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EPALE - ríomhArdán d’Fhoghlaim Aosach san Eoraip

Blag

Sprache(n) verbinden - Spracharbeit mit Geflüchteten

01/02/2017
ag EPALE Österreich
Teanga: DE
Document available also in: EN SV

Thomas Fritz, Leiter des lernraum.wien, schreibt im Rahmen der Publikation "Nachhaltige Erwachsenenbildung im Kontext von Flucht und Migration" über Sprachverlust, Spracharbeit und gegenseitigen Sprachaustausch.

Flucht ist die Art der Migration, die sich durch besonders harte Bedingungen auszeichnet: weder wird das so genannte Herkunftsland freiwillig verlassen, noch ist das so genannte Ankunftsland das langersehnte Ziel. Die dort gesprochene Sprache ist nicht diejenige, die Menschen schon immer lernen wollen. Flucht ist zumeist gekennzeichnet durch lange, anstrengende und lebensbedrohende Wege. Flucht resultiert nicht nur im Verlieren der gewohnten Umgebung, der Netzwerke, die Stabilität bedeuteten, sondern auch im endgültigen oder angedrohten Verlust geliebter Menschen. Oftmals bedeutet Flucht auch ein Ankommen in einer Gesellschaft, die sich vor scheinbarer Angst in Xenophobie und Abwehr zurückzieht. Bildungswege von Kindern und Jugendlichen werden abgebrochen und können nur selten und wenn, dann mit unheimlichem Aufwand und Zeitverlust, fortgesetzt werden.

Sprachverlust

Wenn Menschen vor Gewalt, Krieg und der Zerstörung ihrer Lebensumwelt flüchten, dann verstärken die im so genannten Ankunftsland herrschenden Diskurse um Obergrenzen und Grenzzäune vorhandene Traumata: Das geschieht in Kombination mit Sprachverlust und der Unmöglichkeit so zu kommunizieren, wie man es gewohnt war.

Sprachverlust geht stets einher mit dem Zwang und der Notwendigkeit die neue Landessprache zu erlernen. Seit einigen Jahren können wir hierzulande beobachten, dass Deutsch in vielen Diskursen gleichgesetzt wird mit Sprache schlechthin, so dass alles, was nicht der Normalität des Deutsch entspricht, automatisch ent- und verfremdet wird. Deutschlernen wird zur Pflicht, sollte aber eine Chance sein. Deutsch lernen ist eine Belastung, vor allem dann, wenn Menschen eigentlich an anderes denken wollen und müssen. Deutsch lernen kann den Verlust anderer Sprachen bedeuten, wie es ein bosnischer Kriegsflüchtling vor einigen Jahren so treffend beschrieben hat. Er sieht Deutsch als „[e]ine fremde Welt, eine fremde Galaxie im Kopf, diese deutsche Sprache, wo alles umgekehrt ist wie bei uns, so haben sie oft gesagt.“ (Busch und Busch 2008, S. 25). Für ihn „leben“ die verschiedenen Sprachen, die er spricht, in Taschen in seinem Gehirn, und Deutsch kommt in dieselbe Tasche wie Englisch, umso mehr Deutsch in diese Tasche kommt, umso mehr verschwindet das Englische.

„Die gehören, kann man sagen, in dieselbe Tasche in meinem Kopf. Und es gab nicht genug Platz für beide. Je mehr deutsche Wörter ich gelernt habe, desto wenig englische hab ich im Kopf gehabt. Oder besser, ich habe mehr Schwierigkeiten, wenn ich Englisch herausholen muss.“ (ibid)

Wir sehen an diesem Beispiel sehr schön, welch große Herausforderung das Lernen einer Sprache sein kann – und den langsamen Verlust des Englischen durch das Vordringen des Deutschen.

Freiwillige Spracharbeit

An dieser Stelle seien ein paar Gedanken zur freiwilligen Spracharbeit erlaubt. Zumeist sind Freiwillige vor allem sehr engagiert, oftmals haben sie aber noch nie im Leben Sprache unterrichtet, manchmal kommen sie aus dem Bereich der Grundschule und sind nicht an die Arbeit mit Erwachsenen, sondern mit Kindern gewöhnt. Oftmals ist die Möglichkeit, mit professionellen Sprachunterrichtenden zu arbeiten, nicht vorhanden, es mangelt an Geld, an Strukturen oder eben an den professionellen Unterrichtenden. Darin kann aber eine große Chance bestehen, nämlich nicht Sprache und Grammatik zu vermitteln, sondern die Sprache als das zu verwenden, was sie ist: ein Mittel zur Kommunikation.

Ich bin fest davon überzeugt, dass eine natürliche Kommunikation, das Sprechen und vor allem das Zuhören, eine viel effektivere Art sich einer Sprache anzunähern bedeutet als das Vermitteln von abstrakten Grammatikregeln. Sprache in ihrer natürlichen, kommunikativen, authentischen Form ist das, was Geflüchtete brauchen. Und sie brauchen ebenfalls Sprache als einen Ausdruck der Empathie und des sozialen Zusammenhalts, und genau das kann Sprachunterricht oftmals nicht leisten. Die Profis orientieren sich an Zielen, wie zum Beispiel den Stufen des Europäischen Referenzrahmens, an einer – vermeintlich notwendigen – Grammatikprogression und oft an den vollkommen irrelevanten Inhalten von Lehrwerken. All das kann nicht zu einer Handlungsfähigkeit in der neuen Sprache führen, sondern bloß zu einer Ansammlung an metasprachlichem Wissen.

Überdies ist die Rolle, die die Freiwilligen einnehmen, oftmals charakterisiert von dem, was ich gerne „die gleiche Augenhöhe“ nenne. Also keine Haltung, die paternalistische Züge aufweist und die Ehrenamtlichen zu Ersatzeltern, Lehrer*innen oder „dei ex machina“, den allgegenwärtigen und allmächtigen Superwesen, macht.

Kurz zusammengefast können wir sagen: Ehrenamtliche sollen das tun, was sie am besten können: Kommunikationspartner*innen und Bezugspersonen sein.

Und noch ein Gedanke zum Ehrenamt: Das Ehrenamt braucht Strukturen, die die engagierten Menschen unterstützen, da sie leicht in Situationen kommen, die auch für sie überfordernd werden. Seien es so einfache Dinge wie das Transferieren von Geld aus Schweden nach Österreich, das weder über eine Bank funktioniert, weil die Menschen keine Konten haben, noch über Institutionen wie Western Union, weil dies zu teuer ist. Also muss das Geld persönlich überbracht werden. Beide Seiten brauchen Sicherheit, und das kann dazu führen, dass eine Ehrenamtliche dem Überbringer des Geldes ihren Pass zeigen muss, was eine sehr verunsichernde Situation darstellt. (Dies und die folgende sind wahre Geschichten). Andererseits können plötzlich Trauma-Erscheinungen auftreten, oder die betreuten Menschen reden über Suizid – und wer von uns wäre da nicht überfordert? Daher bedarf es unbedingt Stützstrukturen sowohl für die Ehrenamtlichen als auch für die Geflüchteten.

Gegenseitiger Sprachaustausch

Abschließend noch ein paar Gedanken zu Spracharbeit (also eher Kommunikation) und Mehrsprachigkeit: Ich habe oben erwähnt, dass Deutsch lernen oftmals auch zu Sprachverlust führen kann. In einem klassischen Deutschunterricht wird Deutsch unterrichtet. In der „normalen“ Kommunikation bedienen wir uns aller sprachlichen Mittel, die uns zur Verfügung stehen, um miteinander zu reden, unsere Geschichten auszutauschen oder gemeinsam Probleme zu lösen. Und es ist diese natürliche Kommunikation, die wesentlich erscheint. Ebenso wie das Prinzip der Gegenseitigkeit aus dem Sprachunterricht, wie ich ihn gerne verstehen würde. Ich kann zwar auch als Sprachlehrer*in, viel besser jedoch als Kommunikationspartner*in, neue Sprachen lernen, Neugierde zeigen oder mit vielen „Fehlern“ Worte wiederholen und zu einfachen Sätzen zusammenbauen.

Diese Gegenseitigkeit erscheint mir vor allem in der Arbeit mit Geflüchteten wesentlich, da sie in Situationen, in denen sie etwas erklären, eventuell auch korrigieren und helfen, in einer anderen Situation sind, als in vielen Momenten in ihrem derzeitigen Leben. Sie helfen, sie sind die Expert*innen, die Lehrer*innen, sie haben ein wenig Macht in der Kommunikationssituation – und das sollen, ja müssen, wir ihnen geben.


Lesen Sie hierzu auch die anderen Beiträge aus der EPALE Themenwoche: Europawahl 2019 - Europa gemeinsam gestalten!


Literatur:

Busch, Brigitta und Busch, Thomas (2008): Von Menschen, Orten und Sprachen. Multilingual leben in Österreich. Klagenfurt/Celovec: Drava

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Thomas Fritz ist Leiter des lernraum.wien, Institut für Mehrsprachigkeit, Integration  und Bildung der VHS Wien. Er ist seit langer Zeit als Unterrichtender, Aus- und Weiterbildner, Vortragender und Projektmanager in der Erwachsenenbildung tätig. Inhaltliche Schwerpunkte: Mehrsprachigkeit, Basisbildung, Superdiversity und Weiterbildung.

E-Mail: thomas.fritz@vhs.at

Web: www.vhs.at/lernraumwien


Den Veranstaltungsrückblick zur Konferenz "Nachhaltige Erwachsenenbildung im Kontext von Flucht und Migration", welche am 24.11.2016 in Wien stattgefunden hat, finden Sie auf der Seite der Nationalagentur Erasmus+ Bildung: bildung.erasmusplus.at

Zur Publikation "Nachhaltige Erwachsenenbildung im Kontext von Flucht und Migration".


Fotos: (c) OeAD-GmbH/APA-Fotoservice/Hörmandinger

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