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Meine Erfahrungen als Job Shadower in Weston-super-Mare

06/11/2018
door Oliver Rösner
Taal: DE
Document available also in: CS

Lesedauer ca. 8 Min.

Meine Erfahrungen als Job Shadower in Weston-super-Mare

Vom 05. September bis zum 01. Oktober 2018 habe ich im Rahmen eines Job Shadowing verschiedene Departments der Verwaltung im Weston-super-Mare Town Council (z. B. „Finance“, „Tourist-Information“ und das Weston Museum) und verschiedene Departments der Verwaltung des District North Somerset Council (z. B. „Learning and Development“, „Legal and Democratic Service“ und „Business Intelligence“) besucht. Ich habe vor Ort mit Führungsverantwortlichen, Ausbildern und Auszubildenden gesprochen und ihre Arbeitsgebiete, ihren Umgang mit Auszubildenden und das Ausbildungssystem in England kennengelernt.

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Oliver Rösner Job Shadowing

Und täglich grüßt das Murmeltier

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Cream-Tea Weston-super-Mare
Die tägliche Kommunikation auf Englisch, auch zu Verwaltungsfachthemen, haben mir sehr viel gebracht: zum einen habe ich für künftige Gespräche auf Englisch mehr Sicherheit gewonnen und zum anderen habe ich erfahren, wieviel Selbstvertrauen es einem geben kann, seine Angelegenheiten in einem anderen Land selbstständig regeln zu können. Damit auch Teilnehmer künftiger Mobilitäten von dieser Erfahrung profitieren, habe ich die wichtigsten Vokabeln notiert und mit Hilfe des EPALE Deutschland Teams in einem Online-Wiki auf EPALE Deutschland veröffentlicht. Weitere Vokabeln, aber auch Erfahrungen über das Leben in England können dort kontinuierlich zusammengetragen und ergänzt werden.

In den Gesprächen vor Ort stolperte ich im Bereich der Ausbildung häufig über verschiedene Begriffe wie z.B. „job shadowing“, „work experience“, „traineeship“, „internship“ und „apprenticeship“, deren Bedeutung sich dabei ganz einfach aus dem Kontext erschließen lassen hat. So ist ein „job shadowing“ eine Art Arbeitsbeobachtung, ohne direkt mitzuarbeiten, hingegen eine „work experience“ ist eine erste Arbeitserfahrung, ähnlich unserem Schülerpraktikum. Ein „Traineeship“ ist ein Ausbildungspraktikum (für den grundlegenden Arbeitseinstieg) und ein „apprenticeship“ ist eine Berufsausbildung, die zum Großteil im Büro stattfindet und wöchentlich Besuche an der Berufsschule vorsieht. Ein „internship“ ist ein Praktikum, welches durch Länge und Intensität gekennzeichnet ist: üblicherweise arbeitet der „intern“ in diesem Fall mehrere Monate lang bereits voll im Betrieb mit. Mithilfe solcher Begriffe gewann ich langsam einen besseren Überblick über das englische Ausbildungssystem.

The early bird catches the worm: Ausbildung in England

Bei den vielen Gesprächen, so z. B.  mit Mike Headington vom Weston College, bekam ich auch ein besseres Verständnis über die Unterschiede zwischen dem englischen Ausbildungssystem und der dualen Ausbildung in Deutschland. Zum Beispiel die Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten in England:

Wie, wann, was?
Üblicherweise kommen Auszubildende nach einem mittleren Schulabschluss mit ca. 16 Jahren für zwei Jahre zum Arbeiten in die Verwaltung und besuchen parallel einmal in der Woche (beispielsweise mittwochs) sowie alle sechs Wochen am Samstag das Weston College. Um der Berufsschule auch trotz der vollen Stelle in der Verwaltung, die Auszubildende bereits besetzen, verantwortungsvoll nachgehen zu können, können die Arbeitszeiten sehr flexibel gestaltet werden.

Parallele Schulbildung und Abschluss
Über die Lerninhalte wird an den Colleges alle drei Monate ein Examen abgehalten, um den Lernfortschritt zu prüfen. Wenn alle diese Prüfungen erfolgreich bestanden sind, erwerben Auszubildende nach dem ersten Ausbildungsjahr bereits die A-Level (höchster englischer Schulabschluss). Nach erfolgreichem Abschluss der zweijährigen Ausbildung und Berufsschulzeit, erwerben Auszubildende dann einen Degree (ähnlich einem ersten Hochschulabschluss), in unserem Beispiel im Bereich Finanzen. In England gilt die Ausbildung als bestanden, wenn das College bestanden ist. Im Gegensatz dazu werden in Deutschland ja auch Praxisphasen bewertet und in das Ergebnis mit einbezogen.

Kosten
Die Ausbildungskosten sowie die Kosten für das College und übernimmt in unserem Beispiel die Stadt. Diese kommt auch für das feste Gehalt des Auszubildenden auf.

Jobeinstieg und E-learning am Arbeitsplatz

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Oliver Rösner Job Shadowing
Die Personalauswahl in England war für mich im Vergleich zu Deutschland sehr ungewöhnlich. Diese erfolgt nämlich nicht, wie bei uns, auf Basis einer zertifizierten Ausbildung (z.B.

Verwaltungsfachangestellter), sondern vor allem auf Basis der persönlichen Erfahrung und Eignung des Bewerbers für eine Stelle. Quereinsteiger können so leichter in einen anderen Beruf wechseln, ohne einen langen Ausbildungs(um)weg absolvieren zu müssen.

Für die Einarbeitung und Weiterbildung von Auszubildenden und Mitarbeiter*innen habe ich verschiedene innovative Methoden kennengelernt. Die Tourist Information hat z. B. ein stetig wachsendes FAQ („Frequently Asked Questions“) online gestellt, auf das bei häufigen Fragen und Problemen zugegriffen werden kann und soll. An anderer Stelle werden hingegen To-Do-Listen für einzelne Arbeitsabläufe angeboten oder Verfahren wie Learning-by-doing und Shadowing bei erfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angeboten.

Besonders gut gefiel mir unter allen Ansätzen der E-Learning-Pool in der Verwaltung des District North Somerset. Dort können Mitarbeiterinnen oder der Mitarbeiter mittels einer interaktiven Software selbständig die für ihn wichtigen Themen am Arbeitsplatz erlernen und vertiefen. In diesem Tool findet sich Material zu etwa 30-40 verschiedenen Themen, von Haushaltsrecht bis Zeitmanagement, von Achtsamkeit bis Excel.

Celebrating Success: Best Practice in Weston-super-Mare

Im District North Somerset wird des Weiteren zur Qualitätssicherung und Unterstützung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Mentoring-System eingesetzt. Jede Person bekommt eine*n Mentor*in außerhalb der eigenen Hierarchielinie zur Seite gestellt, um dort ungezwungen alle Themen anzusprechen, die einem auf dem Herzen liegen, die man aber gegenüber den Vorgesetzten nur ungern ansprechen würde. Durch dieses System wird die Hemmschwelle für offene Kommunikation verringert und das Klima im Betrieb erheblich verbessert, sodass gerade die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Arbeitsalltag davon profitieren.

Auf ähnlichen Prinzipien basiert das Employee Assistance Programme, welches die Verwaltung des District North Somerset den Mitarbeiter*innen anbietet. Bei einem anonymen Drittanbieter können die Mitarbeiter*innen sich Hilfe bei unangenehmen Themen oder bei persönlichen Problemen holen – durch die Anonymität und Verschwiegenheit ist die auch hier Hemmschwelle niedriger, das Angebot anzunehmen und sich persönliche Hilfe zu holen.

Sehr hilfreich fand ich zudem den Leitfaden für Führungskräfte / Ausbilder zum Umgang mit den verschiedensten Problemen oder Aufgaben. Darin findet man Hilfestellungen für allerhand herausfordernde Situationen – von der Einstellung, über die Beurteilung bis hin zu einer möglichen Ermahnung oder gar Entlassung. Ich lernte in England auch ein besonders schönes Beispiel von Best Practice auf der Führungsebene kennen, das ich unbedingt in Deutschland einführen möchte: ein Tagesordnungspunkt, der in allen Besprechungen auftaucht, nämlich „Celebrating Success“. Unter diesem Punkt findet sich Zeit, um Danksagungen vorzutragen oder Erfolge zu betonen. So kann man als Führungskraft die Leistungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter positiv bewerten und bestärken, um ihre Leistung wertzuschätzen und sie weiter anzuspornen.

Health and Safety First

Das oberste Motto aller Führungskräfte und Ausbilder lautet "Health and Safety First". Aus diesem Grund wird in England großer Wert auf die Sicherheitseinweisung gelegt, die in Deutschland ja eher am Rande abläuft.

Ein weiteres Anliegen, dass mir im Bereich Inklusion positiv aufgefallen ist der umsichtige Umgang der Stadt Weston-super-Mare und der Districtverwaltung mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Entsprechend der individuellen Bedürfnisse werden Arbeitsplätze für solche Kollegen mit allem Equipment ausgestattet, das ihnen die Arbeit erleichtert und angenehm macht. Dies reicht von höhenverstellbaren Tischen, Spezialstühlen, Spezialmäusen, Bildschirmen, besonderer Software und Spracherkennung, bis hin zu flexiblen Arbeitszeitmodellen, die einen Arztbesuch jederzeit ermöglichen.

Thanks, and goodbye! - Persönliche Eindrücke

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Rösner Job Shadowing
Der Aufenthalt in Weston-super-Mare war für mich persönlich eine ganz besondere Erfahrung, z. B. das Autofahren im Linksverkehr. Das Fahren auf den Autobahnen war noch vergleichsweise einfach, aber die Roundabouts (Kreisverkehre) waren schon eine Herausforderung. Denn anders als bei den meisten Kreiseln in Deutschland, muss man bereits beim Einfahren in den Kreisel wissen, welche Ausfahrt man nimmt. Entsprechend muss bei der Einfahrt die linke oder rechte Spur gewählt werden – die linke Spur ist lediglich zum gleich links wieder rausfahren, während die rechte Spur zum geradeaus oder rechts (also weiter durch den Kreisel) fahren gilt. Noch abenteuerlicher ist dies bei drei oder vier Einfahrtsspuren. Achtung: immer auf die achten!

Ich habe viel von diesem Aufenthalt profitiert. Ich war gezwungen jeden Tag auf neue Menschen zuzugehen und mich mit diesen auf Englisch auszutauschen. Dabei war ich positiv beeindruckt vom sehr freundlichen persönlichen Umgang und der großen Hilfsbereitschaft. Mit den meisten Personen ist man sofort per Du, sie stellen sich mit dem Vornamen vor, egal ob gleich- oder höherrangig.

In vielen Gesprächen kamen Sorgen und Ängste der Briten aufgrund des Brexits zur Sprache. Im Land herrscht eine große Unsicherheit, wie sich der Brexit auf das tägliche Leben auswirken wird und viele Engländer geben sich etwas beschämt über das Ansehen Englands in Europa. Das betont nochmal besonders die Wichtigkeit und Aktualität dieses Projekts: trotz des drohenden Brexits soll versucht werden, die Beziehungen mit unserer englischen Partnerstadt zu vertiefen und die drei Verwaltungen nachhaltig und dauerhaft zu verbinden. Denn was bleibt, ist das Netzwerk mit den vielen verschiedenen Menschen, die ich getroffen habe, und es bleiben vor allem Freundschaften, die auch den Brexit überdauern werden.

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