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Zur Entwicklung des Begriffs Nachhaltigkeit in den Angeboten und Programmen der Volkshochschulen

10/10/2019
minn Galina Burdukova
Lingwa: DE
Document available also in: EN
Lesedauer circa 7 Minuten - Lesen, liken und kommentieren!

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Nachhaltigkeit in VHSen_Burdukova

Nachhaltigkeit – Ein facettenreicher Begriff

„Nachhaltigkeit“ ist heutzutage als ein Begriff und ein Leitmotiv in verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Kontexten sehr präsent. Auch in der Erwachsenenbildung sind Diskursaktivitäten zum Thema Nachhaltigkeit bemerkbar (bspw. als ein Schwerpunkt in den „Hessischen Blättern für Volksbildung“, 2018/2 oder im „dis.kurs-Magazin“, 2018/1).

Durch Verwendung des Begriffs durch verschiedene Akteure kann der Eindruck entstehen, dass es sich bei Nachhaltigkeit um einen „Containerbegriff“ handelt, der alles aufnimmt, „was mit Ressourcenwahrung oder Dauerhaftigkeit zu tun hat“ (Ebsen-Lenz & Egloff, 2018, S. 105). In der Politik wird darunter jedoch ein konkretes, seit dem UN-Weltgipfel von 1992 in Rio de Janeiro international anerkanntes Konzept subsummiert, das nach „einer wirtschaftlich leistungsfähigen, sozial ausgewogenen und ökologisch verträglichen Entwicklung“ verlangt (Bundesregierung, 2018, S. 23). Aktuell handelt es sich um die Agenda 2030 mit 17 globalen Nachhaltigkeitszielen und Nachhaltigkeitsindikatoren, und in Bezug auf den Bildungsbereich um das Konzept „Bildung für nachhaltige Entwicklung“.

Auf Bildung bezogene Themen des Nachhaltigkeitsdiskurses weisen eine große Komplexität und Vielfalt auf, was u.a. daran liegt, dass die Bildungsbereiche, die sich auf den Nachhaltigkeitsdiskurs beziehen, sehr vielfältig sind: die Umweltbildung, das Globale Lernen, die Konsumerziehung sowie die Freizeitpädagogik (de Haan, 2001, S. 29). Das Konzept einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung ist nach Richter (2015, S. 1) „ein Rahmenkonzept unterschiedlicher pädagogisch-didaktischer Ansätze, die einen Beitrag zur Bildung mündiger und handlungsfähiger Weltbürgerinnen und -bürger leisten wollen“.

Die Erwachsenenbildung ist ein kaum regulierter Bildungsbereich und die Nachfrage sowie gesellschaftliche Diskurse, institutionelle und individuelle Schwerpunktsetzungen spielen bei der professionellen Programmplanung eine große Rolle (exemplarisch Gieseke und Opelt, 2005; Käpplinger et al., 2017; Fleige et. al, 2019). Zudem ist der pädagogische Diskurs zum Themenschwerpunkt Nachhaltigkeit – wie oben erwähnt - sehr vielfältig. Deshalb stellt sich die Frage, mit welchem Verständnis von Nachhaltigkeit Volkshochschulen ihre Angebote und Programme mit diesem Schwerpunkt entwickeln. Um dies genauer zu untersuchen, wurde eine Programmanalyse im Rahmen des Projekts RetroPro 2 zur Digitalisierung und Vervollständigung des öffentlich zugänglichen digitalen Volkshochschul-Programmarchivs des DIE auf Basis der Materialien und Funktionen des Archivs durchgeführt (Burdukova, 2019).

Programmanalyse zur längsschnittlichen Untersuchung der Auslegung von Nachhaltigkeit

Ziel der Programmanalyse war, das Verständnis und die Auslegung von Nachhaltigkeit im Zeitverlauf zu rekonstruieren. Durch einen Rückblick auf die Entwicklung der Thematik sollte eine Basis für die Reflexion der derzeitigen Praxis im Hinblick auf die Programm- und Angebotsentwicklung zum Themenschwerpunkt Nachhaltigkeit geschaffen werden. Die Praxis sollte somit analysierbar und analysiert werden.

In die Analyse wurden diejenigen Angebote einbezogen, die entweder den Begriff Nachhaltigkeit in der Angebotsankündigung enthalten oder in eine Rubrik mit dem Begriff Nachhaltigkeit eingeordnet sind. In der Stichprobe wurden rund 1100 Angebote aus insgesamt 223 Programmheften von 40 Volkshochschulen aus 14 Bundesländern aus den Jahren 1989 bis 2014 nach drei Zeitabschnitten (1989 – 1998, 1999 – 2006, 2007 – 2014) inhaltsanalytisch ausgewertet.

Verständnis von Nachhaltigkeit ist mehrdimensional, vorwiegend ökologisch und lebensweltlich geprägt

Bei der Programmanalyse wurde festgestellt, dass die Verwendung des Begriffs in seiner ursprünglichen, alltagssprachlichen Bedeutung – bzw. im Sinne einer „längere Zeit anhaltende[n] Wirkung“ (Duden, 2018) – in den Programmheften auch vertreten ist: So ging es um die „Nachhaltigkeit des Entspannungsvorgangs“ (VHS 18, 1987, S. 29, Burdukova, 2019, S. 46-47) oder die „Nachhaltigkeit der ambulanten Behandlung in Wohnortnähe“ (VHS 14, 1995/2, S. 93, ebd.). Die alltagssprachliche Verwendung variiert zwischen 2,6 Prozent (1999 – 2006) über 4,8 Prozent (1989 – 1998) bis 8,4 Prozent (2007 – 2014).

Bei den Angeboten außerhalb der Alltagssemantik wurden zwei Aspekte untersucht, nämlich einerseits die Themen der Angebote und andererseits die verschiedenen Ebenen (Handlungs- oder Verwertungsebenen): Lebenswelt, lokale Ebene und übergreifende Ebene.

Die qualitativen Analysen (bezogen auf die Stichprobe) haben die Bedeutungsvielfalt des Begriffs Nachhaltigkeit in der Stichprobe offengelegt: Der Begriff ist mehrdimensional, weist also politische, wirtschaftliche, ökologische, kulturelle u.a. Dimensionen auf.

Auch die Ausprägungen innerhalb der Dimensionen sind sehr vielfältig. In der wirtschaftlichen Dimension kommen bspw. Aspekte wie Nachhaltiges Investieren, Fairer Handel, Grenzen des Wirtschaftswachstums etc. zum Ausdruck. Doch besonders ausdifferenziert ist die ökologische Dimension: Sie umfasst die Aspekte des ökologischen Bauens und Wohnens, erneuerbarer Energien, nachhaltiger Ernährung, Artenvielfalt etc.

Auffällig ist, dass die Programme der für die Untersuchung herangezogenen Volkshochschulen nicht gleichmäßig auf die Dimensionen bezogen sind, sodass dies auf deutliche Differenzen von Volkshochschule zu Volkshochschule im Umgang mit dem Themenschwerpunkt hindeutet.

Bei quantitativen Analysen und Fallanalysen in der Stichprobe nach drei Zeitabschnitten (1989 – 1998, 1999 – 2006, 2007 – 2014) war jedoch eine Tendenz erkennbar: Bei aller Verschiedenheit der Angebote gehen politisch oder wirtschaftlich ausgerichtete Angebote auf der übergreifenden Ebene mit der Zeit im relativen Vergleich zurück und Angebote mit der ökologischen Thematik und im Hinblick auf die Lebenswelt gewinnen immer mehr an Bedeutung.


/mt/file/abbildung-1-thematische-entwicklung-der-angebote-1989-2014-relative-zahlen-burdukova-2019-s-76Abbildung 1: Thematische Entwicklung der Angebote 1989–2014 (relative Zahlen) (Burdukova, 2019, S. 76)

Abbildung 1: Thematische Entwicklung der Angebote 1989–2014 (relative Zahlen) (Burdukova, 2019, S. 76)

Abbildung 1: Thematische Entwicklung der Angebote 1989–2014 (relative Zahlen) (Burdukova, 2019, S. 76)

/mt/file/abbildung-2-thematische-entwicklung-der-angebote-nach-ebenen-relative-zahlen-burdukova-2019-sAbbildung 2: Thematische Entwicklung der Angebote nach Ebenen, relative Zahlen (Burdukova, 2019, S. 78)

Abbildung 2: Thematische Entwicklung der Angebote nach Ebenen, relative Zahlen (Burdukova, 2019, S. 78)

Abbildung 2: Thematische Entwicklung der Angebote nach Ebenen, relative Zahlen (Burdukova, 2019, S. 78)


Bei den Fallanalysen wurde zudem deutlich, dass es mit der Zeit zur Aufsplitterung in soziale, kulturelle, philosophische, ethische etc. Dimensionen kommt. Es handelt sich hier um eine weitere Ausdifferenzierung der Thematik und somit um eine Ausdifferenzierung des Verständnisses und im Umgang mit dem Thema.

Zusammenfassung

Ziel der Untersuchung war die Rekonstruktion des Begriffs „Nachhaltigkeit“ vor dem Hintergrund der Angebote und Programme der Volkshochschulen. Das Ergebnis der  Untersuchung zeigt, dass in den Angeboten der Stichprobe das Verständnis von Nachhaltigkeit vor allem ökologisch geprägt und lebensweltlich ausgerichtet ist. Dennoch hat der Begriff viele Facetten, ist sehr interdisziplinär vertreten.

Diese Vielfalt hängt vermutlich nicht nur mit der Nachfrage zusammen, die je nach Region unterschiedlich ausfallen kann, sondern vielmehr mit der Wahrnehmung und Auslegung des Diskurses seitens der konkreten Programmplanenden sowie mit Kooperationen und Netzwerkarbeit vor Ort. Dies deutet sich beispielsweise auch schon in den Berichten aus der Praxis im „dis.kurs-Magazin“ (2018/1) an. Um dies zu überprüfen, können weitere Untersuchungen angeschlossen werden.


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Über die Autorin: Galina Burdukova ist M.A. Erwachsenenpädagogik, und war wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (bis 30.09.2019).


Literatur:

Burdukova, G. (2019). Nachhaltigkeit als Thema in den Programmen und Angeboten der Volkshochschulen im Zeitverlauf. Programmanalysen auf der Basis des digitalen Volkshochschulprogrammarchivs am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung. Texte-online des DIE. Verfügbar unter: http://www.die-bonn.de/id/37081

Bundesregierung (2016). Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie. Berlin: Eversfrank.

Ebsen-Lenz, M. & Egloff, B. Bildung zur Nachhaltigkeit – Zur Einführung in den Themenschwerpunkt. Hessische Blätter für Volksbildung, 1998 (2), 103–110.

Fleige, M., Gieseke, W., von Hippel, A., Käpplinger, B., Robak, S. (2019). Programm- und Angebotsentwicklung. 2. Auflage. wbv: Bielefeld.

Gieseke, W. & Opelt, K. (2005). Programmanalyse zur kulturellen Bildung in Berlin/Brandenburg. In W. Gieseke, K. Opelt, I. Stock & I. Börjesson (Hrsg.), Kulturelle Erwachsenenbildung in Deutschland: Exemplarische Analyse Berlin/Brandenburg (S. 43–108). Münster: Waxmann.

Hessische Blätter für Volksbildung, 1998 (2).

de Haan, G. (2001). Was meint „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ und was können eine globale Perspektive und neue Kommunikationsmöglichkeiten zur Weiterentwicklung beitragen? In O. Herz, H. Seybold & G. Strobl (Hrsg.), Bildung für nachhaltige Entwicklung. Globale Perspektiven und neue Kommunikationsmedien (S. 29–45). Opladen: Leske und Budrich.

dis.kurs. Das Magazin der Volkshochschulen, 1/2018, 22–23.

Käpplinger, B., Robak, S., Fleige, M., von Hippel, A. & Gieseke, W. (2017). Cultures of Program Planning in Adult Education. Concepts, Research Results and Archives. Frankfurt am Main: Peter Lang.


Bildnachweis: Pixabay Mohamed_Hassan

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