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Die Freiheit des Lernens im Justizvollzug

25/01/2016
Sprache: DE
Document available also in: EN

Bildungsangebote im österreichischen Justizvollzug

Insassen in Haftanstalten sind überdurchschnittlich häufig Menschen ohne Ausbildungs- oder Schulabschluss. Dabei erhöht eine abgeschlossene Ausbildung die Jobchancen und damit die Chancen auf (Re-)Integration, wenn die Haft vorbei ist. Dementsprechend wird Bildung im Justizvollzug als Mittel zur Resozialisation gesehen. 

In Österreich leiten alle Justizanstalten eigene Betriebe und Werkstätten; einzelne Justizanstalten haben auch eigene Berufsschulen. Sie kooperieren mit dem Arbeitsmarktservice, um hier verkürzte Lehrausbildungen in unterschiedlichen Handwerksberufen durchzuführen. In manchen Anstalten können die Insassen den Pflichtschulabschluss nachholen. Basisbildung, Sprach- und Computerkurse kommen als Angebot hinzu. 

Fachkurse stellen eine weitere, kürzere Ausbildungsschiene dar. Sie werden meist gemeinsam mit den Berufsförderungsinstituten (BFI) oder den Wirtschaftsförderungsinstituten (WIFI) angeboten und haben Sprachen, EDV oder die Arbeit mit Maschinen oder in der Gastronomie zum Gegenstand. Viele Anstalten bieten auch die Chance, den ECDL zu erwerben. Auch eLearning ist mittlerweile eine weit verbreitete Möglichkeit, und Fernstudien können ebenfalls absolviert werden.


ELIS: Online Lernen im Strafvollzug

Die Lernmöglichkeiten nehmen auch im Strafvollzug mit der Digitalisierung weiter zu. Da hier jedoch ein vollständiger Internetzugang ein hohes Sicherheitsrisiko bedeutet, braucht es spezielle technische Lösungen. Das Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft gGmbH (IBI) in Berlin ist seit vielen Jahren für den Strafvollzug tätig und betreibt auch die Lernplattform ELIS ("e-Learning im Strafvollzug"). Auch Österreich nutzt diese Plattform und bietet den Strafgefangenen damit über 200 Lernangebote und -programme für die allgemeine und berufliche Bildung, eine umfassende Mediathek inklusive Nachschlagewerke und den Zugang zum Portal Ich-will-Lernen.de. 


Was in der JVA anders ist

Lernen im Strafvollzug ist anders und mit speziellen Barrieren verbunden. Hier treffen sich überproportional viele SchulabbrecherInnen mit diskontinuierlichen Biografien. Sie sind noch dazu in einer unfreien, beengten Situation - werden rundum versorgt aber auch kontrolliert. Ihnen bietet die JVA eine Lernumgebung mit hoher Stabilität, allerdings um den Preis einer ebenso hohen Normierung. Freiwilliges Erwachsenen-Lernen hat im Justizvollzug eine andere Färbung als draußen, und die spezielle Sozialisation im Vollzug (Prisonisierung) kann den Widerstand gegen Autoritäten verstärken. Zugleich muss eine Einrichtung, die so stark auf Sicherheit ausgerichtet ist wie eine JVA, ihre "Dienstleistungsorientierung" anders interpretieren als beispielsweise ein WIFI. 


Erfolg ist, wenn es trotzdem klappt

Dass Lernen im großen Umfang dennoch auch im Justizvollzug möglich ist, zeigen erfolgreiche Projekte aus Österreich. Zum Beispiel wurde 2012 die Justizanstalt Wien-Simmering als Ausbildungszentrum zukünftiger Fachkräfte mit dem Anton-Benya-Preis ausgezeichnet. Sie verfügt über 17 hauseigene Betriebe, in denen die Insassen arbeiten und auch eine Facharbeiter-Intensivausbildung absolvieren können, und zwar in einer breiten Palette von Berufen. Rund 380 Insassen hatten bis zur Preisverleihung 2012 hatten einen Lehrabschluss in der Justizanstalt Wien-Simmering erworben, und weiterhin gibt es regelmäßig erfolgreiche Lehrabschlüsse, darunter solche mit ausgezeichnetem Erfolg. 


Freiwilligkeit und Motivation als Voraussetzung 

Die Grazer Anwältin Monika Tamisch hat im Jahr 2011 ihre Dissertation über Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen im österreichischen Strafvollzug veröffentlicht. Den empirischen Kern dieser Arbeit bilden eine Fragebogenerhebung und eine Reihe von Interviews in den Justizanstalten Graz-Karlau (für Erwachsene) und Gerasdorf bei Wien (für Jugendliche). 

Dabei zeigte, dass die Insassen in beiden Anstalten mit den Ausbildungen zufrieden waren. Bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Gerasdorf fiel diese Zufriedenheit noch deutlich höher aus. Sie empfanden die Ausbildungen auch als zeitgemäßer und schätzten ihre eigenen Berufsaussichten höher ein. Tamisch erklärt das unter anderem mit dem Ausbildungs-Zugang: In Gerasdorf müssen sich die Jugendlichen um Ausbildungsplätze bewerben, teilweise sogar einen Aufnahmetest absolvieren. Freiwilligkeit und Motivation sind eben auch in der Haft für das Lernen wichtig. 

 

Fazit: Was Bildung in der Haft kann

Insgesamt hat sich (Berufs-)Bildung als notwendige, aber nicht als hinreichende Maßnahme für eine erfolgreiche Integration erwiesen. Insassen mit einer höherer Ausgangsqualifikation und einer kürzeren "kriminelle Karriere" profitieren mehr von Bildung im Justizvollzug. Internationale Empfehlungen raten zu einem möglichst offenen Vollzug zu Ausbildungszwecken. Auch Arbeitstrainings und Jobcoachings sollen den Einstieg ins Erwerbsleben nach der Haft erleichtern. Und natürlich hat Erwachsenenbildung auch im Justizvollzug noch ein ganz anderes Potenzial: beispielsweise ein Stück Stabilisierung der Identität und Persönlichkeit - oder auch ein Trainieren von Empathie und sozialen Fähigkeiten.

 

Das Europäische Ideal

Der Europarat verabschiedete schon 1989 eine Reihe von Empfehlungen zur Ausbildung von inhaftierten Personen in Europa. Dazu gehört die Empfehlung, dass Lernangebote im Strafvollzug denen außerhalb so weit wie möglich gleichen sollen, und dass der Freigang zu Bildungszwecken nach Möglichkeit unterstützt werden soll. 2006 wurden europäische Strafvollzugsgrundsätze veröffentlicht, die nun zu den weitgehend akzeptierten Standards für alle EU-Staaten gehören. Vertreten wird die weitere Förderung und Entwicklung von Bildung in Europas Gefängnissen von der European Prison Education Association (EPEA), einer Europäischen NGO. 

 

Autorin: Birgit Aschemann (CONEDU, Österreich)


Weiterführende Informationen

 

Weitere verwendete Quellen: 

Schweder, Marcel (2013): Jugendliche Inhaftierte als potenzielle Fachkräfte - eine Diskurs aus pädagogischer und berufsdidaktischer Sicht. In: Becker, Matthias / Grimm, Axel / Petersen, Willi /Schlausch, Reiner (Hg.): Kompetenzorientierung und Strukturen gewerblich-technischer Berufsausbildung. Berlin: LIT Verlag. 

Müller-Dietz, Heinz (2011): Weiterbildung von Strafgefangenen. In: Tippelt/Hippel (HG.). Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung

Bildquelle: Erika Wittlieb/CC0/Public Domain 

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