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Emuārs

Wissen transferieren, Erfahrungen teilen, voneinander lernen. Vom deutschen ProfilPASS zum Pasos kompetencija in den Ländern des Westbalkans

01/04/2020
Brigitte Bosche
Valoda: DE
Document available also in: EN HR

Lesedauer circa 13 Minuten – Lesen, liken und kommentieren.


Menschen können oftmals mehr, als sie über sich glauben. Das gilt insbesondere für das, was sie außerhalb von Schule und Ausbildung gelernt haben, z.B. im Ehrenamt, durch ein Hobby, in der Familie oder durch besonders herausfordernde Lebenssituationen. Seit 2006 gibt es in Deutschland den ProfilPASS, mit dem Menschen das, was sie im Lauf ihres Lebens gelernt haben, systematisch sichtbar machen können. Bei dieser Spurensuche nach ihren individuellen Stärken werden sie von qualifizierten Beratern und Beraterinnen unterstützt. Am Ende erhalten sie nicht nur eine Kompetenzbilanz, sondern können gestärkt von dem Prozess ihre Zukunft besser planen. Inzwischen haben über 300.000 Erwachsene und junge Menschen in Deutschland den ProfilPASS genutzt. 

Über internationale Projekte der Bildungszusammenarbeit sowie Verbreitungsaktivitäten der Servicestelle ProfilPASS am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) wurde der ProfilPASS zunehmend auch außerhalb Deutschlands bekannt. 

Mit Förderung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GmbH (GIZ) und dank eines besonderen Engagements der Kolleginnen und Kollegen in Bosnien und Herzegowina vor Ort ist es gelungen, den ProfilPASS auch in den Ländern des Westbalkans gut zu etablieren. Im Folgenden berichten Amra Muratovic (GIZ) und Brigitte Bosche (DIE) davon, wie dieser Transfer gelingen konnte und was beide Seiten davon gelernt haben. 

 

Wie fing alles an?

Amra Muratovic: Mein Land Bosnien und Herzegowina ist bei der Gestaltung gesellschaftlicher Transformationsprozesse, insbesondere auch im Hinblick auf eine europäische Integration, mit großen wirtschafts- und sozialpolitischen Herausforderungen konfrontiert. Es herrscht einerseits eine hohe Arbeitslosigkeit (39 Prozent, 2019) und andererseits ein Mangel an qualifizierten Fachkräften. Die Abwanderung von Arbeitskräften ist ebenfalls groß. Das Bildungs- und Ausbildungssystem orientiert sich kaum an den Herausforderungen der Globalisierung und der modernen Wirtschaft. Hinzu kommt, dass viele Frauen und Männern, teilweise auch aufgrund des Krieges (1992–1995) nur über ein geringes Bildungsniveau oder verfügen oder gar keinen Schulabschluss haben. Das Bildungssystem in Bosnien und Herzegowina ist dezentral aufgebaut und in föderale und kantonale Zuständigkeiten unterteilt. Es gibt eine Bildungsabteilung im Ministerium für zivile Angelegenheiten auf gesamtstaatlicher Ebene sowie eigene Bildungsministerien in den beiden Entitäten (Föderation Bosnien und Herzegowina, Republik Srpska) und in den zehn Kantonen der Föderation. Die Gesetzgebungs- und Strategiebildungsprozesse auf nationaler Ebene sind aufgrund der komplexen politischen Strukturen daher sehr aufwendig. 

Um die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zu verringern und die Beschäftigungsfähigkeit von Frauen und Männern zu verbessern, förderte mein Arbeitgeber, die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), zwischen 2011 und 2019 in verschiedenen Programmen und Projekten eine an den Bedürfnissen der erwachsenen Bevölkerung und des Arbeitsmarktes orientierte Erwachsenenbildung. Diese sollte sich weniger auf formale Abschlüsse und Qualifikationen beziehen, sondern die Anerkennung von Kompetenzen vorantreiben, die Menschen in unterschiedlichen Lebensbereichen, auch non-formal und informell, erworben haben. 

Dieses Konzept einer Aufwertung von informell erworbenen Lernleistungen hat mich als Mitarbeiterin der GIZ selbst sehr angesprochen. Schließlich gehöre auch ich zu der Generation von Menschen, die während des Krieges ihre Schulzeit unterbrechen mussten. Nur mit großem persönlichen Einsatz konnte ich nach Kriegsende meinen Schulabschluss nachholen und später ein Studium beginnen. 

 

Warum haben wir uns in Bosnien und Herzegowina für den ProfilPASS entschieden?

Amra Muratovic: Als ich 2010 im Zuge von Recherchen zur Anerkennung von informell erworbenen Kompetenzen auf den deutschen ProfilPASS gestoßen bin, habe ich mich stundenlang dazu eingelesen. Mit gewisser Sehnsucht dachte ich damals: „So ein Instrument wäre perfekt für mein Land, für Bosnien und Herzegowina…“. Damals ahnte ich noch nicht, dass dieses Instrument zehn Jahre später in drei Ländern des Westbalkans gut etabliert sein würde. Ich konnte ebenfalls nicht wissen, dass auf mich beruflich sehr erfüllende und herausfordernde Jahre zukommen würden, in denen ich aktiv am Aufbau eines ProfilPASS-Systems in Bosnien und Herzegowina, Serbien und dem Kosovo beteiligt sein würde.  

Der ProfilPASS war und ist für uns in der GIZ ein ideales Instrument, um dieses Paradox aus einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und sehr hoher Arbeitslosigkeit entgegenzutreten. Mit dem Instrument erhalten arbeitslose Erwachsene und Jugendlichen die Chance, ihre tatsächlichen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen zu bilanzieren und sich nicht länger ausschließlich auf ihre formalen Bildungsabschlüsse zu stützen. Damit bietet der ProfilPASS erstmals die Gelegenheit, das non-formale und informelle Lernen als wichtige und untrennbare Teile einer Bildungsbiografie wertzuschätzen. Damit verbunden ist ein auch ein Paradigmenwechsel im Bildungssystem hin zu einer Kompetenzorientierung – mit Konsequenzen für den Arbeitsmarkt und die Arbeitgeber. Diese müssen sich entscheiden, ob sie ihre Bewerber eher nach ihrer Qualifikation auswählen, die aus einem veralteten und nach dem Krieg auch sehr korrupten Bildungssystem stammt, oder die tatsächlichen Kompetenzen potentieller Arbeitnehmer zum Auswahlkriterium machen, für die aber kein Diplom oder Zertifikate vorliegen.  

 

Wie sind wir in Bosnien und Herzegowina vorgegangen?

Amra Muratovic: Langjährige Erfahrungen in der GIZ und Untersuchungen zum Transfer von Bildungssystemen zeigen, dass ein Produkt, welches gut in einem Land funktioniert, noch lange nicht für Menschen in einem anderen Land nützlich ist. Im Fall des ProfilPASS‘ trifft dieser in Bosnien und Herzegowina auf anders qualifizierte Fachkräfte, einen anders strukturierten Arbeitsmarkt und auf eine gering ausgeprägte Bedeutung von Kompetenzen im Bildungssystem.  

Deshalb war von Beginn an klar, dass eine sprachliche Übersetzung nicht ausreichen würde, sondern eine Anpassung der Fragen und im ProfilPASS enthaltenen biografischen Beispiele auf den wirtschaftspolitischen Kontext von Bosnien und Herzegowina vorgenommen werden musste. Damit das Produkt auch von Beratenden angenommen und von Menschen genutzt wird, haben wir auf Seiten der GIZ von Beginn des Projektes an Stakeholder in den Prozess der Überarbeitung einbezogen. 

Eine vielfältig zusammensetzte Arbeitsgruppe (s. Infokasten) hat von März 2012 bis August 2013 an der Anpassung gearbeitet und die verschiedenen Versionen des Instrumentes mit Fokusgruppen in mehreren Schleifen ausprobiert, evaluiert und weiterentwickelt. Immer wenn wir vor einer neuen Herausforderung standen, habe ich mir die telefonische Beratung von Brigitte eingeholt. Ich habe sie nach ihren Erfahrungen aus Deutschland gefragt und immer habe ich aus diesen Gesprächen neben guten Ideen auch neue Energie bekommen, um weiter zu machen. 

Brigitte Bosche: Nachdem wir uns bei einem Besuch von Amra in unserem Institut Ende 2012 kurz kennengelernt haben, haben wir uns vor allem telefonisch und per Mail über den Anpassungsprozess ausgetauscht. Dabei haben mir meine Erfahrungen als systemische Beraterin sehr genutzt. Dadurch weiß ich, wie wichtig Fragen beim Aufspüren von Lösungen sind und dass es – wie beim ProfilPASS auch – immer darum geht, auf die Ressourcen der Beteiligten zu vertrauen. Ich habe Amra beispielsweise gefragt, was bereits gut funktioniert, habe die verschiedenen Perspektiven in der Arbeitsgruppe kritisch gewürdigt und daran erinnert, zielorientiert zu denken statt ursachen- und vergangenheitsorientiert. Die Begeisterung von Amra für das Instrument war von Anfang an sehr groß und hält bis heute an. Damit hat sie auch mich immer wieder neu auf die Potenziale des ProfilPASS‘ für verschiedenste Zielgruppen blicken lassen. Als wir 2013 unser erstes EU-Projekt KISS zum Transfer des ProfilPASS‘ in die Länder Spanien, Irland, Frankreich und Slowenien durchgeführt haben, haben wir Amra zum ersten Projekttreffen eingeladen. Dort hat sie ihre Erfahrungen geteilt und eine Begeisterung versprüht, die die ganze Gruppe nachhaltig motiviert hat.

Amra Muratovic: Nach fast zwei Jahren Entwicklungsarbeit hielten wir im Oktober 2013 endlich unseren Kompetenzpass in den Händen, der in unserer Sprache „Pasos kompetencija“ heißt (auf Deutsch: Kompetenzpass). 

Beratung und Begleitung sind ein wesentlicher Bestandteil des ProfilPASS-Systems. In Deutschland erhalten Menschen, die eine Beraterausbildung oder beraterische Erfahrungen nachweisen können, eine mehrtägige Qualifizierung. Beraterische Kompetenzen werden also vorausgesetzt. Im bosnisch-herzegowinischen Bildungssystem gibt es keine formale oder non-formale Ausbildung für Beraterinnen und Berater. Die Herausforderung bestand für uns darin, Menschen zusätzlich zu der Anwendung mit dem Pasos kompetencija Grundlagen der Beratung zu vermitteln. Da die 18 Mitglieder der Arbeitsgruppe in verschiedensten Teilen Bosnien und Herzegowina lebten und die Projektdynamik voraussah, dass im Frühjahr 2014 die Schulungen für die neuen Berater beginnen sollten, haben wir für die Entwicklung ein Online-Forum aktiviert und darin in den nächsten sechs Monaten intensiv miteinander gearbeitet.

Nach intensiver Arbeit hatten wir im April 2014 eine Schulung aus fünf Modulen für künftige Kompetenzpass-Beraterinnen und -Berater entwickelt sowie zwei Handbücher und ein Toolkit für die Beratungen geschrieben. Auch hier konnten wir auf die Beratung durch Brigitte bauen. So konnten konkrete Erfahrungen aus der Ausbildung von deutschen ProfilPASS-Beratern in unsere Ausbildung fließen. 

Im Mai 2014 haben wir für 74 künftige Kompetenzpass-Beratenden Schulungen in fünf verschiedenen Städten Bosnien und Herzegowinas angeboten. Bis Dezember 2017 folgten weitere Schulungen, in denen die Erfahrungen aus den durchgeführten Schulungen einflossen.  

Nach den positiven Erfahrungen haben wir gemeinsam mit Brigitte den Weg dafür bereitet, den ProfilPASS für junge Menschen für Bosnien und Herzegowina zu adaptieren. Dieses Mal war der Anpassungsprozess kürzer, da wir die Erfahrungen aus den Jahren zuvor nutzen konnten. Es wurde ein weiteres Handbuch für die Arbeit mit diesem Instrument entwickelt und ein neues Modul für die Schulung. Parallel wurden die früheren fünf Module der Schulungen nach jeder durchgeführten Beraterschulung aufgrund von Evaluationen und Teilnehmerfeedback adaptiert. Wir als Entwicklungsteam sind ebenfalls mit den beiden Kompetenzpässen gewachsen, indem wir unsere Kompetenzen weiterentwickelt haben. Bereits im Frühjahr 2016 konnten die ersten Beratungen mit dem bosnisch-herzegowinischen Pasos kompetencija für junge Menschen durchgeführt werden. 

Über 2.100 Menschen in Bosnien und Herzegowina haben seither von Beratungen mit den Kompetenzpässen profitiert, darunter Studenten, Arbeitssuchende, langjährig Arbeitslose, Angestellte, die nach einer neuen Herausforderung suchen, Waisenkinder, junge Menschen in der Berufsorientierung. Auch mit Mitarbeitenden wurde auf Wunsch einiger Arbeitgeber Beratungen durchgeführt, mit dem Ziel, den Weiterbildungsbedarf zu ermitteln. Im Fernsehen ausgestrahlte Werbespots und Videos sorgten für eine hohe Bekanntheit im Land. 

 

Weitere Verbreitung in Serbien und Kosovo

Amra Muratovic: Mitte 2017 haben wir durch das Sonderprogramm der Deutschen Regierung „Perspektive Heimat“ neue Mittel sichern können und somit begann eine neue Etappe der Verbreitung des Pasos kompetencijaes auf dem Westbalkan. 

Die beiden Instrumente – der Pasos kompetencija und der Pasos kompetencija für junge Menschen waren bis Mitte 2017 nur in Bosnien und Herzegowina bekannt. Mit den neu akquirierten Mitteln konnten wir dieses schöne und erfolgreiche Projekt weiterentwickeln und verbreiten. In zwei weiteren Ländern des Westbalkans haben wir Partner identifiziert, die mit vulnerablen Gruppen und Rückkehrern aus Deutschland (abgelehnte Asylbewerber aus 2014 und 2015) arbeiten. Gemeinsam mit diesen Partnerorganisationen, mit den erfahrenen Experten aus Bosnien und Herzegowina und mit Unterstützung durch das DIE begannen wir mit dem Aufbau von ProfilPASS-Systemen in Serbien und Kosovo. 

Die bosnisch-herzegowinische Version des Pasos kompetencija wurde ins Serbische und ins Albanische übersetzt, der Inhalt des Instrumentes wurde wieder den politischen und kulturellen Besonderheiten in den beiden Ländern angepasst. Die entwickelten Handbücher aus Bosnien und Herzegowina konnten wir nach der Übersetzung ohne Adaptierung nutzen, denn die Bildungssysteme in den Ländern beruhen auf der gleichen Tradition des ehemaligen Jugoslawiens. Die Schulungen für die künftigen Beraterinnen und Berater in Serbien und Kosovo wurden durchgeführt und bereits im Frühjahr 2018 haben die ersten Beratungen für vulnerable Gruppen und Rückkehrer stattgefunden. Darüber wurde auch im Fernsehen berichtet (ohne engl. Untertitel). 

Um den Pasos kompetencija bekannt zu machen, wurden Filme erstellt. Darin berichten Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Serbien und dem Kosovo jeweils von ihren Erfahrungen mit der Beratung.  

Parallel dazu wollten wir eine regionale Zusammenarbeit zwischen zertifizierten Beraterinnen und Berater für den Pasos kompetecija unterstützen. In Bosnien und Herzegowina hatten wir schon das Netzwerk S.K.I.L.L.S., das seit September 2017 die Aufgaben einer Servicestelle nach deutschem Vorbild übernommen hat. Solche Entwicklungen haben wir auch in Serbien und Kosovo durch Beratung angeschoben und durch finanzielle Mittel unterstützt. Zusätzlich war es uns ein Anliegen, die Zusammenarbeit und den fachlichen Austausch zwischen allen Beratenden in der Region des Balkans auch nach Ende 2019 zu sichern. 

Dieses Ziel schien uns aus mehreren Gründen sehr wichtig. Zum einen wollten wir eine Professionalisierung durch fachlichen Austausch und Vernetzung unter Beraterinnen und Beratern anstoßen, zum anderen war es uns auch politisch sehr wichtig zu zeigen, dass die Akteure aus verschiedenen Ländern, die Anfang und Mitte der 1990er Jahre im Krieg waren, miteinander zusammenarbeiten können und wollen. Die Außenperspektive des DIE und die langjährige Erfahrung von Brigitte war bei der Förderung der regionalen Zusammenarbeit auf dem Westbalkan sehr hilfreich.


© Imrana Kapetanovic


Brigitte Bosche: Um diesem Ziel näher zu kommen, haben wir im Juni 2018 in Belgrad und im September 2019 in Sarajevo zweitägige Konferenzen gemeinsam organisiert und moderiert. In unseren eigenen Beiträgen und der Moderation haben wir auf den Mehrwert einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit hingewiesen und die Möglichkeit. Als Beispiel führte ich die Ergebnisse aus den vom DIE koordinierten EU-Projekten an, deren Produkte für alle frei nutzbar sind. Diese grenzüberschreitende Zusammenarbeit war für die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine neue Erfahrung, denn auf dem Balkan sind die Wunden der Kriege noch längst nicht verheilt. Die Idee, dass Menschen mehr können, als sie von sich glauben und dass dieses Können mit einer Beraterin oder einem Berater durch Methoden und Reflexion hervorgeholt werden kann, hat bei allen eine große Begeisterung entfacht. Zum Abschluss der Konferenz brachte es eine Beraterin so auf den Punkt: „Der Balkan ist geteilt. Der ProfilPASS eint.“ Mich selbst hat das große Engagement der Teilnehmerinnen und Teilnehmer begeistert, denen es gelungen ist, den Pasos kompetencija in ihre Beratungsarbeit mit verschiedenen Zielgruppen zu integrieren.

 

Fazit

Brigitte Bosche: Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren im Team der Servicestelle ProfilPASS. Es ist ein tolles Instrument, weil es mit Unterstützung von Berater/innen Menschen den Nachweis gibt, dass sie mehr können, als Zeugnisse dies belegen. Die Reflexion ihrer Kompetenzen stärkt sie in ihrem Selbstwertgefühl und sie sind in der Lage nach einer Beratung zielgerichteter ihre Zukunft planen. Das belegt eine Befragung, die wir am DIE durchgeführt haben sowie die Nutzerbefragungen, die Amra und ihre Kollegen in der GIZ durchgeführt haben. 

Damit gute Produkte auch nach Auslaufen der Projektförderung nachhaltig nutzbar sind, bedarf es einer Infrastruktur. Am DIE wurde deshalb 2006 die Servicestelle ProfilPASS aufgebaut, die sich für die Qualitätssicherung, die Evaluation und die Vernetzung der Beratercommunity einsetzt (s. auch Infobox). Bei meiner Beratungsarbeit habe ich deshalb die Empfehlung ausgesprochen, in allen Ländern eine Organisation zu finden oder zu gründen, die diese Aufgaben übernehmen kann. Diese Empfehlung wurde bereits in Bosnien und Herzegowina mit Gründung des Vereins S.K.I.L.L.S. aus erfahrenen Beraterinnen und Beratern umgesetzt, im Kosovo zeichnen sich seit Februar 2020 die beiden NGOs Enivornment und Community Development (ECD) und Domovik verantwortlich für diese Aufgaben, in Serbien wird dies voraussichtlich der Verein MAPS aus Beraterinnen und Beratern sein. 

Zu erleben, dass der ProfilPASS diese Wirkung auch in anderen Ländern entfaltet, war eine bereichernde Erfahrung für mich und das Team der Servicestelle ProfilPASS. Dabei wurde mehr getan, als einfach nur ein Produkt übersetzt und seine Infrastruktur übertragen. Es war und ist ein Wissenstransfer in beide Richtungen, von denen beide Seiten enorm profitiert haben. In diesem wunderbaren Film vom Netzwerk S.K.I.L.L.S. ist die Entwicklung in Bosnien und Herzegowina sehr anschaulich zusammengefasst worden. 


Pasos kompetencija

  • An der Anpassung und Weiterentwicklung des deutschen ProfilPASS‘ zum bosnisch-herzegowinischen Pasos kompetencija waren Arbeitsämter, Bildungsministerien, Handwerkskammern, die Agentur für die Vor-, Grund- und Mittelschulbildung sowie Pädagogen, Psychologen, Wirtschaftler und Sprachwissenschaftler beteiligt. 
  • In Bosnien und Herzegowina ist der Verein S.K.I.L.L.S. an der Verbreitung und Qualitätssicherung des Pasos Kompetencija beteiligt. 
  • In Bosnien und Herzegowina sind 11 „Pasos kompetencija“-Multiplikatorinnen und -Multiplikatoren sowie 90 Beraterinnen und Berater qualifiziert.
  • In Serbien arbeiten 35 Beraterinnen und Berater mit dem Pasos kompetencija, im Kosovo sind 21 Beratende aktiv. 
  • Ca. 2100 Nutzerinnen und Nutzer haben von einer Beratung in Bosnien und Herzegowina profitiert.  
  • In Serbien und Kosovo wurden mit 650 Menschen (überwiegend vulnerable Gruppen und Rückkehrer) Beratungen durchgeführt. 

Nutzung und Wirkung vom Pasos kompetencija in Bosnien und Herzegowina

Im Jahr 2017 führte die GIZ mehrere Informationsveranstaltungen zu den Potentialen des Pasos kompetencija für Arbeitgeber durch. Die Ergebnisse einer späteren Befragung, an der sich 74 KMUs beteiligten, ergaben:

  • Für 89% der Befragten war der Pasos kompetencija bekannt.  
  • Bei 55% der Befragten hatten Bewerber die Kompetenzbilanz den Unterlagen beigefügt.   
  • 82% bewerteten den Pasos kompetencija als nützlich für die Bewerberauswahl.

In einer weiteren Befragung von 2017 wurden 984 Nutzerinnen und Nutzer aus Bosnien und Herzegowina zur Änderung ihres Beschäftigungsstatus gefragt: 

  • Fast ein Viertel (23%) der befragten Personen gab an, auf aktiver Arbeitssuche zu sein. 
  • Ca. ein Drittel der befragten Personen (34%) wurde nach dem Beratungsprozess mit dem Pasos kompetencija zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen.
  • 9% haben den Sprung in die Selbständigkeit gewagt.  

In Serbien und Kosovo wurden während der Projektlaufzeit zwischen 2018 und 2019 insgesamt 650 Menschen zu ihrem Arbeitsstatus befragt: 

  • 12,17% haben binnen 3 Monaten nach der Beratung eine bezahlte Arbeit gefunden. 
  • 8,87% haben nach der Beratung unterschiedliche Aktivitäten zur eigenen (Re-)Integration in die Gesellschaft vorgenommen (z.B. Weiterbildungskurse besucht, ihre Grundschulbildung nachgeholt).  
  • 1,84% fanden eine besser bezahlte Arbeit.   

ProfilPASS in Deutschland

  • Das ProfilPASS-System besteht aus dem ProfilPASS-Portfolio und einer Beratung, die Menschen bei der Reflexion ihrer Berufs- und Lebenserfahrungen und der Identifikation von Kompetenzen unterstützt. 
  • Der ProfilPASS liegt als gedrucktes Workbook und in einer digitalen Fassung vor. Es gibt ihn zudem für unterschiedliche Zielgruppen. Es wird getragen von einer Servicestelle ProfilPASS am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung e.V. - Leibniz Zentrum für Lebenslanges Lernen (DIE). 
  • Die Servicestelle bildet das Dach der ProfilPASS-Infrastruktur. Sie ist zentraler Ansprechpartner für die ProfilPASS-Akteure und dabei verantwortlich für die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung des gesamten ProfilPASS-Systems. Im Einzelnen übernimmt die Servicestelle folgende Aufgaben:
  • Koordinierung und Vernetzung der ProfilPASS-Akteure
  • Qualitätssicherung
  • Wissenschaftliche Weiterentwicklung
  • Verbreitung im In- und Ausland
  • Bundesweit qualifizieren rund 30 ProfilPASS-Multiplikatorinnen und -Multiplikatoren Beratende für den Einsatz des ProfilPASS. 
  • Etwa 30 ProfilPASS-Dialogzentren tragen dazu bei, die Arbeit der Servicestelle vor allem hinsichtlich der Öffentlichkeitsarbeit und der Verbreitung des ProfilPASS bundesweit zu unterstützen. 
  • Insgesamt haben seit 2006 9.631 Berater/innen in Deutschland die Qualifizierung durchlaufen, davon sind 1.138 Personen als zertifizierte Berater/innen Mitglied im Beraternetzwerk. 
  • Allen Akteuren gemein ist, dass sie für ihre Arbeit qualifiziert wurden und ihre Eignung in regelmäßigen Re-Zertifizierungsprozessen nachweisen. 
  • Seit 2013 hat das DIE vier EU Projekte im Programm Erasmus+ durchgeführt und gemeinsam mit internationalen Partnern den ProfilPASS für weitere Zielgruppen weiterentwickelt. www.profilpass-international.eu
  • Weitere Informationen: www.profilpass.de

Weiterführende Informationen zum ProfilPASS und Pasos kompetencija 

Weitere Videos von Nutzern des Pasos kompetencija finden Sie hier: 

 


Über die Autorinnen:

Brigitte Bosche (links) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V. in Bonn.

Amra Muratovic (rechts) ist Projektmanagerin bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH in Bosnien und Herzegowina. 

  

  

  

  

© Imrana Kapetanovic


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Quellenangaben:

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