Direkt zum Inhalt
Blog
Blog

Hat die Pandemie der Museumspädagogik möglicherweise zum Durchbruch verholfen?

Die Europäische Museumsakademie hat vor Kurzem einen Bericht über die Lage der europäischen Museen im Jahr 2020 veröffentlicht. Das Jahr 2020 war ganz anders als alle anderen Jahre der jüngsten Vergangenheit. Grund dafür war die COVID-19-Pandemie, die seit Beginn des Jahres in Europa und der ganzen Welt wütete und auch im Februar 2021, als diese Zeilen geschrieben wurden, noch keine Anzeichen für ein baldiges Ende zeigte.

Lesezeit ca. 6 Minuten - Lesen, liken, kommentieren!

Der Beitrag wurde ursprünglich in englischer Sprache von Henrik Zipsane veröffentlicht.


EMA National Museum Reports 2020

.

Die Europäische Museumsakademie hat vor Kurzem einen Bericht über die Lage der europäischen Museen im Jahr 2020 veröffentlicht. Das Jahr 2020 war ganz anders als alle anderen Jahre der jüngsten Vergangenheit. Grund dafür war die COVID-19-Pandemie, die seit Beginn des Jahres in Europa und der ganzen Welt wütete und auch im Februar 2021, als diese Zeilen geschrieben wurden, noch keine Anzeichen für ein baldiges Ende zeigte.

Die Pandemie hat sich ganz deutlich auf die Ergebnisse des oben genannten Berichts ausgewirkt. Bereits zum dritten Mal legt die Europäische Museumsakademie einen Überblick über die Lage und die Entwicklung der europäischen Museumslandschaft vor. Dieser enthält Berichte von Kolleg*innen aus ganz Europa, denen lediglich zwei Fragen gestellt wurden: „Was läuft bei Ihnen?“ und „Wie geht es Ihnen?“. Aufgrund der besonderen Situation wurden die Vertreter*innen der Akademie gebeten, zu berichten, wie sich die Pandemie auf die Museen in ihrem jeweiligen Land ausgewirkt hat und wie Museen, Öffentlichkeit und Behörden darauf reagiert haben.

Für die Museen und die gesamte Gesellschaft war das Jahr 2020 ein Jahr mit völlig neuen Herausforderungen. Aus Zypern hieß es, dass „abgesehen von allen schlimmen und traurigen Umständen, die durch diese Pandemie entstanden sein mögen, Museen wie viele andere Branchen auch gezwungen waren, ihre Strategien, Maßnahmen und Ziele zu überdenken und neu zu beurteilen“. Museen in ganz Europa mussten wegen der Pandemie tage-, wochen- oder monatelang schließen und mit der zweiten Welle erneut in den Lockdown gehen. In vielen Ländern bedeutete dies, dass die Mitarbeiter*innen längere Zeit zuhause bleiben mussten oder sogar ihren Arbeitsplatz verloren, wodurch den Museen Kompetenzen verloren gingen. Für das Personal in ganz Europa waren die Auswirkungen gravierend. Mitunter verloren freiberufliche Mitarbeiter*innen ihre Verträge, und in Ländern wie den Niederlanden, Dänemark und Schweden kam es zu Entlassungen. Die Museen haben versucht, Besucher*innen anzulocken, indem sie u. a. für entsprechende Sicherheitsabstände sorgten und die Eintrittsgelder senkten, doch für die meisten Museen scheint es ein Kampf auf verlorenem Posten. Manche von ihnen hatten im Sommer halb so viele Besucher*innen wie sonst, bei vielen gingen die Besucherzahlen um noch nie dagewesene 70 bis 80 Prozent zurück, was größtenteils auf das fast vollständige Verbot von Reisen und Tourismus zurückzuführen war. Abgesehen von den finanziellen Folgen konnten die Museen durch den Lockdown auch einer ihrer Hauptaufgaben nicht nachkommen: die Menschen zu erreichen und ihnen Erlebnisse zu bieten, wie sie nur in Museen möglich sind.

Jahrzehntelang haben Museen die Digitalisierung offenbar im Wesentlichen dafür genutzt, die Erfassung ihrer Sammlung zu modernisieren, auch wenn es in vielen Ländern natürlich wegbereitende Beispiele für digitale Präsentationen, Bildungsangebote und Ausstellungen gibt. Als Museen in ganz Europa schließen mussten, diente ihnen die Digitalisierung natürlich nicht mehr nur als Instrument zur Erfassung ihrer Objekte. Den Berichten zufolge haben die Museen ihre Strategien rasch geändert und sich den neuen Umständen angepasst. Plötzlich wurden digitale Instrumente und soziale Medien besonders wichtig, um mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu treten bzw. sie überhaupt zu erreichen. Laut den Berichten waren die digitalen Aktivitäten der Museen sehr vielfältig. In fast allen Ländern wurden interaktive Lernerfahrungen, virtuelle Rundgänge und viele andere Angebote konzipiert, erstellt, umgesetzt und genutzt. Vielerorts wurde die digitale Entwicklung von der Regierung sowie im Rahmen von EU-Programmen gefördert. In anderen Ländern widmeten die Regierungen oder Museumsorganisationen das Jahr 2020 Fortbildungsprogrammen für Museen im Bereich digitale Kompetenzen. Doch in manchen Ländern wie beispielsweise der Türkei können kleinere, unabhängige Privatmuseen die Angebote nach wie vor nicht nutzen, da sie bereits vor der Pandemie nur unzureichend aufgestellt waren und es ihnen an grundlegenden Ressourcen fehlt.

.

.

Neben dem Umgang mit der Pandemie und dem Ergreifen der von ihr gebotenen Chancen fanden beachtliche politische Entwicklungen statt, die für die europäischen Museen von Bedeutung sind. 2019 wurden in einigen Ländern Initiativen ergriffen, um Museen politisch zu kontrollieren, wie es beispielsweise in Italien der Fall war. Nun wurde uns berichtet, wie Regierungen die Autorität von Fachleuten untergraben oder ihnen finanziell schaden. In Ungarn verlor beispielsweise das Museumspersonal seinen Beamtenstatus, was bedauerlicherweise zu Gehaltseinbußen führte. Gute Nachrichten erreichten uns aus Nordmazedonien, wo die Beschäftigten eine lange ersehnte Gehaltserhöhung erhielten. In anderen Ländern wie Schweden wird die Aufteilung der finanziellen Zuständigkeit und des Engagements in den Museen zwischen der Zentralregierung und den Regionalräten von den Regionen stark kritisiert, die behaupten, die Regierung reduziere ihr finanzielles Engagement immer mehr und kümmere sich um kaum mehr als um die von der Zentralregierung betriebenen Museen. Dennoch wurden in mehreren Ländern wie Österreich, Estland, Belgien, Dänemark, Norwegen und Irland Hilfszahlungen für notleidende Museen und Akteur*innen der Kulturbranche geleistet. In Slowenien haben die Museen die Pandemie dafür genutzt, ihre gesellschaftliche Rolle zu überdenken. In Belgien, Deutschland und dem Vereinigten Königreich wurden in der Branche Themen wie die Migration, Globalisierung und Entkolonialisierung von Museen erörtert. Ein weiteres wichtiges Thema im Vereinigten Königreich waren der Brexit und seine Auswirkungen auf die Tourismus- und Museumsbranche.

Wie wichtig Museen für das geistige Wohlbefinden und die Kompetenzentwicklung der Menschen sind, ist uns vielleicht noch nie so klar geworden wie in der Pandemie. Die Forderung nach einer Wiedereröffnung der Museen wurde in allen Ländern und das ganze Jahr über geäußert und entwickelte sich von bescheidenen Versuchen einer Öffnung für kleinere Gruppen in Montenegro über umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen in Spanien bis hin zu Forderungen der nationalen Medien in Frankreich, Museen so bald wie möglich wieder zu öffnen. In gewisser Hinsicht hielt man den durch die Schließung entstandenen Schaden für größer als die mit einer vorsichtigen Öffnung verbundenen Risiken. Es mag als Symbol für die Bedeutung von Museen angesehen werden, dass man in Slowenien den Nationalfeiertag für die Wiederöffnung ausgewählt hat.

Der interessanteste Trend bei den pandemiebedingten neuen Entwicklungen in den Museen ist möglicherweise Folgender: Museen sind entscheidend für das Wohlbefinden der Menschen, da wir stets das Bedürfnis haben, zu konstruieren, dekonstruieren und rekonstruieren, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir uns entwickeln. Von nun an wird der beeindruckende digitale Durchbruch in den Museen im Jahr 2020 einen wichtigen Teil der ihnen zur Verfügung stehenden Instrumente bilden. Einem globalisierten Museum wird das digitale Arbeiten ebenso wichtig sein wie seine übliche analoge Arbeit, um die Menschen zu erreichen, digitale Angebote zu machen und vor allem digitale Live-Interaktion zu ermöglichen. Wenn die Museen diese Chance ernst nehmen, werden sie auch für verschiedene Bildungskontexte attraktiver werden.

Der vollständige Bericht kann hier heruntergeladen werden:

http://europeanmuseumacademy.eu/how-were-museums-in-europe-doing-in-2020-national-reports/ [EN]

Login (19)

Sie möchten eine andere Sprache?

Dieses Dokument ist auch in anderen Sprachen erhältlich. Bitte wählen Sie unten eine aus.

Want to write a blog post ?

Don't hesitate to do so! Click the link below and start posting a new article!

Neueste Diskussionen

EPALE 2021 Schwerpunktthemen. Fangen wir an!

Das vor uns liegende Jahr wird wahrscheinlich wieder sehr intensiv, und daher laden wir Sie ein, es mit Ihren Beiträgen und Ihrer Expertise zu bereichern. Beginnen Sie doch einfach, indem Sie an unserer Online-Diskussion teilnehmen. The Online-Diskussion findet am Dienstag, dem 09. März 2021 zwischen 10.00 und 16.00 Uhr statt. The schriftliche Diskussion wird mit einem vorgeschalteten Livestream eröffnet, der die Themenschwerpunkte für 2021 vorstellt. Die Hosts sind Gina Ebner und Aleksandra Kozyra von EAEA im Namen der EPALE Redaktion. 

Zusätzlich

EPALE Diskussion: Vermittlung von Grundkompetenzen

Grundkompetenzen sind transversal. Sie sind nicht nur relevant für die Bildungspolitik,  sondern auch für Beschäftigungs-, Gesundheits-, Sozial- und Umweltpolitiken. Der Aufbau schlüssiger Politikmaßnahmen, die Menschen mit Grundbildungsbedürfnissen unterstützen, ist notwenig, um die Gesellschaft resilienter und inklusiver zu gestalten. Nehmen Sie an der Online-Diskussion teil, die am 16. und 17. September jeweils zwischen 10.00 und 16.00 Uhr auf dieser Seite stattfindet. Die Diskussion wird von den EPALE Thematischen Koordinatoren für Grundkompetenzen, EBSN, moderiert. 

Zusätzlich

EPALE Diskussion: Die Zukunft der Erwachsenenbildung

Am Mittwoch, dem 8. Juli 2020, lädt EPALE von 10.00 - 16.00 Uhr zu einer Online Diskussion zur Zukunft der Erwachsenenbildung ein. Wir wollen über die Zukunft des Bildungssektors Erwachsenenbildung sowie die neuen Chancen und Herausforderungen diskutieren. Gina Ebner, EPALE-Expertin und Generalsekretärin der EAEA, moderiert die Diskussion.

Zusätzlich