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Wie Mark Twain lernte, einen Flussdampfer auf dem Mississippi zu steuern

28/09/2017
di patrick Mayen
Lingua: DE
Document available also in: FR EN

Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain hat sich vor allem als Autor der Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn einen Namen gemacht. Aber auch mit seinem Tagebuch, von dem Barak Obama einst sagte, dass diese Lektüre es ihm ermöglicht hatte, Amerika zu verstehen. Und natürlich ist er für seine Erzählungen bekannt. In einer davon – sie trägt den Titel ‚Leben auf dem Mississippi‘ – erzählt Mark Twain mit einzigartiger Komik und Präzision in mehreren Kapiteln, wie er lernte, eine Flussdampfer auf dem Mississippi zu steuern. Der junge Mark Twain, der damals noch nicht Journalist und Schriftsteller war, wollte unbedingt Lotse eines Mississippi-Dampfers werden, da die Männer, die diese schwimmenden Kolosse über den noch wilden Fluss steuerten, ein enormes Ansehen genossen. In seiner Lehrzeit war der Mississippi ein ungebändigter Strom mit ständig wechselndem Lauf: bei Hochwasser waren seine Uferregionen über dutzende Kilometer überschwemmt, bei Niedrigwasser hingegen konnte der Wasserpegel so weit sinken, dass das Manövrieren schwierig wurde und immer die Gefahr drohte, auf Grund zu laufen oder in Felsen, abgestorbene Bäume oder Schiffwracks zu fahren. Der Wasserstand konnte sich von jetzt auch nachher ändern – aber auch die Ufer und das Bett des wilden Stroms waren einer kontinuierlichen Veränderung ausgesetzt. Auf der Wasserstraße herrschte reger Verkehr und es konnten jederzeit auf dem Wasser treibende oder unter der Wasseroberfläche verborgene Dinge aller Art auftauchen. Die Wassertiefe ist nie gleich, überall sind Felsen, Nebel kann sich sekundenschnell über das Wasser legen. Ein gutes Beispiel für die in der Ergonomik als „dynamisch“ bezeichneten Umgebungen bzw. sich unabhängig vom Handeln eines Akteurs ständig verändernde Umgebungen, die dieser sich ausreichend gut vorstellen können muss, um den Ereignissen vorzugreifen und seine Handlungen diesen Entwicklungen anzupassen.

Die Lotsen sind sehr gut bezahlt, da sie eine enorme Verantwortung tragen und über begehrte und bewunderte Fähigkeiten verfügen. Im Gesetz ist verankert, dass sie von niemandem – nicht einmal vom Kapitän – Ratschläge oder Befehle entgegenzunehmen haben. Die Lehrzeit ist lang und Mark Twain muss an Herrn Bixby 500 Dollar seiner zukünftigen Gehälter als Lotse abtreten, damit dieser einwilligt, ihm „ungefähr zwölf oder dreizehnhundert Meilen des großen Mississippi zu lehren“ (S. 78).

Aus den der Lehrzeit gewidmeten Kapitel von Mark Twains Erzählung können wir viel über die Ausbildung am Arbeitsplatz und die Rolle lernen, die ein erfahrener und pädagogisch überlegt vorgehender Fachmann für die Ausbildung spielen kann. Herr Bixby beschränkt sich nicht darauf, die Lernmöglichkeiten zu nutzen, die sich im Laufe der Fahrt auf dem Fluss ununterbrochen bieten, vielmehr strukturiert er das Lernen und nährt die Pfiffigkeit. Er macht sich einen Spaß daraus, ihn das Ausmaß seiner Unwissenheit entdecken zu lassen und einige Wochen lang scheint es, als würde der Umfang dessen, was Mark Twain nicht weiß, proportional zu dem neu Gelernten zunehmen. Dies ist eine der wesentlichen Funktionen von erfahrenen Mentoren oder Begleitern: die zu schnelle Entstehung eines übermäßigen Kompetenzempfindens bremsen und zeigen, was noch zu lernen ist.

Herr Bixby schreckt weder davor zurück, sich seinen Lehrling entmutigen zu lassen, noch davor, die erworbenen Fähigkeiten anzuerkennen. Auch zögert er nicht, den jungen Lotsen schwierigen, für ihn neuen Situationen auszusetzen und so lange wie möglich zu warten, bis er eingreift. Diese Vorgehensweisen sind bei Personen, die im Arbeitsumfeld als Mentor oder Ausbilder tätig sind, eher selten anzutreffen.

Mark Twains Erzählung ist nicht zuletzt deshalb so lebendig, weil seine Beschreibung eine Vielzahl von Elementen umfasst:

  • Die Arbeitsumgebung, die die Lotsen beherrschen müssen: ein wilder, sich ständig verändernder Strom und ein ebenso gigantisches wie zerbrechliches Boot, das mit Passagieren und Waren beladen ist;
  • Die mit dieser Umgebung und der Illusion der Kompetenz verbundenen Risiken, Täuschungen und Fehlerquellen;
  • Die Handlungen, Tricks und Taktiken des Steuermanns, die einem sehr weit entwickelten pädagogischen System zu verdanken sind;
  • und die der junge Lehrling während seiner gesamten Ausbildung wahrnimmt.

Wie wir bereits mit dem Buch ‚Composer avec les moutons‘ betonten, kann es vorkommen, dass Bücher, die uns am meisten über das Lernen beibringen, nicht zwangsläufig von Spezialisten für Lernen verfasst wurden. Zumindest gibt es nur wenige technische und wissenschaftliche Werke, die gleichermaßen gut geschrieben, amüsant und spannend sind und uns so viel über die Ausbildung vermitteln.

Die diese Ausbildung betreffenden Kapitel sind unter dem Titel ‚Wovon Jungen träumen, Lotse auf dem Mississippi werden‘ zu finden. Folio Verlag.

https://www.google.fr/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=12&cad=rja&uact=8&ved=0ahUKEwiX_fv3nvrVAhWIPhQKHW4ODiMQFghVMAs&url=http%3A%2F%2Fwww.gallimard.fr%2FCatalogue%2FGALLIMARD%2FFolio%2FFolio-2%2FA-quoi-revent-les-garcons&usg=AFQjCNFMLv21n1-wJIrqtPPWW4eiwpoZiA

 

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  • Ritratto di Thierry Ardouin

    Excellente histoire et excellent rappel.