Welche Fortschritte wurden im Rahmen des europäischen Programms „Medienkompetenz für alle“ zwischen 2016 und 2021 erzielt?
Die Expertengruppe für Medienkompetenz (engl. ‚Media Literacy Education', kurz: MLE) der Europäischen Union kam am 26. März 2021 nach einer mehr als einjährigen Unterbrechung durch die COVID-19-Krise erneut zusammen. Dies ist für Savoir*Devenir eine gute Gelegenheit, eine Bilanz der fünf Jahre des 2016 gestarteten Programms „Medienkompetenz für alle“ (Media Literacy For All), zu ziehen, das 2021 auslaufen wird. (https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/news/2018-2019-call-propos...).
I. MLE, ein Programm mit 18 Projekten und genau so vielen Visionen
Die 18 Projekte, die im Rahmen des Aufrufs von GD-Connect (aus insgesamt 94 Bewerbungen) ausgewählt wurden, sind dahingehend mit Erasmus+ vergleichbar, dass sie auf Sensibilisierungs- und Schulungsmaßnahmen für Jugendliche und Erwachsene abzielen, alle Arten von Akteuren ansprechen und mehrere Partnerländer erfordern, aber sie sind kürzer, mit einer Dauer von nur einem Jahr, und fördern die Nutzung vorhandener Ressourcen oder Innovationen. Das Projekt YouCheck! zum Beispiel basiert auf der Browsererweiterung InVID-WeVerify zur Bild- und Videoverifizierung, die von Forscher*innen im Rahmen des H2020-Projekts InVID für Journalist*innen entwickelt und an die Bedürfnisse anderer Fachleute, insbesondere von Dozent*innen, Lehrer*innen und Ausbilder*innen, angepasst wurde (project-youcheck.com).
Diese Projekte sind als „sinnvolle“ Praktiken zu verstehen, ein Begriff, der dem Ausdruck „gute“ Praktiken vorzuziehen ist, denn es geht nicht darum, Punkte zu vergeben, sondern die Auswirkungen und die Möglichkeit der Übertragung der durchgeführten Maßnahmen zu bewerten. Es ist daher möglich, sie auf der Grundlage der Theorie der Medien- und Informationskompetenz (MLE) zu bewerten, d.h. ein Gleichgewicht zwischen pädagogischen Praktiken und öffentlichen Maßnahmen, zwischen Schutz und Teilhabe der Bürger*innen, das auf den unteilbaren Menschenrechten basiert (insbesondere Meinungsfreiheit, Privatsphäre, Teilhabe und Bildung).
Im Großen und Ganzen entsprechen die Projekte dem ausdrücklichen Wunsch der EU nach einem demokratischen Aufruf zur Bekämpfung von Fehlinformationen (FakeNews, Verschwörungstheorien, Propaganda, Hassreden...), verbunden mit dem Wunsch, kritische Medienkompetenz zu fördern. Es ist interessant festzustellen, dass einige Projekte mehr auf Kreativität als auf direkte Appelle an die Bürgerschaft setzen. Die meisten Projekte setzen auf Digitales und nutzen Daten zur Verarbeitung von Medien. Viele arbeiten in einem hybriden Modus, d.h. mit Online-Ressourcen und -Schulungen, aber auch mit Seminaren, Workshops und Ausstellungen in Präsenzform. Viele stellen die Ergebnisse sowohl in traditionellen Formaten (Handbücher, Leitfäden, Ressourcenseiten) als auch in innovativen Formaten vor (Toolkits, Apps, Serious Games, Datenvisualisierungen, Deepfakes-Erkennung, Social-Media-Kampagnen).
II. Entstauben der Medienkompetenz, beschleunigt durch die „Desinfodemie"
Die vorgeschlagenen Projekte zeigen eine erfolgreiche geografische Streuung, mit Projektträgern aus 11 EU-Mitgliedsstaaten, wobei alle 27 Länder an mindestens einem Projekt beteiligt sind, die Bandbreite reicht von 3 bis 8 Ländern pro Projekt. Sprachlich wurde eine große Vielfalt erreicht, mit 4 bis 8 Sprachen pro Projekt. Die Themen reichen von der Umsetzung von Kompetenzen zum kritischen Umgang mit Information über den Aufbau der Fähigkeit von Bürger*innen, Desinformation zu erkennen, bis hin zur Unterstützung von Fact-Checking-Aktivitäten. Die Zielgruppen dieser Projekte sind vor allem Jugendliche (12-18 Jahre) und Ausbilder*innen, aber auch Senior*innen, Migrant*innen und Influencer, nicht zu vergessen Journalist*innen, die trotz ihres Berufes als MLE-Muffel gelten.
Was die Auswirkungen betrifft, so haben die Projekte laut DG-Connect zur Bildung innovativer Partnerschaften mit Akteuren aus den Bereichen Verein, Bildung, Wissenschaft, Massenmedien und soziale Medien beigetragen. Gezeigt wurden alle Arten von aktiver Pädagogik, um Kompetenzen zur Faktenüberprüfung aufzubauen und Argumentationen zu produzieren, mit denen Desinformation bekämpft wird.
Im weiteren Sinne haben diese Projekte laut Savoir*Devenir dazu beigetragen, MLE zu modernisieren und den gesellschaftlichen Nutzen der Erziehung zur Medienkompetenz zu demonstrieren. Sie wurden zum einen durch die Notwendigkeit beflügelt, das demokratische Risiko für die Informationsintegrität durch Desinformation und FakeNews nach den US-Präsidentschaftswahlen und dem Brexit-Referendum anzugehen. Und ab 2020 mussten sie sich dann an die mit Eindämmungsphase und die Desinfodemie rund um Covid-19 anpassen und wurden oft zu hybriden oder vollständig online durchgeführten Projekten.
Diese Projekte sind Teil von Transliteracy, d.h. einem theoretischen und praktischen MLE-Ansatz, der die Kombination der drei Informationskulturen hervorhebt: Information als Nachricht, als Dokument und als Daten. Über den Fokus auf alle Aspekte der Desinformation und deren Bekämpfung hinaus, öffnen sie den Weg zu einer breiten Themenpalette mit neuen und übertragbaren Methoden. Viele von ihnen haben neben dem kritischen auch das kreative Denken gefördert, darunter auch solche, die sich auf die visuelle Kompetenz konzentriert haben, wie Youcheck! Das Projekt wird von YouVerify! auf die Jahre 2021-22 verlängert, um einen Massive Open Online Course (MOOC) zum Thema „Desinformation von A bis Z” und ein Serious Game mit Aufgaben zur visuellen Kompetenz anzubieten, die so wichtig ist, um sich auf Nachrichtenseiten, Video-Streaming-Plattformen, sozialen Medien und auf allen Arten von Bildschirmen zurechtzufinden.
Die Grenzen dieser Projekte liegen darin, dass sie sich vor allem auf demokratische Risiken konzentrieren, zum möglichen Nachteil einer hoffnungsvolleren Vision von MLE, die in der Lage wäre, digitale Chancen zu nutzen, um Teil von kulturellen Aktionen zu werden. Sie weisen auch auf die Schwäche der unabhängigen Bewertung durch Dritte hin, die ähnlich sinnvoll ist wie die bisherigen Praktiken in vielen europäischen Programmen und Projekten, eine Schwäche, die zweifelsohne den Übergang auf eine nationale oder sogar transnationale europäische Ebene behindert. Sie weisen darauf hin, dass versucht werden sollte, mehr Forscher*innen und Akademiker*innen in die Partnerschaften einzubeziehen, damit die Evaluierung schon bei der Konzeption des Projekts mitgedacht werden kann.
III. Die Zukunft: Chancen für Erwachsenenbildung und Projektbeteiligung
Diese Einschränkungen können durch die öffentliche Politik in diesem neuen Jahrzehnt gemildert werden, was für MLE günstig ist, da die finanzielle Förderung stabiler sein wird. Die Finanzierung wird vom Programm „CREATIVE EUROPE” (2021-2027) übernommen und fällt daher unter die Kultur- und Kreativbranche (einschließlich Spiele, KI, Virtual Reality...). Projekte können länger dauern (nicht nur ein Jahr) und ein größeres Budget und Partnerschaften umfassen. Dies ist eine weitere Möglichkeit, den politischen Entscheidungsträgern die Vorteile von MLE zu präsentieren, einschließlich möglicher kultureller und wirtschaftlicher Nebeneffekte.
Für EPALE-Mitglieder, die daran interessiert sind, Projekte einzureichen, insbesondere zum Bereich Erwachsenenbildung, können ab 2021 neben Creative Europe mehrere Linien verfolgt werden. Zwei weitere Programme sind für MLE-Themen relevant, und zwar Digitales Europa und Horizont Europa, mit entsprechenden Möglichkeiten für diejenigen, die sich für Medienkompetenz interessieren.
Drei europäische Programme, die MLE fördern können
Digital Europe hat mehrere kulturelle Zielsetzungen, insbesondere in Bezug auf Kulturerbe und Kunst. Es beinhaltet Safer Internet und Data Spaces Media, die zu MLE-Drittorten werden könnten, an denen Praktiker*innen und Dozent*innen in Zusammenarbeit mit Journalist*innen tätig werden könnten. Dazu gehört auch EDMO, die Europäische Beobachtungsstelle für digitale Medien, die nationale oder regionale Hubs betreut.(https://edmo.eu/2021/02/23/media-and-information-literacy-our-next-steps/)
Horizont Europa konzentriert sich auf Forschung und stellt insbesondere zwei Cluster vor, in denen MLE Platz hat. Cluster 2 befasst sich mit Inklusion und der Nutzung von Medien für die Demokratie, einschließlich der Rolle von Wahrnehmungen, Emotionen und Traditionen. Cluster 4 konzentriert sich auf FakeNews und Desinformation, die Rolle von KI und neuen Informationstechnologien, Gender- und Zugehörigkeitsfragen sowie die Steigerung des Vertrauens in Informationen. SHAPE \* MERGEFORMAT
Darüber hinaus sollten wir die sektorübergreifende Dimension der EU und die Verbindungen zwischen DG-Connect und DG-EAC nicht vergessen, an die EPALE im Rahmen von ERASMUS+ berichtet. Die Kommission hat gerade eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die „gemeinsame Leitlinien für Lehrer und Ausbilder zur Förderung der digitalen Kompetenz und zur Bekämpfung von Desinformation” definieren soll. Savoir*Devenir ist Teil davon und wird immer wieder daran erinnern, dass die digitale Kultur zu einem großen Teil aus den drei Kulturen der Information (Medien, Dokumente und Daten) besteht. Fortsetzung folgt!