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Trilogie über den Begriff Lernkultur, Teil 3 – letzter Teil oder Fortsetzung folgt?

Im vergangenen Monat veröffentlichte der Sozialökonomische Rat der Niederlande (SER) seine Empfehlung zum Thema Weiterbildung nach der Schulpflichtzeit „Lernen und Weiterentwicklung während der Laufbahn“ (Leren en ontwikkelen tijdens de loopbaan)”. Der SER-Bericht ist ein Plädoyer für eine ausgezeichnete und interessante Lernkultur und somit das Echo einer vor Jahren initiierten Bildungsoffensive.

Trilogie über den Begriff Lernkultur, Teil 3 – letzter Teil oder Fortsetzung folgt?

Im vergangenen Monat veröffentlichte der Sozialökonomische Rat der Niederlande (SER) seine Empfehlung zum Thema Weiterbildung nach der Schulpflichtzeit „Lernen und Weiterentwicklung während der Laufbahn“ (Leren en ontwikkelen tijdens de loopbaan)” [i].  Der SER-Bericht ist ein Plädoyer für eine ausgezeichnete und interessante Lernkultur und somit das Echo einer vor Jahren initiierten Bildungsoffensive.

 

Empfehlung C: Die Entwicklung einer ansprechenden und interessanten Lernkultur1. Nationale Lernkultur​2. Bewusstwerdung am Arbeitsplatza​3. * Informelles Lernen    * Besondere Aufmerksamkeit für kleine und mittelständische Unternehmen 

Der Begriff Lernkultur ist immer mehr zum Allgemeingut geworden. Diese Entwicklung begann in der Wirtschaft (siehe teil 1[ii] dieser Trilogie). In diesem Teil habe ich die Frage gestellt, weshalb die Minister Bussemaker (Bildung) und Asscher (Soziales und Arbeitsmarkt) in ihrem Aufruf im Jahr 2014 einen derart undeutlichen Begriff verwendeten [iii]. Bemerkenswert, denn was lebenslanges Lernen anbelangt, war es in den Niederlanden bis dahin vor allem bei Worten geblieben und mangelte es noch an Taten. In Teil 2 der Trilogie [iv] habe ich mich mit der Frage beschäftigt, worum es bei diesem Interesse für die Lernkultur im Kern geht: ein Lernklima, bei dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer die nötige Motivation und Flexibilität besitzen, um zu lernen und in sich selbst zu investieren, damit ihre Kenntnisse und Kompetenzen stets den aktuellen Anforderungen entsprechen. Die Verweise auf die Kraft so genannter lernender Organisationen einerseits und die Beispiele aus Skandinavien andererseits hatten aber leider vor allem Wunschdenken zur Folge. Und jetzt, in Teil 3, habe ich den Eindruck, dass mit der Veröffentlichung des oben genannten SER-Berichts eine sich selbst erfüllende Prophezeiung Wirklichkeit wird: Wir haben uns definitiv auf den Begriff Lernkultur - und damit verbunden bzw. darin eingebettet – auf das Konzept der Laufbahnentwicklung festgelegt, und der SER möchte dies mit der Einführung eines „Entwicklungskontos“ zur Finanzierung von Weiterbildung nach der Schulpflichtzeit unterstreichen.

Wenn diese neue positive Lernkultur jedoch vor allem auf unklaren Theorien und aus dem Zusammenhang gerissenen Schlussfolgerungen beruht, dann ist es wichtig zu untersuchen, ob es bessere Anknüpfungspunkte zur Untermauerung gibt. Die Antwort lautet: ja, es gibt sie, wir brauchen bloß über die Grenzen zu unseren Nachbarn zu schauen. Sowohl Deutschland als auch Großbritannien haben in dieser Hinsicht eine reiche Geschichte.

 

 

In Deutschland steht der Begriff Bildung im Zentrum (von althochdeutsch bildunga‚ Schöpfung, Bildnis, Gestalt). Bei uns ist dieser Begriff im Denken über lebenslanges Lernen verloren gegangen, als die Formulierung „Ausbildungs- und Entwicklungsarbeit" durch „(Basis)Ausbildung” ersetzt wurde. Derzeit erlebt der Bildungsbegriff jedoch wieder ein gewisses Comeback dank der Empfehlung des niederländischen Onderwijsraad, „Bildung“ wieder in den Unterricht aufzunehmen, aber auch durch weniger auffallende Entwicklungen wie die Gründung der Bildungsakademie und das TV-Programm „Het Filosofisch Kwintet“ [v]. Leider ist dieses Comeback mit nostalgischem und konservativem Bedauern über den Verlust an Kultur (im Sinne von Hochkultur) und das schwindende Interesse für Literatur verbunden. Aber dies nur nebenbei. Bildung hat eine lange und reiche Tradition, und dabei gibt es natürlich zuweilen auch Irrwege.

 

 

Der Begriff Bildung wurde von dem mittelalterlichen Theologen und Philosophen Meister Eckhart eingeführt. [2] Er bedeutete für ihn das „Erlernen von Gelassenheit" und wurde als „Gottessache" angesehen, „damit der Mensch Gott ähnlich werde". Bildung war für ihn also eine Vorgehensweise, die das Individuum nicht in der Hand hat: es ist nicht die Aufgabe der Menschen zu bilden. Von Eckhart verläuft eine Linie über Gutenberg (1397-1468), den angeblichen Erfinder der Buchdruckkunst (1447), und den niederländischen Denker Erasmus (1466-1536), der zur „Belehrung und Unterhaltung“ über hundert Bücher schrieb, bis hin zu dem Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant (1724-1804). Während dieser Zeit vollzog sich eine komplette Neubestimmung des Bildungsbegriffs. Danach ist der Mensch nicht mehr (nur) Geschöpf Gottes, sondern Werk seiner selbst, und so wurde Selbstbildung zu einem zentralen Begriff. In der Zeit der Aufklärung kam es zu einem „Bildungs-Boost“, mit der Begründung der Anthropologie als Wissenschaft und Lehre vom Menschen und der Pädagogik als Neudefinition des traditionellen Lernkonzepts. Letztendlich führt die Linie dann zu dem deutschen Gelehrten und Diplomaten Wilhelm von Humboldt (1767-1835), der oft als der wahre Begründer des Bildungsbegriffs gesehen wird. Er gründete in ganz Deutschland Gymnasien. Für ihn war Bildung sowohl ein humanistisches als auch ein politisches Ideal. Sein Streben galt der allgemeinen Entfaltung aller menschlichen Qualitäten, und nicht nur dem Erwerb allgemeiner Kenntnisse, sondern auch der Entwicklung der Fähigkeit zu moralischem Urteilen und kritischem Denken.

 

 

Die Entwicklung des Bildungsbegriffs im Laufe der Zeit ist zwar interessant, aber was bedeutet dies für die Untermauerung einer ansprechenden und herausfordernden Lernkultur? Die Bedeutung von Bildung geht weit über den niederländischen Begriff „educatie“ hinaus. Bildung ist ein komplexer Begriff, der sich nur schwer ins Niederländische übersetzen lässt. Meistens wird er der Einfachheit halber unübersetzt gelassen oder mit Begriffen wie „Selbstentfaltung" (zelfontplooing) oder dem inzwischen kaum noch benutzten Begriff „Formung" (vorming) umschrieben. Dennoch kommt dieser Begriff der Bedeutung von Bildung noch am nächsten. Im Gegensatz zu „Unterricht“ (onderwijs) und „Erziehung“ (educatie) ist Bildung ein aktiver Begriff, der auf Formgebung, Schaffung, Kreation, Gestaltung oder Ausgestalten verweist. Bildung ist nicht ein Prozess, dem man sich unterzieht, sondern ein Prozess, den man aktiv vollzieht. Man wird nicht gebildet, man bildet sich selbst. Es ist ein Prozess, bei dem ein Mensch sich etwas zu eigen macht: er erhält oder verschafft sich Zugang zu Wissen, Kenntnissen und Kompetenzen, über die er anfänglich nicht verfügte, und entwickelt eine Haltung gegenüber der Welt um sich herum. Es geht um die Schaffung einer persönlichen und sozial-kulturellen Identität, eines Lebenszusammenhangs. Der Prozess schafft die Grundlage für modernere Begriffe wie kommunikative Selbststeuerung [vi] und self-directive learning, und dies ist die Verbindung mit der heutigen Lernkultur. Sich selbst aktiv Wissen oder Kompetenzen aneignen und dadurch sich selbst bilden. Einfluss auf gesellschaftliche Veränderungen ausüben, das eigene Schicksal selbst in die Hand nehmen und selbst Regie über das eigene Leben führen.

Bildung ist nicht nur eine Sache paternalistischer Volkserbauung (was es zweifellos auch gewesen ist), sondern führt primär zu höherem Selbstvertrauen, mehr Selbstbewusstsein und Empowerment und ist gerade daher auch eng mit verschiedenen Emanzipationsbewegungen verbunden. Bildung führt implizit auch zu Politisierung im positiven Sinne des Wortes: zu lernen, wie man Netzwerke anspricht, politische Organisationen und Medien nutzt und andere Menschen mobilisiert. In einer solchen Lernkultur wird Lernen untrennbar mit Partizipation verbunden. Auf diese Weise verleiht Bildung der Lernkultur auch eine breitere und umfassendere Bedeutung als „Lernen und Entwicklung während der Laufbahn“. Bei Bildung geht es nicht nur um die Kompetenzen von Arbeitnehmern und Unternehmern, sondern um Lebenskompetenzen. Auch dies dient einem direkten wirtschaftlichen Interesse, sagt Kishore Mahbuni, Professor in Singapur, einer der am schnellsten wachsenden Ökonomien weltweit [vii]: „Wir müssen lernen, alle festen Annahmen kritisch zu hinterfragen und mit Komplexität und Unsicherheiten umzugehen. Wie können wir uns darauf vorbereiten? Die Antwort auf diese Frage liegt in der western liberal arts education." Mit anderen Worten: Bildung, die hier durch Sparmaßnahmen in Bedrängnis geraten, aber hot in Singapur und Umgebung ist!

 

 

Der Vorwurf, das Bildungs-Comeback wolle lediglich zurück in eine Zeit, die hinter uns liegt und depolitisierend wirkt, wie Marli Huijer[viii] sagt, ist relativ und entspringt vor allem den oft parallel geäußerten Ideen eines (unangebrachten) Kulturpessimismus. Im Gegenteil, durch Bildung werden Diskussion und kritische Reflexion angeregt, sie ist also anregend und herausfordernd, genau das, worauf der SER abzielt.

Bildung geht auch nicht von selbst, sondern ist ein fortlaufender Prozess, bei dem auch neue Formen des Lernens integriert werden, wie etwa Selbststudium und Online-Studium, Nutzung der Social Media, von Weblogs und Vlogs. Bildung durch Sprache und Schrift mag dann ein wichtiger roter Faden im Bildungskonzept sein [ix], doch heutzutage gehören dazu auch der Umgang mit den Medien, die Interpretation von Bildern sowie die Analyse, Auswahl und Organisation großer Mengen an Informationen, mit anderen Worten: Übungen für andere Formen des Sehens [x] und Hörens. Bildung anno 2017 fordert uns dazu heraus, Darstellungskraft mit kritischer Bildanalyse und Sinngebung zu verbinden.

Doch weiter zu unseren britischen Brüdern und Schwestern. Großbritannien ist völlig anders als Deutschland und zeichnet sich nicht durch eine lange Tradition von Denkern, sondern vielmehr durch eine zielgerichtete Herangehensweise aus. Die Briten sind keine Konzeptualisten, sondern pragmatische Macher. Wo die Deutschen immer zuerst ein theoretisches Konzept zu haben scheinen, gehen die Briten meistens ganz praktisch und handlungsorientiert Schritt für Schritt an die Sache heran. 2009 veröffentlichte das damalige Department for Innovation, Universities and Skills den Bericht „The Learning Revolution” [xi], ein umfassendes Plädoyer für informelle Erwachsenenbildung.

Man verspürte „a groundswell of people and communities creating and organising learning opportunities for themselves” und war mit Recht besorgt über eine stärkere Zweiteilung zwischen Menschen mit höherer Ausbildung, die selbst ihren Weg finden können, und Menschen mit geringerer Ausbildung, die nicht aus eigener Kraft partizipieren können. Es handelte sich um eine von mehreren Ministerien unterstützte Initiative, um gemeinsam mit Bibliotheken, Museen, Kunst und Sport, Sendeanstalten, gesellschaftlichen Organisationen, Gesundheitszentren, Online-Communities, Schulen, Fachhochschulen und Universitäten das Lernen in all seinen Ausgestaltungen zu fördern. Ich würde mir wünschen, dass auch wir einmal ein derartiges Aktionsprogramm erhalten. Bei diesem Programm stand nicht der Umfang, in dem informelles Lernen die Entwicklung von Arbeitnehmerkompetenzen unterstützt, im Mittelpunkt, sondern „ein Kaleidoskop an nicht berufsorientiertem Teilzeitlernen, bei dem es nicht primär darum geht, eine Qualifikation zu erhalten. Menschen nehmen teil, weil es ihnen Spaß macht und weil sie den Wunsch haben, ihre persönlichen intellektuellen, kreativen und physischen Bedürfnisse zu befriedigen". Organisationen müssen starke und breit gefächerte Koalitionen schmieden, um eine Lernkultur zu schaffen, die Erwachsenen – und insbesondere Menschen mit niedrigerem Bildungsstand – neue Chancen bietet. Zu diesem Zweck wurde beispielsweise dazu aufgerufen, dass möglichst viele Einrichtungen und Organisationen in einem Versprechen festlegen, wie sie die Erwachsenenbildung konkret fördern und unterstützen werden (a pledge for learning). Ein Jahr später waren 4500 Organisationen diesem Aufruf gefolgt. Ein zweiter Baustein der Lernkultur ist die Unterstützung eines Festivals des Lernens. Das Festival organisierte eine breite Skala von Veranstaltungen (2500) mit ca. 200.000 Teilnehmern und war mit einer landesweiten Kampagne verbunden, die anhand von 300 Pressemitteilung und Anzeigen im Wert von 1,1 Mio. £ auf die Vorteile von informellem Lernen für Individuen, Organisationen und die Gesellschaft hinwies. Den dritten Baustein bildete ein Open Space for Learning (www.schoolofeverything.com), eine Plattform, auf der Organisationen, Lernende und Betreuer über ihre Lernaktivitäten informieren können. Der vierte und letzte Baustein ist ein Transformationsfonds in Höhe von 20 Mio. £ für die Entwicklung neuer kreativer Verfahren und den Abbau von Barrieren, um Menschen mit geringerer Bildung zu erreichen. Das Geld für diesen Fonds stammt aus verschiedenen Quellen, sowohl vom Staat als auch von Lotterien.

Er wäre gut, wenn die künftige Regierung sich nicht nur die SER-Empfehlung zu Herzen nimmt, sondern darüber hinaus auch einen Blick auf die Entwicklungen in Deutschland und Großbritannien wirft. Die Einführung eines Entwicklungskontos ist an sich ein interessanter Gedanke, aber auch ein sehr individuelles Instrument, und einstweilen ist völlig unklar, wie der Betrag auf diesem Konto verwendet werden darf. Und wenn das Geld ausschließlich der Laufbahn zugute kommen darf, wer entscheidet dann, was sich positiv auf eine Laufbahn auswirkt: der individuelle Arbeitnehmer selbst? Der Arbeitgeber? Der Staat?

Kurzum, mit der Empfehlung des SER rückt einer Lernkultur etwas näher, aber es ergeben sich direkt wieder neue Fragen und das letzte Wort zu diesem Thema ist sicherlich noch nicht gesagt. Fortsetzung folgt zu gegebener Zeit.

 

[i] SER, Leren en ontwikkelen tijdens de loopbaan, 2017

[iii] OCW/SZW, Kamerbrief Leven Lang Leren, 2014; OCW/SZW, Kamerbrief voortgang leven lang leren, 2015

[v] Jumbo Klercq, Bildung en de school van de toekomst https://ec.europa.eu/epale/nl/node/15005

[vi] Arnold Cornelis, De logica van het gevoel, 1998

[vii] Sander Pley, Wij willen Bildung, wij willen Bildung, in: Vrij Nederland 2012

[viii] Marli Huijer, Bildung, de tandeloze tijger, in: Trouw, 2015

[ix] Peter Sloterdijk, De verschrikkelijke kinderen van de nieuwe tijd, 2015

[xi] Uk Department  for Innovation, Universiteis and Skills, The Learning Revolution, 2009

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