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Ausbildung in Strafvollzugsanstalten: „Hard Cell“ – Teil Eins

11/12/2018
by James King
Sprache: DE
Document available also in: EN FR ES PL

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A ladder leans against a stack of books
Lesedauer circa 7 Minuten

Der Scottish Prison Service (SPS) führte 2016 seine neue Learning and Skills Strategy [EN] ein, in der eine klare Vision dargelegt ist, die sicherstellen soll, dass „alle Häftlinge in unserer Obhut die Möglichkeit haben, sich an kreativen und flexiblen Lernaktivitäten zu beteiligen, die Potenzial erschließen, Anstöße für Veränderungen geben und individuelle Stärken fördern.“

Diese Methodik basiert im Wesentlichen auf einem geisteswissenschaftlichen Bildungsansatz, bei dem eine Reihe von kreativen Aktivitäten geboten wird und bei dem die Lernaktivitäten so weit wie möglich auf die Bedürfnisse des Einzelnen aufbauen.

Obwohl Lese- und Schreibfähigkeiten und Rechenkenntnisse natürlich wichtig sind, um zu kommunizieren, begreifen und die Arbeitswelt zu verstehen, wurden sie oft mittels traditioneller und veralteter Frontalunterrichtsmethoden gelehrt. Für einen Lernansatz der eher „sozialen Praktik“ haben wir unser Palette an projektorientierten Lernaktivitäten, auch „gemischtes Lernen“ genannt, erweitert.

Projektorientierte oder „gemischte“ Lernaktivitäten

Der traditionellen Bildung gelingt es größtenteils nicht, spannende Themen bereitzustellen, die das Interesse der Lernenden wecken und ihre Einbeziehung fördern. Hier in Schottland haben wir gemeinsam mit unserem zentralen Bildungsanbieter Fife College über mehrere Jahre hinweg unsere Bereitstellungsmethoden unter Verwendung von projektorientierten oder „gemischten“ Lernaktivitäten verbessert und verfeinert.

Diese Methode der Bildungsintervention nutzt eine Reihe aktueller oder historischer Themen, da es ihr Hauptanliegen ist, (oftmals kontroverse) Kernfragen zu untersuchen, die kritisches und laterales Denken fördern und häufig die Selbstreflexion unterstützen. Zu diesen Themen gehören nationale Sportereignisse, aktuelles Geschehen und umstrittene Fragen, die sich bei der Einbeziehung, Motivation und dem Unterrichten von Lernenden als besonders wirksam erwiesen haben und oft teils langgehegte Ansichten infrage stellen.

Der weitreichende Reiz, der von aktuellen Themen ausgeht, ermöglicht zudem eine Reihe von Aktivitäten, die dem individuellen Niveau aller Lernenden angepasst werden können und oft zu verbundenen kreativen Schreib-, Dicht- und Kunstaktivitäten anregen. Folglich kann auch ein breites Spektrum von Akkreditierungen in die Aktivitäten einbezogen oder mit Blick auf diese entwickelt werden, um Akkreditierungen bereitzustellen oder zu umfassenderen Lernprogrammen beizutragen.

Bei diesen Projekten wurden häufig „externe“ Beiträge von Partnern wie dem Black Watch Museum für unser Projekt zum ersten Weltkrieg, dem Holocaust Memorial Trust für unser Projekt zum zweiten Weltkrieg sowie verschiedene politische Vertreter auf beiden Seiten unserer Debatte zum Brexit-Referendum einbezogen. Die Projekte unterstützten zudem verschiedene wohltätige Zwecke und Beiträge für Städte, die sich als Kulturstadt bewerben.

Partnerschaftsprogramme

Wir haben außerdem breiter angelegte Partnerschaftsprogramme erstellt und gepflegt, die eine Tiefe und einen Reichtum an Lehrplänen bieten, die Häftlingen in Strafvollzugsanstalten sonst nicht zur Verfügung gestanden hätten. Unser Projekt „Cell Block Science“ zum Beispiel, das vom Wellcome Trust der Universität St. Andrews finanziert wird, stellt Häftlingen und ihren Familien in sechs schottischen Strafvollzugsanstalten innovative Themen in den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik bereit. 

Das Programm umfasst außerdem wichtige Beiträge der Universitäten Aberdeen, Edinburgh und Strathclyde. Jüngst gewann dieses innovative Programm den nationalen Partnership Award der schottischen Zeitschrift The Herald [EN] für den Nachweis einer „transformativen Wirkung“ im Bereich Bildung und Zusammenarbeit.

In ähnlicher Weise hat unsere Astrobiologie-Initiative in Partnerschaft mit der Universität Edinburgh ausgezeichnete Arbeit geleistet, die sogar zur Veröffentlichung eines Buches durch unseren führenden Partner und die British Interplanetary Society geführt hat. Es trägt den Titel „Life Beyond: From Prison to Mars“ und beleuchtet die Arbeit schottischer Häftlinge bei der Konstruktion einer Raumstation auf dem Mars.  Das Programm wirbt für die Vorteile der wissenschaftlichen Forschung, Zusammenarbeit, Demokratie, Bürgerschaft und Förderung von Mitgefühl.

Derzeit sind unsere Häftlinge in einer unserer Einrichtungen damit beschäftigt, das Wachstum von Pflanzennahrung zu beobachten, das in Basaltgestein verwurzelt ist, um die Bedingungen auf dem Mars wiederzugeben. Es handelt sich hier um wirklichkeitsnahe wissenschaftliche Untersuchungen, die in die zukünftige Arbeit der Universität und anderer Partner, die an innovativer Arbeit beteiligt sind, einfließen werden.

Unsere Partnerschaft mit weiteren Fachbereichen der Universitäten Edinburgh und Glasgow hat zur Einführung und Ausweitung von Philosophieprojekten in einer Reihe schottischer Strafvollzugsanstalten geführt.

Diese Projekte erkunden die der „guten Gesellschaft“ zugrundeliegenden Prinzipien, indem sie ihre Basis aus Epistemologie, Ethik, Selbstreflexion und kritischem Denken untersuchen. Mittels strukturierter Leseprogramme und Unterstützung durch Studierende an der Universität Napier haben diese Partnerschaften auch die Unterstützung von Lernenden auf höheren Ebenen gefördert.

Erfolge und Herausforderungen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Breite an Innovationen und kreativer gemeinschaftlicher Arbeit das Interesse und die Einbeziehung fördert und dafür sorgt, dass wir uns jenseits der eher abhelfenden, veralteten und nur begrenzt erfolgreichen Lehrmethoden bewegen können. Unsere Erfahrung zeigt uns, dass Sie Erwachsenen, insbesondere solchen, die unzufrieden sind oder längere Zeit nicht an Bildungsmaßnahmen teilgenommen haben, attraktive und ansprechende Aktivitäten bieten müssen, um sie in Lernmaßnahmen einzubeziehen. Diese Aktivitäten sollten die Lernenden dazu anregen, neue Fähigkeiten zu entwickeln, und gleichzeitig durch kritische liberale Lernansätze ihr Denken herausfordern.

Obwohl wir uns – genau wie viele andere Rechtssysteme – noch immer Herausforderungen in Bezug auf Einbeziehung, Kultur und die schiere Zahl der in Strafvollzugsanstalten untergebrachten Straftäter gegenübersehen, sind wir zuversichtlich, dass unser Ansatz Ergebnisse bringt und im Einklang mit dem jüngst verzeichneten Rückgang der Häftlingspopulation und der auf einen historischen Tiefststand gesunkenen Kriminalität in Schottland steht. Wir sehen solche Entwicklungen jedoch nicht als selbstverständlich an und werden weiterhin verschiedene Partner und Kunstorganisationen hinzuziehen, um Programme und Interventionen zu entwickeln, die auch in Zukunft Anstöße für Veränderungen geben und Leben verändern.


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A photo of James King
Zum Autor:

Jim King stieß 2002 mit einem Hintergrund in gemeindebasierter Erwachsenenbildung zum Scottish Prison Service (SPS). Zu seinen Aufgaben zählte die Verwaltung eines nationalen Projekts der schottischen Regierung zur Untersuchung des Ausmaßes der Lese-, Schreib- und Rechenschwierigkeiten in schottischen Strafvollzugsanstalten.

 2011 übernahm Jim die Stelle des Head of Education, in deren Rahmen er die Bereiche Ausbildung, Geisteswissenschaften und Bibliotheken in Strafvollzugsanstalten beaufsichtigt. Er vertritt SPS außerdem auf nationalen Bildungsforen. Jim wirbt für den Einsatz von Geisteswissenschaften und projektorientierten Lernaktivitäten zur Förderung von Einbeziehung und Innovation bei der Ausbildung in Strafvollzugsanstalten. Er arbeitet von der SPS-Zentrale in Edinburgh aus, reist jedoch regelmäßig quer durch Schottland, um Strafvollzugsanstalten zu besuchen. Ursprünglich stammt er aus Glasgow. Derzeit ist Jim mit der Durchführung einer internationalen Prüfung der Ausbildung in Strafvollzugsanstalten im Auftrag von Europris und der European Prison Education Association (EPEA) beschäftigt.

Aus akademischer Sicht besitzt Jim: einen Bachelor of Arts (Honours) in Sozialwissenschaften (GCU, Glasgow), ein Post Graduate Certificate in Entwicklungsstörungen (Universität Südwales), einen Master of Science (MSc) in Erwachsenenbildung (Universität Glasgow), einen Master of Arts (MA) in Alphabetisierung und Sprachen (Universität Lancaster) und seit neuestem einen Master of Studies (MSt) in Kriminologie von der Universität Cambridge.  


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