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Trauma und Lernen

18/06/2019
by Barbara Kuss
Sprache: DE
Document available also in: EN FR CS

Lesedauer ca. 5 Minuten - lesen, liken, kommentieren!

Barbara Kuss, Mats Mikiver

Migrant/innen, die sich entschieden haben, ihr Heimatland freiwillig zu verlassen oder es verlassen mussten, werden mit einer Änderung ihres gesellschaftlichen Bezugssystems konfrontiert. Das Bezugssystem hilft Menschen innerhalb eines Sozialsystems, die Welt auf einen überschaubaren Bereich zu reduzieren, in dem sie sich zurechtfinden und mit ihrem Umfeld interagieren können. Somit finden sie sich auf unbekanntem Terrain wieder, in einer verwirrenden Welt, in der sich alle bekannten Verhaltensregeln, gesellschaftlichen Rollenbilder, Strukturen und Bedingungen geändert haben (Han 2009, 205209). Die Auswirkungen sind besonders schwerwiegend, wenn Migration aufgrund von Flucht vor Krieg und Verfolgung stattfand. Diese Migration beginnt oftmals unerwartet, ohne der Möglichkeit, sich darauf vorzubereiten. Oft sind Familienmitglieder oder Freunde verschwunden, verstorben oder wurden getötet und die Personen auf der Flucht sind in großer Gefahr und enormer Furcht und Not.

Während der Eingewöhnungsphase besuchen sie oft Integrationskurse, um die Sprache ihres Gastlandes oder nationale und regionale Werte und kulturelle Gewohnheiten zu lernen. Trainer/innen, die diese Integrationskurse anbieten und Betreuer/innen, die andere Integrationsangebote bereitstellen, treffen auf zahlreiche Teilnehmende mit Lernhemmungen. In vielen Fällen ist dies eine Auswirkung eines traumatischen Ereignisses.

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Trauma

Ein Trauma ist ein plötzliches, intensives und schmerzhaftes Ereignis, das die psychischen Verarbeitungsmöglichkeiten eines Menschen überfordert, weil es die Psyche gleichsam überflutet. Dies kann durch Naturkatastrophen wie Überschwemmungen oder Erdbeben geschehen, nach einer Tragödie wie einem Unfall oder einem Feuer und kann auch durch „menschengemachte Katastrophen“ auftreten (UNHCR 2018; Schwarz 2009).

Laut Schouler-Ocak et al. (2010) waren 17 % der Patient/innen in psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung Menschen mit Migrationshintergrund, deren Erkrankungen durch Traumata verursacht wurden. Traumata können die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung auslösen und/oder teilweise zur Entwicklung anderer psychischer Krankheiten führen (Özkan/Hüther 2012). Menschengemachte Katastrophen wie Misshandlungen, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Krieg oder Folter können besonders erhebliche Traumatisierungen verursachen, bei der die Behandlung besonders komplex und schwierig ist (UNHCR 2018; Schwarz 2009). Der Grund ist, dass in diesem Fall Menschen absichtlich andere Personen auf schlimmste und destruktivste Art und Weise körperlich und emotional schädigen. Die Gesundheit der Betroffenen ist in vielerlei Hinsicht langfristig beeinträchtigt. Einige sind von körperlichen Missbildungen und Behinderungen gezeichnet, während andere unter Flashbacks leiden, wodurch die Betroffenen die traumatisierenden Situationen immer wieder durchleben. Bei einigen Personen ist die Konzentrationsfähigkeit erheblich eingeschränkt, sowie ihre Fähigkeit, Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Oft ist die Arbeitsfähigkeit vermindert und soziale Kompetenzen können auch stark betroffen sein, was zu sozialem Rückzug und kompletter Isolation führt. Der Genesungsprozess ist zusätzlich erschwert, wenn Flüchtlinge vom Staat verfolgt wurden und deren Vertrauen in Institutionen gering ist (Braun et al., 2009).

Außerdem erleben Migrant/innen und Flüchtlinge oft erheblichen akkulturativen Stress, was Auswirkungen auf ihre Lernfähigkeit haben kann. Der Spracherwerb, die Wohnungssuche, das Kennenlernen von neuen Sozialsystemen und -strukturen wie dem Gesundheitswesen, dem Bildungswesen und anderen unterstützenden Maßnahmen fordern ihre volle Aufmerksamkeit. Darüber hinaus stehen sie vor weiteren Herausforderungen, wie zum Beispiel dem Umgang mit Werten, die sich von ihren eigenen erheblich unterscheiden.

Das INTED-Projekt und Beispiele für den Umgang mit Unsicherheiten bei der Interaktion mit traumatisierten Menschen

Das Ziel des Projekts INTED (Integration through Education and Information) bestand darin, die Eingliederung von Flüchtlingen und neu Zugewanderten zu verbessern. Gefördert durch das Erasmus+-Programm als „Wissensaustausch“-Projekt, tauschten sich fünf Länder (Österreich, Kroatien, Deutschland, Italien und Schweden) über ihre Ansätze und Aktivitäten in diesem Bereich aus.

Einer der Partner, das „Rehabilitationszentrum für Stress und Trauma“ (Rehabilitation Centre for Stress and Trauma, RCT) in Kroatien, konzentriert sich besonders stark auf Traumata und hat den „ergebnisorientierten Ansatz bei Traumata" eingeführt. Das RCT hielt einen Workshop, der sich mit folgenden Fragen beschäftigte: Wie sollte ich in meinem Tätigkeitsbereich (z. B. als Trainer/in) am besten mit einer traumatisierten Person angesichts meines mangelnden professionellen Hintergrunds im Umgang mit traumatisierten Personen umgehen? Es ist nicht ungewöhnlich, sich beim Treffen oder Arbeiten mit einer traumatisierten Person unsicher zu sein, wie man sich verhalten soll. Trainer/innen und Betreuer/innen beschäftigen sich oft mit Fragen wie „Worüber kann ich mit einer traumatisierten Person sprechen, außer darüber, was wir gerade tun (z. B. Im Falle eines Sprachkurses)?“ „Sollte ich nach dem traumatischen Ereignis fragen?“ „Sollte ich nach den Empfindungen der Person fragen?“ ...und andere Gedanken, die aufkommen könnten.

Der ergebnisorientierte Ansatz bei Traumata

Der „ergebnisorientierte Ansatz bei Traumata“ kann in diesem Fall nützlich sein. Der Hauptgedanke ist, sich auf die Zukunft zu konzentrieren, darauf, was möglich ist und was gut für die traumatisierte Person funktioniert. Die Ursachen des Problems stehen nicht zwangsläufig im Fokus dieser Methode. Die Fragen sind folgende: Wann fühlt sich die Person besser? Was macht sie, damit sie sich besser fühlt? Kann die Person mehr davon tun oder eine andere Aktivität wählen, die ihr dabei hilft sich besser zu fühlen? Es geht darum, die Häufigkeit, in der die Person an das Trauma denkt, zu reduzieren und diese problematischen Gedanken durch positive Gedanken, Wörter und Handlungen zu ersetzen.

Eine positive Interaktion ist natürlich wichtig. Der erste Schritt ist schon getan, wenn man einfach warmherzig auf andere zugeht. Eines der Prinzipien besteht darin, dass bereits kleine Fortschritte hinsichtlich der geistigen Verfassung der Person zu wesentlichen Veränderungen in deren Alltag führen können. Die Methode kann sowohl für Gruppen als auch für Einzelpersonen verwendet werden, aber es ist wichtig, sich darüber bewusst zu sein, dass jeder anders auf die gleiche Situation reagieren kann. Wie stark eine Person von einem traumatischen Erlebnis geprägt wird, hängt von verschiedenen Einflussfaktoren ab, wie Persönlichkeit, Alter, Expositionsgrad, Unterstützung durch die Familie und deren sozialer Situation.

Lernen in der Familie

Wenn die traumatisierte Person ein Elternteil ist, kann „Lernen in der Familie (family learning, FL) eine sinnvolle Methode sein, mit dem Ziel, etwas Positives und Zukunftsorientiertes zu tun. FL ist für alle Eltern hilfreich und hervorragend für neu Zugewanderte geeignet. Beim FL führen Eltern und Kinder mit dem Fokus auf positive Lernerfahrungen gemeinsam in fünf bis zehn Gruppensitzungen Aktivitäten aus. Dazu gehören Lese- und Rechenübungen als natürlicher Bestandteil jeder Sitzung. FL ermöglicht es Erwachsenen und Kindern, zusammen zu lernen.

Das Hauptanliegen von FL ist, die wichtige Rolle zu betonen, die Eltern bei der intellektuellen und emotionalen Entwicklung ihres Kindes spielen. Eltern sind ebenfalls die ersten Lehrkräfte, denen ein Kind begegnet und ihr Zuhause ist ein Lernumfeld. Für neu Zugewanderte ist FL eine nützliche Methode, Sprachkenntnisse zu entwickeln, sowohl für Eltern als auch für Kinder. Sie können generell dieselben Übungen machen, da sie normalerweise dasselbe Sprachniveau wie neu angekommene Zugewanderte haben. Die Übungen sollten aus einem theoretischen und einem praktischen Teil bestehen und die Kenntnisse sollten auf unterhaltsame und ungezwungene Weise, z. B. durch Spielen, erlernt werden.
Ein FL-Kurs sollte seinen Fokus auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden richten. Sind es Sprachkenntnisse, Informationen über den Kindergarten und Schule, Auskünfte über gesunde Ernährung, Informationen über öffentliche Dienstleistungen oder etwas anderes, das notwendig ist? Die Betreuer/innen berücksichtigen dies bei der Erstellung des Lehrplans zusammen mit den Teilnehmenden.

FL ist eine globale Methode. Sie wurde entwickelt, um Familien in benachteiligten Gebieten oder Menschen mit wenig oder keiner Bildung zu unterstützen. Für einige Erwachsene ist FL der erste Schritt in Richtung Bildung, mit dem Ziel, einen lebenslangen Lernprozess zu beginnen.

Es gibt starke Anzeichen für eine Übertragung generationsübergreifender Benachteiligungen von Eltern mit schwachen Lese-, Sprach- und Rechenfertigkeiten an ihre Kinder. Lernen innerhalb der Familie kann eine Schlüsselrolle spielen, diesen Prozess zu stoppen. 


Autoren

Kuss, Barbara, MA, MSc: Pädagogin, Projektmanagerin Der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Schnittstelle von Migration, Gesundheit und Bildung. Sie arbeitet im OMEGA Transkulturelles Zentrum für psychische und physische Gesundheit und Integration, Graz, Österreich

Mikiver, Mats: Projektmanager in der Stadtverwaltung Linköping, Bildungsministerium, Schweden. Seine Hauptzuständigkeit liegt in der Organisation verschiedener Erziehungshilfen mit dem Fokus auf Migrantenfamilien.


Bibliografie

  • Braun, Brigitte Ambühl, Refgula Bienlein, Annelis Jordi und Hasim Sancar (2009): Gesundheitskompetenz in der Behandlung kriegs- und foltertraumatisierter Menschen In: Schweizerisches Rotes Kreuz (SRK), publ.: Gesundheitskompetenz: Zwischen Anspruch und Umsetzung (Gesundheit und Integration – Beiträge aus Theorie und Praxis); p. 200-220
  • Han, Petrus (2009): Soziologie der Migration. Stuttgart: Lucius & Lucius.
  • Özkan, Ibrahim und Gerald Hüther, 2012: Migration: Traum oder Trauma? In: Özkan, Ibrahim, Ulrich Sachsse und Annette Streeck: Zeit heilt nicht alle Wunden: Kompendium zur Psychotraumatologie. 175f.; Fischer

Online-Quellen


Dieser Artikel ist auch zu finden in der EPALE Publikation 2019 "Politische Erwachsenenbildung in Österreich und Europa - Ziele, Methoden und Zukunftsperspektiven" 

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  • Bild des Benutzers Andrea Metzger
    Wenn man nicht direkt als Betreuer/in oder als Lernende/r direkt davon betroffen ist, macht man sich kaum Gedanken über die Einschränkung durch Traumata. Family learning ist dabei sicher hilfreich, vor allem weil man sich in einem bekannten Umfeld bewegt. Damit habe ich wieder etwas neues gelernt, danke!