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„Stell dir vor, es ist Weiterbildung und keine*r geht hin.“

19/07/2018
by CONEDU Austria
Sprache: DE
Document available also in: LV PL

Weiterbildungswiderstand

Nicht alle Erwachsenen wollen der Doktrin des „Lebenslangen Lernens" folgen – manche von ihnen verweigern sich der Weiterbildung. Daniela Holzer hat mit ihrer Habilitationsschrift eine kritische Theorie des Weiterbildungswiderstands entwickelt. Im Interview erklärt sie, welche Gründe es für Widerstand gegen (Weiter-)Bildung geben kann und wie dieser ermächtigend wirken kann.

 

Karin Kulmer: Sie entwickeln in Ihrer Habilitationsschrift eine kritische Theorie des Weiterbildungswiderstands. Warum haben Sie gerade dieses Thema und diesen Zugang gewählt?

Daniela Holzer: Dieses Thema beschäftigt mich schon seit vielen Jahren immer wieder. Von Anfang an fand ich daran faszinierend, dass sich Menschen entgegen der allgemein proklamierten Notwendigkeit lebenslangen Lernens der Weiterbildung entziehen, weil es für sie gute Gründe gibt, sich nicht weiterzubilden. Dies weist auf Risse in der glänzenden Oberfläche ständiger und angeblich unbezweifelbar sinnhafter Weiterbildungsaufforderungen hin. Weiterbildungswiderstand ist aber bisher nur sehr wenig erforscht und mich drängte es danach, aus meiner kritischen Perspektive heraus danach zu fragen, ob und wie Weiterbildungswiderstand theoretisch und insbesondere kritisch erklärt und wie er sichtbarer gemacht werden könnte. Im Zusammenspiel mit Widerstandsforschungen aus anderen Wissenschaftsfeldern versuche ich, ein neues, facettenreiches Gesamtbild von Weiterbildungswiderstand zu weben.

 

Welche Gründe machen Sie aus, dass Widerstand gegen (Weiter-)Bildung in der EB/WB-Forschung bisher eher wenig beachtet wurde?

Vor allem, weil dieses Thema furchtbar unbequem ist. Bildung ist gesellschaftlich vorrangig positiv aufgeladen. Zumindest gelingt es den gesellschaftlich hörbaren Stimmen, dieses Bild zu vermitteln. Widerstand ist aus solchen Perspektiven heraus eigentlich undenkbar, weil doch schließlich niemand freiwillig auf all diese Chancen und Vorteile verzichten würde. Dass hier ganz viele Illusionen im Spiel sind und Bildung durchaus negativ sein kann, gelangt gar nicht in den Blick. Ein weiterer Grund liegt aber auch darin, dass Widerstand aufzugreifen und ernsthaft, vielleicht sogar als sinnvolle Handlungsoption, zu diskutieren, die Grundfesten der Bildungspraxis und der Bildungswissenschaft angreift, weil damit auch deren Sinnhaftigkeit in Frage gestellt wird. Nicht unwesentlich ist aber auch, dass sich Weiterbildungswiderstand vor allem in stillem, passivem Abwenden äußert. Er ist damit nicht direkt sichtbar und drängt sich kaum auf. Und nicht zuletzt lässt sich Weiterbildungswiderstand in seiner gesamten, auch die vorherrschenden Ansichten in Frage stellenden Bedeutung meines Erachtens nur aus einer kritischen Perspektive beleuchten und eine Beschäftigung damit stößt dementsprechend auf große Abwehr.

 

Aus welchen Gründen verweigern sich Menschen der (Weiter-)Bildung?

Die Gründe für weiterbildungswiderständiges Handeln und die vielfältigen Ausdrucksformen lassen sich mit dem derzeitigen Forschungsstand erst erahnen. Aus den umfassenden Kenntnissen darüber, wer von Weiterbildung ausgeschlossen bleibt, lassen sich keine Rückschlüsse auf Widerstandsgründe ziehen, auch wenn diese Erkenntnisse überaus wichtig sind, um Benachteiligungen zu reduzieren. Zu Widerstandsgründen haben wir leider erst sehr vereinzelte empirische Studien. Axel Bolder und Wolfgang Hendrich zeigen aber beispielsweise, dass gerade für Geringstqualifizierte Weiterbildungen insofern sinnlos sind, weil die versprochenen Chancen niemals eintreten. Peter Faulstich und Petra Grell hingegen zeigen, dass Widerstände in Lehr-Lern-Situationen aus Lernarrangements, biografischen Hintergründen und anderem mehr begründet werden können. Suchen wir die wenigen bisherigen Kenntnisse zusammen und denken zugleich darüber hinaus, so kann es viele gute Gründe für Weiterbildungswiderstand geben: keine Chancen auf Verbesserungen, Bedürfnisse, die Energie und Zeit für anderes als für Weiterbildung einzusetzen, Zufriedenheit mit der aktuellen Situation, aber auch die zunehmenden beruflichen Überlastungen, die keine Energie für zusätzliche Weiterbildungen mehr lassen und vieles mehr.

 

Wie äußert sich Widerstand gegen (Weiter-)Bildung?

Zunächst ist wichtig: Jede offene oder stille, aktive oder passive Nicht-Weiterbildung kann widerständig sein, muss es aber nicht. Erst über den Zusammenhang, über die jeweilige Situation ist zu erschließen, ob Handlungen als widerständige lesbar sind oder nicht. Dies ist besonders dafür wichtig, um den sich vor allem passiv, still und entziehend manifestierenden Widerstand überhaupt erst sichtbar machen zu können. Zugleich aber bedeutet dies, dass Widerstand überaus facettenreich auftreten kann. Meine theoretische Erkundung richtet sich nun aber nicht darauf, Handlungen zu identifizieren, sondern ich trete einen Schritt zurück und versuche, Strukturen von und für Weiterbildungswiderstand zu erkunden. Nur zwei Beispiele: Mit der negativen Dialektik lässt sich beispielsweise zeigen: Weiterbildung trägt immer per se in sich, dass es auch Nicht-Weiterbildung und damit möglicherweise Weiterbildungswiderstand geben muss. Und ein Blick auf die Herrschaftsverhältnisse zeigt, dass Weiterbildungswiderstand als Gegenspieler lesbar ist: Hier wehrt sich jemand oder etwas gegen Zugriffe, Menschen vor allem für kapitalistische Erfordernisse funktionierend zu machen. Meine Erkundung reicht dabei weit über bisherige Forschungen zu Weiterbildungswiderstand hinaus, unter anderem weil ich die theoretische Basis stark ausweite und einen sehr breiten Begriff von Weiterbildungswiderstand entwerfe.

 

Ist Bildung immer ermächtigend, oder kann auch Widerstand ermächtigend wirken?

Wenn wir mit Foucault sprechen, ist Widerstand die Gegen-Macht. Widerstand ist insofern ermächtigend, als er sich dem Machtzugriff entzieht oder ihm etwas entgegensetzt. Bildung kann ermächtigend sein, in den meisten Fällen ist sie es aber aus meiner Sicht nicht. Bildung versetzt zwar in mächtigere Positionen, erweitert vielleicht Handlungsspielräume. Aber es geht nicht nur um die Frage von Ermächtigung, sondern aus kritischer Perspektive vor allem um die Frage, wofür ermächtigt wird. Weiterbildungswiderstand kann insofern ermächtigend sein, weil er sich dem Herrschaftszugriff entgegenstellt. Zugleich aber entmächtigt er auch massiv, denn Weiterbildungswiderstand ist in sich überaus widersprüchlich, beispielsweise trägt er ein hohes Potenzial mit sich, Ungleichheiten zu reproduzieren. Dennoch kann Weiterbildungswiderstand individuell, mehr aber noch gesellschaftlich wiederum ermächtigen, indem er kraftvolle Wirkungen provozieren kann. Beispielsweise: Stellt dir vor, es ist Weiterbildung und keine*r geht hin! Die Sprengkraft ist enorm. Mit solchen Gedankenspielen und noch notwendigen empirischen Forschungen können wir die Bedeutung von Weiterbildungswiderstand weiter erkunden.

 

Holzer, Daniela (2017): Weiterbildungswiderstand. Eine kritische Theorie der Verweigerung. Bielefeld: transcript Verlag. 578 Seiten, EUR 49,99, ISBN: 978-3-8376-3958-2


Text/Author of original article in German: Karin Kulmer/CONEDU

Titelbild: CC0 Public Domain, https://pixabay.comlink is external)

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1 - 4 von 4 anzeigen
  • Bild des Benutzers Zane Zundāne
    Kā vienmēr visam ir divas vai vairāk puses, kā arī šajā gadījumā. Šobrīd ir pieejamas daudz un vēl vairāk iespējas, kur un kā mācīties, izglītotites tālākizglītībā. Tiek piedāvāti dažādi mūžiglītības veidi, jaunas nākotnes iespējas, jaunas iespējas darba tirgū. Bet kādēļ tie, kuriem tiešām vajadzētu izmantot šīs iespējas no tām atsakās? Varbūt tie ir ne tikai gadījumi, kad dzīves līmenis un iespējas apmierina, bet tieši pretēji, ka nekas neapmierina, bet sabiedrības daļa būtu jau sākotnēji jāinformē par izglītošanās nepieciešamību, jau pamatos jāiemāca, kāda ir šī visa jēga un pienesums katra nākotnei un iespējām. 
  • Bild des Benutzers Monika Sulik
    Myślę, że niezwykle istotne w odniesieniu do podejmowanego tematu 'Oporu" jest poczucie świadomości. Czy o oporze względem ustawicznego kształcenia możemy mówić w odniesieniu do ludzi, którzy nie mają rozbudzonych i uświadomionych potrzeb edukacyjnych? "Opór" w moim odczuciu sam w sobie zakłada  "świadomość" pobudek i motywów względem tego co robię lub czego nie robię. Bardzo się cieszę, że w tekście podkreślono znaczenie czynników biograficznych w odniesieniu do oporu. Dodam jeszcze, że siła rażenia wyobrażenia kursu bez zainteresowanych uczestników... jak dla mnie naprawdę ogromna. Jeszcze do teraz mam dreszcze jak o tym myślę... Nie chciałabym, żeby wyobrażenie to stało się moim doświadczeniem. Dziękuję za pobudzenie do refleksji :) 
  • Bild des Benutzers Barbara Szymańska
    Bardzo ciekawe zagadnienie. Aż szkoda, że artykuł nie wchodzi jeszcze głębiej w temat. Przychodzi mi na myśl powiedzenie, że "dobrymi intencjami jest piekło wybrukowane". Często bez refleksji przyjmujemy, że pewne działania są po prostu dobre i potrzebne i faktycznie nie chcemy nawet zauważyć że są tacy, którzy widzą (a raczej czują) to inaczej. Jeszcze ciekawsze jest to jak oni to widzą. Opór może być sygnałem, że ich wizja świata i potrzeby nie są nieuwzględnione.
  • Bild des Benutzers Beata Jurkowicz
    Jestem przekonana, że Pani szybko przełamałaby opór niezainteresowanych uczestników!
    Ale kurs, na którym są uczestnicy wysłani przymusowo jest koszmarem sennym wielu trenerów...