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POLITIKVERSTÄNDNIS IM STRAFVOLLZUG

Seit 2010 ist der Verband der Ligue de l'enseignement d'Ille-et-Vilaine im Auftrag der Strafvollzugsbehörde tätig.

[Übersetzung : EPALE Frankreich

Autor : David Lopez]

 

Seit 2010 führt der Verband der Ligue de l'enseignement d'Ille-et-Vilaine von der Strafvollzugsbehörde (Service pénitentiaire d'insertion et de probation, SPIP) des Departements soziokulturelle Maßnahmen im Strafvollzug durch. In diesem Rahmen leitete Julie Girard (Referentin) ein Programm zur politischen Bildung, das für die Zielgruppen Schulen, Freiwillige im Bürgerdienst und Strafgefangene konzipiert wurde. Diese in drei Modulen aufgebaute Schulung behandelt die gesellschaftspolitischen Themenbereiche Geschichte, politische Teilhabe und Gesetzesrahmen.

DIE PARADOXIEN BEIM POLITIKVERSTÄNDNIS

Die Beobachtung von Wahlergebnissen in Frankreich und in anderen Ländern zeigt, dass es ein Desinteresse der Beteiligung an den Prinzipien der repräsentativen Demokratie zu geben scheint: Wahlenthaltungen, Proteststimmen, ... Und dieser Eindruck verursacht wachsende Besorgnis. Jüngere Bürger scheinen sich nicht am demokratischen Leben zu beteiligen, da sie das Gefühl haben, dass dies sinnlos ist oder keinen Einfluss auf ihr Leben hat.

Der Wunsch, zu debattieren und sich in anderer Form am des politischen Lebens zu beteiligen, wird aber in anderen Bereichen zu realisieren versucht. Der Wunsch nach Beteiligung wird auf lokaler oder regionaler Ebene oder auf bestimmte Themen (u. a. individuelle und kollektive Rechte, Umwelt) konzentriert umgesetzt. Wenn die Voraussetzungen geschaffen werden, wird jede und jeder zu einem politisch aktivem Bürger. Bei den Präsidentschaftswahlen im April 2022 in Frankreich hörte ich in einem Fernsehbericht „Man hat uns nicht gezeigt, nicht beigebracht, wie das funktioniert. Es ist nicht so, dass wir wollen würden...“

Interesse und Desinteresse sind also zwei Seiten derselben Medaille. Welchen Platz und welche Zukunft hat die repräsentative Demokratie?

WORKSHOPS ZUR POLITISCHEN BILDUNG

Die Workshops zur politischen Bildung wurden in Anlehnung an folgendes Zitat von Jean Macé, dem Gründer der Ligue de l'enseignement im 19. Jahrhundert, konzipiert: „Ja, die Liga verfolgt im Wesentlichen ein politisches Ziel, aber sie beschäftigt sich weder mit Politik noch mit Religion, sie beschäftigt sich nur mit der Erziehung zum allgemeinen Wahlrecht, nicht um Wahlen, sondern Wähler zu machen, nicht um Kandidaten, sondern Bürger zu machen.“

Das Programm ist in drei Teile gegliedert:

  1. Das Wahlrecht.
  • Geschichte der Wahlen in Frankreich.
  • Die Folgen von ungültiger Stimmabgabe und Enthaltung verstehen.
  • Argumente zum Wahlrecht ab 16 Jahre
  1. Das politische System.
  • Die Teilnehmer/-innen sollen in die Lage versetzt werden, die verschiedenen politischen Lager in Frankreich und die dazugehörigen politischen Parteien zu identifizieren.
  • Wahlkampfbotschaften verstehen.
  • Entwicklung eines kritischen Denkens.
  1. Politische Reden entschlüsseln.
  • Erwerb einer Methodik, um einen Meinungstext von einem Nachrichtentext zu unterscheiden
  • Verstehen, welchen Einfluss soziale Netzwerke im Wahlkampf haben
  • In der Lage sein, eine Argumentation zu analysieren und die damit verbundenen Überzeugungsmechanismen zu verstehen.
  • Eine mangelhafte Argumentation erkennen können.

BEGEGNUNG MIT JULIE GIRARD-ETIEN, Projektbeauftragte für „Haftanstalten“.

Julie koordiniert ein Programm mit soziokulturellen Aktivitäten in Haftanstalten. Sie begann mit 18, sich für Gefängnisse zu interessieren. Sie wollte verstehen, was sich hinter diesen Mauern verbirgt, und vor allem wollte sie eine zentrale Frage beantworten: Wozu dient eine in Haftanstalt? Als Freiwillige beim Verein GENEPI (inzwischen aufgelöster Anti-Knast- und feministischer Verein) hat Julie in Gefängnissen interveniert.

Zehn Jahre später hat Julie dieses Interesse zu ihrem Beruf gemacht.

David LOPEZ: Julie, wie werden die Aktivitäten organisiert?

Julie GIRARD-ETIEN: Die Ligue de l'enseignement von Ille et Vilaine bietet dem SPIP jedes Jahr ein Programm mit soziokulturellen Aktivitäten (Theater, Oper, Tanz, Foto, ...) und Bildungs-/Reflexionsaktivitäten zu gesellschaftlichen Themen an (Verhältnis zu Sexualität, Wohlbefinden, Reflexion über Politik, Laizität). Bei den ausgewählten Aktivitäten handelt es sich zu etwa 60 % um kulturelle Aktivitäten und zu 40 % um Maßnahmen zu gesellschaftlichen Themen. Die Gefängnisinsassen werden durch Aushänge informiert, melden sich an und teilen es ihren Bewährungs- und Eingliederungsberatern mit. Diese prüfen und bestätigen es und schicken dann eine Einladung an die Gefängnisinsassen.

David LOPEZ: Wie viele Personen haben an dem Workshop zur politischen Bildung teilgenommen? Was waren die Gründe für die Teilnahme? Wie ist dein Blick auf den Nutzen dieser Aktion?

Julie GIRARD-ETIEN: Es haben vier Personen teilgenommen. Aber acht waren angemeldet. Das passiert oft, da die Anmeldungen relativ lange im Voraus erfolgen und oft unvorhergesehene Hindernisse auftreten (Besuchszeiten, Treffen mit Anwälten, ...). Die Motivation ist immer die gleiche. Etwas Sinnvolles tun, das die Anerkennung der Existenz von Häftlingen und ihres Platzes in der Gesellschaft durch die Gesellschaft fördert. Zum Thema Politik: Da Häftlinge wählen dürfen, hören sie die Nachrichten und wollen mit anderen darüber sprechen, die Problematik besser verstehen. Die Wahl ist für sie kompliziert. Denn sie müssen häufig Vollmachten beantragen. Der Prozess ist langwierig und kann entmutigend sein. In einigen Anstalten (aber nicht in der Mehrheit) erfolgt die Stimmabgabe direkt im Gefängnis. Dies erleichtert den Insassen die Teilnahme.

Alle Maßnahmen, die wir durchführen, sind sowohl für die Gefangenen als auch für die Gesellschaft von Nutzen. Denn wenn man die Insassen nicht auf die Zeit nach der Haft vorbereitet und darauf, mit anderen zusammenzuleben, dann ist die Haftstrafe sinnlos. Sich weiterzubilden, pünktlich zu erscheinen, einen Führerschein zu machen, Texte zu verstehen... All diese erworbenen Fähigkeiten sind wichtig, damit die Gefängnisstrafe einen Sinn hat.

David LOPEZ: Welche Anerkennungen gibt es?  Formal oder nicht formal? Zeigen sich Auswirkungen bei den Insassen?

Julie GIRARD-ETIEN: Zunächst werden die Menschen wertgeschätzt und anerkannt. Sie kommen nicht in den Genuss von Strafnachlässen oder besonderen Vergünstigungen. Aber sie fühlen sich wertgeschätzt und anerkannt. Wenn Gefangene beispielsweise ein Theaterstück im Gefängnis spielen und aufführen oder eine Fotoausstellung an einem Ort in der Innenstadt präsentieren, sind diese Vorgänge für die Menschen aufwertend. An dem Politik-Workshop hatten sich die Teilnehmer aus Interesse am Thema oder aus Neugier angemeldet, nach Abschluss des Workshops beschlossen sie, ihren Berater für Eingliederung und Bewährungshilfe zu bitten, sie in das Wählerverzeichnis einzutragen und eine Vollmacht zu beantragen. All diese Maßnahmen tragen dazu bei, dass Häftlinge nicht von der Welt der Bürgerinnen und Bürger ausgeschlossen werden. Sie sind von entscheidender Bedeutung, um das Zusammenleben zu gestalten.

David, du hast die Möglichkeit angesprochen, den Teilnehmern ein Zertifikat auszustellen, mit ihnen einen Portfolio oder Open Badges auszufüllen. Diese Idee sollte weiterverfolgt werden. Die Formalisierung von Lernergebnissen ist zweifellos ein Element echter Anerkennung.

 

KONTAKTE

Julie GIRARD-ETIEN : julie.girard@ligue35.org

Adrien GAUTIER (délégué général adjoint) : adrien.gautier@ligue35.org

Article sur l’atelier de formation au politique : (merci à "S'associer pour agir", média de la Ligue de l'enseignement.) Apolline Tarbé : texte et Agathe Roger : photographies.

https://www.laligue.media/article/former-au-politique-en-milieu-carceral

David LOPEZ

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