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"Menschen befähigen, mündige Bürgerinnen und Bürger zu sein" - Was politische Bildung zu leisten vermag - Ein Interview mit Nina Reip

21/09/2018
von Chantal PIERLOT
Sprache: DE

Bildung und Schule sind wichtig für unsere Kinder – das steht außer Frage. Aber Mathematik, Biologie und Sprachunterricht liefern nicht unbedingt die Antworten für drängende Probleme unserer Zeit, wie soziale Ungerechtigkeit, Chancenungleichheit, globale Kriege oder eine zerstörte Umwelt. Zugegebenen Facebook, Youtube und Instagram helfen da auch nur eigeschränkt weiter, daher ist der Bereich der politischen Bildung wichtiger denn je für die Entwicklung junger Menschen. Unsere Gesellschaft sollte dieser wichtigen Aufgabe ausreichend Platz einräumen, um künftige Generationen zu stärken und – um es idealistisch auszudrücken – den Weg für ein besseres, gerechteres und solidarischeres Leben zu ebenen.

„Politisches Wissen bildet. Eine aktuelle Studie zum politischen Mindset von 14-Jährigen belegt: Je mehr politisches Wissen Schüler_innen in Europa haben, umso weniger neigen sie zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, umso stärker unterstützen sie die Rechte von Migrant_innen und desto tiefer ist ihr Vertrauen in politische Institutionen. Mit politischem Wissen lassen sich rechtspopulistische Lösungsvorschläge dekonstruieren, zum Beispiel als ‚einfache Lösungen für komplexe Probleme‘ oder hinsichtlich ihrer antipluralistischen, identitären Bezüge“, so steht es auf den Internetseiten der Bundeszentrale für politische Bildung.* Pragmatisch betrachtet, heißt das auch, politische Bildung hilft dabei, Hasskampagnen, Gewalttaten und Schlimmerem vorzubeugen. Dies sind gute Gründe dafür, sich mit dem Themafeld näher zu befassen.

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anna-lyse sprach mit Nina Reip, die als ehemalige Kabinettschefin des damaligen Unterrichtsministers Harald Moller zuständig für das Thema „politische Bildung“ war. Zuvor hatte sie Politologie studiert und zwei Jahre in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora ganz praktisch politisch-historische Bildungsarbeit gemacht. Nach ihrer Zeit im Kabinett erarbeitete sie an der Autonomen Hochschule in Eupen einerseits ein umfassendes Konzept zur Förderung von politischer Bildung in der DG und setzte diese andererseits ganz praktisch durch Fachtage zu „No hate speech“, Fortbildungen für Lehrkräften zu Vorurteilen und Extremismus oder Projekttagen mit Förderschüler_innen um.

anna-lyse: Frau Reip, was bedeutet für Sie in einfachen Worten „politische Bildung“?

Nina Reip (N. R.): Ziel von politischer Bildung ist es, die Menschen zu befähigen, mündige Bürger_innen zu sein. Ganz einfach ausgedrückt: Durch gute politische Bildung können wir besser politische und gesellschaftliche Themen verstehen, uns eigene Meinungen bilden und aktiv, kritisch und selbstbestimmt handeln. Das klingt vielleicht recht simpel, ist es aber gar nicht.                                                                               

anna-lyse: An welche Zielgruppen müsste sich „politische Bildung“ (in der DG) richten?

N. R.: Politische Bildung sollte immer ganzheitlich gesehen werden. Es kann schon im Kindergarten beginnen mit Formen von Mitbestimmung. In der Primar-, Sekundar- und Berufsschule lernen die jungen Menschen, wie gesellschaftliche Prozesse funktionieren und können sie auch selbst in Projekten ausprobieren. Auch für erwachsene Menschen sollte es Angebote von politischer Bildung geben. Von Frauenrechten über Mitbestimmung im Alter oder Umgang mit Homofeindlichkeit – alles kann ein Thema sein, mit dem wir uns näher befassen könnten. Somit gibt es keine spezielle Zielgruppe für politische Bildung oder besser: Politische Bildung sollte für jede_n zugänglich sein – in der Schule, außerschulisch, unabhängig von Geschlecht oder Alter, von Bildungsabschlüssen und Fähigkeiten.

anna-lyse: Wo gibt es Nachholbedarf, insbesondere in der DG?

N. R.: Meiner Beobachtung nach wird „politische Bildung“ immer noch nicht offen und ehrlich breit mit den Menschen diskutiert. Ein umfassendes Konzept liegt vor, nun wäre es doch eine schlaue Form von politischer Bildung, dies mit den Bürger_innen auf Augenhöhe zu besprechen. Was ist gut? Was brauchen wir? Wo sind noch Lücken?

Der nächste Schritt wäre dann die kohärente Umsetzung, also nicht nur hier und da ein gutes Projekt, sondern durchdacht und aufbauend. Politische Bildung darf dabei nie von der Politik instrumentalisiert werden, sondern sollte frei und unabhängig arbeiten können. Dafür brauchen die Akteur_innen in der DG feste Budgets, sichere Strukturen und die Möglichkeit, sich fortzubilden.

anna-lyse: Wie würde aus Ihrer Sicht in einfachen Worten und relativ kurz umrissen ein gutes Konzept für politische Bildung aussehen?

N. R.: Das Konzept für politische Bildung in der DG ist ein Fundament für die praktische Arbeit, das grundsätzliche Punkte wie Zielgruppen, Bedarfe, ethische Fragen, professionelle Haltung als Bildner_innen etc. klärt. Das Konzept zeigt auf, was die Menschen in der DG bereits jetzt schon alles leisten und wo noch Handlungsfelder sind. Es ist ein theoretischer Unterbau, zeigt aber anhand von best practice-Beispielen auch auf, was alles noch möglich sein kann.

anna-lyse: Was müsste dafür in die Wege geleitet werden?

N. R.: Das Konzept besteht bereits und müsste nun offen mit allen Beteiligten – mit Lehrkräften und Schüler_innen, mit Studierenden, Auszubildenden, Jugendarbeiter_innen, Erwachsenenbildner_innen, mit Menschen, die an dem Thema interessiert sind – diskutiert werden. Ergebnisoffen, aber nicht ohne Ergebnis. Und dann müssen konkrete Maßnahmen folgen.

anna-lyse: Kann Lehrpersonal tatsächlich objektiv und umfassend zu diesem Thema informieren, ohne seine Schüler_innen zu „manipulieren“? Besteht diese Gefahr?

N. R.: Politische Bildung kann niemand einfach so leisten. Für gute politische Bildung braucht es einerseits einen gesetzlichen Rahmen, der definiert, was „objektiv“, „gut“ und „umfassend“ eigentlich bedeutet. Darauf aufbauend muss den Lehrkräften dann die Möglichkeit gegeben werden, sich in Ruhe vorzubereiten, weiterzubilden und gecoacht zu werden.

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich diese Frage übrigens schon Ende der 1970er Jahre gestellt. Ergebnis ist der „Beutelsbacher Konsens“, also eine Art didaktischer Leitfaden mit drei „Regeln“:

  • Das Überwältigungsverbot, also die Lehrkraft darf Schüler_innen nicht mit der eigenen politischen Einstellung „überrumpeln“, sollte aber eine klare politische Haltung haben.
  • Kontroverse Themen in Politik und Wissenschaft sollten auch im Unterricht kontrovers diskutiert werden.
  • Schüler_innen sollten in die Lage versetzt werden, schwierige gesellschaftliche Themen zu verstehen und selbst zum Handeln angeregt werden.

anna-lyse: Wie sieht es mit „politischer Bildung“ für Erwachsene aus?

N. R.: Auch erwachsene Menschen brauchen eine Möglichkeit, sich kritisch mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen zu können. Das hört nicht mit dem Schulabschluss auf, sondern geht so lange weiter, wie wir Teil der demokratischen Gesellschaft sind. Unterschied zur Schulzeit ist nur, dass es freiwillige Angebote sind und die Angebote auch den Interessen der erwachsenen Menschen entsprechen sollten.

anna-lyse: Gibt es in Europa Länder oder Regionen, wo „politische Bildung“ gut umgesetzt ist?

N. R.: Es gibt Länder, wo es bessere Strukturen und eine längere Tradition von politischer Bildung gibt, wie beispielsweise die Bundesrepublik Deutschland oder auch Österreich. Luxemburg hat sich übrigens seit drei Jahren auf den Weg gemacht, indem ein großes, nationales Zentrum für politische Bildung gegründet wurde. Aber auch in diesen Ländern gibt es weiter viele Baustellen.

anna-lyse: Sind Sie derzeit beruflich wieder in das Thema involviert?

N.R.: Ich arbeite nun in Frankfurt am Main bei der Deutschen Sportjugend, einer Abteilung des Deutschen Olympischen Sportbundes und leite die Geschäftsstelle des Netzwerks Sport und Politik vereint für Demokratie und Teilhabe. Hier arbeiten Akteur_innen aus Politik und Sport zusammen gegen Diskriminierung und für eine Stärkung der Gesellschaft. In manchen Dörfern in ländlichen Regionen gibt es oft nichts Anderes mehr als den Fußballclub oder den Turnverein. Und sie leisten dort eine wichtige Arbeit für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Aber es gibt auch genug Vereine oder Sportarten, die zum Beispiel von rechtsextremen Menschen instrumentalisiert oder unterwandert werden. Hier wird aufgeklärt und unterstützt.

Somit arbeite ich derzeit nicht mehr praktisch in der politischen Bildung mit Jugendlichen, das Thema an sich ist aber immer noch wichtiger Teil meiner Arbeit – und da bin ich sehr froh drüber.

anna-lyse: Vielen Dank für das Gespräch.

  

  

Interview: Andrea von den Driesch

Foto: Torsten Giesen

  

* Quelle: http://www.bpb.de/apuz/266589/die-gespaltene-gesellschaft-herausforderungen-und-konsequenzen-fuer-die-politische-bildung?p=all

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Die Frauenliga/vie féminine VoG ist seit 1931 als Frauenbildungsorganisation in Ostbelgien tätig und setzt sich aktiv für die Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern ein. Als feministische Bewegung stehen wir für die gesellschaftliche, politische und ökonomische Gleichberechtigung von Frauen, hinterfragen die bestehende Rollenverteilung und decken Sexismus in Medien, Alltag und Beruf auf. Ziel unserer Arbeit als Erwachsenbildungseinrichtung ist es, Frauen in ihrer Entwicklung hin zu einem selbstbestimmten Leben, demokratischer Teilhabe und zu finanzieller Unabhängigkeit zu unterstützen.

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1 - 2 von 2 anzeigen
  • Bild des Benutzers Andrea Metzger
    Wäre es sinnvoll, Angebote zur politischen Bildung in Firmen bzw. ins Arbeitsumfeld zu integrieren und (verpflichtende) Fortbildungen anzubieten? Oder sollten solche Angebote gänzlich auf Freiwilligkeit beruhen?
  • Bild des Benutzers Chantal PIERLOT
    Menschen zu politischer Bildung zu zwingen erscheint mir wenig sinnvoll. Ihnen politische Bildung jedoch in attraktiven Formaten anbieten, um das Interesse und Engagement zu wecken, sollte sich als effektiv und nachhaltig erweisen. Die Integration im Arbeitsumfeld finde ich persönlich ein guter Ansatz, denn so fühlen sich Mitarbeiter gewehrtschätzt und ernst genommen.