chevron-down chevron-left chevron-right chevron-up home circle comment double-caret-left double-caret-right like like2 twitter epale-arrow-up text-bubble cloud stop caret-down caret-up caret-left caret-right file-text

EPALE - Pjattaforma Elettronika għat-Tagħlim għall-Adulti fl-Ewropa

Blog

Erwachsenenbildung im Grenzland

01/07/2020
minn CONEDU Austria
Lingwa: DE

Das Bildungshaus Retzhof liegt in Österreich an der slowenischen Grenze und ist seit jeher ein Ort grenzüberschreitender Bildung. Wie sich die Bildungsarbeit an der Grenze entwickelt hat und welche Herausforderungen und Chancen grenzüberschreitende Bildung bringt, erzählen der pädagogische Leiter Joachim Gruber und die pädagogische Mitarbeiterin Polonca Kosi Klemenšak im Interview. (Lesedauer: ca. 6 Minuten)

CC BY-SA 4.0 Geertivp, limjoch Grenzstein Österreich, common.wikimedia.org; bearb. durch CONEDU/Paar

Lucia Paar: Herr Gruber, Sie sind seit 1999 am Retzhof und haben demnach die EU-Osterweiterung dort miterlebt. Wie hat sich dadurch die Bildungsarbeit gewandelt?

Gruber: Den Wandel hat man vor allem schon die Jahre davor gemerkt. Eine gewisse Normalität zu unseren Nachbarn Tschechien, Slowenien und Ungarn hat ca. im Jahr 1995 begonnen. Da haben sich die Länder konstituiert und es gab erste Kontakte und Schritte. Aber der Retzhof war schon davor über die Landesgrenzen als Bildungshaus bekannt, zumindest im deutschsprachigen Raum. Dem Retzhof ist es immer wieder gelungen, über den Eisernen Vorhang hinweg Menschen zu versammeln. Zum Beispiel gab es LehrerInnentagungen, die schon vor 1995 grenzüberschreitend einmal im Jahr am Retzhof stattgefunden haben. Was es auch immer wieder gegeben hat, war, dass Leute aus der DDR am Retzhof ihren Auftritt im Westen gehabt haben. Das ist eine interessante Eigenheit des Hauses, dass der Kontakt zu den damals sogenannten Ostblockländern so manches zu Wege gebracht hat. Ab 1999 war es kein besonderes Thema mehr, da hat es keine Grenzüberwindungen der besonderen Art mehr gebraucht.

2004 gab es am Retzhof eine inhaltliche Neuausrichtung: Das Bildungshaus sollte Netzwerkpunkt der EU werden. Welche Schritte sind gesetzt worden, wie gelingt das heute?

Gruber: Die Initiative ist eigentlich von uns gekommen. Die geografische und geopolitische Lage hatte sich verändert. Ganz Mitteleuropa hatte sich ein bisschen neu aufgestellt. Ich habe angeregt, dass wir dem gerecht werden sollten als Bildungshaus zwischen den zwei Universitätsstädten Maribor und Graz. Und die damalige Landesrätin Edlinger-Ploder hat das aufgenommen. So haben wir das in ein Programm gegossen, damit eine grenzüberschreitende Bildungsarbeit gefördert und intensiviert wird. Ich sage auch offen und ehrlich: Es war schwierig zu Beginn und zäh. Das hat sich erst dann geändert als Polonca über ein EU-Programm in das Team gekommen ist. Da hat sich so manche Tür zu Slowenien geöffnet. Die Kontaktaufnahme war unkomplizierter.

Wie schaut die grenzüberschreitende Zusammenarbeit aus? Welche Projekte hat es gegeben oder gibt es noch?

Klemenšak: Ich habe 2006 am Retzhof begonnen und ich war für die grenzüberschreitende Bildungsarbeit zuständig. Wir haben dann ein EU-Projekt eingereicht, das 2008 genehmigt wurde. Da hat es begonnen, dass wir auch laufend EU-Projekte machen. Wir haben Länder-Partnerschaften im europäischen Raum. Mit den Partnern arbeiten wir immer zu einem gewissen Thema, z.B. zu Diversität, Barrierefreiheit, politischer Bildung, Geschichte oder Nachhaltigkeit - immer zu gesellschaftspolitisch aktuellen Themen. Vor sieben Jahren haben wir auch begonnen über Erasmus+ Weiterbildungen im Ausland zu machen. Wenn man sich mit Leuten in einem anderen Land austauscht und Neues sieht, da holt man immer Ideen für die eigene Organisation mit. Da blickt man anders auf die Dinge, das ist schon sehr bereichernd für die eigene Arbeit und für sich selbst. In den letzten Jahren haben wir ein großes und gutes Netzwerk in ganz Europa aufgebaut, außerdem sind wir Mitglied bei EAEA.

Frau Klemenšak, Sie pendeln seit 2006 regelmäßig von Slowenien nach Österreich zur Arbeit: Wie nehmen Sie die Grenze im Zeitverlauf persönlich und im Kontext der Bildungsarbeit wahr?

Klemenšak: Früher als ich ein Kind war, haben wir immer einmal in ein paar Monaten in Österreich eingekauft. Das fand ich super, weil es andere Dinge gab. Das ist geblieben. Die Diversität und andere Sprachen haben mich immer interessiert und gereizt. Schließlich ist die Gelegenheit gekommen, dass ich ein Praktikum in Österreich, am Retzhof, machen konnte. Die Arbeit hat mir so gefallen und ist so facettenreich, dass ich dann geblieben bin. Das war damals 2006 als Praktikantin. Da war es schon etwas Besonderes. Seit es nun keine Beschäftigungsbewilligung mehr braucht (seit 2011), ist es ganz normal, zwischen Slowenien und Österreich zu pendeln. Die Grenze hat bis 2015 nicht mehr existiert. Dann mit den Migrationsbewegungen 2015 hat man wieder mit den Grenzkontrollen angefangen. Das ist schon eine Einschränkung. Auch die physische Grenze macht etwas aus für die Grenzen im Kopf. Wo physische Grenzen verschwunden sind, ist es auch in den Köpfen offener. Das merkt man auch in der Bildungsarbeit. Es gibt viele Initiativen, die sich vernetzen, aber es gibt auch noch immer Luft nach oben.

Frau Klemenšak, was bedeutet für Sie Bildungsarbeit im Grenzland?

Klemenšak: Die Erwachsenenbildung ist schon per se ein eigenes Feld und nicht so einfach an den Mann oder die Frau zu bringen. Gerade in der allgemeinen Erwachsenenbildung braucht man viel Energie, um die Leute dafür zu gewinnen. Bei der grenzüberschreitenden Bildungsarbeit ist es manchmal noch doppelt so schwierig, weil man viele andere Dinge zusätzlich beachten muss. Wie ist es mit der Sprache? Braucht es jemanden, der/die übersetzt? Das bedeutet doppelt so viel Arbeit und Energie. Unsere Bestrebung ist es daher auch, uns zukünftig noch besser darauf konzentrieren zu können. Darum wollen wir von der großen Breite der Angebote ein bisschen weggehen und mehr die Politische Bildung fokussieren. Dadurch haben wir dann mehr Kapazität für grenzüberschreitende Aktivitäten, weil man das gut verbinden kann. Es wird auch wichtig sein, noch mehr in die Bewerbung der Angebote zu gehen, damit auch die SlowenInnen noch besser Bescheid wissen, dass es für sie auch Angebote in Österreich gibt.

Sie wollen den Fokus also vermehrt auf politische Bildung richten? Ist das grenzüberschreitend nicht eine Herausforderung?

Gruber: Wir betreiben politische Bildung unserem Auftrag folgend eher „populär“. Wir organisieren z.B. Grenzlandwanderungen. Das ist etwas, was eher der allgemeinen Erwachsenenbildung zuzurechnen ist. Da transportiert man auch Politisches, aber es ist ein weniger heikler Zugang.

Klemenšak: Es geht mehr um die Entdeckung und das Kennenlernen im Nachbarland. Und in einer Grenzregion sind Geschichte, Identität, Diversität und Migration immer gesellschaftspolitische Themen, die in so einer Region ohnehin immer auftauchen, weil die Region auch dadurch geprägt ist.

Wo sehen Sie den Mehrwert der grenzüberschreitenden Bildungsarbeit?

Gruber: Es ist für mich eigentlich kein besonderer „Mehrwert“, es ist einfach interessant zu reisen, etwas Anderes kennenzulernen, andere Kulturen, Sprachen, Denkweisen, Landschaften zu sehen. Auch wenn ich durch das Burgenland fahre mit all seinen kroatischen Sprachinseln, dann ist das für mich ebenso interessant.

Klemenšak: Eine Grenzregion kann allerdings schon durch Zusammenbringen von Menschen wirtschaftlich und sozial davon profitieren.

Gruber: Ja, für viele ist es wohl ein wirtschaftlicher Vorteil. Wenn ich fähig bin, mich im anderen Land gut zu bewegen, habe ich auch viele Chancen. Für mich persönlich hat es aber keinen wirtschaftlichen Mehrwert, ich finde es einfach spannend grenzüberschreitende Bildungsarbeit zu leisten.
Was natürlich schon einen Vorteil in der Bildungsarbeit bringt, ist, dass man von anderen lernen kann und schauen kann, wie andere Länder mit gesellschaftlichen Herausforderungen umgehen. Ob es z. B. eine neue Form im Umgang mit behinderten oder dementen Menschen gibt oder neue Formen von sozialpädagogischer Betreuung. Demenz ist zum Beispiel ein wichtiges Thema für die Erwachsenenbildung: Was macht man mit den Menschen im Bildungsbereich? Was gibt es für Modelle, was gibt es für Ideen dazu? Was machen die anderen und was machen wir daraus? Und das kann man nicht immer im regionalen Rahmen beantworten. Da braucht es einen internationalen Blick. Das schwierige ist hierbei, dass die grenzüberschreitende Vernetzung und Zusammenarbeit kontinuierlich betrieben werden muss und es nicht sofort Ergebnisse gibt. Das ist vergleichbar mit einem Betrieb, der erst einmal fünf Jahre lang einen Impfstoff erforschen muss damit man die Wirkung sieht und damit man ihn nach zehn Jahren dann praktisch bei den Menschen einsetzen kann. Das ist das schwierige an der Bildungsarbeit.

Was wünschen Sie sich für den Retzhof zukünftig?

Gruber: Ich wünsche mir eine international ausgerichtete Bildungsarbeit – in einem ersten Schritt EU-weit, im zweiten Schritt weltweit. Österreich fühlt sich da bisher nicht so sehr der Internationalität zugewandt. Aber ich denke, dass da kein Weg daran vorbeiführt. Wenn ich mich dem verweigere ist es so als würde ich sagen, dass ich keinen PC starten will. Wer sich zukünftig nicht international vernetzt und bewegt, wird zurückbleiben.


Weitere Informationen:


Text/Author of original article in German: Lucia Paar/CONEDU

Redaktion/Editing of original article in German: Jennifer Friedl/CONEDU

Bild/Picture: CC BY-SA 4.0, Geertivp, Flimjoch Grenzstein Österreich, commons.wikimedia.org; bearb. durch CONEDU/Paar

Share on Facebook Share on Twitter Epale SoundCloud Share on LinkedIn Share on email