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Besprechung zu Renate Zitt, Ethische Argumentarien in Sozialer Arbeit und Sozialen Berufen. Biographizität als Perspektive in der Hochschuldidaktik, Arbeitspapiere aus der Evangelischen Hochschule Darmstadt Nr. 22-Oktober 2016, ISSN 2193-6501, 55 Seiten.

Langue: DE

Posté par Andreas-Michael Blum

Renate Zitt setzt sich in ihrer Abhandlung mit den Begriffen „Argumentarium“ und „Biographizität“ und ihren Bezügen zur Hochschuldidaktik auseinander. Das Begriffspaar, das zunächst befremdlich klingt, dient der „ethisch begründeten Urteilsbildung und (berufs-) ethisch (und theologisch) begründeten Handlungsorientierung“ in der Sozialarbeit und in verwandten Berufen (S. 1).

Dass „Argumentarien (…) zur Anregung und Unterstützung einer eigenen ethisch begründeten Positions- und Urteilsbildung“ (S. 1) in den bestehenden Diskurs von Ethik und Theologie eingebracht werden können, ist für die Verfasserin Anlass, eine berufsfeldorientierte Handlungsethik ganz im Sinne der Bereichsethik Dagmar Fenners[1] zu entwerfen, die in Wahrheit eine Spurensuche nach den Handlungsfeldern der Sozialarbeit ist.

Des Weiteren verfolgt Renate Zitt die These, dass Soziale Arbeit, deren „fachliches Handeln im Kern aus Interaktionen mit anderen Menschen bzw. aus Interventionen in sozialen Beziehungen besteht“[2] (S. 2), biografische „Möglichkeitsräume“ - verstanden als „Biographizität“ im Sinne Peter Alheits[3] - eröffnet (S. 2).

Während Zitt im ersten Kapitel auf die „ethischen Argumentarien“ (ethical reasoning) eingeht, deren Diskussionsstränge in der Schweiz und Österreich zu verorten sind, beleuchtet sie im zweiten Abschnitt deren Relevanz für die Bereichsethik der Sozialarbeit. Im dritten Teil geht Zitt der Frage nach, wie „ethisch begründete Urteilsbildung in Kontexten Sozialer Arbeit und Sozialer Berufe umgesetzt wird“ (S. 17). Sie beantwortet diese Frage dahingehend, dass bei dem „ethical reasoning“ eine „fragende und suchende Haltung aller, also so etwas wie Augenhöhe im Ringen um das richtige, das gute (ethisch begründete) Handeln entsteht, das sowohl auf die im sozialen Bereich professionell Tätigen als auch deren KlientInnen abzielt (S. 23).

Unter „Biographizität“ im vierten Kapitel (S. 26-28) und „Biographizität als Schlüsselbegriff für ethical and theological reasoning in Sozialer Arbeit und Sozialen Berufen“ im fünften Kapitel (S. 28-31) leitet die Verfasserin schließlich einen Zusammenhang her, bei der sowohl die in der Profession der Sozialen Arbeit Tätigen als auch deren KlientInnen ihre Fähigkeiten zur Suche nach Möglichkeitsräume und deren Grenzen wahrnehmen. Innerhalb dieser „Begrenzungen“ (S. 30) ermöglicht Biographizität, das eigene Leben selbst zu gestalten und in einen dialogischen Austausch mit der Gesellschaft zu treten, dabei einen „reflektierten Umgang mit Religiosität und Religion“ zu pflegen. Dieser perspektivisch-reflektierte Umgang mit Religion ist es, der „Möglichkeitsräume eröffnet und nicht verschließt bzw. einschränkt“ (S. 30).

In „Hochschuldidaktik und Berufsethik – Argumentarien als Möglichkeitsräume für die Entwicklung berufsethischer Biographizität“ (S. 31-38) geht es um die Herausbildung eines berufsethischen Verständnisses in der Sozialarbeit, dessen Förderung und Herausbildung von Kompetenzen der RollenträgerInnen an den Hochschulen und Universitäten ein wichtiger Schritt ist. Mehr noch: „Ethik und Theologie können als Reflexionsinstrumente (…) in der Hochschuldidaktik inhaltlich und praktisch stark gemacht werden“ (S. 34), so Zitt. Das setzt eine „(…) Hochschuldidaktik für die Ausbildung einer Ethik in Kontexten Sozialer Arbeit und Sozialer Berufe Argumentarien [voraus], die Argumente und elementarisiertes Wissen bündelt, um (berufliche) Biographizität zu ermöglichen“ (S. 34) und kritisch-professionelle „Positionen für das berufliche Handeln (…)“ zu erarbeiten (S. 34).

Ziel einer solchen Argumentation ist die „eigenen ethisch und theologisch reflektierten Möglichkeitsräume in der Gestaltung des eigenen Lebens zu entdecken“ (S. 34) und in der Hochschuldidaktik eine „ethische Kompetenzbildung“ (S. 34), gemeint ist die Herausbildung eigener Argumentations- und Urteilsfähigkeit, zu fördern. Diesbezüglich verweist Zitt auf die „Schulung (...) des Mutes, des Fragenstellens; Komplexität und Dilemmata auszuhalten; nach innen und außen argumentationsfähig zu werden und zu bleiben; Macht/Asymmetrie in der beruflichen Rolle zugunsten des Klienten/der Klientin einzusetzen im Bewusstsein des gemeinsamen ‚Mensch-in-Gesellschaft-sein‘ (…)“ (S. 34).

Diese indirekte Aufforderung zum Diskurs über eigene biographische Möglichkeitsräume und ihre Bezugnahme auf Strukturen und Beziehungen in der Gesellschaft kann in der Arbeit mit den Studierenden entwickelt werden, die mit „Theorietexten“, ergänzt um „narrative“ und „theologische Zugänge“ (S. 36), Impulse zu einem kritischen Berufsverständnis entwickeln. Innerhalb dieses Berufsverständnisses steht „[d]ie ethische Reflexion von Konzepten und Theorien im Hinblick auf Menschenbilder, Gesellschaftsbilder, Ziele und Werte (Normen) und die Analyse leitender philosophischer und theologischer Begriffe wie Gerechtigkeit, Anerkennung, Care, Verantwortung (…)“ (S. 36) nach innen und außen.

Im siebten Abschnitt „Mandate der Sozialen Arbeit in den Perspektiven des ethical und theological reasoning“ (S. 38-42) geht es um die verschiedenen Mandatsbegriffe und den gesellschaftlichen Auftrag der Sozialarbeit. So resümiert Zitt folgerichtig, den Studierenden „die unterschiedlichen Mandatsverständnisse in ihren jeweiligen Kontexten deutlich zu machen“ (S. 41) und deren Einbindung in den kirchlichen Handlungsraum „mitsamt ihrer eigenen Professionsethik“ (S. 41) sichtbar zu machen. Das nachfolgende Kapitel „Ethical und theological reasoning und der Umgang mit Religion in Kontexten Sozialer Arbeit im Horizont von Biographizität“ (S. 42-44) behandelt schließlich die Bedeutung von Religion und Religiosität in ihrer Beziehung zur Sozialarbeit. Zitt beschreibt hiernach Religion als Phänomen des Wirkens, mit dem es in der theologischen Reflexion „wahrnehmend, deutend und gestaltend“ umzugehen gelte und bei dem die konfessionellen Institutionen geschichtlich eine Vorreiterrolle einnehmen (S. 44).

Theological reasoning kann daher eine Aufforderung an die Studierenden sein, sich über das Rollenverständnis von “Religion auf der Mikro-, der Meso- und der Makroebene“ (S. 44) Klarheit zu verschaffen und auch sich mit den Religionsgemeinschaften, deren „Handlungsfeldern und Zielgruppen“ (S. 44) in der Sozialarbeit auseinanderzusetzen. Zudem diene theological reasoning stellvertretend für den eigenen fachlichen Standpunkt, sei es „die eigene fachliche Berufsethik (…) vertreten zu können, im Konsens, aber auch bei Konflikten“[4] (S. 44).

In ihrem schließenden „Fazit“ kommt die Autorin zu dem Ergebnis, dass der ethischen Argumentation eine „zentrale Funktion in der Hochschuldidaktik für die Ausbildung ethischer Kompetenz in Sozialer Arbeit und Sozialen Berufen (…)“ zukommt und der „Gestaltung einer guten Praxis“ (S. 45) dient. So verstanden sind ethical und theological reasoning als grundlegende „(…) Stränge professioneller Begründungsarbeit in Sozialer Arbeit und Sozialen Berufen“ (S. 45) zu verstehen. Die eigene Verortung von Möglichkeitsräumen und das In-Beziehung-setzen zu gesellschaftlichen Werten sind Voraussetzungen für diese Begründungsarbeit.

Die kleine Schrift „Ethische Argumentarien in Sozialer Arbeit und Sozialen Berufen“ von Renate Zitt eröffnet auf der Grundlage einer gründlich recherchierten Literaturauswertung neue Zugänge zu einer Bereichsethik, die Problem- und Handlungsfelder in der Arbeit mit KlientInnen in unserer ausdifferenzierten Gesellschaft identifiziert und anhand der Möglichkeitsräume der BerufsträgerInnen eine fragende, suchende und forschende Perspektive für das eigene und gute Handeln (ethical reasoning) entwickelt.

Hinzukommen soll nach Meinung der Wissenschaftlerin ein theological reasoning, das in den Sozialberufen eine professionelle Kompetenz darstellt, deren Werte Religion und Religiosität durch Personen, Gruppen, Organisationen und deren konfessionelle Träger es kritisch und konstruktiv zu reflektieren und mit den Menschen im sozialen und pädagogischen Handeln zu verknüpfen gilt. In didaktischer Hinsicht sind Hochschulen und Universitäten diejenigen Lern- und Erfahrungsorte, die Anstoß geben für eine inhaltliche Diskussion um eine ethisch begründete Professionalisierung in der Sozialarbeit.

Eine außergewöhnliche Schrift, die eine Diskussion um die Berufsethik in den Sozialen Berufen ermöglicht und Anlass gibt, sich mit den eigenen und den gesellschaftlichen Möglichkeitsräumen der professionellen Sozialarbeit und ihren ethischen und theologischen Begründungszusammenhängen auseinanderzusetzen.

Dr. Andreas-Michael Blum, LL.M. (Lancaster University/UK), Diploma German & International Arbitration (Goethe-Universität Frankfurt a.M.), Inhaber des Zertifikats für Hochschuldidaktik der Goethe-Universität Frankfurt a.M., Mediator (Uni of Applied Sciences, Hochschule Wismar) und Wirtschaftsmediator (Uni of Applied Sciences, Hochschule Wismar), Rodgau (Kreis Offenbach).

 

[1] Einführung in die Angewandte Ethik, Tübingen 2010, S. 47.

[2] Unter Hinweis auf Ruth Großmaß/Gudrun Perko, Ethik für Soziale Berufe, Paderborn 2011, S. 8.

[3] Identität oder „Biographizität“? Beiträge der neueren sozial- und erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung zu einem Konzept der Identitätsentwicklung, in: Birgit Griese (Hrsg.), Subjekt – Identität – Person? Reflexionen zur Biographieforschung, Wiesbaden 2010.

[4] Unter Bezugnahme auf Silvia Staub-Bernasconi, „Wert“-Voll in Zeiten der Krise?!, in: Roland Becker-Lenz u.a. (Hrsg.), Bedrohte Professionalität. Einschränkungen und aktuelle Herausforderungen für die Soziale Arbeit, Wiesbaden 2014, S. 89-112.

Auteur(s) de la ressource: 
Dr. Andreas-Michael Blum
Date de publication:
Jeudi, 16 Février, 2017
Type de ressource: 
Articles
Pays:
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