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Nuancenreicherer Überblick über die Grundkompetenzen von Erwachsenen nötig

25/09/2020
von EPALE Deutschland
Sprache: DE
Document available also in: FI EN ES SV BG ET NL SK LV

Lesedauer ca. 7 Minuten - Lesen, Liken, Kommentieren!

Der Originalbeitrag wurde auf Finnisch von Markus Palmén veröffentlicht. Übersetzung von EPALE Deutschland. 


Die Bandbreite an Grundkompetenzen bei Erwachsenen lässt sich über groß angelegte Erhebungen häufig nur unvollständig ermitteln. Foto: Chermiti Mohamed
 

Um in der Gesellschaft zurechtzukommen, bedarf es bestimmter Grundkompetenzen. Der PIAAC-Erhebung zufolge stehen Erwachsene in Finnland in dieser Hinsicht gut da. Groß angelegte Erhebungen liefern allerdings nur einen groben Überblick über das sehr unterschiedlich ausgeprägte Niveau von Grundkompetenzen. Maarit Mäkinen, Wissenschaftlerin an der Universität Tampere, fordert eine weiter gefasste Definition von Grundkompetenzen, während es Jyrki Sipilä, einem in der Vermittlung derselben sehr erfahrenem Pädagogen vom Institut für Erwachsenenbildung in Helsinki, auf ein gezieltes, differenziertes Training für Menschen mit verbesserungsbedürftigen Grundkompetenzen ankommt.  


Grundkompetenzen sind Fähigkeiten, über die Erwachsene verfügen müssen, um vollwertige Bürger*innen zu sein und zur Volkswirtschaft beizutragen. Grundkompetenzen sind nicht einheitlich definiert. Sie können zwar auch kulturell bestimmt sein, umfassen jedoch im Allgemeinen Lese-, Schreib- und Rechenfertigkeiten sowie digitale Kompetenzen. Zur Lese- und Schreibfähigkeit gehört auch das Textverständnis sowie die Fähigkeit zum kritischen Lesen. Mathematische Fertigkeiten werden gebraucht, um Berechnungen anzustellen und darüber hinaus verschiedene Tabellen und Indikatoren zu verstehen. Digitale Kompetenzen wiederum beinhalten nicht nur das Verständnis der entsprechenden Technik, sondern auch eine kritische Medienkompetenz. Gesundheits- und Finanzkompetenz bilden noch eine weitere Gruppe von Grundkompetenzen.

In diesem Artikel mit Hintergrundinformationen zu Grundkompetenzen – dem EPALE-Sonderthema für Juli bis September – konzentrieren wir uns vor allem auf folgende Fragen: Wie ist es aktuell um die Grundkompetenzen von Erwachsenen in Finnland bestellt? Wie werden Grundkompetenzen untersucht und welche Botschaft würde die Forschungs-Community den Bildungspolitiker*innen gern vermitteln? Welche Art der Vermittlung von Grundkompetenzen wäre aus pädagogischer Sicht am produktivsten?

Erwachsene in Finnland verfügen im Wesentlichen über ausreichende Grundkompetenzen

Die internationale OECD-Erhebung zu den Grundkompetenzen (PIAAC) ist eine der hauptsächlichen Quellen, auf die sich die Diskussion über die Grundkompetenzen stützt. Auch die Definition von Grundkompetenzen zu Beginn dieses Beitrags lehnt sich an die Definition in der PIAAC an.  

Der jüngsten PIAAC-Erhebung zufolge sind die Grundkompetenzen von Erwachsenen in Finnland im europäischen Vergleich hervorragend. Als Risikogruppen gelten in Finnland Migrant*innen, ältere Menschen und Personen ohne Zugang zu Bildung. Der europäische Vergleich offenbart relativ große Unterschiede vor allem bei den digitalen Kompetenzen und Rechenfertigkeiten. 

Alter und Kompetenzanhäufung spielen eine Schlüsselrolle für das Kompetenzniveau 

Maarit Mäkinen von der Universität Tampere forscht zum Thema Grundkompetenzen. Obwohl sie das positive Gesamtbild der PIAAC-Erhebung hinsichtlich des guten Kompetenzniveaus von Erwachsenen in Finnland bestätigt, warnt sie davor, aus der Erhebung zu direkte Schlussfolgerungen zu ziehen.

– Schematische Unterteilungen nach Bevölkerungsgruppen sind sinnlos, da beispielsweise das Kompetenzniveau von Migrant*innen stark von deren Gründen für die Auswanderung abhängig ist. Ein Faktor, der die Kompetenzen am stärksten beeinflusst, ist das Alter. Außerdem ist bei Personen, die bereits über einen hohen Bildungsstand verfügen, eine Anhäufung von Wissen und Fortbildungen zu verzeichnen.

Mäkinen verwendet den Begriff „Anhäufung“ für das Phänomen, dass Personen mit hohem Bildungsniveau mit größerer Wahrscheinlichkeit an einer Fortbildung teilnehmen und Beschäftigte in höheren Positionen von ihren Arbeitgeber*innen eher Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten bekommen.

– Geringqualifizierte Arbeitnehmer*innen werden oft von Weiterbildungen ausgeschlossen und sich selbst überlassen, wenn es um Fortbildungen und zusätzliches Training geht. Mäkinen zufolge ist dies ein echtes Problem, das angegangen werden sollte.

Eine Lösung für die Anhäufung von Kompetenzen sind laut Mäkinen bildungspolitische Initiativen, die es auch älteren und geringqualifizierten Arbeitnehmer*innen erleichtern, ihre Kompetenzen auf den neuesten Stand zu bringen. Eines von Mäkinens Projekten ist Taikoja II. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk zur Koordination von Taito, einem Programm des Ministeriums für Bildung und Kultur zur Verbesserung der Grundkompetenzen. Im Rahmen dieses Netzwerks wurden beispielsweise Projekte durchgeführt, um Beschäftigte im Handel und im Pflegebereich, die nie zuvor ähnliche Möglichkeiten hatten, für den digitalen Bereich fit zu machen.

Die Vermittlung von Grundkompetenzen sollte differenziert erfolgen

Jyrki Sipilä ist Leiter der Abteilung für Grundbildung am Institut für Erwachsenenbildung in Helsinki, an dem Erwachsenen in allgemein zugänglichen Erwachsenenbildungskursen, Integrationstraining und für Migrant*innen konzipierten Grundbildungskursen Grundkompetenzen vermittelt werden. Ähnlich wie Mäkinen ist auch Sipilä davon überzeugt, dass die Verbesserung von Grundkompetenzen gezielter Bildungsmaßnahmen bedarf. In der Praxis bedeutet dies, dass die Vermittlung von Grundkompetenzen nicht im Rahmen anderer Lehrangebote erfolgen sollte, sondern dass den Lernenden gezielte Gruppen angeboten werden müssen, in denen Grundkompetenzen geübt werden. Hierfür gibt Sipilä ein Beispiel:

– Im Rahmen des Regierungsprojekts Noste haben wir ein Training organisiert, bei dem ein Computerführerschein der Kategorie A erworben werden kann. Hier wären Teilnehmer*innen mit sehr geringen IKT-Vorkenntnissen und größtenteils niedrigem Bildungsstand nicht so erfolgreich gewesen, wenn sie Gruppen mit Büroangestellten mit dem gängigen Lerntempo zugeteilt worden wären. Ohne eine Gruppe, in der ihnen gezielt Grundkompetenzen vermittelt wurden, hätten sie nicht die Unterstützung und den Ansporn erhalten wie in speziell auf sie zugeschnittenen Gruppen.

Anders ausgedrückt: Die zielgerichteten Projekte und langfristig ausgerichteten gezielten Trainingsprogramme des Netzwerks Taikoja spielen bei der Vermittlung von Grundkompetenzen eine entscheidende Rolle. Mäkinen und Sipilä weisen darauf hin, dass vor Ort tätige Pädagog*innen in die Planung dieser Programme einbezogen werden sollten, da sie die praktischen Herausforderungen kennen. 

Hin zu einer weiter gefassten Definition von Grundkompetenzen

Wer die Grundkompetenzen definiert, die in der Gesellschaft benötigt werden, übt großen politischen Einfluss aus. Interessenträger wie die Forschungs-Community haben die PIAAC-Erhebung der OECD kritisiert, da in ihr für alle Länder dieselben standardisierten Indikatoren verwendet und Kompetenzen priorisiert werden, die für die Wirtschaft und das Arbeitsleben am wichtigsten sind. Andererseits dient die PIAAC vielen Forschern im Bereich Grundkompetenzen als eine der Hauptquellen – nur wenige Organisationen verfügen über die nötigen Mittel, um ähnliche groß angelegte Erhebungen zu diesem Thema durchzuführen.  

Mäkinen würde es begrüßen, wenn die Diskussion über die Grundkompetenzen, die von der ihrer Ansicht nach zu eng angelegten PIAAC dominiert wird, nuancenreicher wäre.

– Es wäre gut, von den Befragten selbst definierte Präferenzen und Ziele stärker einzubeziehen, wodurch die Grundkompetenzen ermittelt werden könnten, die diesen selbst am wichtigsten sind.

Mäkinen begrüßt die Reformen der neuen PIAAC-Erhebung, die im Frühjahr 2020 an den Start ging. Die Ergebnisse dieser Erhebung, an der auch Finnland teilnimmt, sollen 2021–2022 veröffentlicht werden. In die neue PIAAC-Erhebung wurden adaptive Fähigkeiten zur Problemlösung als dritte Grundkompetenz aufgenommen. Hiermit wird beurteilt, wie gut die Befragten mehrere Probleme gleichzeitig lösen oder mit sich verändernden Problemsituationen, etwa in technologiegeprägten Umgebungen, zurechtkommen.

– Diese willkommene Ergänzung spiegelt das Komplexitätsdenken wider, bei dem die Welt als ein in ständigem Wandel befindlicher und nicht vorhersehbarer Ort gesehen wird. Schließlich haben Phänomene wie die Coronavirus-Pandemie uns die Komplexität der Welt deutlich vor Augen geführt. Drei Grundkompetenzen reichen für das Überleben in der heutigen Gesellschaft nicht mehr aus.

 

Literaturhinweise:

 

Nützliche Blogs und Ressourcen:


Über den Autor:

Der Verfasser Markus Palmén (MSc/BA) ist freiberuflicher Journalist, Autor und Produzent im Bereich Online-Journalismus und audiovisuelle Inhalte. In der Erwachsenenbildung war er als Themenkoordinator bei EPALE tätig und zuvor Chefredakteur des European Lifelong Learning Magazine (ELM) bei der finnischen Stiftung für lebenslanges Lernen. Im Bereich Lernen gilt sein besonderes Interesse den verschiedenen Teilnehmern und der allgemein zugänglichen Erwachsenenbildung. Twitter: @MarkusPalmen 

 


 

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