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Die Tradition der Erwachsenenbildung in Europa: Deutschland

04/11/2019
Aizhana Khasanova
Valoda: DE
Document available also in: EN EL HU FR SK

Lesedauer circa 5 Minuten - Lesen, liken und kommentieren!

Originalsprache: Englisch


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Germany

Im Jahr 2019 feiern mehrere Mitglieder des Europäischen Verbands für Erwachsenenbildung (EAEA) wichtige Jubiläen: die Heimvolkshochschule (HVHS) in Dänemark zelebriert ihr 175-jähriges Bestehen, unsere irische Mitgliedsorganisation AONTAS feiert den 50. Jahrestag ihrer Gründung und die deutschen Volkshochschulen (VHS) ihren 100. Geburtstag. Anlässlich dieser Ereignisse taucht der EAEA tief in die Geschichte der nicht-formalen Erwachsenenbildung in Dänemark, Irland und Deutschland hinein und untersucht, welche Rolle die Erwachsenenbildung in diesen Ländern spielt. Wir haben mit Expert*innen aus den jeweiligen Ländern gesprochen, die ihre Erkenntnisse mit uns geteilt und sich zum Stand des nicht-formalen Lernens geäußert haben.

Lesen Sie hier das Interview zu den Traditionen der Erwachsenenbildung in Irland [EN]

Lesen Sie hier das Interview zu den Traditionen der Erwachsenenbildung in Dänemark [EN]


EAEA-Trainee Aizhana Khasanova hat mit der deutschen Expertin Lisa Freigang über die Tradition der Erwachsenenbildung in Deutschland gesprochen.


Welche Ideologie steckt hinter den deutschen Volkshochschulen (VHS) und wie sieht deren Geschichte aus?

Fr. Freigang: 1919 wurde die Verfassung der Weimarer Republik verabschiedet. Der Erwachsenenbildung, die nun in der Verfassung zur öffentlichen Aufgabe erklärt wurde, erfuhr ab dem Zeitpunkt viel mehr Wertschätzung als zuvor. In einem Artikel der Verfassung wurden die Volkshochschulen sogar ausdrücklich erwähnt. Wir feiern in diesem Jahr also im Grunde 100 Jahre Erwachsenenbildung als öffentliche Aufgabe und staatliche Pflicht. Vor 100 Jahren wurden viele Erwachsenenbildungszentren gegründet, auch wenn nicht alle heutigen 900 Volkshochschulen in Deutschland seit 1919 bestehen. Natürlich dienten damals die dänischen Heimvolkshochschulen als Vorbild, und manche Volkshochschulen wurden sogar noch früher gegründet. Was also im Kontext unseres Jubiläums und der Idee hinter der Volkshochschule ebenfalls wichtig ist, ist die Tatsache, dass in der Weimarer Republik ein großer Umbruch stattfand. Volkshochschulen sind daher auch ein Ausdruck der damaligen Zeit. Ihre Aufgabe war es, Klarheit zu schaffen und Gemeinschaft zu stiften und sowohl den Menschen als auch der Demokratie zu dienen. Die Weimarer Republik war für viele Menschen eine Zeit des Zusammenbruchs und Umbruchs. Die Volkshochschulen sollten ihnen dabei helfen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Der Hauptgedanke ist dabei, dass das Lernen bei den Lernenden und ihren Bedürfnissen anfängt und dass die Angebote auf das ausgerichtet sind, was dem Einzelnen und der Gesellschaft hilft. Die Volkshochschulen sehen sich selbst nicht nur als Lern-, sondern auch als Begegnungsstätten, wo Menschen sich treffen, gemeinsam und voneinander lernen und Ideen austauschen. Besonders wichtig ist auch, dass die Volkshochschulen allen offenstehen – Menschen unterschiedlicher Herkunft mit verschiedenen Religionen, politischen Überzeugungen und unterschiedlichem sozialem Status. Das bedeutet auch, dass die ihnen angebotene Bildung bezahlbar sein sollte. Volkshochschulen sind nicht gewinnorientiert und nicht nur von den Teilnahmegebühren abhängig, sondern erhalten auch staatliche Förderung.

Wie haben sich die Volkshochschulen im Laufe der Jahre verändert?

Fr. Freigang: Natürlich hat sich aufgrund der deutschen Geschichte einiges geändert. Wenn wir jetzt vom 100-jährigen Bestehen sprechen, müssen wir auch darüber reden, dass in diese 100 Jahre auch die Zeit der Nationalsozialisten fällt. Sie haben ja die Volkshochschulen quasi ausgelöscht. Sie haben versucht, deren Ideen für ihre politischen Ziele zurechtzubiegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden dann viele Volkshochschulen neu gegründet oder wiedereröffnet. Natürlich haben sie sich in Ost- und Westdeutschland dann unterschiedlich entwickelt. Im sozialistischen Bildungssystem im Osten standen vor allem die Berufsausbildung und der Zweite Bildungsweg im Mittelpunkt. Und die Volkshochschulen im Westen haben versucht, wieder das zu werden, was sie vor dem Krieg waren. Aber wenn wir uns die Volkshochschulen von vor 100 Jahren und von heute ansehen, haben sie immer noch viel gemeinsam, vor allem hinsichtlich der Art und Weise, wie sie Menschen zusammenbringen.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft der Volkshochschulen aus?

Fr. Freigang: Ein aktuelles Hauptthema aller Anbieter von Erwachsenenbildung ist die Digitalisierung. Sie ist wichtig, weil den Gruppen, die Gefahr laufen, benachteiligt zu werden – ältere Menschen, Arbeitslose –, gute Angebote gemacht werden müssen. Das gilt aber genauso für die interne Organisation der Volkshochschulen. Wie können wir als Bundesverband den organisatorischen Wandel der Volkshochschulen unterstützen? Wir haben zum Beispiel eine Online-Lernumgebung entwickelt, die „VHS Cloud“, in der jede Volkshochschule ihre Kurse planen, sich aber auch mit anderen Volkshochschulen sowie Regional- und Bundesverbänden vernetzen kann. Diese Entwicklungen werden weitergehen und für die kommenden Jahre wichtig sein. Was mich persönlich interessiert, was aber auch für meinen Verband von Belang ist, ist die Bildung für nachhaltige Entwicklung. Dies schließt natürlich grundsätzlich Bildungsangebote als solche ein, aber der organisatorische Wandel ist ebenso wichtig. Und auch der soziale Zusammenhalt, sowohl in Deutschland als auch auf europäischer Ebene, wird wichtig bleiben.

Wie werden die Volkshochschulen ihr diesjähriges Jubiläum feiern?

Fr. Freigang: Da nicht alle Volkshochschulen in diesem Jahr 100 werden, feiern wir so, dass alle was davon haben, auch wenn gar nicht alle dieses Jahr ihr Jubiläum begehen. Im Februar fand eine Feier in der Frankfurter Paulskirche statt, wo der Präsident des Bundesverfassungsgerichts eine Rede gehalten hat. Im September haben wir etwas ganz Anderes gemacht. Wir haben allen Volkshochschulen nahegelegt, eine „Lange Nacht der Volkshochschulen“ zu organisieren: Die Türen wurden für jedermann geöffnet und es fand ein Programm statt, das die ganze Nacht durch gedauert hat, mit Musik, Speis und Trank, aber auch Schnupperkursen – kleinen Lernhäppchen. Von den 900 Volkshochschulen in Deutschland haben sich mehr als 400 daran beteiligt. Das Motto der Veranstaltung lautete „Zusammenleben, zusammenhalten“. Sozialer Zusammenhalt ist ganz wichtig, vor 100 Jahren in der Weimarer Republik wie auch heute. Unser Motto soll deshalb auf die Bedeutung der Erwachsenenbildung für den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft aufmerksam machen.


/lv/file/lisa-freigang-0Lisa Freigang

Lisa Freigang
Lisa Freigang ist dem Deutschen Volkshochschul-Verband seit Langem verbunden. 2010 hat sie zunächst im Bereich Sprachen und Integration sowie Berufsausbildung gearbeitet und später die politische Bildung zu ihrem Schwerpunkt gemacht. Seitdem war sie an vielen Projekten zum Thema politische Bildung für Erwachsene beteiligt und ist zurzeit Grundsatzreferentin beim Deutschen Volkshochschul-Verband mit dem Schwerpunkt politische Bildung.

/lv/file/aizhana-khasanova-eaeaAizhana Khasanova EAEA

Aizhana Khasanova EAEA
Aizhana Khasanova absolviert zurzeit das zweite Jahr ihres Master-Studiums der Erziehungswissenschaft an der Universität Tallinn, Estland. Ihre Interessengebiete sind Erziehungspsychologie sowie innovative Lehr- und Lernmethoden in der Erwachsenenbildung. Momentan erteilt sie Englischunterricht für Erwachsene. Künftig möchte sie ihre Lehrerfahrung mit einer Tätigkeit in der Wissenschaft oder in einem nichtstaatlichen Bereich verbinden.

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Tiek rādīts 1. - 3. no 3
  • Lietotāja Tino BOUBARIS attēls
    An interesting interview. However, the tradition of adult education in Germany encompasses more than just Volkshochschulen (VHS). In addition, there are many other providers of adult and continuing education who contribute to the educational landscape in Germany.
  • Lietotāja Tino BOUBARIS attēls
    Ein interessantes Interview. Die Tradition der Erwachsenenbildung umfasst jedoch mehr als Volkshochschulen. Daneben gibt es viele weitere Träger der Erwachsenen- und Weiterbildung, die zur Bildungslandschaft in Deutschland beitragen. 
  • Lietotāja Heike Kölln-Prisner attēls
    Danke für den kurzen Überblick. Wichtig ist aus meiner Sicht noch die Tatsache, dass nicht alle VHSen ein gleiches Programm haben, wenn es auch fast immer gemeinsame Elemente gibt. Aber manche VHSen haben sich sehr im Bereich der beruflichen Bildung, u.a. dem geförderten Bereich, gewidmet, andere wiederum sind stark im Bereich Deutsch als Fremdspache vertreten, besonders in den vergangenen 3-4 Jahren. Was sie eint: sie bieten ein Programm, das für jede/n erschwinglich sein soll, durch Förderung von Gemeinden/Städten/Ländern wird das möglich.