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Blog

Mein Tag in Warschau auf dem IV Forum der Erwachsenenbildung

16/12/2019
di Mechthild Jorgol
Lingua: DE

Lesedauer circa sieben Minuten - Lesen, liken und kommentieren!


Reisen bildet in vielerlei Hinsicht und auf verschiedensten Ebenen und obwohl ich mit ERASMUS+ viel in Europa unterwegs war, wird mir der Besuch der Kollegen in Polen in besonderer Erinnerung bleiben. Ich spreche kein Wort Polnisch und als ich erkannte, dass die Veranstaltung auf Polnisch stattfindet, hatte ich bereits gebucht. Mir wurde freundlicherweise eine Dolmetscherin zur Seite gestellt, die mich sehr engagiert durch den Tag begleitete. Auch wenn wir uns immer nach hinten setzten, um möglichst wenig zu stören, ernteten wir doch einige verständnislose Blicke. Diese Situation erinnerte mich an einen meiner ersten Aufenthalte in Estland. Hier war ich es, die einige Zeit brauchte um zu verstehen, dass es sich nicht um private Gespräche, sondern um Übersetzungen handelte.

Bei der Eröffnung begrüßte die Moderatorin, Monika Dawid-Sawicka, die Teilnehmenden mit der Einladung die digitale Veränderung der Bildungslandschaft als Chance zu sehen, um die Zukunft der Erwachsenenbildung vorzubereiten und mitzugestalten.

Dr. Paweł Poszytek, griff diesen Faden auf und verwies auf die Möglichkeiten bzw. Auswirkungen welche die technologischen Veränderungen auf den zukünftigen Arbeitsmarkt haben werden. Es wird erforderlich sein, andere Fähigkeiten zu entwickeln, um einem digitalisierten Arbeitsmarkt gerecht werden zu können. Wer mit dem Voranschreiten der Digitalisierung von Prozessen überfordert ist, hat ein erhöhtes Stresslevel und dadurch eine geringere Leistungsfähigkeit. Hierauf muss die Erwachsenenbildung rechtzeitig in Ausbildungskonzepten reagieren.

Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen

Tristan Tresar, Adrian Castro, Rafał Treter, und Rafał Ziomek, begeisterten die Anwesenden durch eine sehr anschauliche Demonstration zu der Frage: „Was unterscheidet einen Meister von einem Lernenden?“

Anhand einer interaktiven Lektion im Fechten, wurden die 5 Etappen eines Lernprozesses sehr verständlich und einprägsam vermittelt. Als erstes wurde ein Teilnehmer auf die Bühne gebeten.

  1. Ausgangsphase: Ihm wurde kurz erklärt, welche Sicherheitsaspekte er beachten sollte. Zur Handhabung des Floretts wurde ihm nichts gesagt. Dann wurde er in einen Sportrollstuhl gesetzt und sollte gegen Rafał kämpfen. Die erste Runde war schnell vorbei und das Ergebnis war 10:3 Treffer für Rafał.
  2. Schulungsphase: Nach der ersten Runder erhielt der TN eine technische Einweisung zur Handhabe des Floretts und möglichen Ausweichmanövern.
    (Lernende brauchen klare Instruktionen der einzelnen Schritte und Erwachsene halten sich nicht daran. Das heißt, die Lehrkraft muss beobachten, korrigieren, instruieren und zu Wiederholungen anregen.)
  3. Wiederholungsphase: Der zweite Kampf dauerte deutlich länger, da der TN den Angriffen sehr gekonnt auswich und endete diesmal mit 10:5 Treffern. (Lob bei richtiger Ausführung und Korrektur, wenn erforderlich.)
  4. Engagement des Lernenden: Hier wurde die Frage gestellt – „Wer von den Teilnehmenden ein/e engagierte/r Teilnehmende/r sei?“ Nur Teilnehmen an etwas reicht nicht aus um zu lernen. Das eigene Engagement sei die Quelle der …
  5. … Auto-Motivation: Durch den Willen immer besser zu werden, entsteht Automatisierung und diese schafft im Gehirn Freiraum für neue Lernprozesse.

Mein Tag auf dem Forum Erwachsenenbildung 2019_Mechthild Jorgol auf EPALE

Tristan Tresar fasste die Präsentation wie folgt zusammen. Für erfolgreiches Lernen jeglicher Art sind die Lernetappen zu beachten und darüber hinaus ist „WRC“ unerlässlich.

W= Wiara (Glaube – an sich und den Erfolg)

R= Reżim (Disziplin, Konsequenz, Wiederholung)

C= Cel (klare Ziele mit angemessenen Zwischenzielen- Schritt für Schritt wachsen)

Fazit: Der Unterschied zwischen einem Meister und einem Lernenden ist die Anzahl der Wiederholungen.

Schon hier hatte sich die Reise gelohnt und trotz einer Nacht im IC-Bus war ich hellwach und neugierig auf den ersten Workshop.

Die Qual der Workshopauswahl

Bei der Fülle an interessanten Themen war eine Entscheidung nicht leicht zu treffen. Da gerade in der Erwachsenenbildung das persönliche Engagement oft nicht als selbstverständlich anzusehen ist, lockte mich der Titel „Veni, vidi … adiuvavi!"– Wie kann die Freiwilligenarbeit von Erwachsenen, basierend auf Wissen und Kompetenz, gestärkt werden?

Die Kraft der Empathie

Nina Woderska, EPALE-Botschafterin, begann ihren Vortrag mit der Feststellung, dass Engagement bei Kindern und Jugendlichen selten ein Problem ist, bei Erwachsenen hingegen komme fast immer „keine Zeit“ oder „kein Freiraum“ als Begründung für geringeres Engagement. Bei Senioren würde dies wieder besser.

Präsentation Engagement_Forum Erwachsenenbildung Polen

Sie zitierte hier aus dem Buch „Das Rezept für ein gutes Leben – 50 Rezepte zum Glück“: „Glück ist die Kunst den Plan zu korrigieren.“ Soll heißen: Wir halten viel zu oft an vorgefassten Plänen fest und können dadurch nicht angemessen auf das reagieren, was wirklich wichtig ist.

Sie benannte zwei Aspekte, warum sich Menschen sozial engagieren:

  1. Helfen liegt uns in den Genen.
  2. Sozialer Austausch ist in Abhängigkeit zum Helfen.

Sie stellte die Hypothese in den Raum, dass Helfen ein Bedürfnis des Herzens ist. Des Weiteren fragte Sie die Teilnehmenden was der Unterschied zwischen Empathie und Sympathie ist und spielt nach einer kurzen Diskussion ein Video zu Engagement ein.

Frau Woderska regte zudem eine neue Struktur in der Gestaltung der Freiwilligenarbeit von Erwachsenen an: Erwachsene wollen in den Prozess mit Ihren Fähigkeiten und Kompetenzen einbezogen werden. Das bedeutet auch, dass man gemeinsam nach Problemlösungen sucht, die Zusammenarbeit von Freiwilligen mit anderen Teammitgliedern stärkt und sie nicht sich selbst überlässt, dass ihnen gute Schulungen geboten werden müssen und die Gelegenheit haben sollten von der Arbeit abzuschalten.


Ich habe aus diesem Workshop viel für meine Arbeit in Erasmus+-Projekten mitgenommen. Am beeindruckendsten fand ich das Video „Die Kraft der Empathie“. Es ist ein tolles Tool, das bei YouTube unter dem Titel „The Power of Empathy“ zu finden ist [EN mit deutschem Untertitel]:

Ich habe dieses Video bereits in zwei Lehrkräfteweiterbildungen in Strategischen Partnerschaften eingesetzt. Es löste immer eine sehr angeregte Diskussion aus und wirkt bei den Teilnehmenden lange nach.


Von der Passivität zur proaktiven Einstellung beim Lernen

Der nächste Workshop wurde von Frau Dr. hab., Prof. UAM Małgorzata Rosalska, Universität von Adam Mickiewicza in Posen, geleitet und stellte sich der Frage, wie man eine proaktive Einstellung bei Lernenden fördert.

Wesentliche Mechanismen der Haltungsgestaltung sind:

Wissen ⇒ Affektivität ⇒ Verhalten

Hierbei ist entscheidend, dass die Qualität des proaktiven Verhaltens wertvoller ist als die Quantität.

Vortrag ProaktiveHaltung beim Lernen_Forum Erwachsenenbildung 2019

Frau Dr. Rosalska zeigte auf, wie Verhalten aus Nachahmungs-, sowie Bewertungs- und Beurteilungskriterien entstehet. Unter Berücksichtigung dieses Entstehungsmechanismus sei es wichtig bei der Bildung von proaktivem Verhalten nicht zu viele Bewertungsadjektive, z.B. faul, fleißig, zu verwenden, sondern stattdessen auf neutrale Adjektive zu setzen.

Außerdem stellte sie klar heraus, dass Passivität durch die Gesellschaft gefördert und zum Teil gewollt ist, jedoch in letzter Konsequent dem Gemeinwohl schadet. Für Lehrkräfte ist es wichtig die Passivität der Lernenden zu verstehen, um sie richtig zu diagnostizieren und entsprechend interagieren zu können.

So gibt es hauptsächlich drei Arten von Passivität:

1. Die Passivität des von außen steuerbaren Menschen

2. Die Passivität als Resultat angelernter Ratlosigkeit

3. Die Passivität als Resultat des Überflusses

Haltung und Verhalten bedingen einander. So hat die Haltung des Lehrenden Einfluss auf das Verhalten des Lernenden und umgekehrt.

Daraus ergeben sich für Lehrkräfte folgende Schlussfolgerungen:

  • die Passivität hinterfragen, um die richtig Diagnose zu stellen
  • entsprechende Entwicklungshilfen anbieten – Einladen zur Aktivität ohne Zwang
  • die sich aus der Aktivität ergebenden Synergien sichtbarmachen und zur Entwicklung von Proaktivität nutzen

Neben den gut ausgewählten und vermittelten fachlichen Komponenten des Forums gaben auch die Gespräche in den Pausen sehr interessante Einblicke in die internationale Arbeit der polnischen Erwachsenenbildung. Auch hier konnte ich einige Anregungen und Kontakte mitnehmen.

Ich fuhr mit vielen Impulsen und Anregungen nach Hause und danke EPALE herzlich für diesen Erfahrungsreichen Tag in Warschau. Dass der Tag sich nicht nur für mich gelohnt hat, zeigt die Feedbackwand beeindruckend:

Evaluationswand FED 2019


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