chevron-down chevron-left chevron-right chevron-up home circle comment double-caret-left double-caret-right like like2 twitter epale-arrow-up text-bubble cloud stop caret-down caret-up caret-left caret-right file-text

EPALE

Aikuiskoulutuksen eurooppalainen foorumi

 
 

Blogi

Strategische Inklusion von Migrant*innen in die Programmentwicklung der Erwachsenenbildung

16/09/2019
, Tino BOUBARIS
Kieli: DE
Document available also in: EN CS

Lesedauer circa sechs Minuten - Lesen, liken und kommentieren!

Dem Bildungssektor, insbesondere auch der Erwachsenenbildung, kommt eine zentrale Rolle bei der sozialen und wirtschaftlichen Integration von Migrant*innen zu. Ob es darum geht, die auf dem Arbeitsmarkt erforderlichen formalen und nicht formalen Kompetenzen zu entwickeln oder die erforderlichen Sprachkenntnisse für Schule, Studium, Ausbildung, Beruf und Alltag zu entwickeln: Ohne die Organisationen der Erwachsenenbildung wäre eine Bewältigung dieser gesellschaftlichen Aufgabe kaum denkbar. 

Neben Integrationserfordernissen muss die aktive Einbeziehung von Migrant*innen und Geflüchteten in die europäischen Gesellschaften angegangen werden. Dieses Ziel, das sich auch in der Strategie Europa 2020 der Europäischen Union zur Verringerung von Armut und sozialer Ausgrenzung in Europa wiederfindet, ist von großer Bedeutung für den zukünftigen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das gilt insbesondere in Zeiten eines zunehmenden Populismus bis hin zu nationalistischen und offen rechtsradikalen Tendenzen in Politik und Gesellschaft auf allen Ebenen.

Die migrationsbedingten Veränderungen in unseren Gesellschaften führen seit geraumer Zeit auch zu Veränderungen in den Einrichtungen der Erwachsenenbildung selbst: Themen wie interkulturelle Öffnung öffentlicher und privater Einrichtungen, Vielfalt und Inklusion sind im europäischen Bildungskontext weit verbreitet.

Migrant*innen nicht nur als Bildungsempfänger*innen ansprechen

Die meisten Einrichtungen der Erwachsenenbildung in Europa sprechen Migrant*innen als Zielgruppen an. Sie sind oft überdurchschnittlich stark in den Teilnahmestatistiken der Einrichtungen vertreten, weil sie an Sprachkursen sowie an verschiedenen formalen und nicht formalen Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen, Integrationskurse besuchen und vieles mehr. Migrant*innen treten somit in den Einrichtungen in der Regel als Teilnehmende bzw. Bildungsempfänger*innen auf. Was in der Regel jedoch fehlt, ist eine aktive Beteiligung im gesamten Portfolio von Aktivitäten der Erwachsenenbildung, wo Migrant*innen nicht nur als Empfänger*innen, sondern auch als Anbieter*innen von Wissen sowie als Expert*innen in eigener Sache angesprochen werden.

Doch wie kann so ein Beitrag der Erwachsenenbildung zur aktiven Teilhabe praktisch aussehen? Hilfreich kann dazu der Blick auf in Einrichtungen der Erwachsenenbildung angewandte Strategien zur Programmentwicklung sein. Wie werden Kursprogramme inhaltlich-didaktisch und organisatorisch entwickelt? Um effektive Lernstrategien für Lernende mit Migrationserfahrung zu entwickeln, müssen die Communities von Migrant*innen bzw. ihre Repräsentant*innen und Organisationen mittel- und langfristig aktiv in die Entwicklung von Programmen für die Erwachsenenbildung einbezogen werden. Dies ist von entscheidender Bedeutung für eine erfolgreiche Inklusion in den Bildungssektor. Zu den Fragen, die gemeinsam erörtert werden sollten, gehören u.a.:

  • Wie können Erwachsenenbildungseinrichtungen Migrant*innen, ihre Vertreter*innen und Organisationen nachhaltig an der strategischen Programmplanung beteiligt werden?
  • Was sind fördernde / unterstützende Faktoren für die aktive strategische Inklusion von Migrant*innen?
  • Was sind störende Faktoren / Hindernisse für die aktive strategische Inklusion von Migrant*innen?
  • Was sind mögliche Grenzen der Inklusion in die eigene Bildungseinrichtung im Hinblick auf organisatorische Unabhängigkeit?

In den vergangenen Jahren und laufend haben sich verschiedene Projekte und Initiativen mit dem Thema der aktiven Inklusion von Migrant*innen in der Erwachsenen- und Weiterbildung auseinandergesetzt. Hier einige Beispiele:

EduMAP: Erforschung von Richtlinien und Praktiken in der Erwachsenenbildung

/en/file/edumaplogoblogipngedumap_logo_blogi.png

Logo EduMAP
Das Projekt „Erwachsenenbildung als Mittel zur aktiven partizipativen Bürgerschaft“ (EduMAP) ist eine Initiative (2016 bis 2019) im Rahmen des EU-Forschungsprogramms HORIZON 2020, die auf Erwachsenenbildung und junge Erwachsene, welche von sozialer Ausgrenzung bedroht sind, ausgerichtet ist. Besondere Aufmerksamkeit gilt den bildungspolitischen Empfehlungen und Praktiken, die benötigt werden, um die aktive partizipative Bürgerschaft von in unterschiedlicher Weise benachteiligten jungen Menschen zu fördern. Zu den forschungsbasierten Empfehlungen gehören u.a. die Verbesserung des Zugangs zu Erwachsenenbildung und die Einbeziehung junger Menschen aus vulnerablen Gruppen sowie die Erleichterung der Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen allen Beteiligten im Bereich der Erwachsenenbildung, einschließlich junger Menschen, in politischen Konsultations- und Entscheidungsfindungsprozessen. Mehr Infos sowie die Veröffentlichungen des Projekts können hier heruntergeladen werden.

Leitlinien für die Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft

Die 2015 veröffentlichten Leitlinien sind das Ergebnis eines mehrjährigen Prozesses der aktiven Auseinandersetzung mit der Realität der Migrationsgesellschaft, an der sich zahlreiche Vertreter*innen der österreichischen Erwachsenenbildung beteiligt haben. Grundannahme ist, dass Fragen der Migration, Heterogenität und sozialen Inklusion aktiv, strukturiert, gemeinsam und wissensbasiert bearbeitet werden müssen. Die Leitlinien stellen eine Selbstverpflichtung dar, bieten Orientierung und schaffen einen Rahmen. Sie sollen als Anstoß dienen, die Diskussion über migrationsrelevante Themen in der Erwachsenenbildung voranzutreiben und sich mit der Realität der Migrationsgesellschaft aktiv auseinanderzusetzen, Stellung zum Thema Migration zu beziehen und sich mit institutionellen Rassismen und struktureller Diskriminierung zu beschäftigen. Damit verbunden ist das Bemühen, Formen des Ausschlusses und der Diskriminierung aufzuspüren und zu beseitigen. mehr Infos sowie die Leitlinien zum Download gibt es hier.

PRISMA (Participation Rather than Integration of Migrant Communities in Adult Learning)

/en/file/prisma3jpgprisma3.jpg

Logo prisma
Ziele des Erasmus+ Projektes sind die Identifizierung, der Austausch und die Verbreitung von Beispielen guter Praktiken bei der aktiven strategischen Einbeziehung von Migrant*innencommunities in Entscheidungsprozessen hinsichtlich der Programmplanung in Organisationen der Erwachsenenbildung. Dafür wird u.a. eine Matrix entwickelt, mit deren Hilfe Maßnahmen und Aktivitäten von Bildungseinrichtungen auf ihr Inklusionspotential hinsichtlich verschiedener Aspekte überprüft werden können. Das vom VNB koordinierte Projekt mit Partnerorganisationen aus Deutschland, Österreich, Dänemark, Zypern und Litauen startete im Oktober 2018 und wird im September 2020 abgeschlossen. Mehr Infos gibt es unter www.vnb.de/prisma und auf der facebook-Seite des Projekts.

DIVERSITY: Including Migrants through Organisational Development and Programme Planning in Adult Education

Das DIVERSITY-Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, zu einem Paradigmenwechsel in der Betrachtung von Migrant*innen als Zielgruppen der Erwachsenenbildung beizutragen: Weg von einer „Sondergruppe“ mit spezifischen Angebotsstrukturen und hin zu einer Inklusion in die Regelangebote der Erwachsenenbildung. Konkret will das Projekt Fortbildungsangebote für Fach- und Leitungskräfte bereitstellen, mit denen es Einrichtungen der Erwachsenenbildung ermöglicht wird, ein operatives Modell für auf Diversität ausgerichtete Bildungsangebote zu entwickeln. Durch die Implementierung dieser Angebote in die Organisationsentwicklung der Einrichtungen sollen Migrant*innen nicht länger als spezielle Kohorte von Teilnehmenden behandelt werden, sondern als regelmäßige Nachfrager*innen eines vielfältigeren Angebots des Erwachsenenlernens. Das zweijährige Projekt, das von der Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung Hannover (AEWB) koordiniert wird, beginnt im November 2019. Mehr Infos gibt es in Kürze unter www.aewb-nds.de.

Dies ist nur eine kleine Auswahl von Projekten und Initiativen, die sich der aktiven Inklusion von Migrant*innen in die Erwachsenen- und Weiterbildung widmen. Zu einer erfolgreichen und nachhaltigen aktiven Teilhabe gehört jedoch auch der gleichberechtigte Zugang zu Bildung und Ausbildung. Leider ist dies nicht in allen Ländern und für alle Zielgruppen der Fall.


Zum Autor: Tino Boubaris ist seit 20 Jahren als Projektkoordinator im Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen e.V. in zahlreichen europäischen Projekten und Netzwerken im Erwachsenen- und Berufsbildungsbereich tätig. Darüber hinaus berät er Vereine und Initiativen u.a. in Organisations- und Finanzierungsfragen. Er engagiert sich ehrenamtlich im Flüchtlingsrat Niedersachsen sowie als Vorsitzender des Vereins Bildungslabor e.V., der innovative Projekte an der Schnittstelle Kunst/Kultur/Bildung entwickelt und implementiert. Seit Sommer 2017 ist er als deutscher Botschafter für die e-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa (EPALE) aktiv.


Mehr Blog-Beiträge von Tino Boubaris

Europa im Herzen, Erwachsenenbildung im Kopf, EPALE im Bauch

Appetite for Enterprise: Migrantinnen entdecken ihre unternehmerischen Fähigkeiten

Europäische Bildungszusammenarbeit in transnationalen Projekten: vom Erfahrungsaustausch zu kreativ-partizipativen Problemlösungen

Share on Facebook Share on Twitter Epale SoundCloud Share on LinkedIn
Refresh comments Enable auto refresh

Näytetään 1 - 10 12:sta
  • Käyttäjän Theognosia Petrou kuva
    Very interesting read.
    Indeed, migrants should be included in strategic planning of adult education. We need to know what their real needs are and not trying to fulfil the needs we believe they have without including them in the process.
  • Käyttäjän Tino BOUBARIS kuva
    We need to remind ourselves of this fact from time to time!
  • Käyttäjän Prudence Onyejiaka kuva
    The good thing about involving migrant communities in decision making when it comes to adult learning is the realistic nature of such choices. It brings the learning process home to it's benefactors. Making it most productive and worth the while.
  • Käyttäjän Tino BOUBARIS kuva
    From my point of view, the reason to foster active participation of migrant communities in adult learning should not only be economy-driven, but seen as a natural way of dealing with the matter of strategic programme planning. This applies as well for all other groups of learners. 
  • Käyttäjän Mona Schliebs kuva
    Am Institut für Lern-Innovation bearbeiten wir ein Projekt, das im weiter gefassten Sinne vielleicht auch in den Kontext passt. Das Projekt ACCEnT zielt darauf ab, Berufsberater, Berater und Coaches, die mit "schwer erreichbaren Gruppen" arbeiten, durch eine innovative Online-Lernumgebung zu unterstützen. Das Hauptergebnis des Projekts wird eine benutzerfreundliche Online-Lernumgebung sein. Ziel des Online-Seminars ist es, die Berufstätigen in die Lage zu versetzen, den Integrationsprozess schwer erreichbarer Gruppen, zu denen neben anderen natürlich auch Migrant*innen gehören, in den Arbeitsmarkt zu beschleunigen und zu erleichtern.
  • Käyttäjän Tino BOUBARIS kuva
    Ich finde den Terminus tatsächlich schwierig, da sich dahinter manchmal etwas anderes verbirgt, nämlich eigene Mängel in der Ansprache der Zielgruppe(n). Ich bin daher für die Anführungszeichen sehr dankbar!
  • Käyttäjän Tino BOUBARIS kuva
    Da werde ich mal nachschauen! Ein sehr hilfreiches Projekt "Verbraucherschutz für Flüchtlinge" der Verbraucherzentrale Niedersachsen wurde leider wieder eingestellt. Mit der Ausbildung von Multiplikator*innen wäre eine nachhaltigere Alternative möglich gewesen.
  • Käyttäjän Maren Lohrer kuva
    ... dass das niedersächsische Projekt eingestellt wurde. Denn "Verbraucherbildung für Geflüchtete" vereint Theorie mit Praxis, Lernen mit Alltagsanwendung. Man liest ja oft in den Medien von Flüchtlingen, denen Handyverträge „angedreht“ worden sind, die sie überhaupt nicht verstanden haben und die sie finanziell überfordern.
    In München gibt es übrigens „Pass auf, was Du unterschreibst“, ein Kooperationsprojekt des Evangelischen Migrationszentrums und des Evangelischen Bildungswerks. Hier werden Themen der Verbraucherbildung in Herkunftssprachen vermittelt.
  • Käyttäjän Tino BOUBARIS kuva
    ... das Beispiel schaue ich mir gerne mal an!
  • Käyttäjän Maren Lohrer kuva
    In der Erwachsenenbildung treten Migrant*innen meist nur als Teilnehmende auf, nicht als Expert*innen in eigener Sache, so beschreibt es der Blogbeitrag sehr anschaulich. Wie lassen sie sich aktiv einbeziehen, wie lässt sich das brachliegende Potenzial für die Integration nutzen? 

    Gerne möchte ich die Positivbeispiele um ein weiteres ergänzen: 
    Projekt „Verbraucherbildung für Geflüchtete“ 
    Das Evangelische Bildungswerk (ebw) hat im Oktober 2016 am Standort Regensburg ein Modellprojekt gestartet: In der ersten Runde ließen sich acht Multiplikator*innen, die selbst einen Migrationshintergrund haben, zu alltäglichen Verbraucherthemen schulen. 

    Im Projekt werden die Multiplikator*innen mit guten Deutschkenntnissen befähigt, die Verbraucherthemen in ihrer Muttersprache Arabisch, Kurdisch, Persisch (Farsi/Dari) und/oder auf Englisch weiterzugeben. Es geht hierbei nicht um die bloße Übersetzung, sondern um eine Anpassung an die Lebensweltlichen der Geflüchteten/Zuwanderer, denen zum oftmals Grundkenntnisse des deutschen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems fehlen. 

    Die Multiplikator*iinnen gehen in Gemeinschaftsunterkünfte und Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge, um die Menschen vor Ort zu erreichen. Auch sind Einsätze bei Integrationskursträgern, in Moscheen, in Ehrenamtsprojekten, Helferkreisen, Hochschulen und Schulen möglich.