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Blog

Migration, Unternehmertum und informelles Lernen

23/02/2016
di Anna Laros
Lingua: DE
Document available also in: FR EN

This content is available in English and French.

Migrationsgeschichte – eine Kategorisierung mit Folgen

Zahlreiche Untersuchungen (z.B. PIAAC etc.), die das Merkmal „Migrationshintergrund“ erfassen, weisen nach, dass mit dieser Kategorisierung oftmals eine Benachteiligung im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt etc. einhergeht. Die Aussagekraft dieser Kategorie möchte ich jedoch in Frage stellen: Denn: In Deutschland werden gemeinhin Menschen, die mindestens ein im Ausland geborenes Elternteil haben, als Menschen mit Migrationsgeschichte bzw. Migrationshintergrund bezeichnet. Die hier zusammengefasste Gruppe ist damit extrem heterogen, und es lohnt sich, individuelle Fälle zu betrachten.
Die von mir durchgeführte Interviewstudie „Transformative Lernprozesse von Unternehmerinnen mit Migrationsgeschichte“ (Laros 2015) untersucht die Lernprozesse von Frauen mit Migrationsgeschichte, die sich auf dem Weg einer Unternehmensgründung erfolgreich ihren Platz im deutschen Arbeitsmarkt erarbeitet haben. Die Studienergebnisse zeigen,

  • dass die größten Herausforderungen bei der Unternehmensgründung mit der Persönlichkeitsentwicklung, und zwar der Ausbildung eines unternehmerischen Selbstverständnisses, in Verbindung stehen;
  • dass die Frauen im Zuge des Unternehmerin-Werdens eine reflektierte Sichtweise sowohl im Hinblick auf Deutschland als auch hinsichtlich ihres Herkunftslandes entwickeln;
  • dass die Frauen mit dem Unternehmerinnen-Sein integrative Verhaltensweisen erlernen, welche sich positiv auf die gesellschaftliche Partizipation anderer Menschen auswirken.

Die formale Erwachsenenbildung sollte im beruflichen Kontext erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten stärker berücksichtigen.

Unternehmensgründung als Lernprozess

Gerade für Menschen mit Migrationsgeschichte stellt die Unternehmensgründung einen Weg dar, einen Platz im deutschen Arbeitsmarkt zu finden, der den eigenen Qualifikationen entspricht.
Eine Unternehmensgründung stellt die Gründerperson vor zahlreiche Herausforderungen – Businesspläne müssen geschrieben werden, nicht selten muss Kapital beschafft werden, und wenn das Unternehmen dann mal eröffnet ist, ist es oftmals so, dass an eine langfristige Planung zunächst nicht zu denken ist, da das Unternehmen erstmal „am Laufen“ gehalten werden muss. Kund_innen bzw. Aufträge müssen akquiriert werden, und der Umsatz muss hoch genug sein, damit die laufenden Kosten gedeckt sind. Soweit die formalen Herausforderungen.

In den Interviews berichten die Gründerinnen, wie sie zu Unternehmerinnen wurden und wie sie die Herausforderungen, die ihnen begegneten, bewältigt haben. Die eingangs erwähnten formalen Aspekte des Unternehmer_innen-Seins nahmen bei den Herausforderungen allerdings keine zentrale Rolle ein –  „ … das Unternehmerische kommt von selbst“, wie eine Interviewte es formuliert hat.
Vielmehr hingen die größten Herausforderungen, von denen die Frauen berichteten, mit der Entwicklung eines unternehmerischen Selbstverständnisses zusammen. Die Interviewten geraten immer wieder in Situationen, in denen ihnen bewusst wird, dass sie das Unternehmerinnen-Sein erst noch erlernen müssen. Beispiele hierfür sind z.B. ein Konflikt mit einem Mitarbeitenden und die damit in Zusammenhang stehende noch nicht erlernte Rolle als Chefin oder die Anmeldung importierter Waren beim Zoll. Auffallend ist, dass die Frauen dazu tendieren, die in diesen Situationen auftretenden Herausforderungen auf sich zu beziehen, wodurch Themen wie z.B. „Unsicherheit“ und „fehlendes Selbstbewusstsein“ ins Zentrum rücken.

Informelle Lernwege

Die Frauen bilden auf dem Weg des informellen Lernens ein unternehmerisches Selbstverständnis aus. Ihre informellen Lernprozesse weisen verschiedene Besonderheiten auf:

  • Zu Beginn ihrer unternehmerischen Tätigkeit erleben die Frauen eine stark erhöhte Arbeitsbelastung, und ihnen unterlaufen häufig Fehler. Sie rahmen dies positiv, indem sie feststellen, dass beides selbstverständliche Bestandteile einer Unternehmensgründung sind.
  • Nachdem sie ihre Unternehmen gegründet haben, erarbeiten sie sich das fehlende unternehmerische Wissen sukzessive. Sie Lernen in der Handlung.
  • Sie nehmen mit Menschen aus beruflichen und privaten Netzwerken Kontakt auf.
  • Sie bestärken sich selbst, indem sie sich an zurückliegende Erfolge in ihrer Berufsbiografie erinnern.

Es sind diese informellen Lernwege, mithilfe derer es den Frauen gelingt, relevante Wissensbestände zu erlernen, unternehmerische Fähigkeiten zu erwerben, Bestärkung und Anerkennung zu generieren und positiv in die Zukunft zu schauen. Von Rückschlägen und Hindernissen lassen sie sich nicht nachhaltig irritieren. Eine Interviewte formulierte es so: „Stolpern, hinfallen, aufstehen; durch die Wand direkt zum Ziel gehen.“ 

Lernen über das Unternehmerische hinaus

Nachdem die Frauen das Unternehmerinnen-Sein erlernt haben, zeigen sie Verhaltensweisen, die weit über die bloße Unternehmensführung hinausgehen. Haben sich ihre Unternehmen einmal am Markt etabliert, rückt der wirtschaftliche Gewinn in den Hintergrund. Die Frauen beginnen, bürgerschaftliche Verantwortung zu übernehmen und setzen sich für andere Menschen mit Migrationsgeschichte ein. Als Beispiel kann hier die Inhaberin einer Sprachschule genannt werden, die einen Kursteilnehmer, der sich sehr anstrengt, aber dennoch die Deutschprüfung nicht besteht, kostenlos an einem weiteren Kurs teilnehmen lässt. Sie begründet ihre Entscheidung damit, dass sie eine Mit-Verantwortung dafür trägt, dass der Kursteilnehmer die Prüfung besteht, da sie selbst die Erfahrung gemacht hat, dass die Sprache „der Schlüssel zur Integration“ ist.

Ein weiteres Beispiel ist eine Frisörin türkischer Herkunft, die eine junge Mutter mit ebenfalls türkischen Wurzeln als Auszubildende einstellt. Sie hat diese Auszubildende unter vielen Bewerber_innen ausgewählt, da sie aus Erfahrung weiß, wie schwierig es für junge Mütter mit türkischen Wurzeln ist, eine Ausbildungsstelle zu finden.
Insgesamt betrachtet haben die Frauen nicht nur sich selbst einen Arbeitsplatz geschaffen sondern sie räumen darüberhinausgehend auch anderen Menschen Partizipations- und Integrationsmöglichkeiten ein und tragen so zu einem gesellschaftlichen Wandel bei.
Wie knüpfen sie in Ihren Aktivitäten an vergleichbare informelle Lernprozesse an?  

Literatur:

Laros, A. (2015): Transformative Lernprozesse von Unternehmerinnen mit Migrationsgeschichte. Wiesbaden: Springer

 

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  • Ritratto di Elena Galifianaki

    This is a very interesting article, thank you for posting it here.

    Remember next week EPALE is hosting Migrant Education Week 25-29 April.

    There will be 3 LIVE discussions taking place on Tue 26th, Wed 27th and Thu 28th April (Experiences, Challenges and Solutions). Join in the discussions and share on social media with the hashtag #epale2016.

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    See you online next week!

    Eleni

  • Ritratto di Hélène Paumier

    Merci pour cet article très intéressant. J'en profite pour faire le lien avec un autre article posté sur le blog d'EPALE qui aborde une ingénierie de formation centrée sur l'expérience migratoire dans le cadre du développement d'activités économiques. /fr/blog/lexperience-migratoire-au-service-de-la-creation-dentreprise

    Hélène