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EPALE

E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa

 
 

Blog

Was ist digitale Volksbildung?

10/04/2018
von Joachim Sucker
Sprache: DE

Joachim Sucker:
Founder d42.agency, MOOC-Maker, Blogger, Inhaber Allesauszucker - Innovationsbegleiter, Zukunftssammler

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Da hab ich doch einen kleinen Schreck bekommen, als ich Anjas Wagners Beitrag über digitale Volksbildung las. Anja, Du suchst immer die Wege aus den Kuschelecken der einfachen Antworten. Dafür schätze ich Dich.  Aber ;-) - so pauschal digitale Volksbildung als “pillepalle” darzustellen, ist für mich ein willkommener Anlass, den Begriff  “digitale Volksbildung” anfassbarer zu machen. Zumindest in der Variante, die ich früh in die Diskussion einbrachte. Schließlich bin ich in Deinem Beitrag auch gemeint: “Derzeit erheben sich einige Personengruppen, wieder neu zu definieren, was man heute wissen muss oder wie man sich zu verhalten habe …

Unbestritten stellen sich bei einigen unter uns die Nackenhaare auf, wenn sie digitale Volksbildung hören. Nach 25 Jahren VHS-Arbeit bleibe ich beim Begriff “Volksbildung” gelassen. Wer dabei düstere Visionen aufziehen sieht, kann sich bitte einen besseren Begriff ausdenken. Aber bitte nicht digital Literacy.

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Labyrinth
Unbestritten befinden wir uns auch in einem gesellschaftlichen Umbruch. Klimawandel, Globalisierung, Digitalisierung versetzen sehr viele in Angst und Ratlosigkeit. Wir haben alle viel zu lernen, wenn wir diesen Wandel auch nur in Ansätzen verstehen wollen. Künstliche Intelligenz - smarte Konzepte zur Weltverbesserung an jeder StartUp-Ecke. Kapitalisten, die außer unseren Daten nichts haben, erleben Höhenflüge an den Börsen. Der Plattformkapitalismus greift um sich. Datenschutz und der Wunsch nach Privatsphäre scheinen angesichts der vorherrschenden Geschäftsmodelle aussichtslos. Wir werden nicht gefragt, ob das in unserer Demokratie so sein soll. Die, die uns fragen sollten, unsere Politiker, haben keine Ahnung und wir, die etwas dazu sagen sollten, auch sehr wenig. Es reicht eben nicht, nur kluge Fragen zu stellen. Wir brauchen langsam mal Antworten, solange die Realität dafür noch den Raum bietet. Da könnte Bildung einen Beitrag leisten.

Anja, es reicht aus meiner Sicht nicht, wenn Du schreibst: “Dass diese ganzen “Schwachen” schon lange auf ihre Art digital kompetent unterwegs sind, sie selbstverständlich WhatsApp, Facebook und YouTube für ihre Zwecke nutzen, das wird dabei völlig ignoriert.“ Ich möchte Menschen dabei unterstützen, mehr über die digitalisierte Gesellschaft und unsere Zukunft zu erfahren. Ich möchte Gelegenheiten schaffen, Neugierde entstehen zu lassen. Das wäre die Aufgabe von digitaler Volksbildung. Es reicht mir nicht, wenn die “Schwachen” nur Konsumenten sind. Und mit “Schwachen” meine ich uns alle, die ratlosen 95%.

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Lernen auf Augenhöhe
In Deinem Beitrag schimmert immer die Perspektive von Schule und Hochschule durch. Du schreibst von den Wissenden oder den Schwachen. So mag es in der Schule und Hochschule immer noch sein. Ich rede hier aber von Erwachsenenbildung. Und diese Form der Bildung ist zuallererst lebensgeleitend und freiwillig. Und - die Menschen bezahlen meist auch noch Geld dafür. Diese anderen Marktbedingungen regulieren das Angebot. Niemand muss seine Freizeit damit verbringen. Ohne eigenen Nutzwert wird das Angebot nicht angenommen. Keiner bezahlt für Angebote, die nicht gebraucht werden. Und die über 6 Millionen jährlichen Anmeldungen in den 900 Volkshochschulen werden ihre Berechtigung haben, die ich nicht in Frage stelle. Sich darüber zu erheben, steht mir und uns nicht zu.

In meiner digitalen Volksbildung gibt es auch nicht DIE Wissenden. Anders als früher sehen wir, dass gerade Erwachsenenbildung lernend ist. Ich sehe keine VHS, die anderen sagt, wie die Welt funktioniert. Das mag früher der Fall gewesen sein, als es um EDV ging. Aber heute wissen sie es selber nicht. Das ist doch schon mal eine gute Ausgangslage um auf Augenhöhe gemeinsam zu lernen.

Ich sehe in meiner Bildungsvision auch nicht nur Kurse. In unserem gemeinsamen MOOC Leuchtfeuer 4.0 haben wir digitale Volksbildung realisiert. Wir schauten neue Lernräume an oder die Verbindung zwischen Arbeit und Lernen und einiges mehr. Als Mitveranstalter habe ich nicht anders oder weniger gelernt, als alle anderen der über 600 Angemeldeten. Wir haben Impulse hineingegeben, ohne zu sagen, wie damit umzugehen ist. Die dadurch initiierten Gespräche haben mir viel gegeben.

Digitale Volksbildung braucht einen Kanon von Lernsettings. Stichworte hierzu sind: neue Räume wie Makerspaces, Repaircafe`s, FabLabs oder die bekannten Co-Working-Spaces als Orte des Austausches und nicht als Kursräume. Ich sehe Räume, in denen die Menschen peer2peer aufeinander zugehen, so wie es erste Bibliotheken vormachen. Ich sehe offene Orte, den sog. "Dritten Ort", wo Menschen eigene Formate erfinden, seien es Vorträge, Spiele, Erzählrunden, digitale Bürgersprechstunden, …  - selbstorganisiert wäre natürlich gut. Diese Räume können von kommunalen Einrichtungen geschaffen werden, ohne Kontrolle über die Aktivitäten zu beanspruchen. In Norderstedt wird VHS und Bibliothek einen solchen Raum herstellen. Aber natürlich sehe ich auch klassische Kurssettings, wenn sie gewünscht sind. Das entscheiden die Menschen ganz eigenständig.

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Kooperationen für einen dritten Ort
Digitale Volksbildung ist auch kein Projekt für eine Organisation. Sie ist die Aufgabe aller, die dafür einen Beitrag leisten wollen. Dazu wird es Anreize zur kommunalen Vernetzung brauchen. Von wem die Initiative ausgeht ist je nach Kommune verschieden. Vielleicht nennen sich diese Orte digitale Bürgerbüros, wie in Wolfsburg oder die Kirchengemeinde macht Platz für einen Ort der Begegnung. Oder es ist der Versammlungsraum in der Dorfkneipe, wo Menschen über digitale Anwendung im Dorf sprechen. Oder Seniorenrunden beim ASB, die ihre Wohnungen mit Sensoren ausstatten, oder …. Und ja, Medien und EDV gehört ebenso dazu. Aber, und das ist entscheidend, keine strikte Agenda, sondern Platz für das Unvorhergesehene.

Digitale Volksbildung ist kein 5 Milliarden-Programm für Schulen: wir brauchen keinen Masterplan, wir brauchen Kreativität und Neugierde, andere Wege zu gehen. Nicht für Menschen, sondern mit Menschen. Nicht für Institutionen, die ihre Existenz begründen wollen, sondern für die Familie und die gesamte Kommune, das Volk. Wir brauchen aber Stakeholder, die in der Lage sind, solche Initiativen bundesweit in die Kommunen zu bringen. Und da gibt es nicht viele, die dazu in der Lage sind. Wenn die Volkshochschulen diesen Weg gehen wollen, wäre das ein Fortschritt, denn sie sind kommunal ein Anker soziokultureller Aktivitäten. Vielleicht nicht in Berlin, Hamburg und Köln, aber in der Fläche schon. VHS als Initiator kommunaler Bündnisse. Nicht auf dem eigenen Ticket.

Was mich froh dabei macht, ist das Wissen, dass viele Mitarbeiter*innen und Kursleitungen genau darüber sprechen. Sie sehen sich selbst als Suchende, als Lernende. Wenn die Bildungs- und Kultureinrichtungen jetzt noch ihren Egoismus überwinden und die Community in den Mittelpunkt des Handelns rücken, dann kann das Pflänzchen der digitalen Volksbildung langsam wachsen.

Und damit unterschreibe ich auch Deinen Schlusssatz:  “Erhebt euch nicht, sondern schwimmt dort in den Gewässern mit, in denen Menschen bereits aktiv sind! Das wäre meine Empfehlung.”

Auf dem Blog allesauszucker haben bereits einige Kolleg*innen, (auch Anja C. Wagner) kommentiert.

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