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Lernen und bürgerschaftliches Engagement

28/10/2015
Christian BERNH...
Valoda: DE
Document available also in: EN FR

Gegenwärtig engagieren sich Menschen verstärkt in zivilgesellschaftlichen Initiativen und Projekten wie etwa in Bürgerinitiativen zu Verkehrsplanung und Städtebau, in Urban Gardening-Projekten für einen nachhaltigen Konsum oder in Welcome-Initiativen für Flüchtlinge. Dabei werden unterschiedliche Perspektiven auf die Welt diskutiert und gemeinschaftlich Gestaltungsmöglichkeiten gesucht. Im Rahmen dieses Engagements wird themenspezifisches Wissen (z. B. Luftverschmutzung, Verkehrsplanung, Atomkraft, Nahrungsmittelproduktion, gerechtes Wirtschaften, Asylrecht) gemeinschaftlich zusammengetragen, generiert und diskutiert. Das Engagement wird so zum bewussten und geplanten Lernfeld. Von außen wird das hier erzeugte Wissen jedoch sehr unterschiedlich aufgefasst. Die vielfältigen Lernmöglichkeiten bleiben in Bildungsplanung und -alltag häufig unberücksichtigt und das angeeignete Wissen wird argwöhnisch beäugt. So bestehe die Gefahr ‚Falsches‘ zu lernen. Finke ruft daher im Rahmen der Citizen Science Bewegung zu einer „Rehabilitierung des normalen Alltagswissens“ auf.[1]

 

Vielfältigkeit von Lernen in Bürgerinitiativen

Es geht also darum solche Lernhandlungen in den Blick zu nehmen und in ihrer Eigenheit zu betrachten. Eine eigene empirische Studie, welche vor diesem Hintergrund Lernhandlungen in Bürgerinitiativen analysiert hat, konnte aufzeigen, dass eine pauschale Skepsis gegenüber dem im Engagement angeeigneten Wissen (zu vereinfacht, zu wenig Perspektiven einbezogen etc.) unbegründet ist.[2] So werden etwa Themen wie die städtische Verkehrsplanung aus sehr unterschiedlichen Perspektiven diskutiert: Feinstaub, Lärm, gesundheitliche Auswirkungen, unterschiedliche Verkehrsteilnehmende, Auswirkungen kommunaler Planungen auf Länder-, Bundes- oder EU-Ebene etc.. Initiativenmitglieder greifen dabei sehr vielfältig auf fachspezifische Wissensbestände und Ressourcen institutionalisierter Bildung zurück (z. B. durch Fachliteratur, die Teilnahme an Workshops, Tagungen und Vorträgen). Ein wesentlicher Unterschied der Wissensgenerierung von Experten und Laien ist der unterschiedliche „Entstehungs- und Anwendungsraum des Wissens“.[3] Das in Bürgerinitiativen und anderen städtischen Initiativen generierte Wissen ist stark an den jeweiligen Alltagszusammenhang und die dort vorgefundenen Problemgegenstände gebunden. Die Mitglieder der Bürgerinitiativen generieren dabei sehr autonom und selbstbewusst ihre Lernthemen, Orte und Wege. Ihre Lernhandlungen orientieren sich nicht an irgendeinem zuvor definierten Output, sondern erfolgen in einem zunächst einmal ergebnisoffenen Prozess. Mit der Durchführung von Parkfesten oder Radtouren werden ganz bewusst unverbindliche, niedrigschwellige und weniger ‚förmliche‘ Arrangements gewählt. Gegenüber etablierten Lehr-Lern-Settings zielt die Praxis der Wissensaneignung in Bürgerinitiativen auf „einen breiten Zugang zum Wissen und die aktive Beteiligung vieler Menschen an seiner Gewinnung“.[4]

 

Welche Bedeutung haben solche zivilgesellschaftlichen Aktivitäten für die institutionalisierte Erwachsenenbildung?

Zunächst geht es darum zivilgesellschaftliches Engagement in seinen einzelnen Facetten wahrzunehmen, anzuerkennen und das dort angeeignete Wissen nicht sogleich nach ‚falsch‘ und ‚richtig‘ zu bewerten. Zu beobachten ist gegenwärtig, dass kooperatives Lernen in vielen Bildungsinstitutionen etwa im schulischen Kontext durch Regeln (z. B. die Einhaltung von Zeit- und Themenvorgaben) stark kontrolliert eingeübt werden soll. Dem ist entgegen zu halten, dass „wenn man Prozesse anstößt, in denen alle Details einem genauen Plan folgen sollen und Ergebnisse bereits festgelegt sind, Kollaboration nicht funktionieren“ kann. [5] Vor diesem Hintergrund gilt es als pädagogisch Tätige/r das eigene Handeln auf Vorannahmen und Festlegungen zu befragen: Beziehe ich Wissen aus Alltagszusammenhängen im Rahmen von Veranstaltungen mit ein oder nicht? Beurteile ich dieses Wissen sogleich nach falsch oder richtig? Zu wieviel Mitbestimmung durch die Lernenden in Planung und Durchführung von Veranstaltungen bin ich bereit? usw. Nimmt man den offenen Charakter, die Perspektivenvielfalt und die Abwesenheit von Zwang als Kernelemente selbstinitiierten Lernens ernst, dann macht es Sinn die Zusammenarbeit von Erwachsenenbildung und zivilgesellschaftlichen Initiativen und Projekten als offenes Angebot zu verstehen, welches je nach Interesse, Situation und Themenfeld mal intensiv mal weniger intensiv genutzt werden kann. Lernthemen und -methoden lassen sich dann jedoch nicht pauschal im Vorhinein festlegen oder steuern.

 

Kooperationen ausloten und an bestehende Praxen anschließen

Eine Kooperation zwischen Initiativen und Bildungsträgern ist nicht immer neu. So nutzen Bürgerinitiativen für ihrer Arbeit oftmals die Räumlichkeiten von Bildungsträgern. An diese Praxen kann also angeschlossen werden. Ein Beispiel:  Initiativen treten etwa mit der Veranstaltung von Vorträgen, Exkursionen und Workshops auch selbst als ‚Bildungsanbieter‘ auf. Neben der Nutzung von Infrastrukturen sind so auch mehr themenbezogene Kooperationsmöglichkeiten denkbar. Zum Beispiel die Aufnahme von Veranstaltungen in das Veranstaltungsprogramm und deren Bewerbung, die Durchführung gemeinsamer Veranstaltungen, die Initiierung gemeinsamer Themengruppen (z. B. nachhaltig wirtschaften) usw.. Dem Denken sind hier keine Grenzen gesetzt. Sinnvoll ist es die jeweiligen Projekte und Initiativen vor Ort zur Kenntnis zu nehmen, mit ihnen in einen offenen Dialog einzutreten und gemeinsame Handlungsoptionen auszuloten. Mich interessiert, ob und wie Sie mit Bürgerinitiativen zusammenarbeiten? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

 

Dr. Jana Trumann hat am Lehrstuhl Erwachsenenbildung der Universität Hamburg zum Thema "Lernen in Initiativen. Ein widerstreitendes Moment politischer Partizipation und Bildung" promoviert. Seit 2010 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen an der Fakultät für Bildungswissenschaften im Fachgebiet Erwachsenenbildung/Politische Bildung. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Erwachsenenbildung, subjektwissenschaftliche Lernforschung, politische Partizipation und Bildung, Bildungspolitik. (Quelle des Personenbeschreibung: Erwachsenenbildung.at.)
 

 


[1] Finke, Peter (2014): Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien. München, S. 62.

[2] Trumann, Jana (2013): Lernen in Bewegung(en). Politische Partizipation und Bildung in Bürgerinitiativen. Bielefeld.

[3] Finke a.a.O.

[4] Finke a.a.O, S. 7f.

[5] Terkessidis, Mark (2015): Kollaboration. Berlin, S. 314.

 

 

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