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Die zuverlässige Messung der Lese- und Schreibkompetenzen ist problematisch

Wirksame Strategien zur Verbesserung der Lese- und Schreibkompetenzen von Erwachsenen müssen auf einer soliden Wissensbasis beruhen. Das Zusammentragen präziser und robuster Daten bringt nicht nur ein Mehr an Verantwortlichkeit. Was soll man von politischen Maßnahmen halten, die auf bloßen Vermutungen beruhen? Diese Frage stellt Aaron Rajania.

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Wirksame Strategien zur Verbesserung der Lese- und Schreibkompetenzen von Erwachsenen müssen auf einer soliden Wissensbasis beruhen. Das Zusammentragen präziser und robuster Daten bringt nicht nur ein Mehr an Verantwortlichkeit, es liefert auch entscheidende Vorgaben für zukünftige Politikentscheidungen. Dies wurde auch von führenden EU-Politikern erkannt. So fordert zum Beispiel der Aktionsplan Erwachsenenbildung der Europäischen Kommission die Mitgliedstaaten auf, die Überwachung des Sektors Erwachsenenbildung zu verbessern. Und die später veröffentlichte Entschließung des Rates über eine erneuerte europäische Agenda für Erwachsenenbildung hat den Strategierahmen ET 2020 durch strategische Ziele ergänzt, welche die Wissensbasis über die Erwachsenenbildung und die Überwachung des Erwachsenenbildungssektors als eine spezifische Priorität für den Sektor Erwachsenenbildung verbessern sollen.

Allerdings geben die Probleme, die bei der Erarbeitung einer soliden Wissensbasis für die Bewertung von Grad und Umfang der Lese- und Schreibkompetenzen auftreten, einen ersten Eindruck davon, wie schwierig Bewertungen und Überwachung in der Erwachsenenbildung sind. Wie der vor kurzem veröffentlichte Second Global Report on Adult Learning and Education (zweiter Weltbericht zur Erwachsenenbildung) der UNESCO deutlich gemacht hat, beruhen die Angaben zu Lese- und Schreibkompetenzen im Großen und Ganzen auf grob vereinfachenden und unzuverlässigen Daten und Methoden. Der Bericht stellt weiter fest, dass die Daten von 105 Ländern weltweit sich auf eine einzige Frage in Volkszählungen und/oder Haushaltsumfragen stützen. Diese Frage lautet in der Regel einfach: „Können Sie lesen und schreiben?“ Die Antworten auf diese Frage hängen daher davon ab, was die Befragten unter „Lesen“ und „Schreiben“ versteht und spiegeln nicht die Unterschiede bei den Personen wider, die die Antworten melden.

Inzwischen gibt es jedoch eine Reihe internationaler Umfragen mit dem Ziel, umfassendere Indikatoren und Möglichkeiten für Ländervergleiche zu entwickeln. Dazu zählen folgende:

  • die Umfrage zu den Lese- und Schreibkompetenzen von Erwachsenen und zu den Lebenskompetenzen (Adult Literacy and Life-skills Survey – ALL)
  • die Internationale Umfrage zur Alphabetisierung (International Adult Literacy Survey – IALS)
  • das OECD-Programm für die internationale Bewertung der Kompetenzen von Erwachsenen (International Assessment of Adult Competencies – PIAAC)
  • das Programm LAMP (Literacy Assessment and Monitoring Programme) zur Bewertung und Überwachung der Alphabetisierung des UNESCO-Instituts für Statistik sowie die RAMAA-Initiativen (Action research on measuring literacy programme participants’ learning outcomes – Aktionsforschungen zur Messung der Lernergebnisse von Teilnehmern an Alphabetisierungsprogrammen). In Letzteren soll untersucht werden, wie sich die unterschiedlichen Programme zur Alphabetisierung auf die Nutznießer dieser Programme auswirken und wie effizient sie sind.

Diese Art von Umfragen macht nicht nur deutlich, welche Lücken bei Erwachsenen in der „funktionalen Alphabetisierung“ (functional literacy) bestehen, sie stellen auch eine sinnvolle Überprüfung der Vermittlung von Lese- und Schreibkompetenzen in einem Land dar. Für EU-Länder bieten diese Umfragen die Chance, die Ergebnisse für ihre Politik zu nutzen – etwas, was jedes Land allein nicht unbedingt leisten kann. Daher sollte die Zusammenarbeit in der EU mit finanzieller Unterstützung durch EU-Programme in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Verbesserung von evidenzbasierten Politikansätzen für die Beseitigung von Alphabetisierungslücken spielen. Diese internationale Unterstützung allein genügt jedoch nicht. Die Zunahme direkter Tests auf nationaler Ebene ist zwar ein Fortschritt, allerdings sind solche Ansätze in technischer und finanzieller Hinsicht sehr viel anspruchsvoller.

Und genau das ist auch das Dilemma, auf das nationale Regierungen stets hinweisen – wenn sie genügend Mittel für die Erhebung zuverlässiger Daten reservieren, wird sich dies auf die Mittel auswirken, die insgesamt für die Programme zur Verfügung stehen. Das ist natürlich ein Problem. Auf lange Sicht müssen die Regierungen jedoch in die Messung der Alphabetisierung investieren und genügend finanzielle und professionelle Ressourcen für eine zuverlässige Bewertung und Überprüfung der Lese- und Schreibkompetenzen bereitstellen. Eine solche Investition ist unerlässlich, wenn man informierte politische Entscheidungen auf allen Ebenen treffen will. Man muss sich auch vor Augen halten, dass die Wissensbasis eine Vielzahl von Formen annehmen kann, und quantitative Umfragen und Testinstrumente sind nicht die einzigen Optionen. Um zu verstehen, auf welche Art und Weise die Alphabetisierung weiterentwickelt, gefördert und genutzt werden kann, kann man eine breite Palette von zusätzlichen Nachweisen nutzen. Dazu zählen Ethnographie, Aktionsforschungsstudien und kostengünstigere Umfragen zur Selbstauskunft.

Nicht zuletzt möchte ich an dieser Stelle die Leser auffordern, mitzuteilen, was sie über folgende Fragen denken: Wie wirken sich diese Umfragen, Tests und Forschungsarbeiten auf die Entwicklung der Alphabetisierungspolitik für Erwachsene in Ihrem Land aus und welchen praktischen Nutzen sie? Können internationale Umfragen wie PIACC den „Policy-Shock” bewirken, der notwendig ist, um Veränderungen in der Politik auszulösen und den Alphabetisierungsgrad in Ihrem Land zu verbessern? Kann jemand Beispiele für solche Fälle liefern?

Aaron Rajania ist Senior Research Consultant bei Ecorys UK mit Schwerpunkt auf Bildung und Beschäftigungspolitik und Forschung. Zu den besonderen Forschungsbereichen des Unternehmens zählen Schulungssysteme für Lehrer, Lernwege, Qualitätssicherungsrahmen und die Entwicklung von Kompetenzen am Arbeitsplatz. Er hat in einer Reihe von Ländern gelebt und gearbeitet, darunter Belgien, Deutschland, Ungarn und das Vereinigte Königreich.

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