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Informations- und Kommunikationstechnologien für die Entwicklung von Kompetenzen in der Berufsberatung?

31/08/2020
door Tomas Sprlak
Taal: DE
Document available also in: FR RO EN

[Übersetzung (Französsich - Deutsch) : EPALE Frankreich]

 

Das Interesse an der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) in der Berufsberatung reicht bis in die 1960er Jahre zurück. Die jüngste Gesundheitskrise hat uns gezeigt, dass diese Technologien das Potenzial haben, den Bereich der Berufsberatung zu verändern. Diese Instrumente können den Zugang erleichtern und die Kapazität der Beratungsdienste erhöhen. Sie werden in zunehmendem Maße als Ergänzung zu bestehenden Diensten, in einigen Fällen aber auch als Alternative zu den traditionellen Präsenz-Diensten genutzt. In allen Fällen fungieren sie häufig als Agenten des Wandels im Bereich der Berufsberatung.

Das Nachdenken über die Rolle der IKT in der Berufsberatung ist alles andere als neu. Es wurden zwei widersprüchliche Paradigmen vorgeschlagen, um die Integration von IKT-Werkzeugen zu konzeptualisieren (Watts, 2002), die sich je nach der Bedeutung unterscheiden, die der Beziehung zwischen dem Individuum und dem Berater beigemessen wird:

  • Das ressourcenzentrierte Modell, bei dem den Nutzern eine Reihe von Ressourcen zur Verfügung gestellt wird - der Berater wird als einer von ihnen betrachtet. Die Grenzen dieses Modells sind klar - es lässt keinen Raum für eine Arbeitsallianz, die ein Schlüsselelement für die Wirksamkeit von Beratungsmaßnahmen ist. Darüber hinaus lässt dieses Paradigma die nicht-kognitiven Aspekte der Entscheidungsfindung bei der Berufsplanung unberücksichtigt .
  • Das beziehungszentrierte Modell stellt die Beziehung zum Berater in den Mittelpunkt und betrachtet andere Ressourcen als Unterstützung dieser Beziehung. Dieses Modell ist nicht frei von Kritik aus methodologischer (der Berater als Machthaber, in einer Expertenposition) und wirtschaftlicher Sicht (wegen der Kosten, die mit diesem „arbeitsintensiven“ Modell verbunden sind), aber in einem Kontext, in dem die Berufsberatungswege zunehmend individualisiert und multimodal werden, sehen sich die Fachkräfte mit der Rolle von „Ressourcenmanagern“ konfrontiert, die dem Einzelnen helfen, die Mittel zu finden, die seinen Bedürfnissen am besten entsprechen.

Wie können diese multimodalen Wege zur Unterstützung von Umschulungen/beruflicher Neuorientierung so gestaltet werden, dass sie zur Entwicklung der Autonomie einer Person beitragen? Wie kann man sie zugänglich machen und gleichzeitig die Anforderungen an die Anpassung der Dienste an die Bedürfnisse und Kapazitäten der Nutzer berücksichtigen?

Lassen Sie mit einer Bestandsaufnahme der Lage beginnen. Praktiker nutzen IKT als Mittel zur Verbreitung von Informationen (über Arbeitsplätze, Arbeitsmarkt, Ausbildungsangebot, Geräte usw.), zum Vorschlagen automatisierter Interaktionen (insbesondere in der anfänglichen Diagnose- oder Erkundungsphase, wo die Dematerialisierung und „Automatisierung“ bestimmter Handlungen es den Praktikern ermöglicht, sich auf eine stärker personalisierte Unterstützung zu konzentrieren) und als Kommunikations- und Interaktionsmittel (synchron oder asynchron, individuell oder kollektiv). Praktiker setzen IKT jedoch häufig zur Lösung fragmentierter Probleme ein und verfügen selten über eine kohärente Strategie für den IKT-Einsatz. IKT werden in erster Linie zur Verbreitung von Informationen genutzt: Papierressourcen wurden fast vollständig durch elektronische Ressourcen ersetzt. Der Einsatz von sozialen Netzwerken in der Beratungspraxis setzt sich immer mehr durch (vor allem in den nordischen Ländern) und gestattet die Nutzung von Theorien des sozialen Lernens. Sie verschiebt den Charakter unserer Praxis hin zu stärker kooperativen Ansätzen, bei denen die Grenzen zwischen Berater und Kunden verschwimmen. Der neue Trend des Co-Careering: Karriereplanung in der Community (Karriereplanung in der Community): ein Ansatz, bei dem unter den Mitgliedern der Peer-Community Fachwissen geteilt wird und die Karriereplanung gemeinschaftlich verfolgt wird, wobei der Berater die kollektive Erkundung und das kollektive Lernen strukturieren und ermöglichen muss. Eine wahre Verkörperung konstruktivistischer und sozio-konstruktiver Ansätze im virtuellen Raum..

 Wie effektiv sind IKT in der Berufsberatung?

Der Einfluss von IKT in der Berufsberatung auf die Fähigkeit, die eigene Karriere zu planen, bleibt jedoch relativ unerforscht. Es gibt nur wenige Studien zu Wirksamkeit und Auswirkungen von IKT auf die Entwicklung von Kompetenzen zur beruflichen Orientierung, und bestehende Studien beschränken sich oft auf die Zufriedenheit der Nutzer und die Art und Weise, wie die Nutzer ein bestimmtes Werkzeug nutzt. Es gibt keine Längsschnittstudien und es wurden nur wenige quasi-experimentelle Studien durchgeführt. Die wissenschaftliche Literatur scheint jedoch darauf hinzuweisen, dass ein kombinierter ("blended") Einsatz von IKT-Werkzeugen in Beratungs-Parcours einen positiven Einfluss auf bestimmte Faktoren haben kann, die mit der Fähigkeit, den eigenen Karriereweg zu planen, zusammenhängen: Entscheidungsfähigkeit, Sicherheit bei der persönlichen Entscheidung, Selbsterkenntnis und Zufriedenheit mit den eigenen Karriereaussichten. Im Gegensatz dazu beschränkt sich die Wirkungen bei einer bloßen Selbstbedienungsform auf die Aneignung von Wissen (Kenntnisse über Geräte, Unterstützungsmöglichkeiten, verschiedene Geräte). Der wissenschaftliche Konsens weist daher darauf hin, dass IKT-Instrumente am wirksamsten sind, wenn sie in einem Blended-Coaching-Kontext eingesetzt werden - als Teil eines kohärenten Weges, der die Zeit mit dem Berater (von Angesicht zu Angesicht oder aus der Ferne, synchron oder asynchron) und den individuellen Einsatz von IKT einschließt.

Welche Faktoren können die Wirksamkeit dieser Instrumente verbessern? Die Wirkung von IKT ist im Allgemeinen größer, wenn eine oder mehrere der folgenden Bedingungen erfüllt werden:

  • Der Einsatz von IKT geht mit einem persönlichen Kontakt mit einem Berater einher, auch wenn diese Kontakte nicht in Präsenzform oder synchron sind. Der Berater sollte über die Fähigkeiten verfügen, Hilfestellung bei der Nutzung von IKT zu geben, und er sollte die Mittel haben, mit dem Kunden einen individualisierten Weg aufzubauen, dessen Fortschritt zu verfolgen und ihm Gelegenheit zu geben, die Ergebnisse zu diskutieren, sie zu interpretieren, aufkommende Ideen zu erörtern usw.
  • Zuvor wird dem Kunden eine strukturierte Sitzung vorgeschlagen, damit dieser sich Kenntnisse in den vorgeschlagenen Instrumenten aneignen und um das Niveau der Computerkenntnisse des Kunden zu überprüfen.
  • Der Unterstützungspfad und die verschiedenen Instrumente sind zu einem kohärenten Ganzen zusammengefasst, das den Einzelnen ermutigt, weiterzumachen, indem er sich beispielsweise auf die Elemente des Spielerischen stützt (Fortschrittsbalken, Sammlung von Punkten oder Abzeichen, Einsatz von Avataren...). Bildungsressourcen sind zugänglicher und effektiver, wenn sie in eine breitere Erfahrung, wie z.B. ein Serious Game, integriert werden.
  • Alle Informationen oder Daten werden in einem strukturierten, verständlichen und visuell ansprechenden Format präsentiert. Textinformationen sollten kurz sein und bei der Präsentation von Texten sollten Listen verwendet werden. Manche Personen werden von Informationen überwältigt und ziehen sich schnell zurück. Eine schlechte Präsentation der Daten schränkt deren Nutzen ein.
  • Es werden reichhaltige multimediale Ressourcen oder interaktive Elemente verwendet, wie z.B. Videos, Quiz, etc. Lernaktivitäten sollten abwechslungsreich sein und sich auf eine Vielzahl von Interaktionsmöglichkeiten stützen, welche die Technologie bietet, um das Engagement der Nutzer aufrechtzuerhalten und die Lernwirkung zu erhöhen.
  • Der Parcours sollte alternative Lernaktivitäten vorschlagen und systematisch die Möglichkeit bieten, eine Auswahl zu treffen: nicht alle Modalitäten funktionieren für alle Zielgruppen. Videos werden beispielsweise oft nur von 50 % der Nutzer angesehen, und es sollte eine alternative Modalität für die Präsentation des Inhalts vorgeschlagen werden.

 

Für eine echte Pädagogik mit IKT zur Unterstützung von Umschulungen

Es stehen verschiedene theoretische Ressourcen zur Auwahl, um über die pädagogischen Auswirkungen der IKT in einem Berufsberatungs- und -orientierungsprozess nachzudenken - einschließlich Lerntheorien und -modelle sowie Forschungswissen auf dem Gebiet des E-Learning.

Kolbs Theorie des Erfahrungslernens beschreibt die zentrale Rolle, die Erfahrung im Lernprozess spielt. Kolb beschreibt einen zyklischen und nicht-linearen Lernprozess in vier Phasen mit vier Lernmodi: konkrete Erfahrung, reflexive Beobachtung, abstrakte Konzeptualisierung und aktives Experimentieren. Analog dazu identifiziert Kolb vier Lernstile, die darauf basieren, wie eine Person Informationen versteht und verarbeitet. Erfahrung (reale oder simulierte) wird auch in einigen Theorien zur Berufsentwicklung betont, wie z.B. in Krumboltz' Theorie zu Berufsentscheidungen und Berufsverläufen. Nach diesem Ansatz besteht die Rolle der Beraterinnen und Berater darin, die Kunden und Kundinnen vermehrt mit Erfahrungen vertraut zu machen, die es ihnen ermöglichen, die notwendigen Kompetenzen zu entwickeln, um die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten, auf die sie im Laufe ihres Lebens stoßen werden, bestmöglich zu nutzen (der sog. planned happenstance -ein geplanter Zufall).

Der pädagogische Wert eines multimodalen Beratungs-Parcours kann verstärkt werden, indem diese Lernstile bei der Auswahl der Arten von Aktivitäten, die in einen multimodalen Beratungs-Parcours aufgenommen werden sollen, berücksichtigt werden. Abhängig von ihrem Lernstil kann die Person dazu gebracht werden, eine konkrete Erfahrung zu machen (Anschauen eines Videos über einen Beruf, ein Quiz, eine Fallstudie), eine persönliche Reflexion in Form eines Blogs zu erstellen, einen eigenen Satz von Auswahlkriterien für die Bewertung eines Berufsweges zu entwerfen und eingeladen werden, ihre Hypothesen in diesem Bereich zu testen, wie in der folgenden Grafik dargestellt: 

 

Exemple d’application du modèle de Kolb dans un parcours multimodale d’accompagnement.

 

                            Beispiel für die Anwendung des Kolb-Modells in einem multimodalen Beratungs-Parcours.

 

Jeder Lernende begibt sich in eine Lernsituation mit bereits bestehenden Überzeugungen und Leistungen in Bezug auf das Lernobjekt. Der Lernweg kann effektiver sein, wenn er sich nicht ausschließlich auf die Einführung neuer Inhalte konzentriert, sondern dem Lernenden auch die Möglichkeit gibt, zu erforschen, was er bereits über das Thema weiß, und die Ursprünge seiner vorher festgelegten Überzeugungen zu identifizieren und zu hinterfragen, bevor er die neuen Inhalte integriert. Die Wirkung des Lernens wird verstärkt, wenn der Lernende an Konflikt-Konzepte herangeführt wird und mit ihnen arbeitet. Das Hervorheben und Untersuchen der Überzeugungen und Theorien des Lernenden und die anschließende Integration der neuen Überzeugungen und Theorien sollte der Ausgangspunkt des Lernprozesses sein.  Beispielsweise könnte ein Modul, das den Begriff der Kompetenzen zur Orientierung einführt, mit einer Wiederholung des vorherigen Lernstoffs/ der Vorkenntnisse beginnen, indem es den Lernenden auffordert, eine frühere Arbeitsübergangserfahrung zu analysieren und die Ressourcen zu ermitteln, die es ihm ermöglicht haben, diesen Übergang erfolgreich abzuschließen.

Andere Modelle, wie zum Beispiel die Lernarten nach Gagné, gestatten die Entwicklung von Entwurfsrahmen für Module und Aktivitäten eines multimodalen Parcours, wie zum Beispiel bei E-tivities von Gilly Salmon.

 

Lernarten

Möglicher Einsatz von IKT

1. Aufmerksamkeit erlangen (Aufmerksamkeit)

Die Aufmerksamkeit des Nutzers erregen durch die Präsentation eines Fotos, eines Videos, einer Statistik, einer dramatischen Frage ...

2. Lernenden über die Ziele informieren (Erwartung)

Thema erklären und erklären, wie es der Person nutzt.

3. Erinnerung an früheres Lernen (Wiederherstellung)

Evozieren früherer Erfahrungen mit dem Thema. Herstellen von Verbindungen zu der Aktivität und dem Gelernten.

4. Ansprechende Präsentation (selektive Wahrnehmung)

Informationen auf logische und leicht verständliche Weise strukturieren und abwechslungsreiche Medien und Stilen verwenden.

5. Bereitstellung von Lerntipps (semantische Kodierung)

Alternative Ansätze zur Veranschaulichung des Lernziels bieten, einschließlich Beispiele, Fallstudien, Geschichten oder Analogien.

6. Fortschritt zeigen (Anwendung)

Den Teilnehmern die Möglichkeit geben, die neuen Fähigkeiten anzuwenden. Fragen stellen. Quiz am Ende der Aktivität. Rollenspiel.

7. Feedback geben (Verstärkung)

Feedback und Ratschläge zu möglichen Fehlern der Lernenden geben, damit sie diese korrigieren können.

8. Leistungsbewertung (Abruf des Gelernten)

Test, Fragebogen, Kommentar, Blog..

9. Verbesserung von Retention und Transfer (Generalisierung)

Hinweise auf die Möglichkeiten der Übertragung der Ergebnisse auf Situationen des realen Lebens geben. Verbindung zum wirklichen Leben herstellen. Planung von Aktionen stimulieren.

 

Beispiel für die Anwendung der Lernarten von Gagné bei der Gestaltung von IKT-Aktivitäten und -Modulen in einem multimodalen Parcours.

Die Gruppendynamik zur Steigerung der Lerneffekte kann auch durch den Einsatz von Online-Lernplattformen gestärkt werden. Dies erfordert jedoch die Umsetzung strukturierter Prozesse zur Förderung, Entwicklung und Aufrechterhaltung der Gruppendynamik. Darüber hinaus stellt dies die Praktiker vor eine besondere Herausforderung: die Übernahme der Verantwortung für ihre neue Rolle als E-Moderatoren: Förderung von Interaktion, Ermöglichen von Online-Sozialisation, Unterstützung der Teilnehmer*innen bei der Nutzung der Lernmaterialien, Anregung zur Reflexion und zum Transfer des Gelernten in neue Kontexte.

 

Schlussfolgerungen

Informations- und Kommunikationstechnologien sind zu einem transformativen Faktor im Bereich der Berufsberatung geworden. Um jedoch mögliche Abweichungen oder eine Verschiebung hin zu einem Modell, das ausschließlich auf „Selbstbedienung“ basiert, zu vermeiden, muss dieser Wandel gestaltet werden, indem man sich auf die Forschung über die Faktoren der Wirksamkeit dieser Instrumente sowie auf bestehende pädagogische Modelle stützt.

Es ist schwer vorstellbar, dass IKT einen Berater bei Mitgestaltung von Zielen, Feedback oder Aufrechterhaltung der Motivation im Rahmen einer Umschulung ersetzen können. Durch die Beachtung der Grundprinzipien und die Anwendung klarer Lernmodelle ist es jedoch möglich, multimodale Betreuungsformen zu entwickeln, die dem Hauptziel der Betreuung gerecht werden: der Entwicklung der Autonomie der begleiteten Personen.

 

Die Studie über den Einsatz von IKT im Bereich der Berufsberatung wurde im Rahmen des Elais-Projekts durchgeführt. Das Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben. Weitere Informationen über das Projekt und die vollständige Studie finden Sie auf der Projekt-Website:

 

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