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„Toni Erdmann“ – ein Filmplädoyer für Erwachsenenbildung

13/06/2017
by Peter Brandt
Sprache: DE

Lesedauer circa 6 Minuten - Lesen, liken, Kommentieren!


Über den mehrfach ausgezeichneten deutschen Spielfilm „Toni Erdmann“ ist schon viel gesagt und geschrieben worden. Dass er ein zutiefst pädagogischer Film ist, in dem der alte Gegensatz zwischen Erwachsenen- und Weiterbildung durchscheint, fiel DIE-Redakteur und EPALE-Blogger Peter Brandt auf.

Der Plot ist schnell erklärt. Winfried Conradi, altlinker Vater und freischaffender Musiklehrer im Ruhestand, hat den Draht zu seiner Tochter Ines verloren, die sich für eine Unternehmensberatung in Bukarest abstrampelt. Er gewinnt die Nähe zu ihr zurück, indem er sich ihr in allerlei schrägen Rollenspielen nähert und ihr vor Augen führt, was das Leben zu geben imstande ist, wenn man nur einigermaßen sich selbst treu bleibt – oder wird.

In einer frühen und scheinbar nebensächlichen Szene des Films holt der Vater eine Zeitschrift aus dem Briefkasten – offenbar im Haus der Mutter. Die Rückseite des Blättchens ziert eine Werbung mit dem Slogan „Mehr Erfolg durch Weiterbildung“. Er legt es desinteressiert auf einen Tisch. Selbstoptimierung ist nicht sein Thema.

Für die Erzählung ist diese Szene nicht unbedeutend. Sie ist der Anfang einer ganzen Reihe von Anspielungen des Films auf einen Bildungsmarkt, der nur deshalb funktioniert, weil Menschen wie Conradis Tochter Angebote in Anspruch nehmen, die ihnen helfen, beruflichen Herausforderungen besser gewachsen zu sein (oder ihnen helfen, sich diesen Herausforderungen wenigstens besser gewachsen zu fühlen).

Besonders sichtbar wird Ines‘ Hang zur kontinuierlichen Selbstoptimierung, als sie die Unterstützung eines Online-Coaches in Anspruch nimmt, der ihr hilft, in Meetings und bei Präsentationen professionell zu funktionieren und zum Beispiel ihre Gestik und Mimik effektiver zu kontrollieren.

Für den Vater ist es unerträglich mit anzusehen, wie seine Tochter zu hundert Prozent absorbiert ist von ihrer beruflichen Leistungsbereitschaft. Platz findet sich in ihrem Leben weder für stabile Beziehungen noch für kreative Formen des Selbstausdrucks. Um hier zu intervenieren, schlüpft der Vater vorübergehend in die Rolle eines Coaches, als der er sich ihr andient. In der Art seiner Ansprache und unterstützt durch seinen absonderlichen Look –Langhaarperücke und Vampirgebiss-Attrappe – schwingt das Versprechen mit, welcher Art sein Coaching sein würde. Es geht in Richtung Unangepasstheit, Rollenspiel, Theater.

Dem Vater gelingt es allein mit diesem Angebot, den Kreislauf aus drohendem beruflichem Scheitern, Nutzung jeglicher Freizeit für berufsbezogenes Lernen und anschließendem beruflichem Erfolg zu durchbrechen. Offenbar ist der Leidensdruck der Tochter bereits genügend groß. Was hier fehlt, hat der Kommunikationsexperte Friedemann Schulz von Thun in einem Interview mit wb-web bereits benannt (und dabei ausdrücklich auf den Film Toni Erdmann verwiesen):


„Heute scheint man vorrangig darauf aus zu sein, die äußere Seite der Kommunikation zu ‚optimieren‘. Man soll lernen, schlagfertig und souverän Situationen zu meistern. Das ist nicht verkehrt, aber soziale Kompetenz hat auch und nicht zuletzt eine Innenseite: dass ich innerlich souverän und unverklemmt werde, und das kommt dabei zu kurz. …. Deshalb ist unsere große Überschrift: Professionalitätsentwicklung mit menschlicher Entwicklung verbinden! Ruth Cohn hat mich gelehrt, da war ich schon Professor und gestandener Trainer: ‚Du hast viele gute Tools und Techniken. Aber in deinem Beruf bist du selber, wie Du z.B. mit deinen Gefühlen umgehst und mit denen anderer, dein wichtigstes Instrument!‘ Da musste ich mich nochmal selber auf die Schulbank setzen. Und habe es nicht bereut, das getan zu haben. Da ist wahrscheinlich die Keimzelle meiner Skepsis gegenüber einer Schulung eines (vermeintlichen) Optimalverhaltens.“

Im Filmsetting scheinen somit die Konzepte von Erwachsenen- und Weiterbildung durch, vor allem ihre Differenzen: Der Vater verkörpert das spielerische und kreative Tun, das frei von beruflicher Zweckbestimmung ist und in Bildungsangebote fließen kann, die der Persönlichkeitsentwicklung dienen. Er bietet nachmittäglichen Klavierunterricht an, sieht sich aber damit konfrontiert, dass die Nachfrage sinkt. Die Tochter fokussiert allein auf berufsbezogenes Lernen, auf die Logik von „mehr Erfolg durch Weiterbildung“, wie sie in der Werbung benannt wurde, die der Vater am Anfang des Films aus der Hand legte.

Wie geht der Konflikt zwischen berufsbezogener und professionalitätsorientierter (Selbst-)Optimierung (Stichwort Weiterbildung) und auf die Entwicklung des inneren Selbst gerichteter Aktivitäten (Stichwort Erwachsenenbildung) im Film aus?

Für Ines gibt es ein erträgliches Weiterleben nur, nachdem sie die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wiederentdeckt und auch unangepasste Ausdrucksformen als Teile ihrer Persönlichkeit annimmt und auslebt. Dieser Lernprozess findet ganz informell in der Beziehung zu ihrem Vater statt, ist nur durch das Versprechen des ganz anderen Coaching pädagogisch gerahmt. Ines gewinnt so eine Stimmigkeit der Person zurück, die ihr Souveränität verleiht. Dass sie am Schluss ihren Job als Unternehmensberaterin nicht gänzlich an den Nagel hängt, sondern nur Firma und Einsatzort wechselt, gehört zu den Gründen, warum Toni Erdmann nicht nur Klischees bedient, sondern ein gelungener Film ist. Sie macht weiter ihr berufliches Ding, aber sie wird es authentischer und integrierter tun.

Vater Winfried hat angesichts seines Alters keine größeren beruflichen Ziele mehr und sieht sich weniger als seine Tochter vor der Herausforderung, äußere und innere Entwicklung in Einklang bringen zu müssen. Trotzdem lernt auch er im Film sehr viel – ebenfalls informell. Er lernt, dass er sich – trotz „grüner Gesinnung“ (Ines) – an der wirtschaftlichen und humanen Misere der rumänischen Bevölkerung mitschuldig macht. Seine Tochter Ines wird ihm „jeden Meter“ seiner Verstrickungen erklären, für die er als deutscher und EU-Bürger verantwortlich ist und die sich auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des jungen EU-Mitglieds Rumänien auswirken. Winfried respektiert die Entscheidung seiner Tochter, ihren beruflichen Weg als Unternehmensberaterin fortzusetzen.

Vielleicht kann man am Ende festhalten, dass die Logiken von Vater und Tochter ein gemeinsames Ziel haben: Unabhängigkeit. Diese hat zwei Seiten. Die Logik der Weiterbildung bedient die äußere Seite: die eigenen Kompetenzen so zu entwickeln, dass einem verschiedene berufliche Aktivitätsfelder offen stehen und eine gewisse materielle Unabhängigkeit gesichert ist. Erwachsenenbildung stärkt die innere Unabhängigkeit, indem sie zur Freiheit von Zwängen und Konventionen führt, die Entfaltung des inneren Selbst fördert und zur Reflexion über die eigene Rolle in der Welt verhilft. Und die Lehre des Films wäre dann die: Das eine ohne das andere geht schief.

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Über den Autor: Dr. Peter Brandt leitet die Abteilung Wissenstransfer des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE). Seine Forschungs- und Arbeitsbereiche sind

  • erwachsenenpädagogische Publizistik
  • Professionalitätsentwicklung des Personals in der Erwachsenenbildung
  • Open Access
  • verantwortliche Redaktion der "DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung"

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