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[Portugiesische Briefe Nr. 1] In Frankreich haben Metzger also eine abgeschlossene Ausbildung?

16/01/2019
by Camille POIRAUD
Sprache: DE
Document available also in: FR EN

[Übersetzung (Französisch-Deutsch) : EPALE France]

Autor : Patrick Mayen

Als Teil eines Studienaufenthaltes, um Forscher und junge Forscher zu treffen, soll diese Serie von Artikeln dazu anregen, Staunen und Reflexionen im Zusammenhang mit dem Nachdenken über Fragen der Berufsausbildung und des beruflichen Lernens am Arbeitsplatz und abseits des Arbeitsplatzes zu entwickeln. In der von dem Philosophen François Jullien eröffneten Perspektive gehen wir von der Annahme aus, dass ein Umweg manchmal nützlich sein kann, das eigentliche Anliegen besser zu verstehen. Den Umweg über ein anderes Land, seine Praktiken und Überzeugungen nehmen, um unsere eigenen Überzeugungen, Gewissheiten, Fragestellungen und Praktiken besser zu verstehen und anders damit umzugehen. Es geht hier nicht darum, das portugiesische Ausbildungssystem und die damit verbundenen Praktiken und Überzeugungen beschreiben und analysieren zu wollen, vielmehr sollen Überraschungseffekte, Erstaunen und Abweichungen dargestellt werden, die ein Franzose erleben kann oder könnte...

In den zukünftigen Blogbeiträgen werden die Überlegungen weiterhin mit dem zentralen Thema Lernen am Arbeitsplatz verbunden sein.

Haben die französischen Metzger nun also eine Ausbildung?

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Für eine portugiesischen Forscherin mit Forschungsschwerpunkt Arbeit und Berufsausbildung kann ein Aufenthalt in Frankreich erstaunliche Erkenntnisse bergen. Natalia Alves erinnert sich besonders lebhaft an das Erstaunen, das sie während des Gesprächs mit einem Metzger empfand, bei dem sie einfach nur einkaufen war. Sie erfuhr, dass in Frankreich Metzger eine Zertifizierung besitzen und in den meisten Fällen eine qualifizierte und zertifizierende Ausbildung absolviert haben. Sie entdeckte, dass Metzger kein Einzelfall sind und im Gegensatz zu Portugal viele Berufe mit einer strukturierten Ausbildung in entsprechenden Einrichtungen und anerkannten Zertifikaten verbunden sind.

Diese Unterschiede lassen uns die Gewissheiten hinterfragen, die wir in Bezug auf die Bestandteile unserer eigenen Welt haben könnten. Darin spiegelt sich ein vielfältiges und oft kontrastreiches Verhältnis zur Ausbildung, ein Verhältnis zum Wert der Berufe, Kenntnisse und Fähigkeiten wider. Es spiegelt auch unterschiedliche Vorstellungen von Ausbildung wider: Wie lernt man einen Beruf? wie wird man zum Fachmann? Welche Rolle spielt die Erfahrung? Welche Bedeutung, welchen Anteil hat das formale Wissen am Aufbau des Fachwissens und des Könnens?

Eine eingehende Studie dürfte darüber Aufschluss bieten: Wenn erfahrene Metzger aus beiden Ländern beobachtet würden, könnten dann Unterschiede – zum Beispiel in der Vorgehensweise, in der Leistung, in der Qualität für die Kunden – und schließlich Unterschiede im Geschmack oder in der hygienischen Beschaffenheit von Gerichten festgestellt werden, die wahlweise mit Fleisch von Metzgern aus einem der beiden Länder zubereitet werden? Wären Unterschiede bei der Dauer des Erlernens, der Zeit bis zur Beherrschung der Arbeit, der Lösung spezifischer Lernschwierigkeiten festzustellen?

Die Planung der Qualifizierungs- und Zertifizierungssysteme, ihrer Weiterentwicklungen oder Unveränderlichkeit steht auch im Zusammenhang mit sozialen oder wirtschaftlichen Fragen. So bleibt das Rekrutierungs-, Klassifizierungs- und Vergütungssystem in Frankreich mit dem Zertifizierungssystem verbunden, auch wenn sich diese Beziehung in den letzten Jahren gelockert hat. In Portugal lassen alle Berufe, die ohne Ausbildung und Zertifizierung ausgeübt werden können, den Arbeitgebern viele Möglichkeiten. Es ist nicht in ihrem Interesse, diese Berufe als Tätigkeiten anerkennen zu lassen, die genormtes Fachwissen und Können voraussetzen, das in Ausbildungen erworben werden kann und durch anerkannte Zertifizierungen validiert wird.

Was ist die Art des Gewerbes, um welche Art von Arbeit handelt es sich und was sind die geeigneten Ausbildungsmethoden?

Die Tätigkeit am Arbeitsplatz bzw. Learning-by-doing ist somit eine wichtige Ausbildungskomponente in Portugal. Aber ist die Lage in Frankreich, wo ein bedeutender Anteil der Arbeitnehmer eine Tätigkeit ausübt, die nicht der Erstausbildung entspricht, so anders?

Lernen am Arbeitsplatz bedeutet nicht, dass die Menschen beim Lernen auf sich alleine gestellt und nur mit dem „Handeln“ konfrontiert sind. Der Begriff des Lernens am Arbeitsplatz umfasst je nach Standort sehr unterschiedliche und kontrastreiche Lernkonfigurationen. In Unternehmen, darunter auch Metzgereien, können alle Formen des Mentorings und Gesellenlernens vorkommen. Es ist im Interesse der Arbeitgeber, die Ausbildung neuer Mitarbeiter zu organisieren – unabhängig davon, welche Form sie wählen oder nachbilden. Was die Berufsanfänger betrifft, so müssen sie noch die notwendigen Mittel finden, um den so genannten Aufgabenanforderungen gerecht zu werden. Aber in einem Umfeld, in dem es keine zertifizierte Berufsausbildung gibt, können die Bemühungen der Arbeitgeber, eine Ausbildung am Arbeitsplatz zu bieten, tendenziell höher sein, da sie bei der Qualifizierung ihrer Mitarbeiter auf sich selbst gestellt sind.

Nicht zuletzt kann auch die Vorstellung hinterfragt werden, die eine Gesellschaft in Bezug auf Arbeit und unterschiedliche Formen der Arbeit, die Art und den Wert der Arbeit oder auch die für die sachkundige Ausführung (und nicht lediglich die Abwicklung) der Arbeit erforderliche Fachkompetenz entwickelt und pflegt. In Frankreich gibt es viele Berufe oder Tätigkeiten, von denen es heißt, man könne sie ohne Ausbildung oder Zertifizierung ausüben. Welche das sind, hängt auch von der Zeit ab, in der wir leben. So konnte der früher als Kindermädchen bezeichnete Beruf der Tagesmutter lange Zeit ohne jegliche Kontrolle und Anforderungen ausgeübt werden, bevor eine Normierung mit Ausbildungsverpflichtung zum Erhalt einer Zulassung eingeleitet wurde. Im Rahmen der anschließend eingerichteten zahlreichen Zertifizierungen begannen viele „Kindermädchen“ mit der Validierung ihres Erfahrungswissens. Der Wert und die Komplexität der Arbeit sowie die Bedeutung der Qualität ihrer Arbeit für die von ihnen betreuten Kinder waren bei der Entwicklung der Qualifikationen nicht die einzigen Faktoren. Es ging auch darum, eine Form der Regelung dieser Tätigkeiten zu gewährleisten, um sie in Arbeitsplätze und Berufe umwandeln zu können, durch die die Ausübenden soziale Rechte erlangen und insgesamt Einfluss auf die Beschäftigung ausüben können.

Ein Fehlen von formalen Ausbildungen und Zertifizierungen wirft auch die Frage der Bedeutung von Qualität und Homogenität der produzierten Waren oder Dienstleistungen auf. Man muss zwangsläufig davon ausgehen, dass die meisten Menschen, die diese Funktionen oder Tätigkeiten ausüben wollen, in der Lage sind oder sein werden, dies durch eine mehr oder weniger lange Erfahrung mit den Situationen, die diese Funktionen oder Tätigkeiten ausmachen, sowie durch ihre eigene frühere Lebens- oder Arbeitserfahrung zu tun. „Das beherrscht man durch Erfahrung oder lernt man am Arbeitsplatz“ wird so zu einem sozialen Glaubenssatz, der dazu beiträgt, was in einer bestimmten Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt als Berufs- oder Beschäftigungsart angesehen wird. Damit geht auch die Überzeugung einher, dass mit dieser Erfahrung ein akzeptables Qualitäts- und Kompetenzniveau aufgebaut werden kann. In diesem Fall ist außerdem die Vorstellung zu beobachten, dass die Praktiken grob gesagt fast identisch seien und dass jeder durch die Erfahrung am Ende mehr oder weniger die gleichen Praktiken, das gleiche Wissen und das gleiche Know-how aufbauen könne.

 

Dies würde bedeuten, dass es Faktoren gibt, die im Mittelpunkt der Interaktion zwischen einer Person und einem bestimmten Arbeitsobjekt in einer bestimmten Kategorie von Umständen stehen, die eine bestimmte Art von Lernorientierung bestimmen. Durch die Interaktion mit dem gleichen Objekttyp würden also fast identische Handlungs- und Nutzungsmuster konstruiert; diese Konstruktion ist durch die grundlegenden Eigenschaften dieser Objekte und die mögliche Interaktion, die ein Mensch mit ihnen haben kann, bedingt.

Für Anthropologen ist dies seit jeher eine interessante Frage. Sie sollte auch für die Ausbildung von Interesse sein. Vor allem, wenn wir davon ausgehen, dass es in den meisten Arten von Arbeit Knoten- bzw. kritische Punkte und damit Lernobjekte und Themen gibt, die wichtiger sind, als andere. Auf welchen Teil davon sollte dann die Schulung, die Zeit und der Aufwand konzentriert werden, eine Ausbildung zu organisieren?

 

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Patrick MAYEN ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Bourgogne Franche Comté / Agrosup Dijon und Themen-Experte für EPALE Frankreich. 

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