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Blog

Fußball bildet

24/06/2016
di Redaktion Deuts...
Lingua: DE

Die Fußball-EM in Frankreich macht nach Ende der Vorrunde gerade Halbzeitpause – Zeit für eine kleine Meditation über die Frage: Hat dieser Fußball eigentlich etwas mit Erwachsenenbildung zu tun? Die Antwort darauf könnte eine ganze Halbzeit dauern; ich möchte Ihre Lesezeit aber maximal für die Dauer einer Nachspielzeit beanspruchen. Von Peter Brandt.

Nehmen wir einmal den aktiven Profifußballer: Er ist der Prototyp eines Berufstätigen, dessen Ausbildung nicht für eine Erwerbstätigkeit über die Lebenszeit reicht; er (oder sie) muss sich ab Mitte 30 über neue Perspektiven Gedanken machen und sich dafür weiterbilden. Die Klassiker: Fernsehexperte, Trainer, Sportgeschäftsleitung, REWE-Filialleitung.

Und dann die Trainer: Sie heißen nicht nur wie ihre Brüder und Schwestern in der Weiterbildung, sie bedienen sich auch teilweise ähnlicher Methoden und beziehen ihr Wissen aus denselben Bezugsdisziplinen, etwa der Psychologie oder Pädagogik. Ihre Ausbildung ist freilich ganz anders formalisiert. Wer im Fußball als Trainer arbeiten will, muss eine Lizenz erwerben und ein durchdachtes Lehrgangssystem durchlaufen. Trainerinnen und Trainer in der Weiterbildung müssen im Gegensatz dazu – na, Sie wissen schon.

Die Franzosen: Ein Land bereitet sich auf die Durchführung eines sportlichen Großereignisses vor. Ähnlich wie in Deutschland 2006 dürfte auch in Frankreich 2016 ein durch Fußball ausgelöster (beruflicher) Weiterbildungseffekt zu beobachten sein. Um nur einige Beispiele zu nennen: Polizisten mussten sich für den Ernstfall eines Terroranschlags schulen lassen; Hoteliers, Gastwirte und ihre Angestellten werden ihr Fremdsprachenrepertoire erweitert haben.

Informelles Lernen bei den Fans

Die umfassendsten Lerneffekte dürfte der Fußball aber bei den vielen Millionen Fans auslösen, und zwar informell und auf ganz unterschiedliche Weise. Fanclubs sind Lernorte nicht nur für Lieder und anspruchsvolle Choreografien, nein, hier werden mit Leidenschaft Magazine ediert und Webauftritte gestaltet. Nebenbei, versteht sich, und oft ohne formale Qualifikation dafür. Wo die Leidenschaft für den Fußball entfacht ist, ist der Erwerb basaler mathematischer und ökonomischer Kompetenzen nicht weit. Fans suchen Antworten auf Fragen wie „Wer werden die bestplatzierten Dritten der Vorrunde sein?“ oder „Warum ist die Bandenwerbung beim Champions-League-Spiel von Bayern München im weißrussischen Borissow nicht in kyrillischer Schrift?“

Fußball als Schule für das Leben

Eine Schicht tiefer kann der Fußball als eine Schule für das Leben angesehen werden, eine Schule, in der die Zuschauenden auf geheimnisvolle Weise durch Erfahrungen Dritter „gebildet“ werden. Was meine ich damit? Wenn das Leben die Summe aller Widerfahrnisse darstellt, die die Welt für den Menschen bereithält, dann kann Fußball eine Miniaturschule der Aneignung von Welt sein. Glück, Pech, Erfolg, Scheitern, Trauer, Vertrauen, Verletzung, Erwartung, Hadern, ja, Erlösung, all das und noch viel mehr kann ein Fußballspiel bereithalten. Im bloßen Zuschauen erlernen wir einen Umgang mit diesen Widerfahrnissen, und das wäre Bildung, Entwicklung von Weltverhältnis. Aber was ist das für ein Modus der Aneignung von Welt, den wir beim Fußballschauen haben? Es ist nicht bloß Lernen aus zweiter Hand oder Lernen am fremden Fall. Es ist mindestens mal „anteilnehmende Beobachtung“, um einen Begriff der pädagogischen Forschung einmal abzuwandeln. Durch unsere Emotionen wird das Spiel der Mannschaft zu unserem Spiel, die kreativen Problemlösungen auf dem Platz zu unserem Glück und das Versagen des Elfmeterschützen zu unserer Scham. Als Theologe kann ich nicht anders als Parallelen zu religiösen Ritualen zu ziehen. In der Liturgie der katholischen Eucharistiefeier handelt Gott an den Gläubigen. Der Nachvollzug des letzten Abendmahls, so die Sakramententheologie, verändert die Gläubigen heute. Ähnlich handelt der Fußball auch an uns. Er verändert uns, obwohl andere spielen.

 

 

Dr. Peter Brandt leitet das Daten- und Informationszentrum (DIZ) des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE). Seine Forschungs- und Arbeitsbereiche sind

  • erwachsenenpädagogische Publizistik
  • Professionalitätsentwicklung des Personals in der Erwachsenenbildung
  • Open Access
  • verantwortliche Redaktion der "DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung". Aus Anlass der Fußball-Weltmeisterschaft (WM) in Deutschland erschien 2006 ein Heft der DIE Zeitschrift zum Thema „Fußball und Bildung“, das Heft steht komplett online zur Verfügung.

 

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