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Meinung: Erwachsenenbildung ist „Frauensache“ – könnte das der Grund sein, warum wir nicht genug Geld haben?

Frauen leisten zwar einen erheblichen gesellschaftlichen Beitrag, ernten jedoch nicht die Früchte ihrer Arbeit.

Adult ed – feminine sector

Allgemeine/freie, nicht formale Erwachsenenbildung ist ein Sektor, in dem Frauen dominieren.   Nehmen wir zum Beispiel die Volkshochschulen  in Deutschland und Österreich, in denen 75% der Teilnehmer Frauen sind. Und bei den freien Erwachsenenbildnern ist das ähnlich. Es gibt eine Reihe anderer Sektoren, die in erster Linie von Frauen beherrscht werden (sowohl was die Teilnehmer als auch was die Ausbilder anbetrifft): Fremdsprachen zum Beispiel oder Gesundheit. Bei der Erwachsenenbildung in Europa geht es also nicht so sehr darum, Frauen zum Lernen zu bringen, sondern vielmehr Männer zur Teilnahme zu bewegen, vor allem in Bereichen wie Gesundheit.

Auf einer mehr abstrakten Ebene werden die formalen Sektoren, vor allem im Bereich Hochschulbildung, einer Narrative organisierter, theoretischer und akademischer Forschung gerecht, ein Bereich, der als wichtig angesehen wird – diese Narrative können Sie „männlich“ nennen. Wenn Sie den Campus meiner alten Universität (Wien) besuchen, dann werden Ihnen dort viele männliche Köpfe auf Podesten begegnen.

Erwachsenenbildung ist ein femininer Sektor

Auf einer Tagung der Interessengruppe für lebenslanges Lernen haben wir über das Thema Bildung im Zusammenhang mit persönlicher Entwicklung und persönlichem Wohlbefinden diskutiert, ein Thema, das sich nur schwer auf Politikebene präsentieren lässt. Wir alle waren der Meinung, dass einer der Gründe, warum dies so schwierig ist, die Tatsache ist, dass ein Nachdenken über die persönliche Entwicklung und das Wohlbefinden etwas ist, was normalerweise Frauen im mittleren Alter tun. Es wird als typisch weiblich angesehen, nicht als männlich.

Außerdem gilt: Je „grundlegender“ das Niveau von Lehren und Lernen ist, desto stärker wird es von Frauen geprägt. Interessanterweise ist dies etwas, was etwas mit unserer frühen Kindheit zu tun hat: Diese ist ebenfalls fast ausschließlich weiblich geprägt, zumindest was die Struktur der Lehrkräfte betrifft. Auch in diesem Bereich sind die Lohn- und Gehaltsstufen in der Regel sehr niedrig. Hier scheinen wir es mit einer allgemeinen Annahme zu tun haben, dass Kinderbetreuung entweder etwas ist, das sehr einfach ist, oder aber etwas, was Frauen ohnehin tun und was daher keinerlei entsprechende Ausbildung und Bezahlung erfordert. Dasselbe scheint für die Vermittlung von Grundkompetenzen für Erwachsene zu gelten – es muss einfach sein, denn es wird hauptsächlich von Frauen gemacht, ist das nicht so?

Nicht formale Erwachsenenbildung ist in der Regel bruchstückhaft und befasst sich mit Kompetenzen, die grundlegend, konkret und effektiv sind. Dies führt dazu, dass allgemeine Bildung/Erwachsenenbildung ein weiblicher Sektor ist, in binärem Gegensatz zu dem monolithischen, abstrakten, maskulinen Sektor der Hochschulbildung. (Schulen und berufliche Bildung und Weiterbildung pendeln zwischen diesen beiden Polen je nach den konkreten Umständen).

Ein Lohngefälle zwischen Frauen und Männern

Und jetzt wollen wir über Geld reden, über Ressourcen und über Anerkennung. Seit Jahrzehnten prangern Feministinnen und ihre Unterstützer nun schon die Geschlechtertrennung von Sektoren und die damit verbundenen Unterschiede in der Bezahlung an. In der Praxis bedeutete dies zum Beispiel den Wechsel von „gleichem Lohn für gleiche Arbeit“ (und selbst das war bereits ein hartes Stück Arbeit) zu „gleichem Lohn für gleichwertige Arbeit“ (Kampagne läuft noch). Im Bereich Lebenslanges Lernen haben wir ebenfalls eine Reihe von Veränderungen erlebt: Wir bewerten akademische und technische Kompetenzen immer noch als sehr hoch, aber es hat viele Versuche gegeben, andere Bildungsformen als gleichwertig zu behandeln. Die vier Säulen der UNESCO für den Bildungssektor sind ein  bedeutender Fortschritt in dieser Richtung, denn sie sprechen über „Lernen, zusammenzuleben; Lernen, Wissen zu erwerben; Lernen zu handeln; Lernen für das Leben.“

Trotz allem – die Benachteiligungen sind geblieben: Je theoretischer und „maskuliner“ ein Sektor ist, desto mehr Geld erhält er. Und als Erwachsenenbildner und Lehrer für Grundkompetenzen in einem femininen Sektor bekommen wir nicht genug Geld. Ist es ein Zufall, dass die Länder, die die größten Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter erzielt haben, gleichzeitig auch die Länder sind, welche die am weitesten fortgeschrittenen Erwachsenenbildungssysteme haben? Ich glaube nicht.

Die Lücke schließen

Meine bescheidenen Vorschläge sind:

  • Lassen Sie uns über die Fähigkeiten, Kompetenzen und das Wissen diskutieren, das wir im 21. Jahrhundert brauchen. Brauchen wir Naturwissenschaften? Selbstverständlich. Meiner Meinung nach brauchen wir sogar eine Initiative, die auf Kompetenzen in Naturwissenschaften abzielt, zumal die Vorstellungen der Menschen in einigen Bereichen wie etwa Impfung blanker Unsinn sind. Aber wir brauchen auch Aspekte wie Persönlichkeitsentwicklung, (psychische) Gesundheit für Männer. Und wenn wir uns die brennenden Unterkünfte für Asylbewerber ansehen, dann haben wir auch noch eine Menge zu lernen über das Zusammenleben.
  • Sprechen wir also darüber, wie viel dieses Lehren und die Ausbildung in diesen Bereichen wert sind. Legen wir Wert auf Qualität? Wollen wir, dass die Personen (Frauen!), die diesen Job machen, auch davon leben können? Ist der Mann, der Chemie unterrichtet, wirklich mehr wert als die Frau, die Erwachsene im Lesen und Schreiben unterrichtet?

Und vielleicht sollten wir zum Schluss die entscheidende Frage stellen: Wie kommt es, dass Frauen einen so wichtigen Beitrag zur Gesellschaft leisten (Familie und Kinderbetreuung oder Betreuung von Angehörigen, Freiwilligenarbeit, Arbeit in gering bezahlten Sektoren, niedrigere Renten, mehr bezahlen für „geschlechtsspezifische Produkte“ usw.), und dass die Vorteile allen reichen Männern zugutekommen? Um ein sehr offensichtliches und aktuelles Beispiel zu nennen, bei dem Männer sich gegenseitig Millionen ohne Grund zu schachern - nehmen wir doch einen Teil der FIFA-Millionen und stecken sie in die Erwachsenenbildung. Dann können wir sehen, wie sich die Dinge verändern.

Gina Ebner ist Generalsekretärin des Europäischen Verbands für Erwachsenenbildung (EAEA).

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