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Wie "Mega-Trends" am Arbeitsmarkt die Bildungsberatung beeinflussen

01/10/2020
von CONEDU Austria
Sprache: DE

Pixabay-Lizenz, Gerd Altmann, bearb. durch Paar/CONEDU, pixabay.com

BildungsberaterInnen und FachexpertInnen waren eingeladen, bei einer Vernetzungstagung vom 16. bis 17. September über aktuelle und zukünftige Herausforderungen und Chancen für die Bildungsberatung zu diskutieren. Schlagzeilen zu Covid-19 gehen dieser Tage einher mit Statistiken zur Arbeitslosigkeit und Prognosen zu den gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie. Nachvollziehbar, dass die aktuellen Entwicklungen auch bei der 18. Überregionalen Vernetzungstagung der Initiative Bildungsberatung Österreich während und abseits des Fachaustausches sehr präsent waren.

"Arbeit… alles anders?" – so die übergeordnete Fragestellung, die im Rahmen der Vernetzungstagung, vom Team der ÖSB Studien und Beratung gGmbH rund um Rudolf Götz in Wien veranstaltet, aufgeworfen wurde. BildungsberaterInnen und FachexpertInnen aus ganz Österreich waren eingeladen, sich über Trends und Entwicklungen am Arbeitsmarkt auszutauschen und über die daraus resultierenden Herausforderungen und Chancen für die Bildungsberatung zu diskutieren.

Zukunft der Arbeit – Prognosen wischen Hype und Realität

"Trends oder Hypes?", fragte Jörg Flecker, vom Institut für Soziologie an der Universität Wien, in seinem Impulsvortrag. "Individualität über alles" – so könnte man einige Prognosen für die Zukunft der Arbeit zusammenfassen. Die Persönlichkeit des Individuums könne künftig wichtiger sein als erworbene Fachkompetenzen. Klassische Berufsbilder würden zugunsten individueller Gestaltungsspielräume aufbrechen. Automation spiele den Menschen für kreative, höherqualifizierte Tätigkeiten frei. All dies hält Flecker für gehypte Trends, die zwar in einzelnen Branchen beobachtbar seien aber nicht für die Gesamtheit der Arbeitswelt gelten. Von einer "Ökonomie der Aufmerksamkeit" - einer überspitzten, einseitigen Darstellung von Trends zugunsten einer aufmerksamkeitswirksameren Kommunikation - sprach in diesem Zusammenhang Rudolf Götz, ÖSB Studien und Beratung gGmbH.

Bereits seit längerem im Diskurs nehme das Thema Überqualifikation weiter an Fahrt auf, so Jörg Flecker in seinem Impulsvortrag weiter. Die Forschung beobachtet verstärkt die Ambivalenz am Arbeitsmarkt, dass von KandidatInnen ein höheres Qualifikationsniveau gefordert wird, als es dann für das tatsächliche Tätigkeitsfeld nötig ist. Qualifikation auf Vorrat, sozusagen. Real beobachtbar ist auch die Entwicklung, dass prekäre Arbeitsverhältnisse für niedrigqualifizierten Personen weiter zunehmen. Gleichzeitig wird aber auch von Ihnen bereits ein Bündeln an neuen Kompetenzen erwartet – etwa im Bereich der Kommunikationsfähigkeit, im Umgang mit technischen Geräten und dem Internet.

Zwiespältiges Verhältnis zur Arbeit

Thomas Kühn, von der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin online zugeschalten, konstatiert auf Basis von Studien und eigenen Beobachtungen ein häufig gespaltenes Verhältnis von Arbeits- und Lebenswelt. Nur eine Minderheit würde sich heute mit der Erwerbsarbeit identifizieren. Dabei haben die Erlebniskategorien von Arbeit – etwa soziale Kontakte, Zeitstruktur, Selbstverortung usw. – die bereits Anfang der 30er Jahre in der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von den SozialforscherInnen Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel beschrieben wurden, auch heute nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil – Lockdown und Homeoffice zeigen dies einmal mehr auf, so Kühn. Kann in Zeiten von digitaler Transformation und Beschleunigung die Arbeit weiterhin zentraler gesellschaftlicher Raum sein? Kühns Antwort: Das Verständnis von Arbeit in einer Multiperspektivität bietet etwa den Ansatz, neben Erwerbsarbeit auch gemeinnützige Arbeit, Sorgearbeit und unterschiedliche Figuren von Arbeitskraft aufzuzeigen.

Herausforderungen und Chancen für die Bildungsberatung

Der Corona-Lockdown habe viele Menschen zum Nachdenken gebracht. In der Beratungspraxis habe man sowohl ein gesteigertes Bedürfnis nach Flexibilität aber auch einen verstärkten Sicherheitsgedanken im beruflichen Kontext wahrgenommen, so Stimmen aus dem TeilnehmerInnenfeld.

In der Beratung müsse man Arbeitsmarkttrends immer kombiniert mit der individuellen Situation des Gegenübers betrachten – und oft auch Selbstzweifel und Ängste nehmen. Etwa, indem man bestehende und vorhandene Ressourcen und Kompetenzen aus anderen Lebensbereichen für den beruflichen Kontext sichtbar macht, z.B. Kommunikationsfähigkeit, Problemlösungsfähigkeit oder digitale Kompetenzen.

Für weniger qualifizierte Tätigkeitsfelder brauche es Maßnahmen zur gesellschaftlichen Aufwertung. Der Zugang zur Bildungsberatung für Personen in prekären Arbeitsverhältnissen müsse gewährleistet sein, etwa durch Termine an Randtageszeiten.

Ein erweitertes Verständnis von Arbeit kann einen positiven neuen Zugang schaffen, waren sich die TeilnehmerInnen der Tagung einig. Der reale Bedarf und Entwicklungen am Arbeitsmarkt müssen mit persönlichen Interessen austariert werden, damit Neu- und Umorientierung sowie Qualifizierungsmaßnahmen nachhaltig gelingen. Auch persönliche Weiterbildung kann, außerhalb der Erwerbsarbeit, sinnstiftend sein. In Zeiten wie diesen ermöglichen digitale Kompetenzen den "krisensichersten" Zugang zu Beratungsangeboten und Weiterbildungsmöglichkeiten. In diesem Bereich Kompetenzentwicklung zu fördern, um Teilhabe zu ermöglichen, ist für die Bildungsberatung ein logischer Schritt; und ein konkreter Zugang, wie Bildungsberatung in der Praxis dabei unterstützen kann, aus "Trends" reale Chancen machen. Unabhängig aber von allen Zukunftsbildern und Trends erfordere Bildungsberatung immer genaues Hinschauen und individuelle Begleitung, so der Grundtenor.

Die überregionale Vernetzungstagung Bildungsberatung Österreich zum Thema: "Arbeit … alles anders? Herausforderungen und Chancen für die Bildungsberatung“ veranstaltete die ÖSB Studien und Beratung gGmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF). Sie fand von 16. bis 17. September in Wien statt und wurde aus Mitteln des BMBWF und ESF finanziert.


Weitere Informationen:


Text/Author of original article in German: Martina Hofer/CONEDU

Redaktion/Editing of original article in German: Lucia Paar/CONEDU

Titelbild: Pixabay-Lizenz, Gerd Altmann, bearb. durch Paar/CONEDU, pixabay.com

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