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Urteil: Lesen – Literalität in Gefängnissen in England und Wales

Dieses Jahr war der Weltalphabetisierungstag 2015 besonders symbolisch, da er zu einem speziellen Zeitpunkt stattfand – eine Woche nachdem die Beschränkungen bezüglich des Zugangs zu Büchern in Gefängnissen aufgehoben wurden. Diese umstrittene Regel hatte es Familienmitgliedern von Häftlingen verboten, Bücher ins Gefängnis zu schicken, und somit für öffentlichen Aufruhr gesorgt. Dieser endete mit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zugunsten der Häftlinge. Aber es sieht gut aus.

 

Autor: Rod Clark

Dieses Jahr war der Weltalphabetisierungstag 2015 besonders symbolisch, da er zu einem speziellen Zeitpunkt stattfand – eine Woche nachdem die Beschränkungen bezüglich des Zugangs zu Büchern in Gefängnissen aufgehoben wurden. Diese umstrittene Regel hatte es Familienmitgliedern von Häftlingen verboten, Bücher ins Gefängnis zu schicken, und somit für öffentlichen Aufruhr gesorgt. Dieser endete mit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zugunsten der Häftlinge. Aber es sieht gut aus. Im Juli sagte Justizminister Michael Gove, dass Bildung im Gefängnis eine Priorität sein müsse, und betonte, dass vor allem Literalität besonders wichtig sei, um Häftlingen die Möglichkeit zu geben, „zur Gesellschaft beizutragen, statt ein Problem darzustellen“.

Es scheint überraschend, dass die Nachfrage nach Lesematerial im Gefängnis so hoch ist. Natürlich gibt es einige Häftlinge, die nicht lesen wollen, nicht lesen können oder unsicher sind, was ihre Lesekenntnisse betrifft. Gefängnisse sind ein Mikrokosmos der Gesellschaft; verschiedenste kulturelle Hintergründe und Fähigkeiten sind hier vertreten. Obwohl laut Justizministerium 47% keine formale Qualifikation haben, gibt es aktuell leider keine verlässlichen Statistiken, mit denen wir das Literalitätsniveau in Gefängnissen hundertprozentig verstehen können.

Unsere Hilfsorganisation Prisoners’ Education Trust (PET) hat schon lange mehr Statistiken angefordert, und zwar mit neuen Methoden, um das Niveau der Literalität und Rechenfähigkeit aller Häftlinge zu bewerten; wir hoffen, dass uns diesbezüglich schon bald ein realistisches Bild vermittelt wird. Diese „allgemein gültigen Bewertungen“ sollen uns in Zukunft einen Hinweis auf das Fähigkeitsniveau der Häftlinge geben, und dadurch geeignete Maßnahmen für alle Lernenden gewährleisten. Obwohl sich Bildungsanbieter für Gefängnisse zu Recht auf funktionale Schriftsprachbeherrschung und rechnerische Fähigkeiten konzentrieren, sollten jedoch auch Kurse angeboten werden, die es den Häftlingen ermöglichen, weiter zu kommen. Bis es soweit ist, füllen wir diese Lücke. PET unterstützt pro Jahr etwa 2.000 Häftlinge in England und Wales, die an einem breiten Angebot an Kursen teilnehmen können, und somit Fächer studieren und Niveaus erreichen, die für sie sonst nicht möglich wären. Der Fernunterricht, den wir finanzieren, umfasst das GCSE (den mittleren Schulabschluss), sowie A-levels und das BTEC (den höchsten Schulabschluss bzw. das Abitur), doch auch Diplome und Vorbereitungsmodule der Open University. Auf diese Weise reduziert unsere Arbeit das Risiko erneuter Straffälligkeit.

Literalität ist der Fokus vieler unserer Kurse. Unsere Lernenden entwickeln ihr Vokabular und ihre Fähigkeit, kritisch zu denken; sie lernen zu lesen, zu reflektieren, Texte zu analysieren, Fragen zu interpretieren und Aufgaben zu bearbeiten. Des Weiteren lernen sie, schriftliche Arbeiten richtig zu strukturieren und unterschiedliche Leser anzusprechen. Wir finanzieren auch Kurse in den Bereichen Kreatives Schreiben, Journalismus und Englische Literatur.

Es gibt viele Organisationen und Einzelpersonen, die Unterstützung für Häftlinge leisten. Bei unseren PET Besuchen in Gefängnissen im ganzen Land treffen wir auf Bibliothekare, Ausbilder und Häftlingsberater, die mit Freiwilligen der örtlichen Gemeinden und mit Hilfsorganisationen zusammenarbeiten, um die Literalität der Bevölkerung zu verbessern. Viele Gefängnisbüchereien sind wahre Zentren des Lernens, die verschiedenste Möglichkeiten bieten – zum Beispiel die Hilfsorganisation „Storybook Dads“, wo Häftlinge beim Lesen einer Gute-Nacht-Geschichte für ihr Kind aufgenommen werden, oder das Projekt „Prison Reading Groups“, wo Bücher, Kurzgeschichten und Poesie in einem Lesekreis gemeinsam gelesen und diskutiert werden.

Freiwillige Organisationen bieten Unterstützung auf jeder Ebene – für Menschen, die erst anfangen zu lesen, für diejenigen, die Schwierigkeiten haben beim Lesen voranzukommen, sowie für Menschen mit Dyslexie, die mehr als den formalen Unterricht brauchen. Ich habe viele Männer und Frauen im Gefängnis kennen gelernt, die ihre Zeit damit verbringen, anderen zu helfen, indem sie ihnen beibringen zu lesen, und zwar durch die Hilfsorganisation „Shannon Trust’s Reading Programme“. Wenn Menschen einmal begonnen haben zu lernen, wollen sie weitermachen, und dabei hilft das Projekt „Reading Ahead“ der Organisation „The Reading Agency“. Diese verspricht den Lesern Belohnungen, wenn sie sechs Bücher fertig gelesen haben. Die Hilfsorganisation „Quick Reads“ bietet Lesematerial für Erwachsene von Bestsellerautoren, allerdings in kürzeren, zugänglicheren Formaten die bei aufstrebenden Lesern sehr beliebt sind. Diese Projekte bieten entscheidende Möglichkeiten, die neuentdeckten Lesefähigkeiten dieser Menschen zu nutzen und ihre Liebe für das Lesen zu fördern.

Wenn Menschen eingesperrt sind, kann Lesen ihren Geist anregen und ihnen dabei helfen, sich eine bessere Zukunft auszumalen, mit anderen mitzufühlen, und nach einer Welt voller Hoffnung und Möglichkeiten zu streben.

Zum Schluss gebe ich Ihnen ein Zitat von einem der vielen Menschen mit, denen wir geholfen haben. Erwin James, heute ein Kolumnist beim Guardian, sagt: „Als ich ins Gefängnis ging, erwartete ich nicht, dass mir etwas Gutes passieren würde, ich war ungebildet und unartikuliert. Zum Glück gab es eine Bücherei im Wandsworth Gefängnis. Durchs Lesen begann ich, zu denken und zu lernen. Ich bin inzwischen seit 10 Jahren wieder frei. Ohne Bücher hätte ich es nicht geschafft, zu der Person zu werden, die ich sein wollte.“

Rod Clark ist Prisoners Education Trust im Februar 2013 beigetreten. Er hatte eine lange Karriere im Bereich Sozialpolitik im öffentlichen Dienst hinter sich. Ein großer Teil seiner frühen Karriere fand im Bereich der sozialen Sicherheit statt, einschließlich politischer, strategischer und planender Arbeit, sowie operativem Management; zusätzlich war er eine Zeit lang Kabinettchef des Right Honourable Alistair Darling MP, dem Minister für soziale Sicherheit. Er war im Vorstand des Ministeriums für Verfassungsfragen als Generaldirektor für Strategie, als das National Offender Management Service fusionierte um das Justizministerium zu gründen. Des Weiteren war er Vorstandsvorsitzender der internen Ausbildungseinrichtung des öffentlichen Dienstes, der National School of Government.

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