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Blog

Warum in Zeiten des Coronavirus ein auf sozialer Gerechtigkeit basierender Bildungs- und Berufsberatungsansatz wichtig ist

31/03/2020
minn EPALE Österreich
Lingwa: DE
Document available also in: EN LV
Verfasser: Tristram Hooley, Ronald Sultana und Rie Thomsen

In diesem Blog-Post, der ursprünglich unter www.careerguidancesocialjustice.wordpress.com (externer Link) veröffentlicht wurde, diskutieren Tristram Hooley, Ronald Sultana und Rie Thomsen den Einfluss, den das Coronavirus auf unsere Berufslaufbahn ausübt. Ihrer Meinung nach müssen Regierungen anerkennen, dass die Bildungs- und Berufsberatung jetzt einer dringenden Unterstützung bedarf, da die Berufslaufbahnen der Menschen durch das Virus empfindlich aus dem Gleis geraten. Doch, so argumentieren sie weiter, reicht Krisenmanagement allein nicht aus. Die Bildungs- und Berufsberatung muss den Menschen auch helfen zu verstehen, wie Politik und Machtverhältnisse die Welt nach dem Coronavirus gestalten werden. In dieser Situation müssen wir darüber nachdenken, wie wir die Welt auf der Grundlage der neuen Normalität gerechter, humaner und nachhaltiger gestalten können.

In den letzten Jahren haben wir darüber geschrieben, wie wichtig es ist, Menschen und Gemeinschaften zu helfen, ihre Vorstellungen von „Karriere“ zu erweitern. Das Wort „Karriere“ beschreibt nicht nur den Zeitraum, in dem wir unsere Zeit auf dem Arbeitsmarkt an den Höchstbietenden verkaufen. Sie ist vielmehr als roter Faden zu verstehen, der sich durch unser Leben zieht und unsere bezahlte Arbeit mit unserer unbezahlten Arbeit, unserer Ausbildung, unserer Familienzeit, unserer Freizeit, unserer Bürgerschaft und allen anderen Elementen unseres Lebens verbindet. Karriere bedeutet, nach neuen Wegen des Menschseins im Anthropozän zu suchen, nach Wegen, die das Selbst als symbiotisch eingebettet in unsere Gemeinde, und ja, in eine zunehmend gefährdete Umwelt sehen.

Wenn der Begriff der „Karriere“ der Held unserer Geschichte ist, dann ist der „Neoliberalismus“ der Bösewicht. Neoliberale Strukturen und die Kolonialisierung des Denkens durch die Kultur des Neoliberalismus haben das potenziell emanzipatorische Versprechen einer Karriere (indem wir selbst bestimmen, was wir mit unserem Leben anfangen) in einen Prozess verwandelt, der von Individualismus, Wettbewerb, Unsicherheit, Lohnsklaverei und Unterdrückung geprägt ist.

Unsere Kritik an vielen bisherigen Publikationen zum Thema Karriere lautet, dass sie sich allein auf die emanzipatorische Handlungsfähigkeit konzentrieren und die Art und Weise außer Acht lassen, wie die politische Ökonomie diese Handlungsfähigkeit formt und die Elemente der Selbstverwirklichung aushöhlt. Die Karriere in einer vom Neoliberalismus geprägten Zeit ist kaum mehr als ein Konkurrenzkampf und ein Laufen im Hamsterrad, das letztlich unser Menschsein beeinträchtigt und die allgemeine Umwelt höchst zerstörerischen Kräften aussetzt.

Im Bewusstsein der Bedeutung der „Karriere“ oder Laufbahn als Weg zur menschlichen Entfaltung einerseits und der Rolle des Neoliberalismus bei der Zerschlagung von Hoffnungen und Chancen andererseits muss die „Laufbahnberatung“ bzw Bildungs- und Berufsberatung (in dieser Übersetzung des Begriffs „career guidance“ synonym verwendet, Anmerkung EPALE Österreich) den Fehdehandschuh werfen. Wir argumentieren, dass Bildungs- und Berufsberatung ihrem Kern nach eine zielgerichtete Lernchance ist, die Einzelnen und Gruppen hilft, Arbeit, Freizeit und Lernen im Lichte neuer Informationen und Erfahrungen zu überdenken und neu zu denken und in der Folge sowohl individuelle als auch gemeinsame Maßnahmen zu ergreifen (aus Career Guidance for Social Justice). Wir meinen, dass Laufbahnberatung in der Welt, in der wir leben, menschliches Wohlergehen und Emanzipation unterstützen und den Menschen helfen kann, die Herrschaftsmechanismen des Neoliberalismus herauszufordern und zu überwinden. Wir wollen die mit Macht und ihrem Kontext verbundenen Herausforderungen nicht ignorieren oder neutral betrachten, denn das hieße, vom Versprechen der Bildungs- und Berufsberatung abzurücken, den Bürger/innen zu helfen, ein sinnvolles Leben zu führen.

Die Wurzeln unserer Arbeit liegen eindeutig in der Finanzkrise von 2007-2008. Während wir auf einer starken Tradition der Arbeit an der kritischen Pädagogik und einer etwas schwächeren Tradition der Arbeit an der radikalen oder emanzipatorischen Bildungs- und Berufsberatung aufbauen, eröffneten die Krise des Neoliberalismus im Jahr 2008 und die anschließenden Turbulenzen und Stillstände den Raum für einen neuen Diskurs auf unserem Gebiet. Die Versprechen der neoliberalen Rhetorik eines unendlichen Wachstums von Reichtum und Konsum schienen in immer weitere Ferne zu rücken. Tatsächlich erwiesen sich solche Versprechen an den Einzelnen als schädlich für uns Menschen und das Ökosystem, in dem wir leben. Nach 2008 verbreiteten sich radikale Ideen über alternative Möglichkeiten der gesellschaftlichen Organisation, und wir in unserer kleinen Nische der Welt stellen uns die Frage, welche Rolle die Bildungs- und Berufsberatung in dieser globalen Diskussion über die Zukunft – unsere Zukunft – spielen kann.

Auftritt Coronavirus

In dem Zeitraum, in dem wir über diese Dinge schreiben, bringt die Welt immer verwirrendere Phänomene hervor. Auf der einen Seite ist es die Zeit von autoritären Politikern, die Zeit des Brexit und die Zeit des Erstarkens der nationalistischen extremen Rechten. Auf der anderen Seite erleben wir neue Formen des Widerstands in Gestalt von Greta Thunberg, der Podemos-Partei in Spanien und linker Ausschläge der Labour Party in Großbritannien und der Demokraten in den USA. Während es schwierig genug war, die internationalen Auswüchse des späten Neoliberalismus zu verstehen, betrat Anfang 2020 das Coronavirus die Bühne und scheint alle bisherigen Regeln der politischen Ökonomie auf den Kopf zu stellen.

Das Coronavirus scheint aus dem Nichts gekommen zu sein. Es erinnert uns daran, dass der Mensch nicht der alleinige Akteur auf dem Planeten ist und dass Dinge passieren können, die nicht das Ergebnis von Politik, sozialer Bewegungen oder gar politischer oder wirtschaftlicher Systeme sind. Es führt uns dramatisch vor Augen, dass wir verwundbar sind, dass die bisherigen Selbstverständlichkeiten unseres Lebens, ziemlich schnell, umfassend und scheinbar grundlos ins Wanken geraten und sogar zunichtegemacht werden können.

Doch obwohl uns das Coronavirus scheinbar rein zufällig getroffen hat, sollten wir es nicht außerhalb seines Kontexts betrachten. Wie die Pandemieforscherin Nita Madhav und ihre Kolleg/innen 2017 schrieben, „hat die Wahrscheinlichkeit von Pandemien im letzten Jahrhundert aufgrund der zunehmenden globalen Reisen, der verstärkten Integration, Verstädterung und Veränderung der Bodennutzung sowie einer stärkeren Ausbeutung der natürlichen Umwelt zugenommen". Darüber hinaus stellen sie fest, dass Länder, die über starke Gesundheitssysteme und die Fähigkeit verfügen, konzertierte, systemische Maßnahmen zu ergreifen, besser in der Lage sind, mit Pandemien umzugehen. Sie weisen auch auf einige der Gefahren hin, die damit verbunden sind, dass die Fähigkeiten zum Umgang mit Pandemien weltweit nicht gleichmäßig verteilt sind, denn wir sind nur so stark wie das schwächste Glied in der Kette.

Das alles erinnert uns daran, dass neoliberales Denken und Handeln das Coronavirus zwar nicht verursacht haben, dass aber die Welt in ihrem derzeitigen Zustand sehr schlecht gegen solche Pandemien und Naturkatastrophen gewappnet ist. Das ist eine Lehre, die viele von uns aus dem Hurrikan Katrina 2005 und dessen Folgen gezogen haben oder hätten ziehen müssen. Eine neoliberale Politik, die darauf abzielt, den Staat „zurückzudrängen“ und die Verantwortung für die Gesundheits- und Sozialfürsorge dem Einzelnen zu übertragen, verringert unweigerlich unsere Fähigkeit, Krisen wie Pandemien als Gesellschaft gemeinsam zu bewältigen. Wie der Volkswirt Will Davies schrieb, wird das „Ende des Keynesianismus allzu oft unter fiskalischen und monetären Gesichtspunkten gesehen. Aber es war auch epistemologisch bedingt. Der neoliberale Staat gab die Bemühungen um eine gemeinschaftliche Regierung auf und weiß jetzt nicht mehr, wie er regieren soll“. Zurzeit erleben wir verschiedene Arten von Reaktionen der Regierungen verschiedener Staaten – von jenen, die keine klare politische Antwort auf die Krise geben, bis hin zu jenen (sowohl Staaten mit einem etablierten Sozialsystem als auch wirtschaftlich liberalere Staaten), die Arbeitslose entschädigen und die notwendigen Kosten für die Aufrechterhaltung der Geschäftstätigkeit abdecken, während die „Unternehmen im Winterschlaf liegen“, wie die Berkely-Ökonomen Saez und Zucman es ausdrücken.

All das hat zu dem unerfreulichen Spektakel geführt, dass die führenden Politiker/innen in aller Welt in völlige Panik und Unsicherheit über das weitere Vorgehen verfallen sind. Während einige wenige Ideologen wie der Brite Ian Duncan Smith während der gesamten Zeit der Pandemie an ihrer neoliberalen Ideologie festhalten, suchen die meisten verzweifelt nach Instrumenten, die es ermöglichen könnten, den sozialen und wirtschaftlichen Zusammenbruch zu vermeiden. Dies hatte einige merkwürdige Neuausrichtungen zur Folge, z. B. beim ehemaligen republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney, der plötzlich über ein bedingungsloses Grundeinkommen nachdachte und Südkorea, das internationales Lob für die starke staatliche Intervention des Landes erhielt.

Was die langfristigen Auswirkungen der Pandemie anbelangt, können wir verschiedene Szenarien entwickeln. Im optimistischsten Fall hat bis zum Sommer wieder die „Normalität“ Einzug gehalten. Realistischere Modelle lassen jedoch darauf schließen, dass der Schaden für die Wirtschaft auch dann real und erheblich ausfallen dürfte, wenn die Pandemie durch ein technisches Wunder verschwindet. In der Zeit des „Social Distancing“ (soziale Distanzierung) werden zahllose Restaurants, Bars, Fluggesellschaften und Geschäfte sonder Zahl ihre Pforten geschlossen haben und ohne umfangreiche staatliche Unterstützung und wirtschaftliche Anreize nicht wieder auf die Beine kommen. Hochqualifizierte Arbeit verlagert sich derzeit zunehmend ins Netz. Während noch unklar ist, ob es sich dabei um eine langfristige Veränderung handelt, ist es unbestreitbar, dass ein Kampf über die neue Normalität der Arbeit und des Arbeitsleben entbrennen wird.

Wie fügen sich Karriere und Karriereberatung in dieses Szenario ein?

Das Coronavirus hat bereits eine der tiefgreifendsten und kollektivsten Verschiebungen unserer Berufslaufbahnen seit dem Zweiten Weltkrieg in Gang gebracht. Das bezieht sich vor allem auf die wachsende Einsicht, dass wir in der Klimakrise den Kipppunkt erreicht haben und dass die Vorstellungen von Arbeit auf Grundlage einer unendlich wachsenden Wirtschaft schlicht und einfach und auf alle Zeit unhaltbar geworden sind. Die Pandemie versetzt unseren gewohnten Vorstellungen von Arbeit, Freizeit, Familienleben und Gesellschaft den K.O.-Schlag. Viele Ratschläge für den Aufbau einer erfolgreichen Karriere sind wertlos geworden. In einer Welt, in der die physische Anwesenheit im Büro, konventionelles Networking und persönliche Vorstellungsgespräche der Vergangenheit angehören, muss die Karriereberatung ihre Botschaften radikal und schnell ändern. Dazu kommt, dass die Karriereberatung seit jeher ihre Schwächen hat, wenn es um informelle und prekäre Beschäftigungsformen geht. Im gegenwärtigen Umfeld brauchen Beschäftigte in prekären Arbeitsverhältnissen jedoch dringend Hilfe und Unterstützung, zumal viele der Branchen, in denen sie tätig sind, vor dem Zusammenbruch stehen.

Während das Coronavirus in erster Linie eine Bedrohung unserer Gesundheit darstellt, dürfte die sekundäre Bedrohung – die der Wirtschaft – in vielerlei Hinsicht noch stärkere Auswirkungen haben. Wir müssen mit einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit, einer verstärkten Verlagerung von Arbeitsplätzen und einer Veränderung der Arbeitsinhalte rechnen. Angesichts von Schulschließungen und des Verbots von Freizeitaktivitäten müssen wir auch erwarten, dass die Arbeit stärker in den Lebensmittelpunkt der Menschen rückt und immer enger mit dem Familienleben verwoben wird. Wir werden vermutlich auch das Entstehen neuer Ungleichheiten erleben, da sich Angestellte – mit Ausnahme der Beschäftigten im Gesundheitswesen, die an der Front bleiben – hinter ihren Laptops vor der Krankheit verstecken können, während Arbeiter/innen weiterhin draußen der Gefahr trotzen müssen.

In einer solchen Situation sollte die Bildungs- und Berufsberatung eine wichtige Dienstleistung sein (siehe auch Emma Bolger zu diesem Thema). Wie werden Sie mit den Veränderungen Ihres Einkommenspotenzials, Ihrer Arbeit, Ihrer Familie und Ihres sozialen Lebens umgehen? Was sind die richtigen Strategien, um diese Veränderungen sowohl auf Einzel- als auch auf Gemeinschaftsebene zu bewältigen? Bildungs- und Berufsberater/innen können die Aufgabe übernehmen, gemeinsam mit den Bürger/innen verschiedene Antworten auf diese Fragen zu erforschen. Die Bildungs- und Berufsberatung kann als Resonanzboden für die persönliche Reflexion und als Pool für gesellschaftlich erworbenes Wissen dienen. Natürlich setzt dies voraus, dass Berater/innen ihre Dienste online anbieten. Zum Glück gibt es bereits viele Praktiken, auf denen aufgebaut werden kann (siehe z. B. hier und hier).

Regierungen und andere Interessengruppen müssen auch schnell auf die großen Veränderungen reagieren, die das Coronavirus für Arbeit, Lernen und Freizeit mit sich bringt, und erkennen, dass Bildungs- und Berufsberatung genau die Art von Unterstützung ist, die benötigt wird. Was denken die Menschen über ihr Bildungs-, Lern- und Arbeitsleben in der neuen Zukunft? Die Regierungen müssen Bildungs- und Berufsberatung als Teil des Maßnahmenpakets finanzieren, das als Reaktion auf die Krise angeboten wird.

Von der Krise zur Transformation

In der gegenwärtigen Situation wäre es für die Bildungs- und Berufsberatung  sehr einfach, in den Modus des Krisenmanagements zu verfallen und sich ausschließlich darauf zu konzentrieren, den Menschen während der Pandemie und danach bei der Anpassung an den Karriereprozess zu helfen. Ein solcher Ansatz würde unweigerlich Ausrichtung und Anpassung in den Vordergrund stellen und Gefahr laufen, die Außenwelt als feste und unveränderliche Realität festzuschreiben. Die Menschen erleben in der Zeit des Coronavirus eine neue Realität. Diese Erfahrungen beinhalten in all ihrer Komplexität auch Elemente, auf denen Einzelne und Gemeinschaften aufbauen können und werden.

Die soziale Distanzierung schafft eine transformierende pädagogische Dynamik, die von verschiedenen (politischen, religiösen und anderen) Interessengruppen auf unterschiedliche Weise genutzt werden wird, um verschiedene Arten des Lernens zu fördern und die Menschen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen zu bringen. In einer solchen Situation besteht unsere Aufgabe als Bildungs- und Berufsberater/in darin, den Menschen erkennen zu helfen, dass es für diese Krise eine Reihe von Lösungen gibt, die wir sorgfältig prüfen müssen, und dass wir überlegen müssen, wer von jeder dieser Lösungen profitiert. Diese Art von Analyse kann Einzelnen helfen, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie ihre berufliche Laufbahn effektiver gestalten können, und zu erkennen, dass es bei der Laufbahn nicht nur darum geht zu lernen, wie man Videokonferenzen organisiert oder an ihnen teilnimmt. Vielmehr muss auch Druck ausgeübt werden, um Verbesserungen bei Krankengeldzahlungen, Gesundheitsfürsorge, Arbeitsplatzsicherheit und Kontrolle über die Ausrichtung der Wirtschaft zu erwirken.

Daher argumentieren wir, dass ein auf sozialer Gerechtigkeit basierender Ansatz der Bildungs- und Berufsberatung im Zusammenhang mit dem Coronavirus weiterhin relevant, ja sogar unerlässlich ist. In Career Guidance for Emancipation stellen wir fünf Eckpfeiler eines auf sozialer Gerechtigkeit basierenden Beratungsansatzes vor. Im Zusammenhang mit dem Coronavirus sieht das so aus:

  • Kritisches Bewusstsein aufbauen. In dieser Krisenzeit können Bildungs- und Berufsberater/innen den Menschen helfen, die Situation zu verstehen, anstatt auf rein persönlicher Ebene auf sie zu reagieren. Das bedeutet, die Menschen zu ermutigen, über die politischen Aspekte der Situation nachzudenken und zu überlegen, wie sie zu den Ansätzen von Regierungen, Unternehmen und anderen Akteuren stehen.
  • Unterdrückung beim Namen nennen. Schon jetzt ist klar, dass das Coronavirus nicht alle Menschen gleichermaßen betreffen wird. Das Risiko von älteren Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen und Menschen mit geschwächtem Immunsystem, ihre Arbeit, ihre Gesundheit und möglicherweise auch ihr Leben zu verlieren, wird zunehmen. Indes werden auch Beschäftigte in prekären Arbeitsverhältnissen, Niedriglohnbezieher und Menschen ohne Kapitalreserven vor einzigartigen Herausforderungen gestellt, die über die Erhaltung ihrer Gesundheit hinausgehen. Bleibt eine Unterstützung dieser Gruppen aus, werden sie die Hauptlast der Krise tragen. Bildungs- und Berufsberater/innen können die spezifischen Bedürfnisse dieser Gruppen erkennen, ihnen helfen, Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten in ihrer Behandlung zu erkennen und sich solidarisch mit ihnen organisieren, um sicherzustellen, dass sie weiterhin Zugang zu menschenwürdigen Arbeitsbedingungen haben.
  • Die Normalität in Frage stellen. Was normal ist, verändert sich in der gegenwärtigen Situation schnell. Die Diskussion über eine „Rückkehr zur Normalität“ und darüber, wie die „neue Normalität“ aussieht, wird zum Brennpunkt der politischen Debatte und Diskussion werden. In unseren Berufslaufbahnen dürfte sich dies auf Mikroebene in winzigen Kämpfen darüber manifestieren, wo und wann wir arbeiten sollen, woraus die Arbeit besteht, wie Krankheit, Stress und Wohlbefinden definiert werden sollen etc. Den Einzelnen zu ermutigen, diese Vorstellungen von Normalität in Frage zu stellen, ist eine Schlüsselrolle von Karriereberater/innen.
  • Die Menschen zur Zusammenarbeit ermutigen. Das Coronavirus schafft ein komplexes Umfeld für gesellschaftliche Solidarität. Einerseits führt es zu einer allgemeinen Erfahrung, die Alter, Rasse, Nationalität und andere Unterscheidungsmerkmale in den Hintergrund treten lässt. Andererseits atomisiert es uns und verhindert, dass wir zusammenkommen. Bildungs- und Berufsberater/innen können Einzelnen helfen, sich für gegenseitige Unterstützung, Solidarität und gemeinsames Handeln zusammenzufinden. Wir müssen uns an den Selbsthilfegruppen beteiligen, die derzeit überall aus dem Boden schießen. Während eine neue Normalität entsteht, können Einzelne ihre persönliche und politische Reaktion auf den neuen Karrierekontext gemeinsam überlegen. Die Beratung kann bei der Erleichterung dieser sozialen Interaktion durch verschiedene Online-Tools und andere Instrumente eine wichtige Rolle spielen.
  • Auf verschiedenen Ebenen arbeiten. Schließlich können Bildungs- und Berufsberater/innen zu der Erkenntnis gelangen, dass Karriere nicht nur als Arbeit mit Einzelpersonen angesehen werden kann. In einer Zeit des rasanten Wandels und der Neuverhandlung gilt es sicherzustellen, dass die Menschen sinnvolle Karrierewege aufbauen können. Dabei wird es notwendig sein, in organisatorische, soziale und politische Systeme einzugreifen.

Das letzte Wort ist nicht gesprochen

Die Coronavirus-Pandemie ist eine dauerhafte Situation. Wir erheben nicht den Anspruch zu verstehen, was geschieht oder wohin diese Situation führen wird. Dieser Beitrag ist ein frühzeitiger Versuch, die Situation theoretisch zu betrachten und zu durchdenken, wie die Bildungs- und Berufsberatung auf sie reagieren könnte. Wir würden es begrüßen, von anderen zu hören, die mehr über dieses Thema schreiben wollen.

In der Zwischenzeit fordern wir alle auf, auf sich zu achten, Bildungs- und Berufsberatung nach Möglichkeit auf der Grundlage sozialer Gerechtigkeit zu praktizieren und an der Hoffnung festzuhalten, dass uns die Zukunft trotz allem in eine bessere Welt führen kann.


Dieser Blog-Post wurde ursprünglich unter www.careerguidancesocialjustice.wordpress.com veröffentlicht.

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