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Kompetenzbeurteilung: Der Schlüssel zu effektiven, maßgeschneiderten Lernangeboten hinter Gittern

Georgios Karaiskos, Projektassistent beim Europäischen Verband für Erwachsenenbildung (EAEA), zur Bedeutung der Beurteilung von Kompetenzen und Bedürfnissen bei Häftlingen für effektivere Bildungsprogramme in Haftanstalten.

Prison education Skills Assessment

Dieser Artikel ist eine Übersetzung aus dem Englischen.

Georgios Karaiskos, Projektassistent beim Europäischen Verband für Erwachsenenbildung (EAEA), zur Bedeutung der Beurteilung von Kompetenzen und Bedürfnissen bei Häftlingen für effektivere Bildungsprogramme in Haftanstalten.

Ein entscheidender Schritt in der persönlichen und beruflichen Entwicklung

Gemäß der Leitlinien Weiterbildungspfade: Neue Chancen für Erwachsene der neuen europäischen Agenda für Kompetenzen ist eine Kompetenzbeurteilung der erste entscheidende Schritt, um für Erwachsene mit einem geringeren Kompetenzniveau die Tür zu Weiterbildungsinitiativen zu öffnen und diese mit weiterführenden Lernangeboten zu erreichen.

Prison ed Upskilling Pathways

Mit einer solchen Beurteilung haben diese Erwachsenen die Möglichkeit, ihre bereits bestehenden Kompetenzen sowie ihren persönlichen Bedarf an Weiterbildung zu identifizieren. Dieser Prozess ist für Bereitstellung individueller, maßgeschneiderter Lernangebote unabdingbar und hilft den betreffenden Personen beim Übergang zum zweiten Schritt der oben dargestellten, drei Schritte umfassenden Strategie. Kompetenzen sind dabei generell als einer der entscheidenden Faktoren für die persönliche und berufliche Entwicklung aller Menschen zu betrachten – und dies gilt nicht zuletzt für Personen mit Bedarf an Weiterbildung. Die Beurteilung von Kompetenzen gilt daher als Ausgangspunkt für Erwachsene mit einem geringeren Kompetenzniveau auf ihrem Weg zu einer besseren Zukunft.

Zu dieser Personengruppe gehören insbesondere auch viele Häftlinge, die dringend auf eine Kompetenzbeurteilung und effektivere Lernangebote angewiesen sind.

Mehrwert durch Kompetenzbeurteilung im Bereich der Weiterbildung von Häftlingen

Die PIAAC-Studie unter Häftlingen in den USA, die derzeit einzige verfügbare relevante Studie zu diesem Thema, bestätigt die Vermutung, dass Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen unter Inhaftierten schwächer ausgeprägt sind als im allgemeinen Bevölkerungsdurchschnitt. Dieses Ergebnis unterstützt zudem den zuvor aufgeführten Appell, dem dringenden Bedarf an mehr Lernangeboten und der Kompetenzbeurteilung in Haftanstalten nachzukommen.

Die 1989 ausgesprochenen Empfehlungen des Europarates zur Bildung im Strafvollzug wiesen auf die hohe Bedeutung eines breiten Lernangebots in Haftanstalten hin und hoben insbesondere den Bereich der Lese- und Schreibfähigkeiten hervor. Bildungsangebote im Gefängnis sollten gemäß diesen Empfehlungen auf die gesamte Persönlichkeitsentwicklung ausgerichtet sein und den sozialen, ökonomischen sowie kulturellen Kontext berücksichtigen. Die Kompetenzbeurteilung ist ein leistungsstarkes Instrument, auf dessen Grundlage höchst effektive und maßgeschneiderte Programme für Häftlinge realisiert werden können.

Gemäß GHK-Bericht zur Aus- und Weiterbildung in europäischen Haftanstalten, der 2013 für die Europäische Kommission erstellt wurde, können lediglich 3-5 % der Gefangenen in den Mitgliedsstaaten der EU-27 eine Qualifikation für weiterführenden Bildungswege vorweisen. Zudem ist die Zahl der Schulabbrecher/innen unter Häftlingen in vielen Ländern sehr hoch. Dies schränkt massiv die Perspektiven ein, die sich für die persönliche und berufliche Weiterentwicklung dieser Menschen nach ihrer Freilassung bieten. Mit der Vermittlung von Grundkompetenzen (Lesen, Schreiben, Rechnen) und beruflichen Weiterbildungsprogrammen kann diesen Herausforderungen effektiv begegnet werden. Die bereitgestellten Lernangebote sollten allerdings den individuellen Bedürfnissen gerecht werden und die persönlichen Zielsetzungen der Häftlinge berücksichtigen, wie die Europäischen Gefängnisregeln hervorheben:

„Jede Justizvollzugsanstalt soll allen Gefangenen Zugang zu möglichst umfassenden Bildungsprogrammen gewähren, die ihren individuellen Bedürfnissen entsprechen und gleichzeitig ihren Ambitionen Rechnung tragen.“

Damit wird deutlich, dass die Beurteilung von Kompetenzen und Bedürfnissen vor der Bereitstellung von Lernangeboten in Haftanstalten nicht als mögliche Option, sondern als zwingende Notwendigkeit anzusehen sind.

Zukunftsplanung

Europaweit werden unterschiedliche Initiativen zur Entwicklung von Kompetenzbeurteilungsstrategien in Haftanstalten verfolgt. Derzeit zeichnet sich jedoch noch ein sehr uneinheitliches Bild und es fehlt ein gemeinschaftlicher Ansatz, der auf einem gemeinsamen Verständnis begründet ist. Laut GHK-Bericht zur Aus- und Weiterbildung in europäischen Haftanstalten haben Länder wie Spanien und Irland bereits standardisierte Beurteilungsverfahren und diesbezügliche individuelle Programme entwickelt. Der Bericht stellt jedoch auch fest, dass die Zahl der an Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmenden Häftlinge in den meisten Ländern nach wie vor niedrig ist. Dies könnte auf unterschiedliche Faktoren zurückzuführen sein. So sind die Angebote möglicherweise nicht auf die Interessen der Inhaftierten abgestimmt, was einmal mehr die Notwendigkeit einer Beurteilung von Kompetenzen und Bedürfnissen unter den Häftlingen unterstreicht.

EU-Programme unterstützen eine Reihe von Schulungs- und Weiterbildungsangeboten in Haftanstalten. Zudem werden zahlreiche neue Initiativen zur Förderung von Zusammenarbeit und Erfahrungs- bzw. Wissensaustausch verfolgt. Beispielhaft für die vielen innovativen Projekte für verbesserte Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen und eine effektive Kompetenzbeurteilung in Gefängnissen sollen hier Folgende genannt werden:

  • Foriner – Dieses Projekt verfolgt das Ziel, ausländischen Häftlingen aus EU-Mitgliedsstaaten in Haftanstalten der EU den Zugang zu qualitativen, niederschwelligen und zertifizierten Lernangeboten zu ermöglichen.
  • Die partnerschaftliche Grundtvig-Bildungsinitiative Accreditation of Prior (Experiential) Learning in the Prison Environment (Akkreditierung von (experimentellen) Vorkenntnissen in Haftanstalten) richtete ihren Fokus auf die Identifizierung der Hindernisse bei der Entwicklung von Akkreditierungsmechanismen für Vorkenntnisse und experimentelle Lernerfahrungen im Gefängnis.
  • Skills4freedom – Schwerpunkt dieses Projekts ist die Entwicklung transversaler Kompetenzen.
  • SkillHUBS – Dieses Projekt verfolgt die Entwicklung eines transnationalen Beratungs- und Schulungsmodells für Häftlinge mit speziellem Fokus auf Kompetenzbeurteilung und Bedarfsanalysen.

Bei der Beurteilung von Kompetenzen und Bedürfnissen steht die bzw. der Einzelne im Mittelpunkt der Betrachtung, so dass das Potenzial von Bildungsinitiativen für bessere Zukunftsperspektiven bestmöglich ausgeschöpft werden kann. Steven Tyrell – Gewinner des „Festival of Learning 2017“-Preises und ehemaliger britischer Häftling – beschrieb seine Lernerfahrung in der Haftanstalt wie folgt:

„Ich habe viel gelernt und mein Leben und die Erwartungen, die ich an mein Leben gestellt hatte, völlig neu bewertet.“


Georgios Karaiskos ist Projektassistent beim Europäischen Verband für Erwachsenenbildung (EAEA). Er hat ein Studium in Philosophie und Pädagogik an der Aristoteles-Universität Thessaloniki, Griechenland, sowie einen Masterstudiengang in Erwachsenenbildung an der Universität von Glasgow absolviert. Als diplomierter Lehrer verfolgt er mit großem Interesse Inklusionsprogramme im Rahmen von Bildungsmaßnahmen und ist vom transformativen Potenzial von Lernprogrammen für bessere Zukunftsperspektiven überzeugt.

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