chevron-down chevron-left chevron-right chevron-up home circle comment double-caret-left double-caret-right like like2 twitter epale-arrow-up text-bubble cloud stop caret-down caret-up caret-left caret-right file-text

EPALE - E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa

Blog

Zwischen Küche und Kaue. Mobile Angebote für hochaltrige Menschen

24/11/2020
von Anja Hoffmann
Sprache: DE
Document available also in: EN HU

Lesezeit etwa 7 Minuten - Lesen, liken, kommentieren!


© Jürgen Appelhans, LWL

© Jürgen Appelhans, LWL


„Mein Mann hat das schon damals immer von der Zeche mitgebracht“, fängt Lotte Trapp an zu erzählen, als sie das Stück Kohle in den Händen hält. Die alte Dame saß ein paar Minuten zuvor noch geradezu lakonisch in ihrem Rollstuhl, und sagte kaum ein Wort. Aber jetzt blüht sie auf, erzählt munter von ihrem Alltag aus Kindertagen und als junge Frau. Lotte Trapp nimmt wie die anderen fünf Senior*innen am Tisch regelmäßig am mobilen Vermittlungsprogramm des LWL-Industriemuseums Kohle weckt Erinnerung im Wilhelm-Kauermann-Seniorenzentrum der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Castrop-Rauxel teil.

Seit 2008 arbeitet das Westfälische Landesmuseum für Industriekultur des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) konsequent und kontinuierlich an der Umsetzung einer Seniorenstrategie als Teil einer Antwort auf den demografischen Wandel. Die Idee, alle acht Standorte des dezentralen Westfälischen Landesmuseums für Industriekultur demografiegerecht zu gestalten, mündete 2010 in einem Konzept, das Angebote für Menschen mit eingeschränkter Mobilität und für Menschen mit Demenz sowohl vor Ort in den LWL-Industriemuseen als auch mobil in Senioreneinrichtungen vorsieht.

Ziel ist es, bis ins hohe Alter auch bei Einschränkung von kognitiven Fähigkeiten und Mobilität kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Auf dem Weg dorthin hat sich gezeigt: Wer diese Form der mobilen Vermittlung im Museum etablieren will, sollte im Vorfeld die Nachfrage der potenziellen Interessensgruppe klären. Auftrag, Stellenwert im eigenen pädagogischen Konzept und Ressourcen sind mit Museumsträger und -leitung abzustimmen. Nicht zuletzt ist die enge Kooperation mit den Einrichtungen bei der Entwicklung von Angeboten wichtig.

Analyse und Auftrag – das Fundament

Die Besucherstatistik der acht LWL-Industriemuseen zeigt seit knapp 15 Jahren einen zunehmenden Anteil von Gästen über 60 Jahren. Besucherbefragungen bestätigten, dass der demographische Wandel unübersehbar bei uns in den Museen angekommen ist. Angesichts der stetig alternden Gesellschaft stellte sich die Frage, inwieweit die Museen dieser Entwicklung mit einer Seniorenstrategie aktiv und vorausplanend begegnen müssten. Eine Forschungsarbeit von Verena Scheer zur Entwicklung eines Marketingkonzeptes für die Zielgruppe 60plus im LWL-Industriemuseum half 2008, die heterogene Zielgruppe der Senioren*innen einzugrenzen, Bedürfnisse zu ermitteln und führte zu einer ersten Handlungsempfehlung.

Aus den Ergebnissen der Forschungsarbeit stach das starke Interesse von Seniorenzentren und Altenpflegeeinrichtungen sehr deutlich heraus. Der Grund: Leben und Arbeiten im Industriezeitalter der Nachkriegszeit knüpfen gut an die biografischen Erinnerungen der Bewohner*innen der Alteneinrichtungen an und lassen sich methodisch gut mit objektzentriertem Erzählen umsetzen. Unsere Exponate stehen gleichermaßen für historische Ereignisse wie persönliche Schicksale. Sie wecken Erinnerungen und laden ein, Geschichte(n) auszutauschen. Allerdings schätzten die befragten Einrichtungsleiter*innen und Mitarbeiter*innen der Sozialen Dienste den Museumsbesuch vor Ort als schwierig ein. Allein unsere Industriedenkmäler sind mit Kopfsteinpflaster, Schienensträngen und Werksgebäuden vielerorts nicht ausreichend barrierefrei. Die Vertreter*innen der Senioreneinrichtungen regten an, mobile Angebote zu schaffen.

Diese Idee löste intensive Diskussionen in unseren Museen aus: Gehören mobile Angebote in Senioreneinrichtungen zum Kerngeschäft eines Museums? Ist Erinnerungs- und Biografiearbeit für diese Zielgruppe nicht besser bei Sozial- bzw. Heilpädagog*innen und Therapeut*innen aufgehoben? Ganz praktisch: Wie werden die Teilnehmenden statistisch erfasst? Ist das Vermittlung oder Marketing?

Allerdings versteht sich das LWL-Industriemuseum seit der Gründung explizit als kollektives Gedächtnis der Region und arbeitet konsequent mit den Erinnerungen und Geschichten der Menschen, die das Industriezeitalter seit Generationen geprägt haben. Im Sinne einer konsequenten Besucherorientierung ist es gerade deshalb den Menschen, die die Geschichte der Museumsstandorte mitgestaltet haben, verpflichtet. Aus dieser Verpflichtung heraus, mit dem Selbstverständnis als Ort des Experimentierens und vor dem Hintergrund des demografischen Wandels fiel die Entscheidung zugunsten einer aufsuchenden Vermittlung für Menschen in Senioreneinrichtungen. Nicht zuletzt gab 2009 der Landschaftsverband Westfalen-Lippe mit seiner Initiative Richtung Inklusion einen entscheidenden Impuls. Damit wurden die Weichen für rund zehn Jahre Entwicklungsarbeit für mobile Angebote für hochaltrige Menschen gelegt und mit Ressourcen hinterlegt.

Senioreneinrichtung und Museen – Bildungspartnerschaften für lebensbegleitendes Lernen

Die Zusammenarbeit mit Expert*innen in eigener Sache ist in Arbeitsfeldern wie Inklusion kein Geheimnis mehr. Dementsprechend ging die Analyse der Bedürfnisse hochaltriger Menschen und die Entwicklung der Formate und Programme von Anfang an nur zusammen mit Vertreter*innen von Senioreneinrichtungen, und -vereinen als Multiplikator*innen, Feedbackgebenden, Aus- und Weiterbilder*innen. Die Feierabendhäuser der Diakonie Ruhr in Witten sind beispielsweise fester Bildungspartner*innen. Sie schulen regelmäßig unsere Museumspädagog*innen im Umgang mit hochaltrigen und vor allem dementiell erkrankten Menschen und entwickeln aktiv das Programmangebot mit uns weiter. Ein bis zweimal im Jahr finden regelmäßig Feedbacktreffen mit Vertreter*innen der Senioreneinrichtungen statt. Dabei geht es nicht nur um die Rückmeldung konstruktiver Kritik, sondern auch um die Diskussion neuer Ideen, Wünsche und Anregungen beider Seiten. Letztlich entstanden in diesem Prozess acht verschiedene mobile Programme für Menschen mit eingeschränkter Mobilität bzw. mit Demenz.

Acht verschiedene Programme – dieselben Grundsätze

Alle acht Programme folgen denselben Grundsätzen: Die geschulten Museumspädagog*innen kommen mit einer Kiste, einem Eimer oder einem Koffer voller Erinnerungsstücke in die Senioreneinrichtung. Beim Gespräch in der Gruppe bekommt jeder die Möglichkeit, die mitgebrachten Objekte in die Hand zu nehmen und selbst zu berichten. Interaktiv werden Sinne angesprochen, Erinnerungen geweckt und neue Erfahrungen gemacht. Alle Programme dauern maximal eine Stunde und sind für nicht mehr als 15 Teilnehmende gedacht. Das Personal der Alteneinrichtung spricht im Vorfeld gezielt Menschen mit dem themenspezifischen biografischen Hintergrund an: Bergbau, Zechensiedlung, Arbeiten in der Eisen-, Stahl- oder Textilindustrie oder Arbeit im Haushalt.

Die Programme werden modifiziert für Menschen mit Demenz und sind als Begleitung der Arbeit in den Einrichtungen gedacht. Sie richten sich an feste Gruppen mit denselben Bewohner*innen. Bei der Durchführung muss die Einrichtung den Museumspädagog*innen mindestens eine Kraft aus der Pflege oder Alltagsbetreuung zur Seite stellen.

© Jürgen Appelhans, LWL

© Jürgen Appelhans, LWL


Zwischenbilanz

In der Praxis haben sich vor allem die regelmäßigen mobilen Vermittlungsangebote für Menschen mit Demenz in Senioreneinrichtungen durchgesetzt. Die Statistik zeigt, dass zwischen 2011 und 2018 84 % der gebuchten Seniorenangebote im LWL-Industriemuseum mobile Programme für Menschen mit Demenz waren. 9.916 Teilnehmende mit mittlerer und schwerer Demenz, zum Teil auch in geschützten, demenzsensiblen Bereichen, verzeichnet die Statistik. Viele Altenpflegeeinrichtungen buchen die Programme im 14-Tage-Takt. Der Einzugsbereich umfasst durchschnittlich 22 Senioreneinrichtungen in 19 Ruhrgebietsgemeinden im Umkreis von maximal 80 km rund um die LWL-Industriemuseen Zeche Nachtigall in Witten und Henrichshütte in Hattingen als Ankerpunkte.

Herausforderungen

So erfolgreich die mobilen Programme der LWL-Industriemuseen laufen, zeichnen sich nach neun Jahren aber auch Wünsche nach neuen Formaten ab. 2017 konzipierte das LWL-Industriemuseum daher bereits für Senior*innen in Alteneinrichtungen mit und ohne Demenz die Wanderausstellung Ganz schön viel Maloche! Erinnerungen an die Arbeit. Die Ausstellung beleuchtet die verschiedenen Perspektiven auf die Arbeitswelt seit den 1950er Jahren und setzte die Erfahrungen aus den Programmen mit handlungsorientierten und Tast-, Hör- und Mitmachstationen um. Die Ausstellung wanderte 2018/2019 durch zehn Altenpflegeeinrichtungen in Nordrhein-Westfalen.

Es zeichnen sich aber auch weitere Herausforderungen für die kommenden Jahre ab. Was werden wir als Industriemuseen den kommenden Generationen jenseits der Erinnerungsarbeit mit Kohle, Eisen und Stahl an Themen und Objekten für die biografische Erinnerungsarbeit bieten können? Wie entwickeln sich die Bedürfnisse älterer Menschen angesichts des demographischen Wandels und der Diversität unserer Gesellschaft. Gerade angesichts von Covid-19 stellt sich auch immer drängender die Frage: Wie digital können oder müssen wir künftig mobile Angebote denken, um unsere Besucher*innen zu erreichen, und wie partizipativ und interaktiv ließe sich dann so ein digitales Angebot auch gestalten? Die Entwicklung von zielgruppenspezifischen Angeboten auch für Menschen bis ins hohe Alter ist letztlich ein dynamischer Prozess, der zusammen mit unseren Bildungspartnern systematisch weiter entwickelt werden wird.


Über die Autorin

Anja Hoffman leitet die Stabsstelle Bildung, Vermittlung und Inklusion des LWL-Industriemuseums. Einer ihrer Arbeitsschwerpunkte liegt auf dem Fokus lebensbegleitendes Lernen, inklusive Strategien und Bildungspartnerschaften.


Quellen und Literatur

Hoffmann, A. (2018). Ganz schön viel Maloche. Standbein Spielbein. Museumspädagogik aktuell 110, 28-31.

Linke, J., Nolte, B. (2012). Industriegeschichte und Erinnerungen. Kulturelle Teilhabe bis ins hohe Alter im LWL-Industriemuseum. Standbein Spielbein. Museumspädagogik aktuell 92, 36-39.

Römhild, G. (2014). Tauben zum Anfassen wecken Erinnerungen. In DER WESTEN 10.02.2014. Zugriff am 10.02.2014 unter www.derwesten.de/staedte/witten/tauben-zum-anfassen-weckem-erinnerungen-id8978545.html .

Scheer, V. (2008). Entwicklung eines Marketingkonzepts für die Zielgruppe 60plus für das LWL-Industriemuseum. Fachhochschule Osnabrück. University of applied sciences. Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Bachelor-Programm Öffentliches Management.

Wölk, A. (2014). Brieftauben wecken Erinnerungen bei Demenzpatienten in Bottrop. In DERWESTEN 14.04.2014. Zugriff am 14.04.2014 unter www.derwesten.de/staedte/bottrop/nreiftauben-wecken-erinnerungen-bei-dem....

Share on Facebook Share on Twitter Epale SoundCloud Share on LinkedIn Share on email
Refresh comments Enable auto refresh

1 - 1 von 1 anzeigen
  • Bild des Benutzers Pilar Pelegrí
    We work in a zone, Baix Segre (Lleida, Catalonia), with some mines and now we're rescuing miners memories. There are good ideas in your commentaries we're going to use in our adult schools. Thanks.
    Pilar