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"Es geht nicht nur um Zugewanderte, es geht um uns alle"

11/02/2016
Sprache: DE

Spätestens seit die Flüchtlingsbewegung im zweiten Halbjahr 2015 für die breite Öffentlichkeit spürbar wurde, sind Flucht und Asyl brisante Themen, die Herausforderungen für die Erwachsenenbildung mit sich bringen. Ein zweitägiges Fachsymposium mit Beiträgen von ExpertInnen aus Wissenschaft und Erwachsenenbildungspraxis beschäftigte sich daher Anfang Februar im österreichischen Bildungshaus Schloss Retzhof mit der Frage, was die Erwachsenenbildung zu einer gelungenen Inklusion und Partizipation von Menschen, die im Zuge einer Flucht nach Österreich gekommen sind, beitragen kann.

Aufgrund ihrer thematischen Flexibilität könne sich die Erwachsenenbildung rasch an neue Themenfelder anpassen, so Joachim Gruber, Direktor des Retzhof. Er appellierte an Anbieterorganisationen, sich den aktuellen Herausforderungen kurz-, mittel- und langfristig zu stellen. Auch die steirische Landesrätin Ursula Lackner betonte in ihrer Eröffnungsrede, dass alle Kräfte zusammenwirken müssten, um mit aktuellen Gegebenheiten so gut wie möglich umzugehen.

Die Migrationsgesellschaft - kein neues Phänomen

Annette Sprung und Wolfgang Gulis von der Universität Graz beschäftigen sich schon seit Jahren mit Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft. In ihrem Vortrag stellten sie fest, dass sich Erwachsenenbildung nicht auf die Arbeit mit bestimmten Zielgruppen beschränken dürfe. "Es geht nicht um ein paar zusätzliche Kurse, sondern um ein neues Selbstverständnis der Erwachsenenbildung", so Sprung. Dieses solle sich auch in der Struktur und Kultur von Organisationen widerspiegeln.

Gulis wies auf die Notwendigkeit hin, abgesehen von der aktuellen Entwicklung längerfristig zu denken. Er präsentierte daher Leitlinien, anhand derer Anbieterorganisationen sich mit den Anforderungen einer Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft auseinander setzen können.

Migrationsgesellschaft betrifft uns alle

Auch Robert Reithofer von ISOP betonte, dass die Migrationsgesellschaft alle Mitglieder einer Gesellschaft betreffe, nicht nur jene, die zugewandert seien. "Flucht und Migration machen bestehende gesellschaftliche Probleme sichtbarer, die aber auch schon vorher existierten", so Reithofer.

Da Themen wie Flucht und Migration nicht entpolitisiert diskutiert werden könnten, appellierte er an die Politische Erwachsenenbildung, sich mit Diversitätsthemen zu beschäftigen.

"Wir müssen uns den Problemen unserer Welt stellen"

Wolfgang Benedek, Völkerrechtsexperte der Universität Graz, sprach über Menschenrechtsbildung und Integration. Er kritisierte, dass wichtige Themen wie Frauenrechte, Religionsfreiheit oder politische Partizipation nicht im aktuellen 50-Punkte-Integrationsplan enthalten seien.

Obwohl in der Praxis oft zu wenige Angebote vorhanden seien, so Benedek, würden Flüchtlinge "in die Pflicht genommen, als ob sie von vornherein nicht wollten. Man arbeitet mehr mit Zwang als mit Anreizen."

Er warnte zudem vor Kürzungen im pädagogischen Bereich, die zu Marginalisierung und Qualitätsverlust führen würden. Informelles Lernen müsse mitbedacht werden, sagte Benedek. "Wenn jemand im Alltag immer nur Diskriminierung erfährt, werden Wertekurse auch nichts nützen."

Das Umfeld sei daher einzubeziehen und gewalttätiger Extremismus, von welcher Seite auch immer, müsse mit Bildung bekämpft werden. "Wir müssen uns den Problemen unserer Welt stellen." Die Migrationsgesellschaft sei ein Ausdruck der gegenwärtigen globalen Situation. "Flüchtlinge sind BotschafterInnen von ungelösten Problemen anderswo, die jetzt bei uns auftauchen und uns daran erinnern."

Die "Entängstigung" der Gesellschaft vorantreiben

Zahlreiche Symposiumsbeiträge beschäftigten sich mit Themen, die unmittelbar an die Erwachsenenbildung angrenzen. Der Geschäftsführer des AMS Steiermark, Karlheinz Snobe, forderte einen besseren Zugang zu Deutschkursen sowie eine Öffnung des Arbeitsmarkts für AsylwerberInnen mit hoher Anerkennungswahrscheinlichkeit. Dadurch würden sich auch die späteren Arbeitsmarktchancen erhöhen, sobald jemand als Konventionsflüchtling oder subsidiär Schutzberechtigte/r anerkannt sei, so Snobe.

Edith Zitz von inspire sprach über Berufsanerkennung und Validierung und warnte vor der drohenden Dequalifizierung. Das bedeutet, dass Menschen oft unter ihrem mitgebrachten Ausbildungsniveau tätig sind - "als ob sie nie gelebt hätten". Martina Grötschnig vom Land Steiermark widmete sich in ihrem Beitrag dem Diversitäts-Mainstreaming und forderte die Erwachsenenbildungsorganisationen auf, die "Entängstigung" der Gesellschaft durch Sensibilisierungsmaßnahmen voranzutreiben. Auch Franz Waltl, Caritas-Bereichsleiter für "Hilfe für Menschen in Not", wünschte sich, dass die Erwachsenenbildung zu mehr Akzeptanz beitrage.

Beispiele für gelungene Praxisprojekte

Tania Berman vom Europäischen Verband für Erwachsenenbildung EAEA betonte, dass die europäische Erwachsenenbildung eine Schlüsselrolle in der aktuellen Flüchtlingsthematik einnimmt. Sie stellte drei gelungene Praxisprojekte aus drei europäischen Ländern sowie die internationale Website "Info4Migrants" vor. Allen der genannten Projekte ist gemeinsam, dass sie Flüchtlingen niederschwellige Informationen über verschiedene Themen, wie z.B. Wohnen, Zusammenleben, Gesundheit und Bildung bieten. Ulrike Zimmermann (VHS Meidling) stellte unter anderem "Deutsch im Park" vor, in dessen Rahmen seit Jahren der öffentliche Raum für Deutschunterricht genutzt wird.

Eine Buchpräsentation von Livia Klingl ("Wir können doch nicht alle nehmen!: Europa zwischen ‚Das Boot ist voll' und ‚Wir sterben aus'") sowie die anschließende Diskussion rundeten das Symposium ab.

Dass man oft über die gemeinten Menschen spreche, ohne sie selbst zu Wort kommen zu lassen, thematisierte Retzhof-Direktor Joachim Gruber. Als Protagonisten eines Kurzfilms, der am Symposium gezeigt wurde, erzählten Menschen mit Fluchthintergrund daher ihre Geschichten. Auch die kulinarische Verpflegung wurde von den BewohnerInnen einer Flüchtlingsunterkunft in der Umgebung mitgestaltet.

 


Text/Redaktion: Karin Kulmer/CONEDU

Bild: (C) Christian Fuchs

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