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Ajaveeb

Läuft! Nachhaltigkeit und Klimawandel als Themen der Erwachsenenbildung an Volkshochschulen

20/03/2020
looja Heike Kölln-Prisner
Keel: DE

Lesedauer circa 11 Minuten - Lesen, liken und kommentieren!


Ungefähr 17 Mio. Ergebnisse in 40 Sekunden: das passiert, wenn man bei Google das Wort „Klimawandel“ aufruft. Nicht so erstaunlich... Das Wort „Umweltbildung“ ergibt immerhin noch knapp 1 Mio. Ergebnisse in 42 Sekunden. Nachhaltigkeits- oder Umweltbildung sind für die Erwachsenenbildung zurzeit sehr wichtig und werden besser denn je nachgefragt. Die mehr als 900 Volkshochschulen in Deutschland sind als kommunal oder durch Länder geförderte Einrichtungen der Erwachsenenbildung besonders in der Pflicht, hier einen Beitrag zu leisten. Wie kommen sie diesem Auftrag nach?

Bereits 2019 hat Galina Burdukova in einem Beitrag auf EPALE die Besetzung des Begriffs ‚Nachhaltigkeit“ im Wandel bei den Volkshochschulen mit Hilfe einer Programmanalyse untersucht. Dabei wird deutlich, dass der eigentlich mehrdimensionale Begriff mit politischen, wirtschaftlichen, ökologischen oder kulturellen Anwendungen über den gesamten Untersuchungszeitraum (1989-2014) fokussiert genutzt wurde: “Bei aller Verschiedenheit der Angebote gehen politisch oder wirtschaftlich ausgerichtete Angebote auf der übergreifenden Ebene mit der Zeit im relativen Vergleich zurück und Angebote mit der ökologischen Thematik und im Hinblick auf die Lebenswelt gewinnen immer mehr an Bedeutung.“ (ebenda).

Ein Blick in die „Handreichung Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ des Bundesarbeitskreises Politik/Gesellschaft/Umwelt im Deutschen Volkshochschulverband vom Dezember 2019 zeigt die Sicht der Volkshochschulen heute auf das Thema: Ziel von Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) ist es, den Menschen die Kompetenzen zu vermitteln, die sich brauchen, um die Zukunft zu gestalten. Dazu gehören visionäres Denken, systemisches Denken und kritische Reflexion ebenso wie die Fähigkeit Verantwortung übernehmen und sich zu engagieren, zu netzwerken und mit anderen zusammen arbeiten. Laut der Handreichung hat die Erwachsenenbildung den Auftrag, sich diesem Thema intensiv zu widmen, allerdings in den Grenzen des „Beutelsbacher Konsenses“, also ohne zu überwältigen.

Wie sieht das Angebot der Volkshochschulen in Deutschland konkret aus?

Was tun also die Volkshochschulen, um diesem Auftrag gerecht zu werden? Ein paar Zahlen auf der Gesamtebene der Volkshochschulen in Deutschland und in der Einzelbetrachtung einer Großstadt-VHS:

Der Themenbereich „Globales Lernen/Bildung für nachhaltige Entwicklung/Umweltbildung und Verbraucherschutz“ gehört zum Programmbereich Politik/Gesellschaft/Umwelt (PGU). Dieser Programmbereich nahm 2018 laut VHS- Statistik 6,4 % aller durchgeführten Kurse ein (35.500 / 552.000 Kursen). Von diesen 35.500 Kursen im Bundesgebiet sind wiederum 8% dem oben genannten Bereich Globales Lernen/Nachhaltigkeit/Umwelt- und Verbraucherbildung (abgekürzt: GL/N/UVB) zuzuordnen, das entspricht 5,3% der Unterrichtsstunden und 8,5% der Teilnehmenden. Der Bereich PGU wird zu 33% von Männern, zu 67 % von Frauen besucht, für die einzelnen Themenbereiche lassen sich keine separaten Zahlen aus der o.g. Statistik ableiten. Die Altersverteilung zeigt an, dass für den Bereich P/G/U die beiden Altersgruppen von 35-49 J. mit 21% und von 50-64 J. mit 24 % am stärksten vertreten sind.

In der Hamburger Volkshochschule hat der Programmbereich P/G/U mit 484 Kursen, 7.958 Unterrichtsstunden und 6.518 Teilnehmenden in etwa den gleichen Stellenwert wie auf Bundesebene. Allerdings ist der Bereich GL/BNE/UVB hier zum Teil anders zugeschnitten (und da macht nicht nur die Hamburger Volkshochschule eine Ausnahme). So finden sich Kurse zum Thema Umwelt durchaus auch im Bereich Gesundheit („Nachhaltiges Kochen“) oder im Bereich Naturwissenschaften.

Ein Vergleich der Zahlen zu 2017 ist aufgrund einer veränderten Zuordnung in der bundesweiten VHS-Statistik nicht möglich, für 2019 liegen die Zahlen noch nicht vor.

  


Zu diesem Thema habe ich ein Interview mit Anette Borkel, Leiterin des Bereichs Programm der Hamburger Volkshochschule geführt. Sie ist Mitglied im Bundesarbeitskreis Gesundheit des Deutschen Volkshochschulverbands und war bis 2015 dessen Vorsitzende.


Heike Kölln-Prisner (HKP): Was hat sich bezogen auf das Thema „Nachhaltigkeit“ im Programm der Volkshochschulen in den letzten Jahren geändert?

Anette Borkel (AB): Es ist noch gar nicht so lange her, da kamen Kursangebote rund um das Thema Nachhaltigkeit in Volkshochschulen nur schwer zustande. „Schreib bloß nichts  von den 17 SDG (Sustainable Development Goals) oder Nachhaltigkeit in den Titel oder Text. Das ist viel zu sperrig, da kommt keiner“ lautete lange Zeit der gut gemeinte Rat der erfahrenen Kolleg*innen.

Heute sieht das ganz anders aus. Viele Menschen wollen sich informieren, wie es wirklich mit dem Klimawandel bestellt ist. Sie denken darüber nach, wie sie ihren Lebensstil nachhaltiger gestalten können. Aber auch die Forderungen an die Politik sind wesentlich lauter geworden. Neue Verkehrskonzepte, Energetisches Bauen, Generationengerechtigkeit, Auswirkungen durch den Online-Handel sind hier nur einige Punkte, bei denen das individuelle Handeln an seine Grenzen stößt und auch politische Lösungen nötig sind. Natürlich müssen Themen und Formate den konkreten Lernbedürfnissen angepasst sein. Aber Fragen zu Klimawandel, nachhaltigen Lebensstilen oder politischen Handlungsmöglichkeiten ziehen sich durch fast alle Angebotsbereiche der Hamburger Volkshochschule: Wissenschaftlich gesicherte Daten und Fakten in den Naturwissenschaften, Plastik nein danke!, Autofreie Innenstadt bei Gesellschaft und Politik, Ressourcen schonende Ernährung bei Essen und Trinken, Gemüseanbau bei Natur und Umwelt, Recycling Klamotten in der Kulturellen Bildung...

  

HKP: Das betrifft das Programm, aber wie berührt das die Organisation?

AB: Ich kann nur am Beispiel der Hamburger Volkshochschule antworten: nicht nur das Angebot, auch die VHS selbst steht auf dem Prüfstand. Wie lässt sich das Catering nachhaltiger gestalten? Muss der Computer immer an sein, auch wenn ich in einem Meeting bin? Wie realistisch ist das papierlose Büro? Diese Fragen wurden bei einem internen Fortbildungstag angesprochen und Ideen gemeinsam entwickelt.

  

HKP: Welche Kurse sind es denn nun genau, die unter den Begriff Nachhaltigkeit fallen?

AB: Beispielhaft können hier einige Kurse dargestellt werden. Bei vielen Kursen spielt die Kooperation eine wichtige Rolle, z.B. mit dem ‚Excellenzcluster Klima an der Hamburger Universität‘, mit regionalen Initiativen, dem WWF oder mit anderen Volkshochschulen.

  

Lebensmittel retten - lieber Topf als Tonne

Beim Joghurt ist das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen, die Äpfel sind schrumpelig, im Kühlschrank stehen noch Reste vom letzten Essen ... mal wieder zu viel eingekauft oder Vorräte vergessen? Gegen Lebensmittelverschwendung lässt sich etwas tun. Wie kann man/frau erkennen, ob etwas noch genießbar ist? Was ist bei der Lagerung zu beachten, wie lässt sich die Haltbarkeit verlängern? Wie können Sie beim Einkauf Geld mit dem MHD sparen? Kreatives Ausprobieren mit "Resten" ist das Thema in diesem Kurs.

  

Nicht länger auf großem Fuß leben: So reduzieren Sie Ihren ökologischen Fußabdruck

Jede/r Einzelne von uns kann etwas für das Klima tun. Dafür muss man/frau nicht auf die Politik warten. An zwei Abendterminen widmen sich die Teilnehmer*innen ihrem ökologischen Fußabdruck und erarbeiten Möglichkeiten, wie sie diesen ganz individuell senken können. Am dritten Termin werden bei einem Stadtrundgang alternative Konsumformen in Bergedorf, wie z.B. den Unverpacktladen Onkel Emma betrachtet.

  

Cradle to Cradle - Umdenken für eine Welt ohne Müll

Kompostierbare Druckerzeugnisse? Wiederverwertbare Schuhe? Damit Müll zur Geschichte und aller Abfall zum Nährstoff wird: Das Konzept Cradle to Cradle, übersetzt "von der Wiege zur Wiege", steht für kontinuierliche Stoffkreisläufe in der Produktentwicklung und positiv definierte Materialien, die für Mensch und Umwelt gesund sind. Der gemeinnützige Verein C2C erklärt uns dieses Konzept und präsentiert Produktbeispiele. Dieser Kurs findet in Kooperation mit Cradle to Cradle – Wiege zur Wiege e.V., Regionalgruppe Hamburg, statt.

  

Kochen mit Slow Food Hamburg: Regional - Saisonal - Fair
Wilde Skudde und Wurzelwerk

Slow Food setzt sich für den Erhalt regionaler Produkte und Speisen ein. Produzenten, Händler und Verbraucher werden als Lobby für die Geschmacksvielfalt zusammengebracht. In der Kooperation mit der Hamburger Volkshochschule und werden Produkte eingesetzt, die keine langen Transportwege, Lageraufenthalte oder künstliche Düngermassen hinter sich haben, z.B. wird zu dem wildartig schmeckendem Fleisch der Skudde Wurzelgemüse und Kartoffelstampf zubereitet.

  

Fair, Nachhaltig, Mode - Schneiderkurs

Mode soll nachhaltig und fair hergestellt sein. In Kooperation mit einer Gruppe aus Berlin werden Initiativen vorgestellt, die einen Kleidertausch ermöglichen, dann aber wird ganz praktisch, genäht. Ergänzt wird der Kurs durch spannende Vorträge rund um Nachhaltigkeit und die Herstellungsbedingungen in den Produktionsländern.

  

Fisch ahoi?
Vom Nahrungsmittel zur schwindenden Ressource

Fisch wurde massenhaft in Hamburg angelandet und verarbeitet. In dem Kurs beschäftigen sich die Teilnehmer:innen mit der historischen, ökonomischen und politischen Seite der Fischerei, des Handels, des Fischereimanagements sowie mit postkolonialen Aspekten der Fischereipolitik. Wo sind Fischbestände bedroht, wie kommen sie zurück und stimmt die These von der schwindenden Ressource?

   


Neue Formate und Kooperationen

Erkennbar ist, dass der Bereich der Bereich Umweltbildung/Nachhaltigkeit stark von neuen Formaten (Trade Night, Clubs, Tauschbörsen, Exkursionen, MOOCS, Onlineangebote) geprägt ist, aber auch von Kooperationen vor Ort (z.B. ‚Fridays for future‘, BUND, WWF) und Kooperationen der Volkshochschulen miteinander.

Dies lässt sich am Beispiel des Formats „Klimafit“ besonders gut zeigen, hier wird die Zusammenarbeit durch das Format als digitales Angebot noch besonders begünstigt.

   

Klimafit - Klimawandel vor unserer Haustür und was kann ich tun?

...Klimaschutz und Klimaanpassung sind eine zentrale Aufgabe der Kommunen. Um diese Aufgaben wahrnehmen zu können, braucht die Kommune Bürger/innen, die sich gemeinschaftlich engagieren.

An sechs Kursabenden werden die Teilnehmer:innen des Onlinekurses „klimafit“ mit den wissenschaftlichen Grundlagen zum Thema Klima und Klimawandel vertraut. Der Fokus liegt auf Veränderungen, die der Klimawandel in Deutschland und in Ihrer Region herbeiführt. Darüber hinaus will der Kurs Anregungen zum gemeinsamen Handeln und effektiven Klimaschutz geben. Der WWF Deutschland und der Helmholtz-Forschungsverbund Regionale Klimaänderungen (REKLIM) haben diesen Kurs entwickelt, gefördert wird das Projekt durch die Robert Bosch Stiftung und die Klaus Tschira Stiftung.

   

Wie auch in Hamburg, lassen die Angebote anderer Volkshochschulen einen Nachfragezuwachs vermuten. Hier eine nicht repräsentative und vor allem nicht erschöpfende Auswahl von drei weiteren Volkshochschulen, mit besonderem Augenmerk auf „neue“ Formate:

VHS Köln:

  • BeeMooc

  • OCEAN POSTERS: Ausstellung über Plastic Pollution

  • Fair Trade Night

VHS München:

  • Urban Health

  • Klimaanpassungen für Ihr Haus

  • Tauschsysteme

  • Klimagerechtes Heizen

  • Meine Energiewende

  • Investieren in Mensch und Umwelt

►Lesen Sie zu diesem Thema den Beitrag „Geld mit gutem Gewissen“ von Maren Lohrer auf EPALE

Bildungszentrum Nürnberg:

  • Internationale Klimapolitik verstehen

  • Bio und Nachhaltigkeit (Besuche bei verschiedenen Einrichtungen)

Auch der BeeMOOC (ein MOOC zur Wesensgerechten Bienenhaltung) ist ein gutes Beispiel für veränderte Formate und vermehrte Kooperation. Mehr als 80 Volkshochschulen bieten Begleitkurse zu diesem Onlineformat an. Bundesweit haben sich ca. 1700 Teilnehmende für das Onlineangebot angemeldet und nutzen die Möglichkeit, sich unabhängig von Raum und Zeit mit diesem wichtigen Thema auseinanderzusetzen.

  

Ausblick

Reicht das Angebot? Die Aufzählung allein (die alle Doppelungen von Angeboten missachtet hat und vor allem nur eine Auswahl ist) kann keine Antworten geben.

Volkshochschulen sind auf die freiwillige Teilnahme der Menschen angewiesen, können also nicht „verordnen“. Wichtig wäre allerdings, das Thema BNE mit anderen Angeboten zu verschränken, wie z.B. beim Kochen, aber auch im Bereich der Sprachbildung, Grundbildung u.a. Dafür gibt es schon viele gute Beispiele:

Reicht das Angebot? Der Hinweis von Anette Borkel zum Thema „Anforderungen an die EB- Organisation“ findet sich auch in der o.g. Handreichung wieder: dort wird ein ‚Whole Institutional Approach“, ein ganzheitlicher Wandel der Organisation gefordert. Change sollte eben nicht nur das Programm betreffen, sondern auch die lernende Organisation selbst.


Über die Autorinnen:

Portrait Annette Borkel_Blogbeitrag: Nachhaltigkeit in VHSen auf EPALE

Ursprünglich in der Museumspädagogik gestartet, hat es Anette Borkel in den 1990er Jahren an die Hamburger Volkshochschule verschlagen. Übergreifende Themenschwerpunkte, Politik und dann Gesundheit waren und sind ihre Themenfelder. Viele Jahre war sie Vorsitzende des BAK Gesundheit im DVV und hat ihre Leidenschaft für Film und Fernsehen im Grimme Institut einbringen können. Heute leitet sie die Programmabteilung der Hamburger Volkshochschule und versucht dort u.a. die "Erweiterten Lernwelten als Querschnittsaufgabe der lernenden Institution" weiter voran zu bringen.

    

Heike Koelln-Prisner

Heike Kölln-Prisner ist seit 1986 in der Erwachsenenbildung tätig, spezialisiert auf Grundbildung, Projektmanagement und Bildung für Benachteiligte. Sie ist des Weiteren EPALE Botschafterin.

   


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  • Kasutaja Sibilla Drews pilt
    Das hat Spaß gemacht, zu lesen. Sehr spannend finde ich, dass sich mit einer veränderten Nachfrage nach dem Thema Nachhaltigkeit auch die Angebotsformate ändern. Da ist wirklich viel Kreativität entstanden. Ebenso spannend die Kooperationen mit dem Excellenzcluster Klima an der Hamburger Universität, dem WWF oder mit anderen Initiativen und Volkshochschulen.