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EPALE - ríomhArdán d’Fhoghlaim Aosach san Eoraip

Blag

Erwachsenenbildung lebt von Präsenz, und digitale Formate bereichern sie

19/10/2020
ag EPALE Deutschland
Teanga: DE

Eigentlich sollten Frau Prof. Dr. Julia Franz  von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und ich jetzt ständig am Telefonieren sein. Normalerweise würde in knapp vier Wochen das Bamberger Forum 2020 starten und wir wären in der heißen Vorbereitungsphase. Doch was ist dieser Tage schon normal? Statt per Telefon die Konferenz zu koordinieren, habe ich mich per E-Mail mit Frau Franz ausgetauscht: zur digitalen Lehre und den Herausforderungen in der Erwachsenenbildung, den Einfluss von Corona auf die weitere Entwicklung der Lehre und der Erwachsenenbildung im Ganzen, und warum das Bamberger Forum bewußt nicht in den digitalen Raum verlegt wurde.

 

Frau Franz, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen. Stellen Sie sich und Ihre Arbeit doch kurz vor.

Portrait von Frau Prof. Dr. Julia Franz

Sehr gerne! Ich arbeite als Professorin für Erwachsenenbildung und Weiterbildung an der Universität Bamberg. Zu den Aufgaben von mir und dem Team der Professur gehört zunächst die universitäre Lehre. Dabei setzen wir uns das Ziel, Bachelor- und Masterstudierende für das breite und heterogene Feld der Erwachsenen- und Weiterbildung zu begeistern und sie dazu anzuregen, entsprechende Kompetenzen zu erwerben, um sich in diesem Berufsfeld reflexiv zu professionalisieren.

Darüber hinaus arbeiten wir in verschiedenen Forschungsprojekten daran, neue Erkenntnisse für die wissenschaftliche Disziplin der Erwachsenenbildung zu generieren. In unseren aktuellen Projekten forschen wir beispielsweise zu informellen Formen der kulturellen Bildung im ländlichen Raum oder dazu, wie sich Lernumwelten in Betrieben durch Digitalisierungsprozesse von Produktionsanlagen verändern. Zu meinen Aufgaben in der Forschung zählt natürlich auch die Betreuung von externen und internen Promovierenden, die sich in ihren Arbeiten beispielsweise mit Mentoring- und Professionalisierungsprozessen, mit der digitalen Lernprozessen oder mit organisationalen Veränderungen in Einrichtungen der Erwachsenenbildung auseinandersetzen.

Neben diesen beiden Hauptaufgaben ist uns der Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis ein wichtiges Anliegen. Dieser Transfer erfolgt über die Einbindung von Praktikerinnen und Praktikern in unsere Lehre, über Tätigkeiten in Beiräten von Praxiseinrichtungen und über Veranstaltungen wie das Bamberger Forum für Erwachsenenbildung und Weiterbildung, das wir ja auch in Kooperation mit EPALE machen und das in diesem Jahr aufgrund der aktuellen Situation leider ausfallen wird.

 

Wie haben Sie die letzten Monate erlebt?

Sehr ambivalent! Das Besondere ist ja letztlich, dass es eine solche Situation in dieser Form noch nicht gegeben hat und sie die Gesellschaft auf so vielen Ebenen vor große Herausforderungen stellt, für die es keine erprobte Handlungsstrategie gibt. Handeln erfolgt im Modus der Ungewissheit und das sorgt natürlich auch für viel Verunsicherung, wie man in den letzten Monaten deutlich beobachten konnte.

Neben dieser gesellschaftlichen Perspektiven haben die letzten Monaten aber auch viele Veränderungen in unserer Arbeitswelt mit sich gebracht. In der Universität arbeiten wir größtenteils im Homeoffice und mussten erst einmal lernen, wie eine digitale Zusammenarbeit gut funktionieren kann. Treffen in Gremien und Teams oder auch Tagungen wurden und werden in den virtuellen Raum auf Plattformen wie Zoom oder Teams verlegt. Daran mussten sich alle auch erstmal gewöhnen. Die Kommunikationsmöglichkeiten sind halt schon anders, da der persönliche Austausch eingeschränkt ist und es aus meiner Sicht sehr anstrengend ist, so lange alleine vor dem Rechner zu sitzen. Regelmäßige Treffen in Präsenz sorgen schon immer für Abwechslung im Arbeitsalltag, jetzt hat sich die Arbeitsform des „vorm Rechner Sitzens“ erheblich ausgedehnt und erstreckt sich vermehrt auf Austausch und Kommunikation, die sonst im Schwerpunkt doch von Angesicht zu Angesicht stattgefunden haben.

Die Herausforderung, die uns an der Professur in den letzten Monaten sicherlich am intensivsten beschäftigt hat, war die Gestaltung des digitalen Semesters. Wir haben uns darauf im Team intensiv vorbereitet und haben versucht, passgenaue Formate digitaler Lehre zu entwickeln, gleichzeitig waren wir aber auch sehr unsicher, wie diese digitalen Formate bei den Studierenden ankommen. Schließlich lebt das Fach Erwachsenenbildung von persönlichen Interaktionen und Begegnungen. Aber rückblickend kann man durchaus sagen, dass alles sehr gut geklappt hat und wir sehr stolz auf unsere vielfältigen digitalen Lernangebote sind!

 

Und welche Schlüsse haben Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen an der Professur und aus der Fakultät daraus gezogen?

Hinsichtlich der beschriebenen Herausforderungen der letzten Monate und angesichts dessen, dass vieles geklappt hat, was wenige Wochen zuvor undenkbar war, könnte man vielleicht den Schluss ziehen, dass die „Corona-Krise“ im Nachhinein tatsächlich auch als große Chance für die Digitalisierung der universitären Lehre und der Strukturen der Zusammenarbeit gedeutet werden kann. Seit langem wird hier über entsprechende Möglichkeiten diskutiert, gefühlt hat sich aber immer nur wenig verändert. Zum einen, weil in der alltäglichen Routine die Zeit für das Nachdenken über Konzepte digitaler Lehre gar nicht da ist und zum anderen, weil auch die entsprechenden Tools nicht zur Verfügung stehen. Das hat sich in der Krise vollständig geändert: Wir haben Tools bekommen und waren gezwungen, Konzepte zu entwickeln und zu erproben. Und was da rausgekommen ist, ist aus meiner Sicht sogar ziemlich gut! Der zweite Schluss wäre an diese Erfahrungen anknüpfend, dass wir in Zukunft, wenn eine reguläre Präsenzlehre wieder möglich ist, digitale Formate mit Präsenzveranstaltungen im Sinne eines Blended-Learnings verknüpfen können. Das finde ich schon eine sehr vielversprechende Entwicklung, die sich da hinsichtlich der Lehre anbahnt.

 

Normalerweise wären wir nun mitten in den Vorbereitungen für das Bamberger Forum, das die Professur gemeinsam mit EPALE

BAMFO 2019
Foto: Franz

veranstaltet. Sie haben sich ganz bewusst gegen eine Online-Veranstaltung entschieden. Erklären Sie uns kurz warum?

Ja, das stimmt. Geplant war das Forum für den 21. November. Wir haben hier auf einer Teamsitzung im späten Frühjahr drüber diskutiert. Zu dem Zeitpunkt gehörte ich ja noch zu der Kategorie der „Naiv- Hoffungsfrohen“ und war der Meinung, dass die Veranstaltung doch bestimmt in Präsenz stattfinden könne. Zum Glück hat mich unser Team hier doch sanft von einer realistischeren Perspektive überzeugt. Wir haben dann auch über eine Online-Alternative nachgedacht und sind recht schnell zu dem Schluss gekommen, dass das keine Alternative ist.

Das Bamberger Forum lebt von den informellen Momenten, beim Mittagessen, in Kaffeepausen, in Zwischengesprächen, in den Workshops und Vorträgen. Die besonderen Austauschprozesse entstehen eigentlich immer genau da. Klar wäre es möglich gewesen, eine Keynote zu streamen und Workshops im virtuellen Raum zu machen. Aber die Momente der Begegnung, des ungezwungenen Austausches und des persönlichen Gespräches gehen dabei verloren: Das Informelle lässt sich nur schwer digitalisieren. Und deshalb haben wir uns entschieden, ein Jahr auszusetzen.

 

Der persönliche Wissensaustausch und das persönliche Gespräch sind Ihnen also sehr wichtig. Wie setzen Sie das jetzt mit allen Einschränkungen in der Lehre um?

Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben, abwechslungsreiche digitale Formate zu gestalten bei denen asynchrone Elemente (z.B. vertonte Präsentationen in Vorlesungen und bereitgestellte Online-Materialien) und synchrone Elemente (Live-Sitzungen auf entsprechenden Plattformen) enthalten sind. Grade bei synchronen Live-Sitzungen war es uns wichtig, den Austausch mit Studierenden möglichst gut anzuregen, so dass man - zumindest ähnlich wie in der Präsenzlehre – miteinander diskutieren kann. Dabei ist es aus meiner Sicht unerlässlich, dass alle auch ihre Webcams einschalten. Dadurch kann man zum Beispiel sehen, ob jemand gerade die Stirn runzelt oder kritisch, fragend oder amüsiert schaut. Das kann dann wiederum aufgegriffen werden. Für die Herstellung einer vertrauensvollen Interaktion im virtuellen Raum ist dieses Reagieren auf nonverbale Signale immens wichtig. Auch mit digitalen Gruppenarbeiten in „Breakout Sessions“ haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht, da die Arbeit in Kleingruppen sehr viel schneller organisiert wird und die Gruppen dann auch sehr ungestört miteinander arbeiten können und der Austausch aus Sicht der Studierenden auch gut funktioniert. Es gibt also schon Möglichkeiten die Interaktion unter der Bedingung der körperlichen Abwesenheit zu gestalten. Trotzdem fehlt an manchen Stellen die persönliche Präsenz, die eben nicht vollständig digital kompensiert werden kann. 

 

Und was bekommen Sie da an Rückmeldung von den Studierenden? Wie gehen die mit der veränderten Situation um?

Eine Frau sitz an einem Tisch und lernt am Computer.
Bild von Free-Photos auf Pixabay 

Die Studierenden waren mit unseren Veranstaltungen ziemlich zufrieden und waren positiv von den Lernformaten überrascht. Gleichzeitig haben sie uns aber auch rückgemeldet, dass sich ihr Lernverhalten schon sehr geändert hat. Sie haben zum Beispiel gesagt, dass sie bei vertonten Vorlesungen deutlich mehr Zeit als normal investiert haben, da sie sich die Präsentationen eben nicht nur einmal, sondern in der Regel mehrmals angehört haben, um auch alle Inhalte zu verstehen und sich entsprechende Notizen zu machen. Die Studierenden haben auch berichtet, dass nicht nur die Intensität, sondern auch die Disziplin in der Vor- und Nachbereitung zugenommen habe. Aus erwachsenenpädagogischer Sicht ist das natürlich sehr interessant, weil man da vorsichtig ableiten könnte, dass die Studierenden durch die digitale Lehre verstärkt Selbststeuerungskompetenzen erworben haben. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, dass die Studierenden auch unter der sozialen Distanzierung gelitten haben. Geschlossene Bibliotheken und aus dem Home-Office agierende Universitäten bedeuten eben auch, das Lernräume von Studierenden auf das eigene (WG-)Zimmer eingeschränkt werden. Und diese Situation ist gar nicht so leicht, weil auch hier die Gelegenheitsstrukturen für informellen Austausch verloren gehen. Besonders intensiv ist mir das bei der Begleitung von Studierenden aufgefallen, die sich in der Endphase des Studiums befinden und gerade ihre Abschlussarbeit scheiben. Das war für viele nicht einfach.

 

Welche Auswirkungen, glauben Sie, wird die Pandemie langfristig auf die Inhalte und den Aufbau des Studiums der Erwachsenen- und Weiterbildung haben?

Sicherlich wird bei uns in Zukunft die Auseinandersetzung mit der digitalen didaktischen Gestaltung von Erwachsenenbildung ein wichtiges Thema bleiben. Und zwar in mehrfacher Hinsicht: Zum einen werden einige der digitalen Formate auch in unserer zukünftigen Lehre im Studium eingesetzt werden. Zum zweiten wird aber auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit Potenzialen einer digitalen Didaktik im Studium eine wichtige Rolle spielen. Und zum dritten wird die Beforschung digitaler Lernformen immer wichtiger.

 

Und wie, denken Sie, wird sich die Erwachsenen- und Weiterbildung im Allgemeinen verändern?

Das ist eine schwierige Frage. Zunächst einmal hoffe ich, dass die Einrichtungen der Erwachsenenbildung, die durch die Schließungen durchaus auch in ihrer Existenz bedroht waren und sind, langfristig überleben werden. Allein dadurch könnten sich für das Feld dramatische Veränderungen ergeben, die man jetzt allerdings noch nicht absehen kann.

Was man aber sicherlich absehen kann, ist, dass das Thema Digitalisierung der Erwachsenenbildung einen deutlich größeren Stellenwert einnehmen wird. Gerade in der Allgemeinen Erwachsenenbildung war die Situation ja ähnlich wie an den Universitäten: „Digitalisierung ist interessant und sollte und könnte man unbedingt machen, wenn mal die Zeit dafür da ist……“ Jetzt sind auch hier die Organisationen gezwungen, entsprechende Formate zu entwickelt und anzubieten. Da sind in der letzten Zeit eine ganze Menge kreative Dinge entstanden, an die vor einem Jahr noch niemand gedacht hätte. Gleichwohl ist das Feld der Erwachsenenbildung eines, was auf der persönlichen Begegnung aufbaut. Ich glaube daher, dass digitale Formate zunehmend in die bestehende Angebotsstruktur aufgenommen werden, sie aber das Präsenzprogramm kaum ersetzen, sondern eher anreichern werden.

 

Wenn Sie diese Veränderungen im Hinterkopf behalten, wie kann man da den persönlichen (Präsenz-)Wissensaustausch stärken?

Wie gesagt, ich glaube das Feld der Erwachsenenbildung lebt von Präsenz, kann aber durch digitale Formate durchaus bereichert werden. In der didaktischen digitalen Gestaltung kommt es dann aus meiner Sicht darauf an, auch da weiterhin die klassischen didaktischen Prinzipien der Erwachsenenbildung ernst zu nehmen, wie zum Beispiel Biografieorientierung, Partizipationsorientierung oder Lebensweltorientierung. Das kann auch digital funktionieren, wenn man zum Beispiel im digitalen Seminarraum Gruppen bildet, die sich kurz über ihre biografischen Erfahrungen mit dem Lerngegenstand auszutauschen oder darüber, welche Rolle der Lerngegenstand in ihrem Alltag, in ihrer Lebenswelt spielt. Zudem kann man auch im digitalen Raum mit Teilnehmenden darüber diskutieren, welche Inhalte wie fokussiert werden sollten. Es gibt da viele Möglichkeiten, den persönlichen Austausch anzuregen, die Präsenz wird dies aber nicht vollständig ersetzen können.

Vielen Dank.

Das Interview führte Christine Bertram.

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