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Blog

Unterstützung der Unternehmensgründung: die Bedingungen eines „Lerngebiets“

07/06/2019
by Hélène Paumier
Sprache: DE
Document available also in: FR EN LV

Überstezung (Französich - Deutsch) : EPALE Frankreich

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Was kann als ein „Lerngebiet“ bezeichnet werden und wie kann es das Lernen im Umfeld von Personen unterstützen, die im Rahmen einer Ausbildungsmaßnahme am Arbeitsplatz tätig sind?

Hier möchte ich die Bedeutung einer „Lernumgebung“ bzw. eines „Lerngebiets“ für unternehmensgründende Arbeitssuchende betonen, die lernen müssen, unternehmerisch zu denken, nachdem sie zuvor Arbeitnehmer waren und vor allem berufliche Fähigkeiten besaßen. Mit einer bestimmten Begleitung können sie lernen, Unternehmer zu werden, während sie allmählich den Aufbau und Betrieb ihres entstehenden Unternehmens vorantreiben: Unter diesen Bedingungen nähert sich diese Art des Lernens effektiv der Ausbildung am Arbeitsplatz. Die Gründer können von verschiedenen Akteuren unterstützt werden, die die Entstehung des Projekts, die Anfänge des Unternehmens oder die Finanzierung unterstützen oder auch den gesamten Prozess vor und nach der Niederlassung begleiten. Genau genommen entfaltet sich hier ein „Zusammenspiel von Begleitungen“, und diese Vielfalt nützt dem Gründer unter der Voraussetzung, dass aus diesem Zusammenspiel eine Kontinuität der schrittweisen Begleitung der zunehmenden Erfahrung des Gründers wird, der lernt, ein Unternehmen zu leiten. Hier greift das Lerngebiet – oder auch nicht: Alles hängt davon ab, wie dieses Zusammenspiel der Begleitung territorialisiert wurde. Entweder hat man es mit der „Bottom-up“-Territorialisierung einer Begleitung zu tun, die sich durch ein gemeinsames Projekt herausbildet (in diesem Fall die Gründung eines lokal angesiedelten Unternehmens) und deren Ziel die Bildung einer gemeinsamen, aus den verschiedenen Ressourcen der Beitragenden bestehenden Umgebung ist, die den Gründern kollektiv nutzen soll. Ein solches Netzwerk, in dem auch die Beitragenden voneinander lernen, kann ein „Lerngebiet“ sein:  Die Gründer lernen durch die Unterstützung, die von ihnen benötigen Ressourcen zu identifizieren und zu verbinden, sie zu einem kohärenten Netz zusammenzufügen, das eine wirtschaftliche Leistung erbringen kann, und ihr Projekt zu territorialisieren. Die beiden links auf der Folie gezeigten Karten (siehe Ende des Dokuments), die von begleiteten Gründern gezeichnet wurden, zeugen von dieser Art des Lernens. Andererseits kann sich ein begleitendes Netz gemäß einer „Top-Down“-Logik der Territorialisierung gebildet haben, um ein Gebiet durch die Nähe von Experten zu verbinden, die nacheinander spezialisierte Dienstleistungen erbringen, die den grundsätzlichen und theoretische Grundrissen eines Businessplans angepasst sind... aber auf die Gefahr hin, auch die Projekte zu „zerstückeln“. Diesen Sachverhalt umreißt das Bild rechts (siehe Ende des Dokuments), das die (gemäß dieser Logik) „richtigen Schritte“ des Aufbaus eines Businessplans zeigt. Der Gründer lernt dies bei dem einen, jenes bei dem anderen Experten, aber von der Unterstützung bei der Verbindung der Ressourcen oder der Erfahrung der Territorialisierung des Projekts ist nichts mehr zu sehen – obwohl sich genau hier die Realität des Unternehmens bildet, darum muss der Gründer das tun und lernen, es zu tun (indem er es tut). Ein solches Netzwerk kann ohne Zweifel bestimmte Lernprozesse unterstützen, der Gründer lernt aber nicht unbedingt, Unternehmer zu werden. Es handelt sich nicht um ein „Lerngebiet“; es findet kein Lernen aus der Erfahrung des Unternehmers statt – wie bei Afest und wie in der anderen Konfiguration.

In dieser Praxis kann aus dem tatsächlichen Funktionieren der Begleitnetze ein Hybridgebilde dieser beiden Formen der Territorialisierung entstehen, wobei diejenigen Glieder, die eine echte, im Gebiet verankerte Begleitung sicherstellen, oft an den Rändern des Netzes anzutreffen sind: Im Rahmen des Nacre-Systems (Neue Unterstützung bei Gründung und Übernahme von Unternehmen) gilt dies beispielsweise für die Mentoren, die in der Lage sind, den Unternehmern bei der Schaffung einer Umgebung zu helfen, Ressourcen zu finden, ein Projekt zu territorialisieren usw., da sie dies für ihr eigenes Unternehmen selbst getan haben und tun mussten.

Wie kann der Beitrag der Mentoren und die von ihnen unterstützten Lernformen genauer beschrieben werden?

Bei den Mentoren handelt es sich um ehemalige Unternehmensleiter oder Führungskräfte, die durch das Plattform-Netzwerk der lokalen Initiativen mobilisiert werden und sich an der Begleitung des Gründers nach Anmeldung des Unternehmens beteiligen und die vorwiegend aus der Ferne erfolgende Unterstützung durch die PFIL-Projektleiter ergänzen. Die Mentoren werden auf Wunsch des Gründers und auf Vorschlag des Projektleiters tätig. Die Arbeit der Mentoren beginnt damit, dass sie versuchen werden, „die Dinge zu spüren“: Das Geschäft, die Kunden, die Produkte, die Unterlagen, das Büro, etc. Die Gründer ihrerseits sagen, dass sie „ihnen alles zeigen, ihnen alles geben“. Wie hilft der Mentor dem Gründer, während der Ausübung seiner Tätigkeit Unternehmer zu werden? Hier möchte ich zwei Punkte hervorheben. Der Mentor ist eine Präsenz, ein aktiver Beobachter, der dem Gründer zunächst helfen kann, Ressourcen zu entdecken, die nicht in sein Geschäftsmodell eingebunden wurden, die er aber zur Hand hatte. Ein Mentor nannte das Beispiel eines Gründers, ehemaliger Maschinenbediener in einer Druckerei, der Tinte an Drucker verkaufte. Dem Mentor wurde mit der Zeit klar, dass es tatsächlich Verkäufe gab, aber auch Schulungen für den Einsatz einer neuen Tintenart sowie die Anpassung der Maschinen. Alles die Dinge, die der Gründer beherrschte. Er stellte auch fest, dass keiner der Wettbewerber dieses Gründers zusätzliche Unterstützung anbot, obgleich die Kunden nicht nur ein Produkt, sondern einen kompletten Service benötigten. Der Gründer konnte diesen Service anbieten, war sich dessen nur nicht bewusst… Erst durch den aktiven Blick des Mentors entdeckte er im Rahmen seiner Tätigkeit, dass er eine seiner vernachlässigten Fähigkeiten zu einer Ressource machen und an Ressourcen, die er zur Hand hatte, „basteln“ und diese neu kombinieren konnte, um eine neue Dienstleistung anzubieten und ein neues Wirtschaftsmodell aufzubauen. Durch die Aufmerksamkeit des Mentors konnte der Gründer sein Projekt neu territorialisieren, zusammen mit ihm auf Tuchfühlung mit den Dingen gehen und schuf eine „erweiterte“ Umgebung. Einige Teile der Realität, die der Gründer vernachlässigt oder bei Seite gelassen hatte, gewannen so an neuem Wert. Indem er gemeinsam mit ihm eine Untersuchung durchführte und die daraus abzuleitenden Annahmen (z. B. über eine neue Dienstleistung) einer Prüfung unterzog, lehrte ihn der Mentor im Grunde vor allem, seine Aufmerksamkeit zu steuern. Der Mentor ist ein Co-Ermittler, ein Beobachter, ein „Ausdehner“ der Umgebung, ein „Entwickler“ der Ressourcen, ein Bastel-Partner in einem Bereich, in dem er selbst Erfahrungen gesammelt hat.

Die Mentoren zeigen auch, dass das anfangs viele Bereiche betreffende Unwissen des Gründers kein Problem darstellt. Vielmehr ist es ein Lernfaktor, wie Patrick Mayen allgemein betont: Es heißt oft, junge Unternehmensleiter seien nicht fähig, die Bilanz nicht lesen, die sie von ihrem Buchhalter erhalten, dass sie ihren Betrieb nicht global sehen, dass sie sich zuerst auf ihre gewohnheitsmäßigen Fähigkeiten beschränken, dass sie nicht genügend Fragen stellen, usw. Der Mentor bringt daher neue Punkte ein, die Aufmerksamkeit erfordern. Er wird den Gründer zwingen, andere Perspektiven seiner Situation zu erforschen, seinen Horizont zu erweitern, sich Fragen zu stellen. Es hilft dem Gründer, seine Erfahrung zu erweitern und eine Richtung zu finden. Er ist jedoch kein Berater und die Entscheidungen trifft allein der Gründer. Er ist ein Begleiter. Weil es ihm bereits für seine eigene Tätigkeit gelungen ist, weiß er wie er die Aufmerksamkeit des Gründers, der selbst tun und lernen muss, wecken und lenken kann. Die Unterstützung von Mentoren ist befähigend, weil sie den Gründern die Möglichkeit gibt, ihre Fähigkeiten in einer Situation zu testen und zu entwickeln. Noch dazu macht keiner aus der Tatsache, dass die Fähigkeiten eines Gründers in vielerlei Hinsicht zunächst sehr unzureichend sind, ein Problem – alle vertrauen darauf, dass er die Fähigkeit besitzt, kompetent zu werden. Auch in dieser Hinsicht ist die Unterstützung durch Mentoren befähigend.

Wie auf den Bildern der Einführungsfolie zu sehen ist, begleitet der Mentor auf den beiden linken Zeichnungen die Erfahrung des Unternehmers, unterstützt die Territorialisierung oder die Neu-Territorialisierung des Unternehmens. Er ist ein wichtiges Bindeglied in einem Lerngebiet des Gründers. Und doch ist er auf institutioneller Ebene marginal: Er ist „ein Pluspunkt“ mit anerkanntem Nutzen, aber nicht Bestandteil des Dienstes, der üblicherweise als notwendiger Teil der Begleitung von Gründern gilt. Vielleicht wäre es angebracht, diesen Dienst auf die Mentoringfunktion auszudehnen, die meiner Meinung nach angesichts der Lernprozesse, die sie ermöglicht, maßgeblich zur Nachhaltigkeit von Unternehmen und damit zur Absicherung der Laufbahn von Gründern beiträgt.

Findet sich die Begleitung von Gründern durch Mentoren bei laufendem Betrieb des Unternehmens und das Konzept des „Lerngebiets“ in anderen Formen der Begleitung, anderen Formen des Lernens, für andere Zielgruppen wieder?

Es sollte möglich sein, auf das „Lerngebiet“ Bezug zu nehmen und ein solches für andere Zielgruppen zu erstellen, sobald der Bedarf nach einer Begleitung ihrer Erfahrung durch verschiedene Partner besteht, die sie befähigen bzw. ihnen die Möglichkeit geben, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und z. B. eine Funktion auszufüllen: Dies gilt für arbeitsmarktferne Arbeitsuchende, die Schwierigkeiten damit haben, Zugang zu Chancen zu bekommen, oder für Jugendliche in der beruflichen Eingliederung, die zu wenig Gelegenheit haben, Berufserfahrung zu sammeln.  Diese Art von Begleitung würde „potenzielle Entwicklungssituationen“ bieten (Mayen, 1999), das Lernen und eine Entwicklung von Kompetenzen während der Verrichtung der Arbeit unterstützen (wie dies ein Mentor ermöglicht, der dem Gründer bei der Arbeit zuschaut, sich in seinen Räumlichkeiten umsieht und an dieser Basis gemeinsam mit ihm arbeitet, mit ihm darüber diskutiert und nachdenkt) und Erfahrungswerte begünstigen. Diese Perspektive nehmen einige Begleitsysteme zum Ausgangspunkt und bestimmte Tools, darunter die Berufseinarbeitungsprogramme ‚Garantie Jeunes‘ und ‚PMSMP‘, die sich konkret darauf konzentrieren, junge Menschen in beruflicher Eingliederung Erfahrungen sammeln zu lassen und die Erfahrungswerte zum eigentlichen Ziel der Begleitung machen.

Dies stellt auch die häufig vertretene Ansicht in Frage, der zufolge erst einmal die Hindernisse beseitigt und beispielsweise Unzulänglichkeiten oder Defizite von Arbeitssuchenden behoben werden sollten, bevor die Arbeitssuche wirklich begonnen und Berufserfahrung gesammelt werden kann... (indem in diesem Fall im Vorfeld entsprechende Maßnahmen verordnet werden). Bei Mentoren und Gründern läuft es genau anders herum: Die wichtigsten Hindernisse und Unzulänglichkeiten sind Lernmöglichkeiten, und dieses Lernen finden in der Praxis statt, nicht im Voraus in einem „im Wesentlichen vorbereitenden“ und vom Geschäftsprojekt getrennten Rahmen. Der Gründer, der die Karte oben links in der Startfolie gezeichnet hat, zählt unter „Bremsen“ (Freins) nicht durch Zufall ein buntes Gemisch an Dingen auf, die er seines Erachtens während seiner Erfahrung als Gründer vertiefen muss: Die finanzielle Dimension und die Investitionen, der „Papierkram“, die Notwendigkeit des Experimentierens, um die passenden Kulturen zu finden, die notwendige Verbesserung des Bodens, Geld verdienen. Mit anderen Worten bräuchten sicherlich viele andere Zielgruppen eine solche befähigende Begleitung, das dem Lernen aus Erfahrung vor dem Hintergrund einer Unternehmensgründung, der Erarbeitung oder Konkretisierung eines Projekts der Rückkehr in den Arbeitsmarkt Platz einräumt.

Nicht zuletzt könnte man darauf verweisen, wie wichtig es ist, bei jeder Art der Begleitung an der Schaffung oder Erweiterung einer Umgebung – der des Projekts oder der begleiteten Person zu arbeiten – bzw. der Umgebung zu arbeiten, die die Ressourcen birgt und Teil einer Funktion ist, anstatt wie sonst oft üblich, auf Merkmale zu bestehen, die als „starr“ in einem Kontext verankert dargestellt und gedacht sind, dem die Umrisse des Projekts einseitig anzupassen sind. Der Begleitende steht dann vor der Aufgabe, nicht etwa einen dem Projekt und der Person entgegengesetzten Kontext geltend zu machen, sondern vielmehr an der Entstehung einer Umgebung zu arbeiten, mit der eine Transaktion eingegangen wird und diese „Transaktion“ (Dewey, 1993) bzw. die Erfahrung der begleiteten Personen zu unterstützen.

Quelle: Solveig Grimault, „Accompagner la création d’entreprise. Les conditions d’un "territoire apprenant"“, (Die Unternehmensgründung begleiten. Die Bedingungen für ein „Lerngebiet“)Education permanente, Nr. 216, S. 49-59.

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