Abschluss ihres Wirtschaftsingenieurstudiums an der Katholischen Universität Löwen im Jahr 2006 promovierte sie im November 2012 in Angewandten Wirtschaftswissenschaften. Seit 2012 arbeitet sie bei IDEA CONSULT. Ihr Forschungsinteresse gilt hauptsächlich der aktiven Arbeitsmarktpolitik sowie den Faktoren, die zur Beschäftigungsfähigkeit von Einzelpersonen – beispielsweise Aus- und Weiterbildung – beitragen.


Bildrechte: © An De Coen/IDEA Consult


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