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ERASMUS+ für die Erwachsenenbildung: Impulse für das Ehrenamt durch eine Hospitation bei der „Dienststelle Selbstbestimmtes Leben“ in Eupen

16/06/2020
po Anke DREESBACH
Jezik: DE

Lesezeit ca. 8 Minuten - Lesen, Liken, Kommentieren!


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Der Wunsch aktiv bleiben zu wollen, etwas zu bewirken, Anregungen durch andere zu erhalten und gemeinsame Erfolgserlebnisse zu haben, sind wichtige Motive für das bürgerschaftliche und freiwillige Engagement von Antonia Schwarz. Sie setzt sich für die GRÜNEN ALTEN, aber auch als gewählte Seniorenvertreterin in Berlin-Steglitz-Zehlendorf für die Interessen von Senioren ein. Die Teilnahme an einer von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) organisierten ERASMUS+ Hospitation in den Niederlanden 2018 und in Belgien 2019 haben ihr wertvolle Anregungen für ihr Engagement geliefert. In ihrem Artikel beschreibt sie, welche Impulse sie insbesondere in Ostbelgien für ihre Arbeit gewinnen konnte – und auf welche Weise sie noch heute bspw. bei der Mitwirkung am Programmprozess zur Entwicklung des Berliner Wahlprogramms profitiert. Dort bearbeitet sie derzeit die Themen Demografie und Pflege in lang- und mittelfristiger Perspektive.

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Lebensqualität im Alter gestalten als bürgerschaftlich und freiwillig Engagierte

Hospitation in einem Begegnungszentrum in Ostbelgien; Foto Jan Gaubert Volkssolidarität

Wir befinden uns seit Corona in einer Zeit, in der viel über ältere Menschen gesprochen wird, wohl gemerkt meistens über sie und seltener mit ihnen. Es ist inzwischen kaum noch wahrnehmbar, dass hohes Alter mit unglaublich viel Erfahrungen und Kompetenzen einhergeht, ganz zu schweigen von dem Bedürfnis älterer Menschen, den nachfolgenden Generationen etwas Sinnvolles und Wichtiges zu hinterlassen. Die Extremen unter diesen Vertreter*innen fordern gar, dass ältere Menschen „geopfert“ werden sollen, damit die Gesellschaft möglichst schnell wieder zum normalen Wirtschaftsleben zurückkehren kann. Dabei ist Covid-19 keine Alterserkrankung, auch wenn mehr hochaltrige als jüngere Menschen daran sterben.

Von meinen Erasmus-Aufenthalten 2018 in den Niederlanden und 2019 im deutschsprachigen Teil von Ostbelgien habe ich ganz andere Impulse mitgebracht. Die „Dienststelle für Selbstbestimmtes Leben“ vermittelte Gedanken von Teilhabe und Behandlung von älteren Menschen als Partner*in auf Augenhöhe, mit denen gemeinsam Lösungen entwickelt werden. Auch die Motivation zur Teilhabe setzt die Ermutigung der älteren Menschen über die Botschaften voraus: ihr seid noch wichtig, wir nehmen Euch ernst in Euren Bedürfnissen, wir wollen, dass ihr weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilhabt.

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…als gewählte Seniorenvertreterin in Berlin-Steglitz-Zehlendorf

Als gewählte Seniorenvertreterin eines Berliner Bezirks mit mehr als 300.000 Einwohner*innen und berlinweit dem höchsten Anteil von über 80-jährigen Menschen sehe ich meine Aufgabe darin, nicht nur selbst aktiv zu sein, sondern durch mein bürgerschaftliches Engagement dazu beizutragen, ältere Menschen in ihrer Selbstbestimmung und der langen Teilhabe am öffentlichen Leben zu unterstützen. Die Seniorenvertretung trifft sich einmal im Monat im Plenum. Dort werden gemeinsame Initiativen besprochen, die z.B. in das Bezirksparlament eingebracht werden. Neben dem Plenum arbeite ich in diversen Gruppen mit. Eine mir sehr wichtige Gruppe „Gut älter werden in Steglitz-Zehlendorf“ hat sich zum Ziel gesetzt, die bestehenden Gruppen von freiwillig Aktiven, Beratungsstellen und Nachbarschaftsinitiativen besser untereinander zu vernetzen. Dort arbeiten professionelle Dienste und Freiwillige gleichberechtigt zusammen; wir engagieren uns in gemeinsamen Projekten. Einem dieser Vorhaben haben wir den Namen „Erreichbarkeit 65+“ gegeben. Mit dem Bezirksamt war davor ausgehandelt worden, in jedem Jahr aus einem anderen Quartier alle Menschen per Post einzuladen, die das 65. Lebensjahr erreicht haben. Die Teilnehmenden dieses Treffens erhalten an der Schwelle zu einer neuen Lebensphase Informationen über die vielfältigen Möglichkeiten, sich freiwillig und bürgerschaftlich in ihrem Wohnumfeld engagieren zu können. Sie werden informiert über bestehende Beratungsstellen und Nachbarschaftsprojekte in ihrer Region. Die Grundidee dieses Konzeptes ist es, alle älteren Menschen im Bezirk nach und nach zu erreichen und ihnen nach dem Vorbild von werdenden Eltern den Zugang zu einem Informationspaket zu geben, das zur Hilfe zur Selbsthilfe anregt. Ältere Menschen wollen wir dazu animieren, ihren neuen Lebensabschnitt aktiv zu gestalten, gleichaltrige kennenlernen zu können, aber auch zu erfahren, welche Hilfsangebote und Beratungsstellen im Bezirk existieren.In Eupen besuchten wir das Begegnungszentrum Mittendrin. Foto Jan Gaubert Volkssolidarität

Besonders begeistert hat mich bei dem letzten Aufenthalt in Belgien ein Besuch der Begegnungsstätte „Mittendrin“. Dort kann an jedem Werktag bspw. ein Mittagessen zu einem kleinen Preis eingenommen werden. Dieses Angebot wird regelmäßig von vielen Älteren genutzt. Essen in Gemeinschaft fördert Kontakte und Aktivitäten. Dieses oder ein ähnliches Konzept würde ich gerne nachhaltig in meinem Wohnbezirk etablieren. Denn das Mittagessen in Gemeinschaft trägt eher zur Prävention gegen Vereinsamung bei als die in Deutschland üblichen „Fahrbaren Mittagstische“ die zwar zu einer regelmäßigen Versorgung mit einer warmen Mahlzeit führen, aber von jeder und jedem alleine zu Hause eingenommen wird. Eine ähnliche Funktion nehmen in Berlin bisher bereits bestehende Stadtteil- und Nachbarschaftszentren sowie Mehrgenerationenhäuser wie der von mir geschätzte Mittelhof wahr. Solche Projekte gilt es auszubauen und zu erhalten.

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…Demokratische Teilhabe von älteren Menschen als Sprecherin GRÜNE ALTE

Wir GRÜNE ALTE sind ein Zusammenschluss von älteren Mitgliedern von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, die sich zum Ziel gesetzt haben, die demografische Alterung der Gesellschaft politisch zu begleiten, uns politisch einzumischen und Duftmarken zu setzen; oft geschieht dies in Projekten. Seit knapp sechs Jahren bin ich deren Bundessprecherin und nehme meine Aufgaben ausschließlich ehrenamtlich und als freiwillig Engagierte wahr -  in Gemeinschaft mit einem Bundesvorstand, der ähnliche Ziele mit mir teilt. Dies ist in einer Partei, die aus einer jugendlichen Protestbewegung entstanden ist, heute in vielen Feldern professionell arbeitet, eine Aufgabe, die auch mich als „Überzeugungstäterin“, zeitweilig enorm beansprucht. Ein wichtiges Motiv für mich als GRÜNE ALTE ist nach wie vor das Ziel, einen Beitrag zu leisten, damit zu einem Zeitpunkt, wenn ich selbst auf Hilfe angewiesen bin, Rahmenbedingungen existieren, die ein Leben in Würde – auch in der letzten Lebensphase ermöglichen.

Die BÜNDNISGRÜNEN werden im kommenden Jahr ein neues Grundsatzprogramm mit einer Reichweite von mindestens zehn Jahren veröffentlichen. Wir GRÜNE ALTE wollen erreichen, dass dort ein zeitgemäßes Altersbild vertreten wird. Viele Politiker*innen haben meist die Hochaltrigen als gebrechliche Menschen vor Augen. Dieses Altersbild impliziert Schutzbedürftigkeit und den Ruf nach Fürsorgeleistungen. Selbst bei Hochaltrigen trifft diese Sichtweise aber nur auf einen Teil zu – und bei jungen Alten 60plus gar nicht. Tatsächlich ist Altern ein sehr individueller Prozess und kann nicht mit einer Zahl verbunden werden. Das Bild vom Ruhestand ist nicht mehr zeitgemäß, Menschen suchen Aufgaben. Das kann ein Job oder ein freiwilliges Engagement sein. Die Bedeutung von Arbeit wird in unserer Gesellschaft unterschätzt, Arbeit gibt dem Leben Struktur – egal, ob es eine Erwerbstätigkeit oder ein Ehrenamt ist.

Voraussetzung dafür ist, lebenslang lernen zu können. Das gesellschaftliche Wissen wird sich immer schneller vergrößern. Wir dürfen keine Gesellschaft werden, die in Abgehängte und Erfolgreiche zerfällt. Wenn wir Politik für Ältere machen wollen, ist deshalb weit mehr als über Pflege und Demenz zu reden. Uns GRÜNEN ALTEN ist es wichtig die Freiwilligenarbeit von Menschen in der Nacherwerbsphase wertzuschätzen und die Aktiven durch kostenlose Weiterbildungsangebote direkt zu fördern.

Globalisierung und Digitalisierung bestimmen immer mehr Lebensbereiche; die Digitalisierung kann dazu genutzt werden, um den Menschen Teilhabe und Wohlstand zu ermöglichen. Neue Kommunikationsformen können zudem dabei helfen, eine Grundversorgung auch in strukturschwachen Regionen aufrechtzuerhalten, bspw. durch den Einsatz von E-Health-Systemen, intelligentere Formen der Mobilität, der Mitbestimmung oder zur Erleichterung des Alltags in der Wohnung bei Hilfebedarf.

Die Digitalisierung entwickelt sich aber so schnell und sprunghaft, dass viele Menschen den begründeten Eindruck haben, abgehängt zu werden und nicht mehr mithalten zu können. Um die Digitalisierung selbstbestimmt anzuwenden, ist zudem Wissen erforderlich, wie sie sicher genutzt werden kann, damit Betrüger keine Chance erhalten. Wir brauchen eine Bildungsoffensive zur digitalen Teilhabe, die auch Altersgruppen jenseits des 75. Lebensjahrs einschließt. Dazu müssen zielgerichtet neue Formate angeboten werden, die die Lebensrealität dieser Gruppe einschließt und möglichst in der Breite erreicht. Bei der Weiterentwicklung von elektronischen Gesundheits- und Pflegedaten sind Betroffenen- und Angehörigenorganisationen einzubeziehen, der Schutz der sensiblen Daten vor Missbrauch und das Selbstbestimmungsrecht der Pflegebedürftigen und Patient*innen müssen dabei höchste Priorität haben. Auch wenn zukünftig immer mehr Verwaltungen die Erledigung von persönlichen Dienstleistungen online anbieten, muss ergänzend die Möglichkeit erhalten bleiben, dass Menschen weiterhin auch analog ihre Anliegen erledigen können.

Hospitation auf einem Bauernhof in den Niederlanden. Dort werden auch Senior*innen, teilweise durch Ehrenamtliche betreut. Foto Antonia SchwarzSeniorenvertretung Steglitz-Zehlendorf, Stand am Tag der älteren Generation, Foto: Antonia SchwarzHospitation bei der Dienststelle für Selbstbestimmtes Leben

Über die Autorin:
Antonia Schwarz ist über das Erasmus+ Mobilitätsprojekt der Bundesarbeitsgemeinschaft Senioren Organisationen nach Belgien gereist. Ziel des Projektes war der Aufbau eines länderübergreifenen Verständnisses für innovative Bildung zur Förderung einer werteorientierten Pflege und einer starken Position der Pflegebedürftigen. Die Fortbildungen beleuchteten den Schnittbereich zwischen Klientenpartizipation / Bürgerschaftlichen Engagements und reagierten damit auf neue Bildungsbedarfe in Deutschland. Im Vordergrund stehen dabei wachsende Erwartungen an Flexibilität, Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit der verschiedenen Akteure im Pflegebereich- familiäre und soziale Netzwerke eingeschlossen, sowie steigenden Bildungserwartungen der Engagierten selbst, die sich für die bessere soziale Teilhabe und Mitwirkung älterer Menschen mit Hilfebedarf einsetzen.

Alle Fotos: Privat

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  • Slika korisnika Anke DREESBACH
    Wir werden alle älter. Und gerade deshalb ist es wichtig, dass die Teilhabe an den gesellschaftlichen Prozessen ermöglicht wird. Dabei steht die Selbstbestimmung im Vordergrund, auch wenn die Menschen auf Hilfen im Alltag angewiesen sind und damit in ihrer Selbstständigkeit eingeschränkt werden. Der Blick in andere europäische Länder trägt dazu bei, gute Ansätze kennenzulernen und aufzuzeigen, was hier bei uns noch weiterentwickelt werden kann.