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Ajaveeb

Das Museum als Hörschule

02/10/2019
looja Marcin Szeląg
Keel: DE
Document available also in: PL FR

Originalsprache: Polnisch


Seitdem Multimedia zu einem festen Bestandteil von Museen geworden sind, hat sich das Angebot an didaktischen Mitteln, die Museen für die Gestaltung von Ausstellungen nutzen, erheblich erweitert Ausstellungen stellen das wichtigste Medium für die Kommunikation mit den Besuchern dar. Sie sind das wichtigste Bildungsinstrument. Beim Besuch eines Museums, vor allem aus eigener Initiative, wollen wir in der Regel zuerst eine Ausstellung sehen und erst dann, wenn überhaupt, Bildungsangebote von Museen nutzen. Ohnehin sind sie grundsätzlich so konzipiert, dass sie so weit wie möglich aus Ausstellungen schöpfen. Diese Annahme stellt einen Grundsatz der Museumspädagogik dar. Die Ausstellungsmacher sind sich dessen bewusst und versuchen, eine Ausstellung so zu gestalten, dass sie ihre pädagogischen Funktionen erfüllen kann, ohne einen Führer- oder Bildungsdienst in Anspruch nehmen zu müssen, der das Verständnis der Exponate fördert. Traditionell und häufig werden zu diesem Zweck Unterschriften unter den Objekten, Einführungstexte zur Ausstellung oder ihren Einzelteilen, ausstellungsbegleitende Kataloge oder andere Druckerzeugnisse in Form von Broschüren, Flyern, Postern verwendet. Es handelt sich um alle Texte, die wir beim Besuch der Ausstellung selbst lesen können und die uns die Absichten ihrer Schöpfer vermitteln, alle Besprechungen und Interpretationen der präsentierten Themen und Exponate.  In der Regel beziehen sie sich auf unser Wissen, unsere Bildung, unsere Kompetenz und unseren Intellekt, dank denen wir sie nicht nur lesen, sondern auch verstehen können, neue Informationen gewinnen, daraus Schlüsse ziehen und unser Wissen über die Welt erweitern können. Wie bei Exponaten wird dabei grundsätzlich der Sehsinn angesprochen.

Doch die Besucher moderner Museen nehmen deutlich mehr Reize wahr, die ihnen ein umfassenderes und multisensorisches Kennenlernen der Ausstellung ermöglichen. Darüber hinaus kann man diese Mittel im Gegensatz zu den Exponaten selbst und den dazugehörigen Texten nicht zu ignorieren, indem man sie nur kurz überblickt, an deren gleichgültig vorbeigeht oder diese nicht liest. Ich meine dabei in erster Linie den Ton, der als Träger von Bedeutungen verwendet wird, insbesondere solchen, die sich nicht nur an den Intellekt, sondern auch an Emotionen richten, welche ebenso dafür verantwortlich sind wie wir die Umwelt wahrnehmen und verstehen. Dieser richtet sich an den Hörsinn. Denn im Gegensatz zu Augen, die geschlossen werden können, oder den Blick, den man anwenden kann, haben Ohren keine Augenlider und auch, wenn man den Kopf in eine andere Richtung wendet, so kann man nicht sicher sein, dass man den Ton nicht wahrnimmt. Der bewusste Einsatz von Klängen zum Aufbau einer Botschaft regt uns dazu an, darüber nachzudenken, welche Rolle diese im Bildungskontext spielen.

Der in der zeitgenössischen Ausstellungspraxis präsente Einsatz von Geräten und Lösungen, die multisensorische Sinneserfahrungen aktivieren und die Besucher zu einer introspektiven Reflexion anregen sollen, wird als „Erlebnispädagogik“ oder „sentimentale Bildung“ bezeichnet. Insbesondere letzteres bezieht sich auf den Ton. Dieser wird sowohl zur Verbesserung der Wissensvermittlung auf sinnliche Weise als auch als Mittel zur emotionalen Beteiligung und zur Förderung der Erinnerung an die präsentierten Inhalte eingesetzt. Obwohl sentimentale Bildung durch Sinneserfahrungen realisiert wird, soll sie nicht nur zur emotionalen Auseinandersetzung mit den dargestellten Exponaten führen. Manchmal wird sie hauptsächlich zur Vermittlung von historischem Wissen verwendet.

            

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Haus der Musik

   

Zu diesem Zweck wenden die Museen unterschiedliche Strategien an. Einer davon ist die Verwendung von Original-Tondokumenten. Klänge aus der Epoche dienen vor allem zum Hervorrufen einer immersiven Erfahrung, die neben ihrem dokumentarischen Wert auch eine existenzielle und emotionale Dimension hat, wie dies im POLIN-Museum, den Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau, der Fall ist. Dort wird das Modell der heute nicht mehr existierenden Großen Synagoge an der Tłomackie-Straße (Warschau) von einer Aufzeichnung des Gesangs von Gershon Sirota, dem Hauptkantor der Synagoge, begleitet.  Die historischen Tonaufzeichnungen können nicht älter als die Erfindung des Phonographen sein. Die präsentierten Materialien sind somit jünger als 1877. So kommt die Strategie der Verwendung historischer Klänge auf zeitgenössische historische Themen zur Anwendung. Aber auch wenn das Originalmaterial nicht verfügbar ist, wird es oft mit Klangreproduktionen gemischt. Dies liegt daran, dass viele historische Aufnahmen nicht die tatsächliche Erfahrung widerspiegeln, die ihre Zuhörer zum Zeitpunkt ihrer Entstehung begleitet hat, noch erlauben sie es, die Wirkung der von den Autoren der Ausstellungen angenommenen Authentizität des Eindrucks zu erzielen, die für den Aufbau einer immersiven Erfahrung des Klangraums notwendig ist. Interessanterweise hängt der Grad der Authentizität der reproduzierten Klänge weniger davon ab, wie sie aufgenommen werden, sondern vor allem davon, wo sie wiedergegeben werden. Sie können auf der Grundlage zeitgenössischer Instrumente und Geräte erzeugt werden, wie dies bei den meisten Aufnahmen der Fall ist, die die Geräusche des Aufstands im Museum des Warschauer Aufstandes präsentieren. Sie werden auch mit Rücksicht auf historische Klangquellen erstellt. Im POLIN-Museum wurden beispielsweise alte Münzen verwendet, um Geldgeräusche aufzuzeichnen. In beiden Fällen werden diese Aufnahmen ähnlich wahrgenommen. Ihre Authentizität ist auf die Autorität des Museums zurückzuführen. Das Museum des Warschauer Aufstandes ist auch ein interessantes Beispiel für die Anwendung einer für die sentimentale Bildung wichtigen Strategie, nämlich die Kombination von Emotionen und Erinnerung. Die erstgenannten werden durch Geräusche des Körpers erzeugt, was am imposantesten beim Denkmal im Zentrum der Ausstellung zum Ausdruck kommt. Es ertönt ein Pochen, das dem Rhythmus eines Herzschlags ähnelt. Durch die Bezugnahme auf die Gefühle eines anderen Menschen zieht das Museum die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich. Emotionen wecken Empathie, die das Gedächtnis an die Geschichte und die diese mitgestaltenden Menschen stärkt. Der subjektive Charakter der Geschichte basiert auch auf Aufzeichnungen von Berichten der Zeugen dieser Ereignisse. Wir lernen sie und die wahre Bedeutung ihrer Geschichten kennen. Da wir darauf unmittelbar nach dem Betreten der Ausstellung stoßen, stärkt diese Strategie auch die Aussage von allem, was auf ihr präsentiert wird. Sie sind ein Pars pro Toto für das universelle Zeugnis der Erinnerung.

Eine separate Kategorie von Klängen, die das Erlebnis der Ausstellung mitgestalten, bildet Ambient-Musik. Bei der Ausstellung „Krakau – Besatzungszeit 1939–1945“, die sich im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Emaille-Fabrik von Oskar Schindler in Krakau befindet, hört man im letzten Saal, das dem Gedenken der Krakauer Gerechten unter den Völkern gewidmet ist, eine langsame, ernste Orgelmusik. Deren Ziel ist es, die Reflexion über die während der Besatzung getroffenen Entscheidungen anzuregen. In diesem Raum findet man nämlich Beispiele für positive und negative Einstellungen gegenüber den Holocaust-Opfern.

Die Bedeutung von Klang in einer Exposition als narratives und pädagogisches Werkzeug wird automatisch ersichtlich, wenn dieser auf einmal fehlt. Und so besteht einer der dramatischsten Abschnitte der Hauptausstellung im POLIN-Museum mit dem Titel „Die Endlösung“ aus einem aus rostigem Stahl hergestellter Korridor, der lautlos ist. Das Einzige, was hier zu hören ist, sind die Schritte der Besucher, die vom Stahlboden reflektiert werden. Die im Museum eingeführte metaphysische Pause, die u. a. durch die Stille erreicht wird, steht in der Tradition des stillen Gedenkens. Dieser Effekt wird auch im Holocaust-Turm des Jüdischen Museums in Berlin verwendet. Dort, vernehmen die Besucher nach dem Betreten eines vollkommen leeren Raums, eines sog. „Voids“, in einem asketischen Betonraum ohne Ausgang nur die Geräusche, die von außen, von der Straße oder der unweit gelegenen Bushaltestelle, dringen. Das sind die Geräusche der Außenwelt, von der die im Holocaust-Turm eingeschlossenen Besucher für einen Moment abgeschottet werden. Im Inneren des Turms herrscht eine ergreifende Stille, und die Ausgänge werden durch eine Stahltür bewacht, die vom Museumspersonal blockiert wird.

Diese Strategien zeigen das Spektrum der Lösungen, die Museen in der Bildung einsetzen. Diese bereichern als Bildungseinrichtungen zunehmend traditionelle didaktische Werkzeuge (Ausstellungen und Texte) und pädagogische Annahmen. Besucher moderner Museen haben die Möglichkeit, eine originelle Pädagogik zu erleben, die sonst nur schwer zu finden ist. Ausgangspunkt ist die visuelle Methode, die sich auf den Intellekt auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse und authentischer historischer Objekte bezieht. Aber durch den Einsatz von Klang und die Möglichkeit, in den phonischen Raum einzutauchen, lösen Museen auch Emotionen aus, die eine wichtige Voraussetzung für ein effektiveres Verstehen und Assoziieren sind, und beziehen dabei die eigenen Erfahrungen der Besucher in den Lehrprozess ein und wecken deren Empathie. Darüber hinaus werden sie durch multimediale, klangliche Präsentations- und Ausdrucksmittel zu einem Ort, an dem sie neben dem Unterrichten von Sehen und Denken immer häufiger die Fähigkeit zum Hören und Fühlen prägen. Somit sind sie nicht mehr ausschließlich eine Seh-, sondern auch eine Hörschule.

  

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Haus der Musik

         

         

Ich habe auf folgenden Artikel zurückgegriffen: Steffi de Jong, Sentimental education. Sound and Silence at History Museum, “Museum and Society”, 16 (1), 2018, https://doi.org/10.29311/mas.v16i1.2537

   

Dr. Marcin Szeląg – Kunsthistoriker, Museumspädagoge und Kurator, Mitarbeiter der Fakultät für Kunsterziehung und Kuratieren der Kunstuniversität in Poznań.

          

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  • Kasutaja Monika Gromadzka pilt
    Pamiętam, jak już jakiś czas temu, tuż po otwarciu, odwiedziłam muzeum Chopina ( warszawskie) i jakim ogromnym zaskoczeniem była dla mnie możliwość wysłuchania utworöw, o których czytałam. Wcześniej chodziłam do muzeów, gdzie w tle,  grała muzyka stworzona przez danego kompozytora (jeśli akurat takie muzeum zwiedzałam), ale w  gablotach i na eksponatach opisane były różne utwory, ktorych nie znałam. To właśnie wizyta w muzeum Chopina w pełni ukazała mi zmiany, ktöre zachodzą teraz w muzeach. Bardzo ciekawy tekst Marcinie. Dziękuję!
  • Kasutaja Marcin Szeląg pilt
    Dziękuję :-). Na mnie muzeum Chopina zrobiło też wrażenie z tego samego powodu - możliwości posłuchania muzyki. Stąd najbardziej w pamięci, po pierwszej wizycie, pozostała mi sala, która znajdowała się na poziomie -1, gdzie zaaranżowano stanowiska odsłuchowe pozwalające po prostu wygodnie posłuchać muzyki. Do tego była ona klarownie sklasyfikowana, dzięki czemu miałem po raz pierwszy możliwość, na tyle ile pozwalał mi wówczas czas, jakiegoś wyobrażenia sobie skali i różnorodności Jego dorobku. Nie wiem, czy gdziekolwiek indziej miałbym możliwość na równie efektywną edukację w tym zakresie jak właśnie w muzeum.